Die wachsende Zahl der Unvernünftigen

HALBMARATHON, GREIFENSEELAUF, LEICHATHLETIK,

Marathon – der Durst nach dem Leben? (Keystone/ Steffen Schmid)

Existierten nur Vernunftmenschen, gäbe es keine Marathonläufer. Sie sind von Leidenschaft getrieben – so lautet ein freiübersetztes Zitat des irischen Mittelstreckenläufers und Mitbegründers des Dublin Marathons Noel Carroll. Tatsächlich braucht es eine gehörige Portion Torheit gepaart mit Vergesslichkeit, Übermut und Leidenschaft, um die 42,195 Kilometer in Angriff zu nehmen. Das gilt besonders für Wiederholungstäter – denn sie wissen, was sie tun! Jeder rationale und nüchterne Mensch winkt angesichts der Strapazen ab, die er bis zur Ziellinie und in vielen Fällen darüber hinaus erdulden muss. Und dennoch: Es gibt zahlreiche Unverbesserliche, die immer wieder an der Marathonstartlinie stehen.

Weltweit steigt die Anzahl Marathonläufer sogar Jahr für Jahr. Ein repräsentatives Bild hierzu liefert die Statistik der Wettkämpfe in den Vereinigten Staaten: Während 1975 rund 25’000 Sportler die 42-Kilometer-Distanz liefen, waren es 2005 rund 395’000. Im bisherigen Rekordjahr 2013 (neuere Zahlen sind noch nicht erhältlich) nahmen gar 541’000 Läufer an amerikanischen Marathons teil. Genauso eindrücklich sind die Finisher-Zahlen aus Wien: 1984 liefen 794 Teilnehmer über die Ziellinie des Vienna City Marathons, 2014 waren es deren 6348. Ähnlich sieht das Bild in Paris aus: Der Marathon der französischen Hauptstadt verzeichnete 28’857 Finisher im Jahr 2005 und 2014 waren es bereits 38’116.

Rational erklären lässt sich das Marathonphänomen nicht. Was also steckt dahinter? Eine vieldiskutierte Frage, die zu oft mit einer Modeerscheinung abgetan wird. Die Gründe, die Königsdistanz in Angriff zu nehmen, sind so vielfältig wie die Marathonteilnehmer. Einige stecken in einer Midlife-Krise, andere haben eine kräftezehrende Trennung hinter sich oder haben den Mammutanteil ihrer Zeit ins Geschäfts- oder Familienleben gesteckt. Marathonlaufen ist ein mehrere Monate andauerndes Projekt mit ungewissem Ausgang. Eines, bei dem es nur einen einzigen Verantwortlichen gibt oder eben nur einen einzigen Schuldigen – je nach Ergebnis. Der Langstreckler Jeff Galloway traf mit seiner Definition den Nagel auf den Kopf: «Marathon ist ein Wettstreit zwischen deinem Willen und deinen Möglichkeiten.» Darum geht es all den Mittfünfziger, die es nochmals wissen wollen – aber nicht nur. Es ist eine wertvolle Wahrnehmung bei Kilometer 37 zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Tank zwar leer ist, der Wille aber die nötigen Reserven anzapft, um es ins Ziel zu schaffen. Eine Erfahrung, die danach sowohl im Berufs- wie auch im Familienleben immer wieder Gold wert ist. Ein Unbekannter charakterisierte just diesen Moment mit dem Satz: «Du weisst nie, wie stark du bist, bis stark zu sein, die einzige Möglichkeit ist, die dir bleibt.»

Genau in diesem Augenblick verschiebt ein Marathonläufer seine ganz persönliche Grenze – oder wie Henry Ford, Gründer des gleichnamigen Automobilherstellers, zu sagen pflegte: «Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.» Denn obschon nur ganz wenige vorne um ehrenhafte Titel kämpfen, hat jeder, der an die Startlinie tritt, in der Regel einen sehr ernst zu nehmenden Gegner: sich selbst.

