Die wachsende Zahl der Unvernünftigen

HALBMARATHON, GREIFENSEELAUF, LEICHATHLETIK,

Marathon – der Durst nach dem Leben? (Keystone/ Steffen Schmid)

Existierten nur Vernunftmenschen, gäbe es keine Marathonläufer. Sie sind von Leidenschaft getrieben – so lautet ein freiübersetztes Zitat des irischen Mittelstreckenläufers und Mitbegründers des Dublin Marathons Noel Carroll. Tatsächlich braucht es eine gehörige Portion Torheit gepaart mit Vergesslichkeit, Übermut und Leidenschaft, um die 42,195 Kilometer in Angriff zu nehmen. Das gilt besonders für Wiederholungstäter – denn sie wissen, was sie tun! Jeder rationale und nüchterne Mensch winkt angesichts der Strapazen ab, die er bis zur Ziellinie und in vielen Fällen darüber hinaus erdulden muss. Und dennoch: Es gibt zahlreiche Unverbesserliche, die immer wieder an der Marathonstartlinie stehen.

Weltweit steigt die Anzahl Marathonläufer sogar Jahr für Jahr. Ein repräsentatives Bild hierzu liefert die Statistik der Wettkämpfe in den Vereinigten Staaten: Während 1975 rund 25’000 Sportler die 42-Kilometer-Distanz liefen, waren es 2005 rund 395’000. Im bisherigen Rekordjahr 2013 (neuere Zahlen sind noch nicht erhältlich) nahmen gar 541’000 Läufer an amerikanischen Marathons teil. Genauso eindrücklich sind die Finisher-Zahlen aus Wien: 1984 liefen 794 Teilnehmer über die Ziellinie des Vienna City Marathons, 2014 waren es deren 6348. Ähnlich sieht das Bild in Paris aus: Der Marathon der französischen Hauptstadt verzeichnete 28’857 Finisher im Jahr 2005 und 2014 waren es bereits 38’116.

Rational erklären lässt sich das Marathonphänomen nicht. Was also steckt dahinter? Eine vieldiskutierte Frage, die zu oft mit einer Modeerscheinung abgetan wird. Die Gründe, die Königsdistanz in Angriff zu nehmen, sind so vielfältig wie die Marathonteilnehmer. Einige stecken in einer Midlife-Krise, andere haben eine kräftezehrende Trennung hinter sich oder haben den Mammutanteil ihrer Zeit ins Geschäfts- oder Familienleben gesteckt. Marathonlaufen ist ein mehrere Monate andauerndes Projekt mit ungewissem Ausgang. Eines, bei dem es nur einen einzigen Verantwortlichen gibt oder eben nur einen einzigen Schuldigen – je nach Ergebnis. Der Langstreckler Jeff Galloway traf mit seiner Definition den Nagel auf den Kopf: «Marathon ist ein Wettstreit zwischen deinem Willen und deinen Möglichkeiten.» Darum geht es all den Mittfünfziger, die es nochmals wissen wollen – aber nicht nur. Es ist eine wertvolle Wahrnehmung bei Kilometer 37 zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Tank zwar leer ist, der Wille aber die nötigen Reserven anzapft, um es ins Ziel zu schaffen. Eine Erfahrung, die danach sowohl im Berufs- wie auch im Familienleben immer wieder Gold wert ist. Ein Unbekannter charakterisierte just diesen Moment mit dem Satz: «Du weisst nie, wie stark du bist, bis stark zu sein, die einzige Möglichkeit ist, die dir bleibt.»

Genau in diesem Augenblick verschiebt ein Marathonläufer seine ganz persönliche Grenze – oder wie Henry Ford, Gründer des gleichnamigen Automobilherstellers, zu sagen pflegte: «Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.» Denn obschon nur ganz wenige vorne um ehrenhafte Titel kämpfen, hat jeder, der an die Startlinie tritt, in der Regel einen sehr ernst zu nehmenden Gegner: sich selbst.

Oder in den Worten des Nobelpreisträgers und Schriftstellers William Faulkner: «Versuche nicht, besser zu sein als deine Zeitgenossen oder Vorgänger. Versuche besser zu sein als du selbst.» Denn Hand aufs Herz, wen schert es, ob in der Kategorie «Normalsterblich» am Schluss der Rang 575 oder 550 herausspringt? Trotzdem sollen sich Training und Strapazen auszahlen. Deshalb nehmen es etliche Marathonis mit ihrer persönlichen Bestzeit auf. Sie fordern sich selbst heraus.

Anderen ist die unberechenbare Distanz Ziel genug. Für Nike-Mitbegründer Bill Bowerman hat bereits dieser Vorsatz ganz einfach mit Mut zu tun: «Es ist nicht das Ziel, ein Rennen zu gewinnen, sondern die Grenzen des menschlichen Herzens auszuloten.» Viele der Erstlinge wissen erst hinter der Ziellinie, ob sie dem Abenteuer Marathon gewachsen sind oder nicht. Sie treten zuvor einerseits gegen die Zweifler in ihrem Umfeld an, gegen die Armee der Zeigefinger, die brüllt: «Du spinnst!» (Pur). Und geniessen im Ziel ein ganz besonderes Plaisir – oder frei nach dem französischen Dramatiker Marcel Aymé: «Das grösste Vergnügen im Leben besteht darin, Dinge zu tun, die man nach der Meinung anderer Leute nicht fertigbringt!» Andererseits beweisen sie sich selbst, dass sie zu mehr fähig sind, als sie sich selbst zutrauen. Und das ist die grösste Genugtuung! Auch diese Erkenntnis prägt nachhaltig und ist ein wertvolles Instrument in herausfordernden Situationen.

Eine der grössten Figuren der Marathonwelt, der mehrfache Olympionike in den Mitteldistanzen, Emil Zatopek, sagte vor Jahrzehnten: «Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennen lernen willst, dann lauf Marathon.» Mit dieser charakteristischen Aussage zur Königsdistanz hätte er heute den Finger auf einen wunden Punkt unserer Gesellschaft gelegt. Von der allgegenwärtigen Forderung nach «alles haben und zwar sofort» diktiert, gewinnen jene Dinge an Wert, bei welchen es keine Abkürzungen gibt. Ein Beispiel: Während früher das Traumauto nur erschwinglich war, wenn man über Jahre hinweg Geld auf die hohe Kante legte, ist es heute oft eine Frage von Wochen, bis der Kredit oder das Leasing steht. Das ist beim Marathon keine Option – 42,195 Kilometer bleiben 42,195 Kilometer. Am anspruchsvollen Training führt einfach kein Weg vorbei. Dies macht den Lauf – aber bereits auch die Vorbereitungen – zu einem Erlebnis, das kein Kredit auf der Welt möglich macht. Es braucht Leidenschaft, Mut, Wille und Geduld. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.