Die vergessene Insel

Nur noch ein Schatten: Ein Demonstrant verschwindet hinter einer zypriotischen Flagge. (Reuters/Yorgos Karahalis)

Nur noch ein Schatten: Ein Demonstrant verschwindet hinter einer zypriotischen Flagge. (Reuters/Yorgos Karahalis)

Vor einem halben Jahr interessierte sich die ganze Welt für Zypern. Heute liest man kaum mehr etwas über die Mittelmeerinsel. Was ist passiert? Sind die Probleme gelöst?

Kurze Rückblende: Zypern kämpfte im März 2013 mit einer klassischen „Drillingskrise“, d. h. einem kollabierenden Bankensektor, einem überschuldeten Staatssektor und einer sich beschleunigenden Kapitalflucht. Daraufhin ergriffen die Behörden Massnahmen, die ebenfalls einem klassischen Muster folgten: Bankensanierung, staatliches Sparprogramm und Kapitalverkehrskontrollen. Die Geschichte wiederholt sich.

Beim ersten Rettungspaket hätten auch die einfachen Sparer bluten müssen. Das wurde zum Glück rückgängig gemacht, aber nur schon die Ankündigung hatte eine verheerende Wirkung. Das Vertrauen in das Krisenmanagement der Euroländer sank auf einen neuen Tiefpunkt. Der Londoner Investor Pawel Morski schrieb treffend: «No human agency has achieved so much economic destruction in such a short time without the use of weapons.»

Die Massnahmen haben den Kollaps des Bankensystems und den offenen Staatsbankrott erfolgreich verhindert. Aber wie die neusten Zahlen zeigen, ist die Lage weiterhin dramatisch. Zypern steckt in einer schlimmen Krise.

  • Die Wirtschaft dürfte dieses Jahr um 15 Prozent schrumpfen – das ist ein absoluter Rekord, selbst im Vergleich zu Griechenland. Die Arbeitslosigkeit wird bald 20 Prozent betragen.
  • Die Bankkunden ziehen ihr Geld von den Banken ab. Schätzungen reden von 30 Millionen Euro pro Tag. Das ist eine hohe Summe angesichts der Tatsache, dass Bankkunden nur einen kleinen Betrag pro Tag abheben dürfen. Die Zyprioten trauen ihrem eigenen Euro nicht mehr, da er nicht mehr frei umtauschbar in den „richtigen“ Euro ist.

Es ist seit langem klar, was geschehen muss, um die Abwärtsspirale zu beenden. Als Erstes müssten die Euroländer bei der Sanierung des Bankensystems helfen. Zweitens braucht Zypern einen Schuldenschnitt im Austausch gegen Reformen. Es handelt sich um relativ kleine Summen, die notwendig wären.

Doch leider besteht nach wie vor keine Einigkeit in diesen Fragen. Es gibt nun eine gemeinsame Bankenaufsicht (Single Supervisory Mechanism), aber das reicht nicht, um die Eurokrise zu lösen. Man tut nur gerade so viel, um den Kollaps des Euro zu verhindern, und vertraut darauf, dass die Wirtschaft irgend einmal wieder anzieht.

Olli Rehn, der Währungs- und Wirtschaftskommissar in Brüssel, versucht periodisch gute Stimmung zu verbreiten. In einem der neusten Beiträge auf seinem Blog lobt er Spaniens Reformmassnahmen und bemüht ein Lied von Bob Dylan, um seine Einschätzung zu illustrieren. Man muss nicht ein guter Kenner von Dylans Musik sein, um zu erkennen, dass der Vergleich kaum schiefer ausfallen könnte:

«Something is happening here. But you don’t know what it is. Do you, Mr. Jones?» That’s Bob Dylan at the cultural and social turning point in the mid-1960s. Something is happening in today’s European economy as well…

Der französische Präsident François Hollande hat am Nationalfeiertag verkündet, dass die Krise vorüber sei: «La reprise économique, elle est là.» Die positiven Daten zum zweiten Quartal (+0,5 Prozent) schienen seine Aussagen zunächst zu bestätigen. Aber wiederum erwies sich der Optimismus verfrüht. Die neusten Zahlen zur französischen Industrieproduktion sind klar negativ. Auch die gesamte Eurozone verzeichnete im Juli eine weitere Schrumpfung der Industrieproduktion (Eurostat).

Im Endeffekt spielt es ohnehin keine Rolle, ob das französische BIP-Wachstum leicht negativ oder leicht positiv ausfällt. Tatsache ist, dass ein grosser Teil der Eurozone in einer Depression gefangen ist, d.h. eine schnelle wirtschaftliche Erholung ist auf Jahre hinaus nicht in Sicht. Die Schweizer Exporteure sind deshalb gut beraten, wenn sie die Erschliessung von aussereuropäischen Märkten vorantreiben – je schneller desto besser.