Oder in den Worten des Nobelpreisträgers und Schriftstellers William Faulkner: «Versuche nicht, besser zu sein als deine Zeitgenossen oder Vorgänger. Versuche besser zu sein als du selbst.» Denn Hand aufs Herz, wen schert es, ob in der Kategorie «Normalsterblich» am Schluss der Rang 575 oder 550 herausspringt? Trotzdem sollen sich Training und Strapazen auszahlen. Deshalb nehmen es etliche Marathonis mit ihrer persönlichen Bestzeit auf. Sie fordern sich selbst heraus.

Anderen ist die unberechenbare Distanz Ziel genug. Für Nike-Mitbegründer Bill Bowerman hat bereits dieser Vorsatz ganz einfach mit Mut zu tun: «Es ist nicht das Ziel, ein Rennen zu gewinnen, sondern die Grenzen des menschlichen Herzens auszuloten.» Viele der Erstlinge wissen erst hinter der Ziellinie, ob sie dem Abenteuer Marathon gewachsen sind oder nicht. Sie treten zuvor einerseits gegen die Zweifler in ihrem Umfeld an, gegen die Armee der Zeigefinger, die brüllt: «Du spinnst!» (Pur). Und geniessen im Ziel ein ganz besonderes Plaisir – oder frei nach dem französischen Dramatiker Marcel Aymé: «Das grösste Vergnügen im Leben besteht darin, Dinge zu tun, die man nach der Meinung anderer Leute nicht fertigbringt!» Andererseits beweisen sie sich selbst, dass sie zu mehr fähig sind, als sie sich selbst zutrauen. Und das ist die grösste Genugtuung! Auch diese Erkenntnis prägt nachhaltig und ist ein wertvolles Instrument in herausfordernden Situationen.

Eine der grössten Figuren der Marathonwelt, der mehrfache Olympionike in den Mitteldistanzen, Emil Zatopek, sagte vor Jahrzehnten: «Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennen lernen willst, dann lauf Marathon.» Mit dieser charakteristischen Aussage zur Königsdistanz hätte er heute den Finger auf einen wunden Punkt unserer Gesellschaft gelegt. Von der allgegenwärtigen Forderung nach «alles haben und zwar sofort» diktiert, gewinnen jene Dinge an Wert, bei welchen es keine Abkürzungen gibt. Ein Beispiel: Während früher das Traumauto nur erschwinglich war, wenn man über Jahre hinweg Geld auf die hohe Kante legte, ist es heute oft eine Frage von Wochen, bis der Kredit oder das Leasing steht. Das ist beim Marathon keine Option – 42,195 Kilometer bleiben 42,195 Kilometer. Am anspruchsvollen Training führt einfach kein Weg vorbei. Dies macht den Lauf – aber bereits auch die Vorbereitungen – zu einem Erlebnis, das kein Kredit auf der Welt möglich macht. Es braucht Leidenschaft, Mut, Wille und Geduld. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

38 Kommentare zu «Die wachsende Zahl der Unvernünftigen»

  • Angelika Engel sagt:

    Was ich wirklich nicht verstehe: warum sind so viele von uns so verbissen? Lasst uns doch Marathon laufen und uns dabei denken, was immer uns in den Kopf kommt – Gesundheitsapostel, solche die das immer alles nicht verstehen, die uns bei der einer Verletzung, die uns am Marathon hindert sagen: Hör doch endlich auf mit dem Marathon – kann man wirklich nicht gebrauchen.
    Ich mach was ich will, wozu ich Lust hab – Pflichten gibts genug

  • Es ist schon aufschlussreich, wenn man die Motivationen der Marathon-LäuferInnen nur andeuten muss (und mehr hat Frau Wertheimer ja eigentlich nicht gemacht), um schon ihre erwähnten „Beißreflexe“ auszulösen – und genau an dieser Abwehrhaltung kann man die Wahrheit (oder zumindest ihren Kern) des Arguments erkennen. Trotzdem bleibt die obige Analyse oberflächlich. Herdentrieb spielt sicher auch eine Rolle, aber man ist damit nun einfach bei Psychologie angelangt – in diesem Falle gewiss auch: Massen-Psychologie – und deren Verknüpfung mit gesellschaftlichen Prozessen. Man muss schon etwas tiefer gehen und beim Sport im Allgemeinen drückt sich ein Kampf gegen die eigene, menschliche Natur und die Zerrissenheit der eigenen Psyche aus, wie ich auch auf meinem blog bzw. in einem Artikel für die Zeitschrift CEE IEH zu zeigen versucht habe.

