Europas Kriechgang

(Keystone/Mario Vedder)

Spekulationen ins Blaue: Die grosse Unsicherheit an Europas Finanzmärkten drückt auf die Kurse. (Keystone/Mario Vedder)

Seit Anfang Jahr herrscht an den Finanzmärkten grosse Unsicherheit. Niemand weiss, wohin die Reise gehen wird. Also versuchen viele, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen oder abzuwarten. Das drückt auf die Kurse.

Es sind allerdings nicht nur die Börsenkurse, sondern auch die neusten Wirtschaftsdaten, die Anlass zur Sorge geben. Vor allem in Europa sieht es weniger gut aus.

Die Industrieproduktion schrumpfte im November um 0,5 Prozent und im Dezember um 1,0 Prozent gegenüber dem Vormonat. Der verhaltene Aufschwung, der 2014 einsetzte, scheint schon wieder vorbei zu sein. Besorgniserregend ist vor allem, dass die Abschwächung flächendeckend ist: Alle grossen europäischen Länder haben einen markanten Rückgang erlitten.

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Natürlich sind zwei Monate eine kurze Frist. Aber wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Ölpreis seit längerem tief ist und die Europäische Zentralbank (EZB) aus allen Rohren schiesst, muss man die Zahlen durchaus ernst nehmen.

Wo liegt das Problem?

Zuallererst liegt es an der Währungsunion selbst, das heisst an den oft beschriebenen strukturellen und politischen Widersprüchen (hier ein paar Artikel). Die oben abgebildete Grafik zeigt eindrücklich, dass die Industrieproduktion seit fünf Jahren (!) stagniert – Europa kommt nicht aus dem Loch. Eine solch enttäuschende Wachstumsphase lässt sich nicht allein auf konjunkturelle Sonderfaktoren zurückführen. Die Gründe liegen tiefer.

Bei der jüngsten Verlangsamung scheint aber noch etwas anderes mitzuspielen, wie ein Ökonomenteam vermutet (hier). Offenbar schwappt die lahmende US-Konjunktur auf die Eurozone über, nachdem die Finanzkrise und die Eurokrise zu einem Auseinanderdriften der beiden Wirtschaftsräume geführt haben.

Die folgende Grafik zeigt, wie der Abstand zwischen der US-Konjunktur und der Eurokonjunktur wieder kleiner geworden ist. In Zukunft, so die Behauptung, dürfte die Eurokonjunktur wieder der US-Konjunktur folgen – jeweils mit einer Verzögerung von ein paar Monaten. Die schraffierten Flächen markieren die Rezessionen (rot: USA, blau: Eurozone). Die durchgezogenen Linien sind die GDP-Prognosedaten.

 

Das mag eine banale Einsicht sein, ist aber vor dem Hintergrund der Diskussion der vergangenen fünf Jahre bemerkenswert. Als die US-Finanzkrise ausbrach, war vielerorts die Rede von einer Entkoppelung. Einige glaubten, die Schwellenländer stünden nun auf eigenen Beinen, andere prophezeiten einen geldpolitischen Alleingang Europas.

Das scheint nun immer unwahrscheinlicher zu sein. Es gelten offenbar immer noch die alten Abhängigkeiten, und die USA sind immer noch das Zentrum der Weltwirtschaft.