Biken Sie über Ihren Schatten


Velofahren kann doch jedes Kind! Also Helm auf, Stollenreifen montieren und ab ins Gelände – so leicht wird man zum Mountainbiker. Kann doch nicht so schwer sein, oder? Tatsächlich erlernen die allermeisten Biker ihr Handwerk nach der Methode Trial and Error. Ein Fahrtechnik-Kurs kommt vielen gar nicht in den Sinn. Dabei lassen sich Spass und Sicherheit auf dem Trail durch die richtige Anleitung deutlich schneller erhöhen. Nicht ohne Grund ist es ganz normal, dass Skianfänger einen Kurs besuchen. Gilt ein Fahrtechnik-Training auf dem Bike etwa als Zeichen von Schwäche – als Affront gegen die Biker-Ehre?

Selbst Profis können durch gezielte Tipps noch viel verbessern. «In der Regel fangen die Defizite auch bei fortgeschrittenen Fahrern schon bei den Basics an. Die Position auf dem Rad, der Kraftfluss am Lenker… Das gibt oft heisse Diskussionen, weil viele denken, dass sie das doch alles schon können», sagt Stefan Herrmann, der seit fast 20 Jahren an der Fahrtechnik von Bikern feilt – egal ob Olympiakader oder Einsteiger. Richtig Bremsen, sauber über dem Rad stehen, Lenker locker halten – zu billig für ausgebuffte Trailjunkies? Fakt ist: Auf solche Grundlagen bauen alle Fahrmanöver auf – egal ob simple Kurvenfahrt oder waghalsiger Sprung drei Meter in die Tiefe.

Früh gelernt ist halb gewonnen

Wer ohne Anleitung durchs Gelände rast, eignet sich falsche Bewegungsabläufe ein. Diese Fehler bei sich selbst zu erkennen und auszumerzen ist kaum möglich. «Falsche Muster aufzubrechen ist schwieriger, als bei null anzufangen», sagt Herrmann, der mit seiner MTB-Academy jährlich rund 900 Biker fahrtechnisch auf Vordermann bringt. Also: Je früher ein Biker mit einem Techniktraining beginnt, desto besser. Das heisst aber nicht, dass es schon zu spät ist, wenn schon viele Jahre Trailerfahrung in den Knochen stecken. «Absoluter Schmarrn. Die richtigen Grundlagen kann man sich schnell aneignen und dann sind die falschen Muster auf dem Prozessor schon überspielt.»


Stefan Herrmann erklärt die Beweggründe hinter seinen Kurse. Video: Canyon Bicycles

Voraussetzung ist allerdings, dass man sich auch als vermeintlicher Bikeprofi dazu «herablassen» muss, sich erst einmal in die Ebene auf den Parkplatz zu begeben und nicht gleich über Sprünge und durch Steilkurven toben darf. Wie bei jeder Sportart müssen grundlegende Bewegungen erst unter einfachsten Voraussetzungen erlernt und automatisiert werden – ohne drohenden Abgrund oder Angst einflössenden Wurzelteppich. Was für ausgebildete Sportler zum kleinen 1×1 der Trainingsmethodik gehört, klingt für manch eingefleischten Biker albern. Zugegeben: Um mit dem 8000-Franken-Enduro mit Schienbeinschonern und in voller Montur langsam über den Asphalt zu rollen, muss man den Sprung über den eigenen Schatten schon beherrschen.

Was bringts?

Doch wozu eigentlich der Aufwand? Macht mich das Erlernte schneller oder cooler? Herrmann beschreibt es kurz und knapp: «Höhere Sicherheit und Ökonomisierung führen zu mehr Fahrspass – egal auf welchem Niveau.» Mit dem Gelände spielen und sich den Herausforderungen gewachsen fühlen – so kommt das Grinsen aufs Bike. Bei demjenigen, der es auf eine sportliche Fahrweise anlegt, wächst die Geschwindigkeit automatisch mit. Bei manch anderem geht es primär darum, die Angst vor der Abfahrt zu verlieren. Grundvoraussetzung: Der Wille sich zu verbessern. Dann stehen alle Türen offen. Wer dem eigenen Kopf und Körper die nötige Zeit lässt, kann grundsätzlich alles lernen – egal ob simple Spitzkehre oder Sprung über den Kicker.

Haben Sie schon einen Fahrtechnikkurs besucht? Wenn nicht, können Sie sich vorstellen, einen Fahrkurs zu belegen?