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Die Zeit war reif

Christian Andiel am Mittwoch den 20. Januar 2016
Auf der Suche nach neuen Herausforderungen: Fussball-Kommentator Marcel Reif. Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Auf der Suche nach neuen Herausforderungen: Fussball-Kommentator Marcel Reif. Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Was ist das eigentlich für eine Meldung gewesen? Ein Sportjournalist beendet seine Tätigkeit bei einem TV-Sender, und alle berichten darüber. «Who cares», würde ein Schweizer TV-Macher dazu fragen. Wenn in Zeiten des schwindenden Bedürfnisses an hintergründiger, kritischer Information jeder Journalist öffentlich verabschiedet würde, so bliebe in den Zeitungen noch weniger Platz für das wirklich Wichtige.

Aber der genannte Journalist ist eben nicht irgendjemand. Marcel Reif, zuletzt beim Bezahlsender Sky für die Kommentierung von Fussballspielen zuständig, mag nicht mehr. Der gebürtige Pfälzer war einst tatsächlich so etwas wie ein Hoffnungsträger all derer, die das chauvinistische, peinliche Geschrei eines Heribert Fassbender («Der Koeman, der heisst schon so, dem würde ich auch nicht über den Weg trauen.») und Kollegen einfach nicht mehr aushalten konnten.

In Anlehnung an den wortgewaltigen Literaturpapst der FAZ bekam Reif den Übernamen Marcel Reif-Ranicki. Reif beeindruckte mit klaren Analysen, mit Wortwitz, Distanz zum Geschehen und Ironie. Das war neu, das war gut, witzig und originell. Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte er 1998 beim Spiel der Champions League zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund, als ein Tor umfiel und Reif mit dem damaligen Studiomoderator Günther Jauch während sage und schreibe 76 Minuten ein wahres Feuerwerk zündete an Kommentaren, Sprüchen und ironischen Bemerkungen zum peinlichen Treiben, bis dann endlich ein neues Tor installiert war und die Partie beginnen konnte. «Nie hätte ein Tor dem Spiel so gut getan wie heute», war einer der so schlichten wie genialen Sätze von Reif.


Das «Tor von Madrid». Quelle: Youtube

Begann in diesem Moment der Wandel des Marcel Reif? Mit dem Bayerischen Fernsehpreis, den er und Jauch für den Madrider Auftritt völlig zu Recht erhalten hatten, mit dem Grimmepreis 2003 war er dem Literaturpapst noch näher gerückt. Reif war nun eine Berühmtheit jenseits des Fussballs, er war endgültig «Kult», und er nahm diese Rolle noch so gerne an. Fortan sah er sich offenbar bemüssigt, jeder noch so banalen Beobachtung höhere philosophische Weihen zu verleihen, jede noch so lahme taktische Variante als geniales Tun eines Grossen des Trainerberufs zu verkaufen, jede noch so dämliche Aussage rund ums Spiel als ewig gültige Wahrheit zu verkaufen.

Auch Anchormänner waren einmal jünger: Marcel Reif (links) und Günther Jauch nehmen 1998 den Bayerischen Fernsehpreis für ihre Berichterstattung zum «gefallenen Tor» in Madrid entgegen. Foto: Reuters

Die Idee dahinter war klar: Je grösser das ist, was Reif so kunstvoll be- und umschreibt, umso grösser wird der Berichterstatter selbst. Reif wurde zum Paradebeispiel dafür, wie schädlich es ist, wenn der Journalist sich selbst wichtiger nimmt als das, worüber er eigentlich kritisch und unabhängig berichten sollte. Und das führt eben auch dazu, dass man sich irgendwann der Umarmungen aus der Branche nicht mehr erwehren kann. Vor allem der FC Bayern München tut sich dabei stets geschickt hervor, er weiss, wen er wann wie steuern muss. So bekam man bei Reif zunehmend den Eindruck, er habe neben seinem Herzclub aus der Heimat Kaiserslautern einen zweiten Favoriten. Was freilich keinesfalls die heftigen Angriffe von Dortmunder Fans auf Reif nach einer mehr als unnötigen Bemerkung des damaligen BVB-Trainers Jürgen Klopp rechtfertigte.

Es ist mittlerweile kein Verlust mehr, wenn Marcel Reif nun aufhört. Es war ein herber Verlust, als er begann, den Kultstatus zu leben, den ihm auch die Medien zuschrieben. Reif will neue Herausforderungen suchen, so heisst es. Es wäre schön, wenn er sie wieder so findet, dass wir daran teilhaben können.

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und träumen darf man ja von Europa und Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

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4 Kommentare zu “Die Zeit war reif”

  1. teresa mandola sagt:

    nenene, herr andiel, der marcel reif ist gebürtiger pole, erst später wurde er pfälzer. ein detail, werden sie sagen. aber so ists richtig.

  2. Remo Nydegger sagt:

    Wer das Niveau der Berichterstattung und der Kommentatoren der BBC kennt, kann hier nur zustimmen. Reif & Co. sind dagegen pures Mittelmass.

  3. Reif forever sagt:

    Blasser Neid Christian – blasser Neid – so eine Kolumne wäre mit genügend Selbstwert nie entstanden und wäre mit Korf’s Brille von Morgenstern nie gelesen worden…..

  4. Bruno Froehlich sagt:

    Dem ist nichts beizufuegen, gut das geschriebene Bild von Reif, diesem begnadeten Reporter zu wuenschen, dass ihm die Reife eine neue Herausforderung beschert, zu seiner Befriedigung, vielleicht auch wieder einer breiten Oeffentlichkeit. Alles Gute Marcel Reif fuer vollreife Zeiten.

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