  • SH sagt:

    Ich stelle immer wieder fest, dass mich Leute schräg anschauen, wenn ich sage dass ich Marathon und Halbmarathon laufe. Dabei denke ich, dass sich viele Menschen in diesem Moment einfach mit ihrer eigenen Trägheit konfrontiert fühlen.

  • Anna sagt:

    vor Jahren hielt ich eine Broschüre von Markus Ryffel in den Händen, wie für einen Marathon zu trainieren sei. Im Vorwort hielt er klar fest, dass das Training für einen Marathon gesund sei, doch der gesamte Marathonlauf nicht.
    In der chinesischen Medizin übrigens, geht man davon aus, dass jeder Mensch eine ihm mitgegebene Lebensenergie zur Verfügung steht, die kontinuierlich abnimmt. So kann ein jeder selbst entscheiden, für was er sie gebraucht.

  • alpöhi sagt:

    gerry Weibel trainiert jetzt auch

  • Markus Plüss sagt:

    Die Unvernünftigen? Das Gegenteil ist der Fall! Wenn es ein Medikament gäbe das so viele Krankheiten verhindern kann wie Laufen, dann wäre es ein Wundermedikament, z. B. schützt Laufen vor Übergewicht, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Depressionen, Burnout-Syndrom, Erkrankungen der Atemwege, des Verdauungssystems, usw.
    Wer für einen Marathon trainiert, darf sich diese vermeintlich unvernünftigen 42.km mit gutem Gewissen leisten.
    Die Vernünftigen sollen es bleiben lassen.

    • Aloha sagt:

      …dasselbe geht auch mit Rennradfahren oder MTB – Marahons, nur massiv gelenkschonender. Wird hier komplett vergessen. Diejenigen, die noch gesunde Knie oder Hüften haben wollen mit 80, wissen das bereits.

      • Markus Plüss sagt:

        Das stimmt, hat aber den Nachteil, dass das Unfallpotenzial um ein Vielfaches höher ist. Ein Sturz mit dem Rad kann schnell zu sehr schweren Verletzungen führen. Zudem fasziniert mich am Laufen, dass es keine Sportart ist, bei der teure Technik für den Erfolg ausschlagebend ist.

  • Hans Gerolder sagt:

    Titel und Inhalt haben kein Zusammenhang ! Ausser ständig Zitate zu schreiben, könnte man selbst auch was beitragen. Verbesserungswürdiger Artikel !!

  • James sagt:

    Sie werfen einen interessanten Aspekt auf, Frau Wertheimer.
    Ist der Marathon deswegen so interessant, weil er keine Abkürzungen zulässt? Und deswegen grundehrlich ist? Keiner kann mogeln. Keiner wird bevorzugt wegen mehr Geld, besserem Aussehen, weil der Chef einem mag oder wegen sonst etwas, was in der Welt ungerecht verteilt ist. Sogar das Talent ist bei einem Marathon bei den Normalsterblichen nicht der entscheidende Faktor.
    Ist der Marathon viellecht gar deswegen so interessant, weil er das Maximum für einen Normalsterblichen darstellt? Für das Gross der Leute, die meinen, dass sie nirgends sonst herausragend gut sind? (Und vielleicht sogar etwas neidisch sind auf die vom Schicksal bevorzugten Personen?). Hmmm, gibt es Marathonläufer, welche auf einem anderen Gebiet herausragend gut sind?

    • SportX sagt:

      Zitat: „Hmmm, gibt es Marathonläufer, welche auf einem anderen Gebiet herausragend gut sind?“ Herrliche Frage, ich glaube… Nein. Sonst würde man dies seinem (hässlichen) Körper nicht „geben“ in DEM Alter ! Rede hier von den sog. Normalsterblichen… die sonst nichts zu „posten“ haben. (Wobei ich persönlich nicht bei FB bin und meine sportlichen Erfolge auf Datasport niemandem in den (a)sozialen Medien aufzwingen muss).

