Die vergessenen internationalen Finanzströme

Never Mind The Markets

Komplexe Finanzströme: Händler an der New Yorker Börse. Foto: Lucas Jackson (Reuters)

Nicht nur im nationalen, auch im internationalen Kontext geht die gängige Wirtschaftstheorie zu wenig auf die Bedeutung der Finanzströme und der Banken ein. Das hat gefährliche Konsequenzen.

Dass es die Banken sind, die am Ursprung der Geldschöpfung in einem Land stehen, war Thema dieses Beitrags. Auch im internationalen Zusammenhang, bei den grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen, spielen Banken und Geldströme eine wichtigere und auch eine problematischere Rolle, als sie ihnen von den Lehrbüchern zuerkannt wird. Die gängige Betrachtung der Leistungsbilanz bzw. Zahlungsbilanz sieht für sie nur eine passive Rolle vor. Im Zentrum stehen dort Güterbeziehungen.

Der Reihe nach:

Internationale Wirtschaftszusammenhänge werden vielfach schon in der gängigen Leistungsbilanz-Sicht nicht ausreichend verstanden. Meist deshalb, weil ein Land mit einem Unternehmen verglichen wird und daraus die total verkehrte Schlussfolgerung gezogen wird: Je mehr ein Land ins Ausland verkauft, desto besser.

Tatsächlich besteht der ökonomische Zweck des Aussenhandels im Austausch, nicht in der Anhäufung von Kapitalanlagen im Ausland. Schauen wir uns dazu die Leistungsbilanz an: Nettoexportüberschüsse (NX) aus einem Land A – Land A exportiert mehr, als es importiert – bedeuten, dass es die Einkünfte aus diesen Exporten nicht für die Binnenwirtschaft nützt und diese im Ausland belässt.

Nettoexportüberschüsse eines Landes bedeuten also, dass es im Inland auf den Konsum mindestens eines Teils der eigenen Produktion verzichtet – diesen Verzicht nennen Ökonomen Sparen (S) – und dass es die inländischen Ersparnisse nicht vollständig für inländische Investitionen (I) braucht. Es gilt also

NX = S – I

Die simple Herleitung dieser Identität war Thema dieses Beitrags. Netto kann nur mehr ins Ausland abfliessen, als im Inland verzehrt wird, wenn nicht die ganze inländische Produktion im Inland verbraucht wird. Irgendwo in der Welt müssen sich aber entsprechende Nettoimportüberschüsse zeigen. Andere Länder müssen mehr investieren bzw. konsumieren, als sie produzieren.

Diese Betrachtungen aus der Leistungsbilanz lehren alleine schon, dass Nettoexportüberschüsse problematisch sein können. Doch diese Betrachtung – für sich schon oft falsch verstanden – zeigt uns wie eingangs angetönt nur die halbe Geschichte, und sie kann zu Missverständnissen führen.

Gehen wir nun einen Schritt weiter und schauen uns an, welche Rolle Banken und Geldströme spielen. In einer neuen Studie gehen die Ökonomen Claudio Borio und Piti Disyatat von der Bank für Internationale Zusammenarbeit (BIZ) darauf ein. Sie machen das anhand einer Reihe von einfachen Beispielen, die es wert sind, hier wiedergegeben zu werden. Starten wir mit dem ersten:

Geldstroeme aus B

Das Beispiel zeigt Land A mit Nettoexportüberschüssen. Um das Beispiel einfacher (wenn auch unrealistisch) zu machen, konsumiert das Land gleich überhaupt nichts und exportiert die gesamte Produktion ins Ausland. Der Konsum in A ist daher gleich null, das Sparen (S) dort gleich gross wie die gesamte Produktion von A (Y). Der Nettoexportüberschuss ist daher ebenfalls die gesamte Produktion von A (Y). Land B dagegen verzeichnet einen Nettoimportüberschuss im Ausmass der Produktion von A (Y). B nutzt diese Importe für Investitionen in Lagerhäuser. In einer weiteren Periode verkauft das Land die Produkte wieder an A zurück. (Diese künftige Periode betrachten wir hier nicht, weil sie für den zu zeigenden Zusammenhang nicht entscheidend ist. Mehr dazu in der Originalstudie).

