Best of Outdoor: Fett macht fit, muskulös und schlank

Liebe Leserinnen und Leser, in den Sommerferien erlauben wir uns einen Blick zurück und präsentieren Ihnen einige unserer Highlights. Viel Vergnügen! Die Redaktion.

Folgender Beitrag ist von Natascha Knecht, Erstpublikation: 27. Oktober 2014.

excercicing

Training hin oder her: Wer sich fettreich, aber kohlehydratarm ernährt, nimmt schneller ab, als wer auf eine kohlehydratreiche Diät setzt. Foto: Mike Baird (Flickr)

Ein Sportler ist, was er isst. Um das zu merken, muss man kein Ultra-Trailläufer oder Ironman-Finisher sein. Salopp ausgedrückt heisst es: Wenn du Abfall isst, siehst du aus wie Abfall, und deine sportliche Performance ist für den Kompost. Zu den besonders verteufelten Nahrungsmitteln gehören die fettigen. Sie würden dick machen und Volkskrankheiten verursachen, heisst es. Speziell die gesättigten und tierischen Fette. Wahrscheinlich lernen dies die Kinder heute schon im Krippenalter.

Aber jetzt könnte eine neue Ära beginnen: Amerikas mediale Gesundheitsinstanz, die «New York Times», veröffentlichte kürzlich einen viel beachteten Artikel über eine wissenschaftliche Langzeitstudie, die mit Übergewichtigen durchgeführt wurde (erschien übersetzt in der «SonntagsZeitung»). Eine Gruppe hatte sich ein Jahr lang kohlehydratarm, aber protein- und fettreich ernährt (inkl. gesättigte Fette). Die andere Gruppe kohlehydratreich und fettarm. Mehr abgenommen hat erstere. Und nicht nur das: Diese Probanden hatten am Ende auch noch mehr Muskelmasse und weniger Körperfettanteil als die Kohlehydratgruppe, obschon sie nicht intensiver trainierten als diese. Essen durften alle, so viel sie wollten.

Wie damals in der Arktis

Mit anderen Worten: Fett macht fit, muskulös und schlank? Für die Experten von Sportmagazinen wie «Runner’s World» oder «Outside» macht eine «High-Fat Diet» durchaus Sinn. Sie erinnern an den Menüplan der grossen Abenteurer des 19. Jahrhunderts und zitieren aus dem alten Tagebuch von Arktispionier Frederick Schwatka. Er und sein Team trotzten zwei Jahre lang Eis, Wind und Kälte, überwanden mit Schlitten 5200 Kilometer. Es war eine physische Höchstleistung und damals ein Rekord. Monatelang konnten sie nur speisen, was ihnen die Natur bot: Rentiere, Eisbären, Moschusochsen, Robben. Also viel Fett und Protein. Aber kaum Kohlehydrate. Zu Beginn der Expedition notierte Schwatka, er sei müde und die Anstrengung mache ihm zu schaffen. Drei Wochen später war die Schwäche verflogen und Schwatka stark wie ein Bär. Er selber wusste damals noch nicht, weshalb das so war. Heute weiss man: Sein Fettstoffwechsel musste erst angekurbelt werden.

Energie aus dem Fettbauch

Meine Meinung? Schwatkas Geschichte erinnert mich an eine andere Geschichte, die ich im Buch «Allein unter Russen» gelesen habe. Der Autor Robert Steiner beschreibt, wie er 2005 mit russischen Alpinisten zu einem 7000er unterwegs war: Zu Beginn der Expedition wog der Team-Kapitän 114 Kilo, war also «im Leben nicht immer allen Regeln der sportlichen Tugend gefolgt». Aber am Berg spielte er eine entscheidende Rolle: «Er spurte manchmal bis zu zehn Stunden im hüfttiefen Schnee, ohne Pause, ohne zu essen, ohne zu trinken.» Die Energie für seine Leistungen habe er aus seinem gewaltigen Bauch gezogen, der im Lauf der Expedition immer kümmerlicher wurde. «Die anderen erzählten mir, dass er zu Hause nie klettern ging oder Sport trieb, sondern so viel wie möglich frass und trank, um den nötigen Vorrat für die Expedition anzusparen», schreibt Steiner. Im Jahr darauf war der Kapitän besonders dick, und ein anderer Russe flüsterte: «Wie du siehst, hat er ganz besonders trainiert.»

Es ist ähnlich wie mit der Ovomaltine: Mit Fett kann man es nicht besser und sicher nicht schneller. Aber länger. Ambitionierte Ausdauerathleten wissen, wie sie ihren Fettstoffwechsel trainieren und wann Kohlehydrate sinnvoll sind. Alle anderen wissen, dass eine Stunde Dauerlauf nach Feierabend noch lange keiner Arktisexpedition entspricht.