  • Fred sagt:

    Gründe aus meiner Sicht:
    1. „Was, dieser pickelilge Löli aus der Finanzbuchhaltung hat das geschafft? Na, dann kann ich das auch.“
    2. Vergleichen Sie bitte die Zielschlusszeiten von vor 20 Jahren mit denen von heute. Ich sage nur „nordic walking“…
    3. Der generelle Trend zu Individualsportarten – früher musste man immer Dienstags halb acht beim Fussbaltraining erscheinen. Heute geht man irgendwann zwischen zwei Telefonkonferenzen joggen.

  • peter meier sagt:

    Marathon ist einfach überbewertet. Ich durfte schon mehrfach davon profitieren, indem ich mehr respekt/achtung/bewunderung für das marathonlaufen erhalten habe als eigentlich fair wäre. „marathon“ ist wie eine marke und heisst „hart, willensstark, fit, extrem“ etc. lustigerweise spielt es dabei keine rolle wie gut ein läufer ist. ein 3.30 marathonläufer kriegt in der geselschaft mehr respekt als ein 33 minuten 10 km läufer. ist doch irrwitzig, oder?

    • rosche sagt:

      Na wenn der Respekt der Gesellschaft der Antrieb sein sollte: das Tempo von den Unterdistanzen lässt sich prima auf die Marathondistanz übertragen. Ein so guter 10km-Läufer wird regelmässig einen langen Lauf über 2h einstreuen und dabei gut über 25km kommen. Den um 10km verlängern, bei den kurzen lockeren Läufen ~5km anhängen und auch ein paar extensive Intervalle laufen und einem Marathon unter 2:40h sollte nicht allzu viel im Weg stehen.

  • rosche sagt:

    Schön dass die Zahlen explodieren und sich immer mehr Leute bewegen. Weniger schön, dass die gelaufenen Zeiten im Schnitt der Teilnehmer im Vergleich zu früher immer schlechter werden. Macht sich halt gut auf Facebook, einen Marathon gefinisht zu haben, auch wenn man das Ding effektiv in 5 Stunden gewalkt ist :/

    • Christoph Bögli sagt:

      Was spielt denn bitte die Zeit für eine Rolle, wenn es angeblich um die Bewegung geht? Punkto Bewegung und Gesundheit ist es doch eher gut, wenn all die Hobbyläufer ein vernünftiges Tempo wählen und damit nicht durch Überbelastung des ungenügend trainierten Körpers mehr Schaden als Nutzen anrichten. Im übrigen ist es doch nur logisch, dass durch eine zunehmende Anzahl Teilnehmer mit einer breiteren Altersstruktur die quantitativen Leistungen abnehmen.
      Aber das ist ja eh das Paradoxe an vielen Läufern: Zuerst gehts angeblich immer nur um die ganze idealisierte Läufer-Romantik, die Bewegung, die körperliche und geistige Gesundheit, die persönliche Herausforderung, etc., aber am Ende zählt dann plötzlich doch nur die Zeit, vorzugsweise um damit anzugeben oder alle, die langsamer sind, als Versager zu brandmarken..

      • rosche sagt:

        Lesen Sie den ersten Satz. Ein unvernünftiges Tempo würden die „Hobbyläufer“ auch gar nicht durchhalten – ein Eliteläufer übrigens auch nicht, da es immer von den eigenen Fähigkeiten abhängt. Ohne das jetzt medizinisch belegen zu können, bin ich mir sicher, dass 5 Stunden mit einem untrainierten Körper über den Asphalt zu „rennen“ dem Körper viel mehr Schaden zufügt, als in <3h mit einem trainierten Körper. Und da sind wir wieder bei Ihnen: lieber ein paar Jahre der Läuferromantik fröhnen und dann gehts auch wie von selbst mit einem Marathon in Würde. Ein halber ist anfangs mehr als genug Herausforderung, macht sich aber auf Facebook nicht so gut, wo wir wieder bei mir wären.
        Abgesehen von der Mission "Überforderung beim Marathon" sind für mich die eher Unsportlichen die grössten Helden unterwegs auf der Laufstrecke, ganz ernsthaft.

