Aufs Heiratsalter der Frauen kommt es an – oder auch nicht

A wedding cake at the wedding exhibition in Zurich, Switzerland, pictured on January 9, 2016. (KEYSTONE/Christian Beutler) Hochzeits- und Festmesse in Zuerich am 09. Januar 2016. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Gibt das Heiratsverhalten Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Entwicklung? Eine Hochzeitstorte an einer Hochzeitsmesse. Foto: Christian Beutler (Keystone)

In der Wachstumstheorie gilt heute als ausgemacht, dass die Qualität der Institutionen entscheidend ist. Wohlhabende Länder haben garantierte Eigentumsrechte, eine domestizierte Exekutive und eine unabhängige Justiz installiert. Wenn hingegen Rechtsunsicherheit und Willkür herrschen, kann sich die Ökonomie nicht entfalten.

Wie gute Institutionen entstehen, ist hingegen umstritten, und es wird auch kaum möglich sein, einen Konsens herzustellen. Die Sache ist zu komplex. Im Einzelnen ist unklar, was Ursache und was Wirkung ist.

So wird nach wie vor über die These von Max Weber debattiert. Max Weber glaubte, dass Reformierte und Protestanten aus theologischen Gründen wirtschaftsfreundlicher gesinnt waren als Katholiken. Aber war die unterschiedliche Wirtschaftsgesinnung zwischen den Konfessionen eine Ursache, oder war sie nicht schon das Ergebnis von sozioökonomischen Entwicklungen vor der Reformation?

Dieselbe Frage kann man in Bezug auf das europäische Heiratsverhalten stellen. Seit dem bahnbrechenden Aufsatz von John Hajnal aus dem Jahr 1965 hat sich eingebürgert, die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung zwischen Westeuropa und den übrigen angrenzenden Gebieten auf diesen Faktor zurückzuführen.

Ausgangspunkt der Argumentation ist die Beobachtung, dass das Heiratsverhalten in Westeuropa bereits ab dem 16. Jahrhundert in dreierlei Hinsicht speziell war:

  • Frauen heirateten für die damaligen Verhältnisse besonders spät (zwischen 20 und 30).
  • Eine besonders hohe Zahl von Frauen blieb unverheiratet.
  • Die Zahl der Kernfamilien (v. a. ohne Grosseltern) war besonders hoch.

Die Hajnal-Linie zwischen Westeuropa und den angrenzenden Gebieten ist im Folgenden abgebildet. Westlich der roten Linie war das Heiratsalter der Frauen vor etwa 500 Jahren relativ hoch, östlich davon war es relativ tief (zudem auch in Finnland, Irland und im Süden Portugals, Spaniens und Italiens).

Der nächste Schritt ist die Verbindung zu den Institutionen und zum Wirtschaftswachstum. Das Standard-Argument ist, dass das westeuropäische Heiratsverhalten (European Marriage Pattern, EMP) mindestens drei positive Effekte hatte:

  • Das EMP bremste das Bevölkerungswachstum. Dadurch stabilisierte sich das Pro-Kopf-Einkommen.
  • Das EMP stärkte die Stellung der Frauen, was über die Zeit zu einem höheren Humankapital der Bevölkerung führte. (Analog zur heutigen Beobachtung, dass eine höhere Alphabetenrate der Frauen in armen Ländern eine wesentliche Bedingung für die Verbesserung von Institutionen ist.)
  • Das EMP erhöhte die Autonomie der Familie. Dadurch war die Macht der Tradition schwächer als in Grossfamilien ausserhalb Westeuropas.

Die Theorie ist elegant. Sie verbindet Mikrostrukturen mit makroökonomischen Ergebnissen, zeigt schön die kausalen Ketten auf und kann mit einem einzigen Kartenbild symbolisiert werden. Nur stellt sich wiederum die eingangs gestellte Frage: Was ist Ursache und Wirkung?

Die Gebiete westlich der Hajnallinie waren bereits zu der Zeit, als sich das unterschiedliche Heiratsverhalten herausbildete, wohlhabender als die östlichen Gebiete bzw. die Peripherie im Norden, Westen und Süden. Und dann gibt es Stimmen, die darauf hinweisen, dass die Korrelation zwischen EMP und Wohlstand zu wenig stark ist, um als Regel zu gelten. Eben ist ein neuer Disput ausgebrochen (hier).

Wie entstehen also gute Institutionen? Durch spätes Heiraten der Frauen – oder auch nicht.