In der klassischen Leistungsbilanz-Sicht müsste nun Land B gegenüber Land A im Ausmass von Y verschuldet sein. Gehen wir jetzt auf die Rolle der Banken ein: In diesem ersten Beispiel befinden sich alle Banken in B (alle Beispiele unterscheiden sich nur im Standort der Banken). Die Banken in B liefern vorab die Kredite an die Produktionsfirmen in A und für die Einkäufe der Nettoexporte aus A an die Lagerhäuser in B.

Jeder der Kredite kreiert Depositen: Mit dem Kredit an die Produktionsfirmen müssen diese für Kapital und Löhne der Haushalte aufkommen. Die Haushalte belassen diese Einkünfte als Depositen bei den (einzigen) Banken in B. Den Kredit an die Lagerhäuser in B benützen diese für die Zahlung an die Produktionsfirmen in A als Entgelt für die gekauften Produkte. Die Produktionsfirmen von A wiederum belassen auch dieses Geld als Depositen bei den Banken in B.

Die Verschuldung von Land B als Folge des Nettoexportdefizits besteht nun nicht gegenüber Land A, sondern gegenüber den eigenen Banken. Land A hat ein entsprechendes Guthaben bei diesen Banken. Tatsächlich sind die Kredite (und entsprechenden Depositen) sogar doppelt so hoch wie die Produktion von A (und der gleich hohe Nettoexportüberschuss), weil die Produktion gleich hohe Kredite erfordert hat wie die Finanzierung des Kaufs dieser Produktion durch B.

Der einzige Unterschied zur obigen Grafik ist bei der folgenden, dass sich hier die Banken nicht in B, sondern in A befinden:

Geldstroeme aus A

Wiederum besteht der Nettoexportüberschuss von A im vereinfachten Beispiel im Gesamtprodukt (Y) von A. In B entspricht das dem Nettodefizit. Doch diesmal nehmen die Produktionsfirmen in A die Kredite bei den (einzigen) Banken in A auf, wie auch die Lagerhäuser von B. Die Kredite schaffen die Depositen und finanzieren/ermöglichen die Produktion genau wie im obigen Beispiel. Jetzt aber sind die Lagerhäuser in B am Ende gegenüber den Banken in A verschuldet, während die Unternehmen in A ein entsprechendes Guthaben aufweisen, zusätzlich aber für die Produktionskredite hier bei den eigenen Banken verschuldet sind, während die Haushalte für die Entlöhnung der von ihnen bereitgestellten Produktionsfaktoren (Kapital und Arbeit) dort Depositen halten.

Zwischenfazit: Wie deutlich wird, trifft die oben beschriebene Leistungsbilanz-Logik noch immer zu, nämlich dass die Leistungsbilanzdefizite in B nur dank dem Konsumverzicht bzw. Sparen und Investitionsverzicht in A möglich wurden, bzw. dass die Nettoexportüberschüsse von A die Netttoimportüberschüsse in B bedingen. Die Finanzierungsbedingungen, also die Schulden- und Guthabenverhältnisse, sind aber nicht von der Leistungsbilanz abhängig, sondern einzig davon, wer die Finanzierung von wo aus vorgenommen hat. Die Banken und ihr Standort sind entscheidend.

Das wird im letzten Beispiel besonders deutlich. Hier nehmen wir an, dass die Banken in keinem der beiden Länder ansässig sind, die miteinander Handel treiben, sondern in einem Drittland C.

