Was kommt zuerst: Das Alpstöbli oder der Regen?

Diese Woche von der Schwägalp-Passhöhe via Hinterfallenchopf und Mistelegg nach Hemberg SG


Schlierig der Himmel, warm die Luft. Am Nachmittag kämen von Westen Gewitter, hat der Radiomorgenmann gesagt. Wir sind erstens in der Ostschweiz und zweitens früh dran, es sollte also reichen, dass wir vor dem Unwetter ans Ziel kommen, nach Hemberg.

Bei der Schwägalp-Passhöhe steigen wir aus dem vollen Bus. Autos, Velos, Töfffahrer, was für ein Rummel!

Häslibeier?

Indem wir als Nahziel den Chräzerenpass wählen, sind wir all das schnell los. Noch besser: Uns wird ein Naturidyll geschenkt. Ruppig ist der Waldpfad, es geht auf und ab, Wurzeln bringen uns ins Stolpern, in den Senken ist der Boden moorig mit hilfreichen Holzstegen. Hier wachsen Heidelbeeren, Häslibeier genannt in meinem Dialekt, der zehn Kilometer entfernt gewachsen ist.

Den Chräzerenpass, einen längst bedeutungslosen Übergang vom Toggenburg ins Ausserrhoder Hinterland, haben wir schnell hinter uns. Im Gebiet Horn geraten wir in klassisches Alpgelände, wandern längere Zeit auf einem Fahrsträsschen. Gut so, bald ist da zur Rechten ein unheimlicher Abgrund. Tief unten ist das Ofenloch zu erahnen, aus dem der Necker entspringt; davon ein andermal mehr.

Bei der Alp Ellbogen beginnt der rampenartige Aufstieg zum Hinterfallenchopf, einem ziemlich unbekannten Aussichtspunkt. Rundum gupft es grün, mancherorts freilich zerschneidet eine Nagelfluh-Wand scharf den Samt. Oben Sehglück: Säntis, Stockberg, Speer und so weiter und so fort. Man erlaube mir, keine weiteren Gipfel aufzuzählen, sonst ist die Kolumne frühzeitig am Ende, weil ihr Platz ausgeschöpft ist.

Wir steigen wieder ab zur Hinteren Chlosteralp, steigen wieder auf, es kommt ein zweiter, genauso schöner und dabei ebenso unbekannter Aussichtspunkt, die Gössigenhöchi. Das Bänkli lädt zum Verweilen und Schauen, doch leider hat sich der Himmel verdüstert. Mindestens die Mistelegg wollen wir trockenen Fusses erreichen, dort unten im engen Tal des jungen Neckers gibt es eine Wirtschaft, in der ich schon als Kind war.

Also weiter. Die nächsten Kilometer geht es eigentlich nur abwärts vorbei an verwitterten Hemetli durch Wiesen und Wald in seltener Harmonie. Der Alpsteinriegel verhüllt sich nach und nach. Doch wir erreichen die Mistelegg rechtzeitig. Hinten sichtbar am nahen Horizont das Kretendorf Hemberg. Aber zuvor soll eingekehrt werden.

Wie der Vater, so der Sohn

Das Alpstöbli in der Mistelegg ist eine alte Bauernwirtschaft, wie ich sie liebe. Echt, unaffektiert, gemütlich mit einer Stube in Holz. Wirt Markus Nef, der im Winter übrigens auch Schneeschuhtouren anbietet, begrüsst uns. Als ich in den Siebzigerjahren mit den Eltern hier war, wirtete sein Vater, der Nationalrat Georg Nef. Nun also der Sohn. Gute Spätzli macht er.

Während wir essen, setzt draussen kraftvoll der Regen ein. Josephine hat keine Lust auf 50 Minuten Aufstieg nach Hemberg; sie fragt den Wirt, ob er nicht mit dem Auto… Ja, sagt er. Wir anderen verzichten heroisch, wir wollen konsequent zu Fuss gehen. In Hemberg bei der Post sind wir triefnass, im Postauto nach Wattwil laufen Wasserrinnsale über den Boden. Wir sind klamm und schlottern, Josephine hats gemütlich. Draussen ist alles grau, von der Schönheit der Landschaft nichts mehr zu sehen. Macht nichts, sie ist nun in uns als Erinnerung.

