Kurzbesuch auf dem Mars

Diese Woche auf den Berg La Dôle im Waadtländer Jura

Ich schrieb in dieser Kolumne vor langer Zeit, dass gewisse Berge halt einfach ins Portefeuille des Schweizer Wanderers gehören, der Grosse Mythen etwa, der Säntis, der Niesen. La Dôle im Waadtländer Jura gehört auch dazu. Die weisse Kugel macht es aus. Von weitem ist sie sichtbar und markiert den Berg und macht ihn zum Objekt des Begehrens. Wenn man von Lausanne nach Genf fährt und auf der Höhe von Nyon nach rechts blickt, merkt man jedesmal auf.

Man will da hinauf. Die Kugel lockt.

Eine schwierige Wanderung ist das nicht. Sie beginnt mit einem dreiviertelstündigen Fahrspass. Ein Schmalspurbähnchen zuckelt von Nyon Richtung St-Cergue und noch etwas weiter zur Haltestelle La Givrine, trägt einen also aus der dicht bebauten Gegend des Genfersees direkt ins Reich der einsamen Weiden und Kalkkämme.

Mad Max war hier

In La Givrine, gut anderthalb Kilometer östlich des gleichnamigen Passes gelegen, ist gut starten; vorerst wird einem Flachheit gegönnt, man geniesst die kurze Komfortstrecke und kann sich einlaufen. Vorbei an Glotzkühen geht es, allmählich dann doch aufwärts, nach La Trélasse und zum Chaletrestaurant Cuvaloup de Crans, einem Fondue- und Käseschnitten-Stützpunkt. Bereits hat man etliche der jura-typischen Trockenmäuerchen gesehen.

Der eigentliche Aufstieg führt nun durch einen Hang, der einem entseelt vorkommt. Im Sommer zeigen sich die Schäden des Skitourismus brutal, das Gelände ist von Mad-Max-Pistenfahrzeug-Spuren durchzogen, das Gras schütter und verkiest, dass es einem wehtut. Und die Forstarbeiter, die dem Wald Gewalt angetan haben, stellt man sich als zweieinhalb Meter grosse Hunnen mit Monstertrucks vor. Für alles aber entschädigt die Kugel, die bald direkt vor einem liegt und immer näher kommt.

Endlich ist man oben – und weiss gar nicht, was mehr fesselt. Zum einen ist da der imperiale Blick über den Genfersee, nichts steht zwischen dem Betrachter und den Alpen Savoyens. Zum anderen steht man in einer Art Technopark. Die Kugel dominiert alles. Sie ist ein Radom, also ein Radardom, eine Schutzhülle gegen Wind und Wetter. In ihrem Inneren kreist unablässig eine Radarantenne, die Firma Skyguide überwacht von hier aus den Flugverkehr. MeteoSchweiz ist ebenfalls präsent und misst das Wetter aus. Ein Swisscom-Radio-Fernseh-Sender ist da auch.

Ebenfalls faszinierend ein Gebäude, das aussieht wie der flügellose Mittelteil eines Flugzeugrumpfes. Dies ist eine Personalunterkunft, denn irgendjemand muss all die Geräte warten. Die Leute, die es tun, gelangen übrigens mit einer privaten Seilbahn auf den Gipfel.

Einblick in den Berg

Der Abstieg fällt wesentlich schöner aus als der Aufstieg. Dem Bergkamm entlang zieht der Pfad sanft abwärts zum Col de Porte und dann durch die Flanke rechterhand. Man gelangt in Gelände, das erfreulicherweise vom Skitourismus nicht versehrt wurde; Kühe weiden, ab und zu passiert man eine Alphütte. Eindrücklich der Rückblick auf den Berg, dessen Textur sich aus diesem Winkel erschliesst, man bekommt einen Einblick in die Schichten, aus denen er gebaut ist. Die Kugel, die einem oben riesig vorkam, ist nun schon wieder geschrumpft.

Unten in St-Cergue, wo die Wanderung endet, darf man sich zufrieden zurücklehnen. Und sich etwas gönnen, zum Beispiel ein Stück Torte im Café der Bäckerei Au Vieux-Château. Es ist schon ein sehr interessantes Bergobjekt, das man der eigenen Kollektion einverleibt hat. Man hat das Gefühl, mal kurz auf dem Mars gewesen zu sein.
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Route: La Givrine (Bahnstation der Linie Nyon – La Cure) – La Trélasse – Restaurant Cuvaloup de Crans – La Dôle – Col de Porte – Richtung Châlet de la Dôle – Le Vuarne – La St-Cergue – St-Cergue, Dorf – St-Cergue, Bahnhof.

Wanderzeit: 3 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 535 Meter auf-, 700 abwärts.

Wanderkarte: 260 T St-Cergue, 1: 50 000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Auf der selben Bahnlinie wie bei der Anreise retour nach Nyon.

Varianten: Im An- und Abstieg gibt es Varianten. Karte studieren.

Charakter: Mittelstreng. Im Aufstieg ist das Gelände durch den winterlichen Skisport versehrt, der Abstieg kompensiert das. Aussichtsreich. Vor und nach dem Col de Porte minimale Trittsicherheit nötig.

Höhepunkte: Die schöne Bahnfahrt von Nyon nach La Givrine. Der grandiose Blick auf den Genfersee vom Gipfel. Die schöne Bergflanke unterhalb des Col de Porte mit Blick auf die geologische Textur unseres Berges.

Kinder: Keine Probleme. Um den Col de Porte muss man sie aber im Augen behalten.

Hund: Bestens machbar.

Einkehr: Am Anfang und am Ende. Sowie: Restaurant Cuvaloup de Crans. Montag geschlossen. Sonntags durchgehend warme Küche. Rustikale Küche, es gibt auch Fondue.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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