Geldstroeme aus C

An der Leistungsbilanz verändert sich im Vergleich zu den bisherigen Beispielen wiederum überhaupt nichts. Wieder resultiert der gleiche Nettoexportüberschuss von A gegenüber B wie in den vorigen Beispielen, bzw. das entsprechende Aussenhandelsdefizit von B. Was ändert, sind wiederum nur die Finanzierungsströme. In diesem Fall sind es die Kredite der Banken in C (das keinen Handel mit A und B treibt), die die Produktion in A und die Käufe durch B finanzieren und dadurch möglich machen. Entsprechend ist am Ende Land B bei den Banken in C verschuldet, und A hat bei ihnen ein entsprechendes Guthaben.

Zugegeben, die ganze Betrachtung war bisher ziemlich theoretisch. Das war notwendig, um die Sache nicht zu kompliziert zu machen. Zum Schluss für dieses Mal ein paar allgemeine Schlussfolgerungen, die Hinweise auf die grosse Bedeutung der obigen Betrachtungen liefern bzw. auf die von der klassischen, Güterstrom-basierten Leistungsbilanz-Sichtweise unterschätzten Risiken der Rolle von Banken und von Finanzströmen:

  • Die Aussagen über die Guthaben- bzw. Schuldverhältnisse zwischen Ländern lassen sich aus den Leistungsbilanzen (Nettoexportüberschüsse oder -defizite) nur unter sehr eingeschränkten und unrealistischen Bedingungen lesen. Etwa dann, wenn alle Finanzierungen nur durch die Banken im eigenen Land erfolgen. Ansonsten sind die Guthaben- und Schuldverhältnisse viel komplexer und verwobener und wie erwähnt von den Banken bzw. Finanzierungsverhältnissen abhängig. Damit sind die Risiken weniger einfach zu erkennen – die sich etwa durch eine Gefährdung des Finanzsystems durch Fehlinvestitionen ergeben.
  • Die in der Leistungsbilanz im Vordergrund stehenden Nettowerte (Nettoüberschuss oder Nettodefizit) sind ungenügend. Die Bruttobetrachtung wird sehr viel wichtiger, da sie nicht gleich alle Finanzströme saldiert. Wenn zum Beispiel bei Krediten nach Land A und aus dem Land A hinaus (bzw. bei Rückzahlungen) nur der Saldo betrachtet wird, bleiben die Risiken unbeachtet, die sich durch einen Zahlungsausfall in die eine oder andere Richtung ergeben können. In diesem Sinne kann auch aus einer ausgeglichenen Leistungsbilanz nicht geschlossen werden, dass keine Risiken bestehen.
  • Finanzierungen sind nicht so passiv, wie in der herkömmlichen Theorie gedacht. Sie sind nicht nur das Ergebnis der konkreten Produktionsstruktur, sondern oft auch ihre Ursache. So wäre die Blase an den spanischen Immobilienmärkten in den 2000er-Jahren unmöglich gewesen, hätten nicht internationale Banken dort massive Investitionen getätigt. Generell: Finanzströme können Fehlentwicklungen in der Realwirtschaft fördern oder sogar initiieren.
  • Schliesslich ist auch der Einfluss auf die Währungen komplizierter, als es die herkömmliche Leistungsbilanz-Sicht suggeriert. Das ist nur die Konsequenz der Finanzierungsströme. Welche Währung sich aufzuwerten oder abzuwerten droht, hängt stark von diesen Finanzverhältnissen ab und von der Währung, in der diese anfallen. Wie das letzte der obigen Beispiele deutlich gemacht hat, kann hier auch die Währung eines Landes (wie oben C) eine Rolle spielen, das noch nicht einmal in den direkten Handel mit anderen betroffenen Ländern (wie im Beispiel A und B) verwickelt ist. Ein Praxisbeispiel dafür ist die Rolle der US-Banken und anderer Finanzinvestoren, die die Währungsverhältnisse zwischen vielen Ländern allein durch die Finanzierungsströme beeinflussen und vielfach bedrohen, während die Handelsbeziehungen eine im Vergleich dazu untergeordnete Rolle spielen.