Wir und die Nacktwanderer

Diese Woche von Horw via Rotenflue ins Eigental LU/NW

Als wir in Horw aus dem Zug stiegen, «Horb» ausgesprochen, einem Vorort Luzerns, strahlte die Sonne. Freilich blies auch eine scharfe Bise. Ich schloss meine Wanderjacke bis unters Kinn und dachte: Jetzt nackt sein wäre lebensgefährlich. Mindestens einen Nierenschaden würde es setzen. Oder eine Lungenentzündung.

Einige Zeit zuvor hatte ich in der Zeitung gelesen, dass im Vorjahr am Schwendelberg oberhalb von Horw neun Nacktwanderer unterwegs gewesen waren. Oberhalb des gleichnamigen Restaurants brieten sie, allesamt junge Männer, an einem Waldrand Würste. Die Männer hätten, erzählte ein Restaurantgast in dem Artikel, bloss Hüte und Schuhe getragen. Das dann doch. Inkonsequentes Volk!

Der Mayatempel von Horw

Von Horws Station waren wir schnell am Siedlungsrand, passierten zuvor noch eine Art Kamin, der dick und gedrungen war. Ein Abluftkamin? Eine steile Treppe führte vom Vorplatz an seinen Fuss. An der einen, die Treppe begrenzenden Seitenwand wucherte grünes Blattwerk hoch. Das Ganze erinnerte an einen Mayatempel.

Mit dem Hang begann die Strapaze. Oben beim Schwendelberg schwitzten wir, genossen gleichzeitig vor dem Restaurant, einem beliebten Ausflugslokal, die Sicht auf den tiefblauen Vierwaldstättersee, in dem der Bürgenstock wie eine Insel hockte. Nachdem wir noch höher gestiegen waren und dabei die Buholzerschwändi geschätzt hatten, eine Wiesenlichtung von grünstem Grün, war die Sicht bei der Roteflue noch besser: Sie offerierte dasselbe Sensationsszenario bei noch mehr Seefläche. Gut, dass es einen Zaun gab, zu unseren Füssen fiel das Gelände brutal steil ab.

Via Schönenboden kamen wir zur Trämelegg, stiegen und stiegen, der Waldboden war wurzeldurchsetzt und von Buschwerk überwuchert. Dazwischen machten moorige Senken das Gehen schwer. Meine Karte zeigte an, dass wir zeitweilig knapp nicht mehr im Kanton Luzern, sondern in Nidwalden unterwegs waren. Nacktwanderer waren nicht auszumachen, kein Mensch weit und  breit. Endlich senkte sich der Pfad wieder, wir hatten den Kulminationspunkt unserer Route auf etwas unter 1300 Metern hinter uns, uff.

Wir unterquerten die Gondelbahn von Kriens zur Fräkmüntegg; weiss jeder, dass «Fräkmünt» von lateinisch fractus mons kommt? «Zerborstener Berg» hiess einst der Pilatus, der im weissen Wintergewand unser Grüpplein überragte.

Hernach ein Ort namens Mülimäs. Keine Ahnung, wie der Flurname zu erklären ist; freilich fiel mir ein, dass ich als kleines Kind statt «Mayonnaise» immer «Meiermäs» verstand und sagte. Ich meinte, die Ware aus der Tube komme von einem Herrn Meier.

Ötziwear

Nach dem stillen Wald der Dornegg und einer kleinen Gegensteigung langten wir beim Chräigütsch an, einer Art Minipass, dem Seiteneinstieg ins knapp 100 Meter unter uns sich erstreckende Eigental. Das letzte Stück war ein zufriedenes Auslaufen; wir erblickten von oben das Hotel-Restaurant Hammer, bewunderten bald darauf die Wallfahrtskapelle des Tals, liefen im Eigenthalerhof ein, in dem ich reserviert hatte.

Beim Essen fielen mir wieder die Nacktwanderer ein. Was für ein absurdes Tun! Schon der Alpenwanderer Ötzi trug vor mehr als 5000 Jahren Kleider. Leggins aus Schaffell, eine Schaffelljacke und eine Mütze aus Wolfsfell.

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Route: Horw, Station – Schwendelberg – Buholzerschwändi – Roteflue – Schönenboden – Mülimäs – Dornegg – Rosshütte – Chräigütsch – Eigental, Kapelle – Eigenthalerhof.

Wanderzeit: 41/2 Stunden.

Höhendifferenz: 1004 Meter aufwärts, 425 Meter abwärts.

Wanderkarte: 235 T Rotkreuz und 245 T Stans, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von der Haltestelle beim Eigenthalerhof direkt zum Bahnhof Luzern.

Charakter: Ziemlich steil. Zum Teil Moorboden, feucht und dreckig. Unglaublich aussichtsreich. Nach einsamen Partien hat es am Schluss im Eigental meist viel Volk.

Höhepunkte: Der Blick von der Roteflue, einem der schönsten Panoramen der Schweiz. Die Einkehr im Eigenthalerhof.

Kinder: Vorsicht auf der Roteflue!

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Schwendelberg. April bis September täglich offen ab 11 Uhr. Eigenthalerhof. Mo/Di Ruhetag. Alternative im Eigental: Hotel-Restaurant Hammer.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: Bus nach Luzern, S-Bahn nach Horw.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.