Möbel auf dem Vrenelisgärtli

Ein Beitrag von Emil Zopfi*:

Wir hoffen, wie jeden Sommer, dass uns doch das Schneefeld auf dem Vrenelisgärtli erhalten bleibe, das sagenumwobene. Das im Hitzesommer 2003 verschwand, weggeschmolzen, und seither noch zwei weitere Male. Was ist denn der Glärnisch ohne die weisse Krone des «Vreneli»? Ein graues Mahnmal des Klimawandels.

Die Geschichte der jungen Frau, die auszog, das Unmögliche zu wagen, im ewigen Eis einen Garten zu pflanzen, ist gewiss eine der stärksten Alpensagen. Ihr Ursprung ist kompliziert, eine Spur führt zu Leuca, einer keltischen Schneegöttin, eine andere in die Verenaschlucht bei Solothurn. Vom Teufel vertrieben, fuhr die Einsiedlerin Verena auf einem Mühlestein – altes Sexsymbol – auf der Aare hinab und den Rhein hinauf nach Zurzach, das zum Hauptort des Verenakultes wurde. «S isch äbe e Mönsch uf Ärde», singt Stefan Eicher, auch das Vreneli ab em Guggisbärg gehört in den Verena-Komplex. Stäfa am Zürichsee trägt Verena im Wappen mit Wasserkrug und Läusekamm: Heilerin und Wassergöttin.

Wenn bloss nicht das ganze Schneefeld zu Wasser wird in der Sommerhitze. Ich werde zwar ohnehin nicht hinaufsteigen, nicht mehr. Es dauerte lange, bis ich einmal oben war, allein vom Tal auf den Gipfel wie die sagenhafte Verena. Zum Glück kein Schneesturm wie einst, als drei Burschen aus Schwanden mitten im Sommer dort oben erfroren. Kein Kreuz war da, nur ein Schuttgrat, auf der Nordseite das viereckige Schneefeld, die Aussicht atemberaubend, ein ergreifender Augenblick. Ich hatte den Berg gemieden, weil ich als Jugendlicher kurz unter dem Gipfel Augenzeuge eines tödlichen Unglücks geworden war. Der Glärnisch ist ein gefährlicher Berg, dem Wetter ausgesetzt und lockeres Gestein.

UBS sponsert Steinbank auf dem Gipfel

Aber nun meide ich ihn aus anderen Gründen. Inzwischen ist der Gipfel des Vrenelisgärtli «möbliert» worden, ein massives Gipfelkreuz musste her, samt Blitzableiter. Eine Büchse mit Gipfelbuch daran geschraubt, dekoriert mit einem fünfzackigen Stern. Seltsame Symbolik. Dazu hängt ein Glöcklein am Kreuz, ein Kübel ist obendrauf gestülpt. Wohl weil das Vreneli in der Sage ein Käsekessi über den Kopf hielt, als es zu schneien begann. Vielleicht als Beschwörung, dass es doch wieder mal genügend Schnee gebe dort oben? Übrigens ist auch Frau Holle irgendwie verwandt mit der sagenhaften Verena.

Wo der Kitsch hinfällt, bleibt er bekanntlich nicht lange allein. Glarner Touristiker liessen im Juni 2010 eine tonnenschwere Steinbank per Heli auf den Gipfel fliegen, gesponsert von der Grossbank UBS. «Geschenk von Glarus Süd an Zürich», also von meiner Heimat- an meine Wohngemeinde. Darüber hinaus schenkten die Glarner den Zürchern grosszügig auch noch einen Quadratmeter schotterigen Heimatboden. Ein Blumengärtlein wächst da bestimmt nicht. Zur Einweihung stiegen Zürichs Stadtpräsidentin und eine Glarner Regierungsrätin mit Bergführern und einem Tross von Glarner und Zürcher Politkern und Politikerinnen und weiteren Notabeln auf den Gipfel. Freude herrschte.

Bei mir hält sie sich in Grenzen. Ich kann mich mit dem Klimbim auf dem sagenhaften Gipfel nicht befreunden, muss ich ja auch nicht. Mir genügt der Blick vom Zürichberg zum Glärnisch. Wenn nur der Schnee dort oben nicht schmilzt, diesen Sommer.

Ihre Meinung interessiert uns. Wie denken Sie über die Möblierung des sagenhaften Gipfels?

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

17 Kommentare zu «Möbel auf dem Vrenelisgärtli»

  • Roger sagt:

    Salü Emil

    Der Firn ist diese Jahr leider (fast) komplett abgeschmolzen auf dem Vrenelisgärtli (http://zorro.li/tagi/P1060158.jpg).
    Möbel auf Berggipfel sind perfekt für Hundehalter 2.0 auf der Jagd nach Likes (http://zorro.li/tagi/P1060154.jpg)

    LG Roger

  • Flo sagt:

    Hallo

    Super Artikel danke!
    Aber was ist los? Seit zwei Wochen kein neuer Artikel im Alpin? Seid ihr alle im Urlaub oder am Bergsteigen?
    Macht mal vorwärts, ich bin ganz ungeduldig und gehe jeden Mittwoch schauen ob schon was neues drauf ist :)

    Danke und Viele Grüsse
    Flo

  • robert stachel sagt:

    Lieber Emil. Als auch Glarner und Berggänger und Versli-Brünzler kann ich Ihre Kritik als Bergsteiger verstehen, Als Schriftsteller jedoch nicht. Wie steht es mit der positiven Betrachtung dieser kritisierten Dinge? Mein Eintrag von damals: Am Vreneli äs Gschänggli, e wunderschüüs Bänggli – gottseidangg, kä Schuldebangg.

