Früh oder nicht früh, das ist hier die Frage. Ich entscheide mich für früh, gehe um 5 Uhr 55 aus dem Haus und bin kurz vor neun schon in St. Antönien. Kurzweilig die Busfahrt von Küblis hinauf ins Dorf, das mit dem Slogan «Hinter dem Mond, links» für sich wirbt: Eine Schar Erstklässler oder so ist mit der Lehrerin unterwegs zum Skilift. Bei der einen Haltstelle stösst ein Bub dazu. «Morgä, Jamie», krähen die Kinder im Chor.
In «St. Antönien Platz» steige ich aus, belämmert von den Kindern und vom Tiefblick ins Schanielatobel. «Platz» klingt als Ortsbezeichnung immer ein wenig verwirrlich. Es ist typisch für die Walser, jene alpinen Siedlungspioniere des Mittelalters, die auch St. Antönien begründeten. Sie pflegten den Kern ihrer Orte «Platz» zu nennen: Davos-Platz, Safien-Platz usw.
Bäuchlings wie ein Curlingstein
Im Tourismusbüro erkundige ich mich, wo der Winterwanderweg nach Pany anfängt. Der Mann hinter dem Schalter erklärt es mir. Und ich stelle wieder einmal fest, wie freundlich die Leute dieses Prättigauer Seitentals sind. Das kleine und feine St. Antönien, um die kleine und feine Kirche von 1493 gruppiert, hat sich einen Rest prä-touristischer Unschuld bewahrt.
Aufwärts am Volgladen vorbei aus dem Dorf und nach der Schule das Strässchen links den Hang hinauf Richtung Aschüel, das ist der Trick. Derweil ich Höhe gewinne, fährt ab und zu ein Subaru vorbei. Bei einem Bauernhof ist die Strasse plötzlich glatt wie eine Eisbahn. Ich beginne rückwärts zu rutschen, gehe gemächlich in die Knie, beuge mich nach vorn, dann falle ich auf die Hände und rutsche bäuchlings vier, fünf Meter talwärts wie ein Curlingstein. Gut, hat es niemand gesehen.
In einem Tunnel unterquert die Strasse die Skipiste, dann kommt ein Abzweiger mit Sommerwegweisern, ich gehe links, Richtung Pany. Die folgende lange Passage bis zum Chrüzhof ist das Filetstück meiner Route: Unter dem Kreuz, auch «Rigi des Prättigaus» geheissen, steige ich zuerst durch stillen Wald aufwärts. Dann kommt im freien Gelände ums Capöllerbüel die Weitsicht. Ich habe im Rücken die Felsmauer der Drusenfluh, vor mir aber zur Linken die Berge um Klosters und Davos und geradeaus die Hochwangkette. Die Schönheit des Szenarios raubt mir den Atem.
Die Meerestiere von Pany
Die Sonne wärmt mich jetzt, nachdem ich zuvor fror, weil ich in der Morgenkälte gestartet war. Die Bodenhütte finde ich weiter unten leider geschlossen vor. Die fehlende Viertelstunde bis elf Uhr warten mag ich nicht, obwohl der Hüttenweiler seine Poesie hat mit den dick wattierten Dächern und dem sonnengeschwärzten Holz. Ich nehme mir vor, in Pany zu essen.
Nach dem Chrüzhof, einem Bauernhof mit Wirtschaft, wird zur Skilift-Talstation hinab alles gewöhnlich, die letzte Viertelstunde gehe ich auf der Strasse. In Pany nehme ich bei «Don Antonio» die empfohlenen Spaghetti allo scoglio mit Muscheln, Tintenfischchen, Crevetten. Sie munden. Hernach, als ich vollen Bauches wieder auf die Strasse trete, kost mich die Sonne, dass ich nicht schon heimreisen mag. Ich wandere, schlittere, rutsche auf dem Sommerwanderweg über gefrorene Fusssstapfen noch ein Dorf tiefer.
In Luzein formuliere ich, berauscht vom gleissenden Licht, die Bilanz der Wanderung in einem Satz, der da lautet: Im Prättigau ward mir die Erleuchtung zuteil.
Route: St. Antönien-Platz – Abzweiger Aschüel – Aschüel – Capöllerbüel – Bodenhütte – Chrüzhof – Skilift Pany, Talstation – Pany – Sommerwanderweg – Luzein, Alte Post (Bus).
Gehzeit: 2 ½ bis 3 Stunden bis Pany. Zusätzlich 30 Minuten für das Stück Pany – Luzein.
Höhendifferenz: 350 Meter auf-, 800 abwärts für die ganze Strecke St. Antönien – Luzein.
Charakter: Nach St. Antönien und vor Pany Strässchen, zum Teil vereist oder schneebedeckt, zum Teil aper. Im Mittelteil gewalzte breite Piste durch den Schnee. Mittlere Anstrengung. Gewaltige Aussicht.
Höhepunkte: St. Antönien, seine kleine, feine Kirche, der Kirchfriedhof. Und der perfekte Winterwanderweg ums Capöllerbüel mit den Bergen rundum.
Tipp: Der Weg ist vielbegangen. Am besten unter der Woche oder früh!
Auskunft/Prospekt: www.st-antoenien.ch, dann «Tourismus». Es gibt in der Gegend weitere schöne Pfade.
Einkehr: St. Antönien, Bodenhütte, Chrüzhof (www.chruezhof-pany.ch), Pany, Luzein.
Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com







Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
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Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 























































