  • Thomas Meier sagt:

    Wie kommen Sie dazu zu sagen „rational erklären lässt sich das Marathonphänomen nicht“ ? Wenn jemand (1) Marathonlaufen als „modisch“ identifiziert hat und (2) selber als „modisch“ gelten möchte, dann kann es rational sein, mit dem Marathonlaufen dem eigenen modischen Anspruch gerecht zu werden, oder ? „Rational“ hat mit der persönlichen (individuellen) Nutzenfunktion zu tun; ein Dritter muss das nicht für mich „rational“ oder „irrational“ urteilen, er kann aber für sich (seine eigene Konstellation) zu einem anderen Ergebnis kommen.

  • Ste sagt:

    Ich verstehe die Diskussion nicht ganz. Ich bin begeisterter Marathon und Ultramarathon Läufer. Mir macht es Spass täglich oder mind. mehrmals wöchentlich raus in die Natur zum Laufen bzw. Rennen oder Joggen zu gehen. Da kann ich auftanken, Ideen sammeln, sinnieren oder einfach mal den ganzen Druck und die Vorgaben vergessen. Ich akzeptiere aber mein Umfeld und diejenigen, die das nicht so toll finden zu jeder Zeit. Persönlich bin ich immer noch der Meinung, dass ich für meine Familie und mich so einen Mehrwert bringe (Ausgelichenheit, Gesundheit, persönliche Zufrieden) als wenn ich Abends oder nach der Arbeit meine Freizeit im Wirtshaus oder vor der Glotze verbringe.
    Was mich aber an der ganzen Diskussion über Marathon etwas bedenklich stimmt sind die vielen Läufer und Läuferinnen (mehrheitlich aber sind es LÄUFER), die unvorbereitet und schlecht trainiert an diese Herausforderung heran gehen. Sie schaden sich und der Allgemeinheit mehr als es Nutzen bringt.
    Sind wir also tollerant und lassen wir jedem seine Freude, ob Marathon, Kuturveranstaltungen, Wirtshaus usw.. Jeder soll und muss nach seiner Facon glücklich werden.

  • Mike sagt:

    Sorry, aber allein schon die Tatsache, dass dieser Blog gespickt ist mit abgedroschenen Zitaten, die man sonst auf ein kitschiges Bild getippt auf Facebook weiterpostet zeigt irgendwie schon, dass der Marathon-Hype in erster Linie… naja, eben für Leute ist, die kitschige Bilder mit abgedroschenen Zitaten auf Facebook posten.

    Als Mountainbiker fällt mir vor allem auf, dass sich das alles über jede andere Form von Ausdauersport auch sagen liesse – es geht immer um den Kampf gegen sich selbst, ums Verschieben der persönlichen Grenzen und darum, was im Kopf passiert, wenn der Tank eigentlich leer ist und man sich irgendwie mit blosser Willenskraft doch noch ins Ziel bringt. „Marathon“ ist einfach ein schönes Wörtchen, mit dem man im Büro angeben kann. Wenn ich irgendeine selbst zusammengestiefelte Tour fahre, muss ich nachher noch die Höhenmeter vorrechnen, und das will ja keiner hören.

  • Luise sagt:

    Warum man läuft ist nicht erklärbar. Erst recht nicht, warum man 42 km und mehr läuft. Es ist ein Kampf gegen sich selber, etwas Ursprüngliches, Archaisches. Den Körper, seine Kraft und seine Fähigkeiten zu erleben ist etwas, das abseits von TV, PC und Smartphone geschieht. Laufen bedeutet Ausgleich.. Einige wollen ein bestimmtes Resultat erreichen, andere wollen ganz einfach nur in Gesellschaft laufen. Und da wir ja meist im Auto oder im Zug sitzen ist intensive Bewegung ganz einfach gut!

  • Ruedi Lindegger sagt:

    Ach ja: Und es geht (vor allem) um das männliche Ich.

