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«Höggschden Reschpäggd, bitte!»

Christian Andiel am Dienstag den 28. Juli 2015

Grübelt an der nächsten psychologischen Meisterleistung: Alexander Zorniger, Trainer des VfB Stuttgart. Foto: Keystone

Die Bundesliga beginnt erst Mitte August, aber eines ist schon klar: Der VfB Stuttgart, eben noch dem Abstieg entronnen, wird in der kommenden Saison ganz oben mitspielen. Warum das so ist? Weil der neue Trainer Alexander Zorniger mit sensationellen Betreuungsmethoden aufhorchen lässt, die selbst einen Pep Guardiola zum Spiessbürger degradieren. Die Stuttgarter Spieler dürfen nämlich Kopfhörer nur noch nach Vorgabe des Trainers tragen.

Zorniger macht sich dabei nicht nur modemässig Sorgen, weil es unschön sei, wenn 1,70 Meter grosse Spieler Micky-Maus-Ohren herumtragen, die grösser seien als sie selbst. Dieser Grund allein wäre ja doof, aber das ist Zorniger nicht. Er sagt im Gespräch mit der «Sportbild»: «Im Mannschaftsbus dürfen Spieler Kopfhörer tragen, nicht aber in der Öffentlichkeit.» Gerade in einem Teamsport dürfe man sich nicht abschotten. Nun macht diese Aussage zwar keinen Sinn: Denn müssten im Teamsport nicht gerade im Teambus die Ohren aufnahmebereit für die Teamkollegen und den Teamtrainer sein?

Götze

Kaum 1,70 m, aber Kopfhörer wie ein Grosser: Ach, wie viele Tore hätte Mario Götze im WM-Final wohl erzielt, wenn er nicht immer diese Dinger tragen würde? Foto: mario-goetze.com

Aber egal, denn Zorniger will seine Spieler vermutlich zu Respekt erziehen. Ein sehr wünschenswertes Unterfangen, junge und jüngere Menschen überzeugen nicht geradezu durch ein Übermass dieser altertümlichen Charaktereigenschaft, die so was von 20. Jahrhundert ist. Sollte Zornigers Motto «Kopfhörer weg, Respekt da» funktionieren, wäre die Welt tatsächlich ein kleines Stückchen besser. Warum bloss glaub ich nicht daran? Und warum bloss glaub ich nicht, dass auch Zorniger seinen Schützling, der gerade einen Gegenspieler ins Spital gegrätscht hat, laut schimpfend vom Platz nehmen und für zwei Monate zu den Amateuren stecken wird? Das wäre doch mal eine Möglichkeit, die Respektsdebatte zu lancieren.

Vielleicht will Zorniger aber auch bloss die urtümlichen schwäbischen Werte zurückbringen zum VfB. Rechtschaffenheit, Bescheidenheit, Bodenständigkeit, und dazu gehört natürlich «höggschder Reschpäggd», wie Landsmann Joachim Löw nicht anders sagen würde (wobei wir beim deutschen Nationaltrainer noch keine Kopfhörer-Allergie festgestellt haben).

Absurde Trainervorgaben sind nicht die Erfindung von Zorniger, der es übrigens auch zuvor mit Red Bull Salzburg nicht in die Champions League geschafft hat, obwohl er sein Kopfhörerverbot dort bereits praktizierte. Da gab es einmal in Köln den Trainer Karl-Heinz Heddergott, der die Spieler vor jeder Trainingseinheit dreimal ein Hipphipphurra brüllen liess, ehe diese vor Lachen derart schief über den Platz liefen, dass Heddergott gerade einmal ein paar Wochen auf der Bank überlebte. Oder nehmen wir Felipe Scolaris Verbot von «Akrobatiksex» bei der Heim-WM 2014. Sex, so Hobbytherapeut Scolari, sei ja grundsätzlich in Ordnung, «aber es gibt bestimmte Formen, bestimmte Arten», die im Umfeld einer WM eben nicht dienlich seien (auch wenn dabei an keiner Körperstelle ein Kopfhörer getragen wird). Möglicherweise sind seine Spieler im Halbfinal gegen Deutschland deshalb so voller Scheu vor jedem Körperkontakt, ja geradezu verklemmt, herumgelaufen.

Apropos Brasilien. Man würde ja wirklich gerne sehen, wie ein Neymar schaut, wenn ihm Trainer Zorniger verbietet, Kopfhörer zu tragen. Das wär ein Spektakel. Allein, die Wahrscheinlichkeit, dass diese beiden Figuren in dieser Konstellation aufeinandertreffen, ist doch eher gering. Und zwar fast so gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass Zorniger an Weihnachten noch VfB-Trainer ist, wenn er dereinst unterm Baum hockt und seine neuen, fetten Dr.-Dre-Kopfhörer auspackt.

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und ganz sicher, dass der FC auch in der Saison 2016/17 keine Montagsspiele bestreiten wird.

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4 Kommentare zu “«Höggschden Reschpäggd, bitte!»”

  1. hans-martin konhäuser sagt:

    christian andiel ist ja ein regelrechter wetter-prophet……..die perspektivlosigkeit vom zornigern zorniger beim vfb genau evaluiert.WAU.

  2. Thomas von Euw sagt:

    Interessantes Thema, jedoch ein paar Fehler drin. So meinte ich zu wissen, dass Jogi Löw Badener ist, und nicht Schwabe, und das Zorniger zwar Red Bull trainiert hat, aber nicht in Salzburg, sondern in Leipzig. Sei’s drum, Köln ist ja zum Glück der Nabel der Fussballwelt, alles andere ist so weit weg, da kann es schon mal zu kleinen Unklarheiten kommen.

    • Hans Peter Frey sagt:

      Löw ist in der Tat Badener und nicht Schwabe (auch wenn der Fehler noch so oft wiederholt wird…). Er stammt aus dem oberen Wiesental (gleich bei Basel) und spricht auch besser Dialekt als Hochdeutsch ;-)…

  3. Markus Albisser sagt:

    ich verstehe das verbot gut. es ist nicht respektvoll gegenüber fans und öffentlichkeit wenn man sich einfach abschottet. allerdings ist es ok sich abzuschotten in gewissen situationen. ich mache das auch im öffentlichen verkehr weil ich das gelabber und den handy-terror der anderen leute nicht ertragen möchte. im übrigen: im bus sei es wichtig sich nicht abzuschotten. das sehe ich komplett anders.wer reden möchte kann ja auf den anderen zugehen. der trainer der was sagen möchte kann die spieler ja bitten die dinger kurz abzunehmen. sehe das kein problem.

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