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Route: Schwägalp-Passhöhe (Bus ab Bahnhof Nesslau-Neu St. Johann oder ab Bahnhof Urnäsch) – Chräzerenpass – Horn – Ellbogen – Hinterfallenchopf – Hintere Chlosteralp – Gössigenhöchi – Chochiwees – Ritteren – Grundlosen – Geeren – Mistelegg – Alpstöbli (Restaurant) – Eggli – Hemberg Post.

Wanderzeit: 51/4 Stunden.

Höhendifferenz: 640 Meter auf-, 980 abwärts.

Wanderkarte: 227 T Appenzell, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Hemberg mit dem Postauto zum Bahnhof Wattwil.

Kürzer: Keine sinnvollen Kurzvarianten.

Charakter: Wandern im Vorland des westlichen Alpsteins, später im Neckertal. Je länger man wandert, desto einsamer. Herrliche Bergblicke.

Höhepunkte: Der Tiefblick ins Ofenloch vom sicheren Fahrsträsschen vor der Alp Ellbogen. Die Eroberung des Hinterfallenchopfs und die Aussicht rundum. Dito die Eroberung der Gössigenhöchi und die Aussicht rundum. Die Einkehr im Alpstöbli in der Mistelegg.

Kinder: Vorsicht zwischen Horn und Ellbogen auf der Höhe der Ofenlochschlucht. Der Wanderweg verläuft auf einem breiten Fahrsträsschen. Rechts der Strasse fällt das Gelände senkrecht ab. Kinder im Auge behalten.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Am Anfang und am Schluss. Sowie eine knappe Stunde vor Wanderende im Alpstöbli. Mi, Do Ruhetag.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: SBB-Fahrplan konsultieren.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

4 Kommentare zu «Was kommt zuerst: Das Alpstöbli oder der Regen?»

  • kama62 sagt:

    Diese Art von Wanderung kenne ich aus dem Skigebiet Pizol. Im Winder ist das Gebiet bekannt für Skifahren, Snowboarding, Schlitteln, Schneeschuhwandern und Rodeln. Unterhalb der Seilbahnen habe ich auch bereits zahlreiche Wanderungen durchgeführt, startend von Bad Ragaz. Mit der Bergbahn kann man eine einfache Abkürzung der Wanderung durchführen. Nach einem ergiebigen Tag kann man in der Tamina Therme, Schweiz entspannen.

  • Marc Altheer sagt:

    für einen 7-jährigen zu meistern?

  • Erwin Tuchschmid sagt:

    Betrifft Wanderung Schwägalp – Gössigenhöhe – Hemberg
    Schade, dass die monumentale Marmor-Skulptur, die auf Chabissen (Pt.1329 , NE Chlosteralp) steht, nicht erwähnt wird. Der kurze Abstecher vom Wanderweg lohnt sich aber, weil das Objekt in verschiedener Hinsicht eine absolute Ueberraschung darstellt. Wer erwartet schon mitten in einem etwas abgeschiedenen gelegenen Gelände ein tonnenschweres Kunstwerk von etwa 4 Meter Höhe und etwa 1 m Durchmesser, und das erst noch aus Carrara-Marmor. Es wurde vor zwei oder der Jahrzehnten in Carrara behauen und direkt von dort auf Chabissen gebracht. Das Werk verleiht der unmittelbaren Umgebung auch etwas mystisches. Das Objekt bleibt vielen Wandernden vielleicht deswegen verborgen, weil es, vom Hauptweg her gesehen, nur kurz und unscheinbar aufblitzt.

  • Cile Mühlethaler sagt:

    Diese von Ihnen beschriebene Wanderung haben wir teilweise auch im Winter gemacht von Lutertannen aus: viel Schnee, sehr viel Schnee, selber spuren, Nebel und kein Mensch weit und breit, der Wegweiser auf Ellbogen fast im Schnee verschwunden, prächtige alte Bergahorne auf Hübschholz, eine sehr schöne Landschaft und wenig begangen! Auch die kleine Schitour von der Mistelegg aus bis auf die Gössigenhöchi machen wir jedes Jahr mit grosser Freude; das Einkehren bei Sohn Nef (der Vater lebt in einem Stöckli nebenan) gehört dazu. Wir wohnen in Krinau im Toggenburg, unser Sohn aus Bern hat uns Ihren Artikel geschickt, den wir voll beipflichten können: die Ostschweiz hat viele schöne Naturgeheimnisse!!. Vielen Dank!

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