  • Ruedi Lindegger sagt:

    Kurz: Es geht um Wille, Leistungsfähigkeit und ums Älterwerden(können).
    Passt schon in unsere Zeit.

    • Luise sagt:

      Heisst älter werden (können), dass man den Körper nicht mehr fordern soll? Dass man nicht mehr an seine Grenzen geht? Dass man unsportlich wird? Ist das alles moralisch besser als mit Freude an einem läuferischen Wettkampf teilnehmen?

      • Ruedi Lindegger sagt:

        Umgekehrt gefragt: Wer mit zunehmendem Alter nicht grössere sportliche Leistungen erbringt (als in seiner Jugend) ist also unsportlich? Oder „moralisch“ schlechter?
        Der Zusammenhang Alter und Extrembelastung ist doch interessant. Und dass dieser Zusammenhang zunimmt (siehe Teilnehmerzahlen).

        • Luise sagt:

          Ein Marathon ist für eine gesunde, sportliche Person keine Extrembelastung. Und Tatsache ist, dass mit dem Alter die Ausdauer zunimmt. Negative Reaktionen auf sportliche Ältere zeugen meistens von schlechtem Gewissen, weil man/frau selber zu bequem geworden ist.

          • Ruedi Lindegger sagt:

            Als jemand, der an chronischer Arthritis leidet, bin ich fein raus, was ein etwaiges schlechtes Gewissen betreffen könnte.
            Ich bezweifle aber, dass ein Marathon keine Extrembelastung für den Körper ist. In diesem Sinne wird das Bestehen eines solchen ja gerade auch von den Teilnehmenden verstanden.
            Dass die Ausdauer zunehmen soll mit dem Alter, ist mir aber neu. Sicher scheint mir aber, dass über 42 km rennen auf Asphalt nicht die gelenkfreundlichste sportliche Betätigung ist (im Ggs. zu etwa fahrradfahren).

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    Ich habe sechs mal an Ironmantriathlons und etwa zwölf mal an einem Marathon teilgenommen. Ich möchte keine Minute missen,
    es waren unvergessliche Erlebnisse, ich freue mich auch heute noch.

  • Christoph Bögli sagt:

    Man kann ja alles überhöhen und verklären, aber nüchtern betrachtet geht es dabei wohl effektiv um klassischen Herdentrieb und damit einen banalen Trend. Zudem sinkt eben gerade die Grenze des Zweifels, je mehr man sieht, dass sogar der übergewichtige Hinz und der steinalte Kunz es bis zur Ziellinie schaffen. Für mich ist und bleibt die kollektive Faszination eher rätselhaft. Stundenlang in einem Meer schwitzender und rempelnder Leiber über asphaltierte Strassen dackeln und dafür noch meist horrende Startgebühren zahlen klingt als Freizeitvergnügen so attraktiv wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Dann doch lieber auf eine Bergtour o.ä. Aber Geschmäcker sind halt verschieden – zum Glück!

  • Dave Nüssli sagt:

    Sehr geehrte Frau Wertheimer

    Besten Dank für die niederträchtige Bewertung meiner „unverbesserlichen“ Tätigkeit als Marathonläufer.
    Ich muss mir (und auch niemand anderem) weder etwas beweisen noch stecke ich in einer Midlife-Krise.
    Ich laufe weil es mir Spass und Freude macht oder haben Sie das Gefühl, ich laufe den Marathon in 2:30h, weil ich ein Problem mit mir selber habe?
    Ich glaube wenn Sie den Marathon in einer solchen Zeit laufen würden, wüssten Sie von was ich rede.
    Somit bitte ich Sie bei der nächsten Verfassung eines solchen Arkikels etwas vorsichtiger bei der Wortwahl und bei der Auswahl der Bilder zu sein (das Telefon klingelt bald heiss bei mir wegen des Bildes).
    Keep Running…..und weiterhin viel Spass beim Laufen… ;-)
    Mit den besten Grüssen

    Dave Nüssli

    • Christoph Bögli sagt:

      Der Zwang zur Rechtfertigung und einem „pissing contest“ mittels (angeblicher) Rekordzeiten wirkt aber alles andere als entspannt oder dass man nichts zu beweisen hat. Etwas mehr Lockerheit wär darum nicht fehl am Platz, gerade auch beim Lesen, denn Frau Wertheimer schreibt keineswegs negativ über Marathonläufer, sondern durchwegs (für mich: zu) positiv. Aber bei manchen muss man nur die Existenz von midlife-crisis-Egomanen (die unter den Läufern defintiv nicht untervertreten sind) andeuten, um Beissreflexe auszulösen..