  • Salü Emil. Wir kennen uns von früher aus dem Glarnerland. ich finde die Möbel am Glärnisch l gut. Die (damals) flächenmässig grüsste Gemeinde der Schweiz, zusammen mit der einwohnerstärksten Gemeinde der Schweiz, setzen sich zusammen auf eine Bank. Die steht im Glarnerland, was von Zürich aus gut zu sehen ist. Was stört daran? Ein Symbol des Zusammenkommens, ein setzen eines Wegmales. Sicher nicht für die Ewigkeit. Aber deswegen gleich den Glärnisch meiden? Man muss ja nicht alles mögen, tolerieren kann man dennoch einiges. Sabina Txchudi

  • Peter Frikart sagt:

    Das Vrenelisgärtli habe ich seit der Kindheit vor Augen, aber es hat mehr als 50 Jahre gedauert, bis ich erstmals oben stand: Ein erhabener Berg, wundervoller Ausblick. Das kuriose Gipfelkreuz, ein Merkpunkt für die höchste Stelle, ist zu mickrig, um in diesem Umfeld wirklich zu stören. Auch über den Findling mit eingefräster Sitzbank könnte man wegsehen, wäre nicht die Messingplakette, so gross und aufdringlich platziert, dass der Fallfehler im Text gleich ins Auge springt. Was mich wirklich stört, hat Zopfi auch erwähnt: Dass das markante Schneefeld unter dem Gipfel immer öfter wegschmilzt, was früher nie passierte. Ein unübersehbares Zeichen für die Erwärmung.

  • peter hasler sagt:

    Bauen ausserhalb der Bauzone. Dazu noch in besonders schützenswerter Bergwelt?!
    Und was macht der Kanton Glarus… kommt die Anzeige? Oder hat der Kanton gar eine Baubewilligung ausgestellt?
    Unsere lustigen Zonen-Gesetze sind doch völlig wirkungslos. Alle jammern über die Zersiedelung – und kaum schaut man weg, sind alle fleissig selbst an der Verschandelung der Landschaft.
    Kantonsverwaltungen ohne Willen und/oder ohne echten Kompetenzen. Wann werden die Sünder endlich zum Rückbau gezwungen? Ach in der Schweiz doch nicht – das wäre ja „unverhältnismässig“. Wer eine Baubewilligung in einem kritischen Projekt beantragt ist selbst Schuld… die wird möglicherweise sogar abgelehnt. Einfach drauf losbauen und später einen kleine Busse zahlen – so wird das gemacht.

  • Cecilia sagt:

    Naturverschandelung!
    Man trifft sie inzwischen fast überall in den Bergen: Sprüche, Steine, Gedenktafeln, Bänke, Fahnen und viel Anderes, hinterlassen von sich profilierenden Menschen, die meinen, sie müssen – fast missionarisch – die Welt belehren, retten, bekehren oder sich und anderen ein Denkmal setzen.
    Religiöse, Sektierer, Politiker, Bänker, Umweltschützer und Tourismusorganisationen – bitte lasst die Berge ALLEN zur Freude und Erholung!

    • Michael Finley sagt:

      Dem kann ich nur zustimmen. Dieses hässliche Steinbänkli sollte man umgehend im Klöntalersee versenken!! Ein Gipfelkreuz – von mir aus mit Gipfelbuch – genügt.

  • Bonjour sagt:

    Muss man die Sitzpolster selber mitbringen ?

  • Roberto Koch sagt:

    Natürlich wieder die UBS. It’s time: to say goodbye!

  • GRAUENHAFT !!!
    Von nun an muss ich jedes Mal an die Verunstaltung des Vrenelisgärtli denken, wenn ich von irgendeiner Höhe zu diesem Gipfel blicke. Es ist weit mehr als blicken, ich grüsste das „Gärtli “ jeweils, denn in jüngeren Jahren war ich mehrmals dort oben. Nun sind gar die schönen Erinnerungen etwas getrübt.

    Da kann man nur sagen: KITSCH AS KITSCH CAN und Pfui denen, die das verbrochen haben.

  • Walter Olbrecht sagt:

    Wer leistet Widerstand gegen diese Art von ökonomisch-politischer Kolonialisierung schweizerischer Berggipfeln? Das ist faktisch und in seiner Symbolik ungeheuer: es geht hier um bankengesponserte politische Propaganda. Besser wäre , wenn schon, gewesen, eine Studie über die Folgen dieses politischen Hauruck-Reformwerkes zu finanzieren. Wer holt diese Schändlichkeiten in einer Nacht- und Nebelaktion herunter. Recht aufwändig, aber das muss doch sein. So geht das doch einfach nicht.

  • Balz Bächli sagt:

    Was ich im Artikel lese, gefällt mir nicht. Ein ausgezeichnet geschriebener Artikel über üble Dinge.

    Hoffentlich sehen wir diesen Sommervon Zürich aus wieder den weissen Mantelsaum und nicht ein afghanisches Kriegsgebirge.

    • H.J. Kohler sagt:

      Walter Alvares Keller – Gottes weisser Mantelsaum. Macht Lust wiedereinmal die Peter Stäubli Trilogie zu lesen.

  • Anna sagt:

    Bankenwerbung und Stadtbank auf einem Berggipfel, darauf haben die müden Bergsteiger nur gewartet! Die Schweiz versucht manchmal schon verzweifelt, ihr Ruf als naturverbundenes Land zu ruinieren.

  • Robbi sagt:

    …na und , können wir etwas gäbiger sitzten dort oben…mein Urteil über die UBS habe ich eh schon gemacht :)

  • Irene feldmann sagt:

    schöner Artikel!!!

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