    • Peter Schmid sagt:

      Lieber Herr Nüssli
      Der Bericht von Frau Wertheimer ist in einem sehr positiven Grundton verfasst. Eine eigentliche kritische Reflexion fehlt. Zum Beispiel darüber, ob solche Distanzen für die Gesundheit noch gut sind. In persönlichen Begegnungen mit Kollegen und Kolleginnen, die Strassenläufe aller Art machen, stelle ich regelmässig fest, wie heikel es ist, solche Läufe in Frage zu stellen. Oft fühlen sie sich persönlich angegriffen und in Frage gestellt. Da kann ich feststellten, dass sich die Lockerheit dann oft auf die Muskeln beschränkt.

    • Martin Walther sagt:

      Sorry, Herr Nüssli, aber wenn sie diesen keineswegs negativ gegenüber Marathonläufer geschriebenen Artikel so in den falschen Hals kriegen, dann haben sie wohl doch ein Problem mit sich selber. Und Vorsicht, heutzutage ist es sehr einfach und für jedermann möglich, gemachte Aussagen per Recherche zu verifizieren. Von dem her meinten sie wohl, „…ich bin Marathon in ca. 2:30h gelaufen…“!

    • Sandra sagt:

      Uiuiui, die bissige Reaktion auf einen guten Artikel, in dem Frau Wertheimer keinesfalls jemanden angreift, zeigt, dass Sie sehr wohl einige Probleme haben.
      Einen Marathon zu laufen hat mit Vernunft und Spass nichts mehr zu tun. Es ist das Austesten der eigenen Grenzen, der eigenen Willenskraft. Und genau darauf geht der Artikel ein. Schön, dass Sie uns noch Ihre hervorragende Zeit von 2:30 unter die Nase reiben, Geltungsdrang könnte auch ein Grund sein, einen Marathon zu laufen.
      PS: bin selber am Trainieren und hoffe, nächstes Jahr am Londoner Marathon teilnehmen zu können – nicht aus Vernunft sondern um rauszufinden, ob ich meinen inneren Schweinehund besiegen kann. 2:30 schaff ich bestimmt nicht…:-)

  • Sam Roth sagt:

    Habe es zwar noch nicht zu Ende gelesen, aber kann in diesem Zusammenhang nur allerwärmstens das Buch »42,195 – Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken« von Matthias Politycki (2015, Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-50338-8) empfehlen. Grandios!

  • Dorli Knüsli sagt:

    Ich verstehe das nicht: In rund 40 Jahren ist die Zahl der Marathonläufer also um das 20-fache angestiegen. Gleichzeitig wurde aber der öffentliche Verkehr massiv ausgebaut. Heute muss doch wirklich niemand mehr 42 km laufen, um von A nach B zu gelangen. Der hinterste Weiler, das abgelegenste Bergdorf ist mit ÖV erschlossen. Besonders in den grossen Metropolen wie etwa New York oder Zürich verkehren auf den Marathonstrecken Busse, Trams, Subways. Warum also rennen die Leute Strecken, die sie bequem und ohne Training mit den ÖVs zurücklegen könnten?
    Oder unser aller Cancellara 2012 in London: Er knallte nur in die Streckenabschrankung, weil er die Strecke unbedingt mit dem Velo machen wollte, statt den Bus zu nehmen, der auf dieser Strecke fahrplanmässig verkehrt.
    Tatsächlich krass unvernünftig.

    • Jan sagt:

      Etws vergessen Sie bei Ihren Ausführungen, und das schlägt dann wirklich noch den Fass aus dem Boden: Am Schluss ist man wieder am selben Ort wie am Anfang.

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