Statt Whatsapp bitte wieder den Telefonalarm

Ein Gastbeitrag von Regula Portillo*

Mamablog Whatsapp-Chat

«Die Mütze steht Michi aber richtig gut»: Wenn Elternchats den Faden verlieren… (iStock)

An der Schule unserer Kinder wird für jede Klasse eine Elternvertretung gewählt, ein Bindeglied zwischen Lehrperson und Eltern. Vielleicht kennen Sie den Moment am Elternabend, wenn manche ganz plötzlich aufbrechen müssen, jemand auf die Toilette verschwindet und andere das Handy zücken. Nun, die Wahl der Elternvertretung ist so einer.
Mutter A sagt, sie sei schon die Klassenvertreterin ihrer älteren Tochter, und Mutter B erklärt, mit ihrer Vollzeitstelle liege es neben Schwimmkurs und Ballett einfach nicht drin. Sorry.

Ich selber bin kein bisschen besser, kritzle eine sinnlose Buchstabenreihe auf das Blatt mit den Lernzielen fürs nächste Jahr, das die Lehrerin vor gefühlten fünf Stunden ausgeteilt hat. Dabei habe ich nicht einmal eine gute Ausrede. Denn seien wir ehrlich: «Keine Zeit haben» zählt nicht. Niemand hat Zeit – oder besser gesagt, alle verbringen die freie Zeit, die sie haben, lieber mit anderen Dingen, als Klassentreffen zu planen, zu Elternabenden einzuladen oder kurzfristige Lehrerinformationen an 23 Elternpaare weiterzuleiten.

Zur Überraschung von uns allen meldet sich dann doch jemand. Das mit der Wahl erübrigt sich. Dass es ausgerechnet Monika, die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist, ist natürlich etwas beschämend, trotzdem atmen wir erleichtert auf.

Draussen auf dem Schulhof schlägt Monika dann vor, eine Whatsapp-Gruppe einzurichten, um den Aufwand gering zu halten und die Informationen auch möglichst schnell zirkulieren zu lassen. Aber klar, sicher. Wir geben ihr unsere Nummern, alles kein Problem. In dem Moment hätten wir ihr auch einen Lohn ausbezahlt, wenn sie ihn denn gefordert hätte.
So entsteht die Whatsapp-Gruppe «Katzenklasse».
«Hey! Wirklich gute Idee, danke nochmals.»
« 🙂 !»
«Danke»
«Echt lieb!»
«Ok»
«Danke Monika»
« 🙂 !!»

Es folgen zehn weitere Nachrichten mit gleichem Inhalt. Muss ich…? Nein, ich schreibe da jetzt kein elftes «Danke» darunter, auch kein Smiley, nichts.

Ein mutiger Elternteil, bei dem kein Name, sondern nur die Nummer erscheint, verlässt die Gruppe. Ich würde es ihm gern gleichtun, doch andererseits sollten wir bzw. unser Kind ja auch informiert sein.

Was ich damals allerdings noch nicht wusste: Vier von fünf Diskussionen (von Mitteilung zu reden, wäre völlig falsch, denn jede Info wird innert Sekunden zur Diskussion) betreffen unser Kind oder uns Eltern nicht im Geringsten.

Mag gut sein, dass ich da etwas egoistisch bin, aber es interessiert mich nun tatsächlich kein bisschen, dass Michi seine Mütze schon wieder verloren hat (unter dem Foto von Michi, auf dem er die Mütze anscheinend noch hatte: «Hat zufällig jemand Michis Mütze gesehen?» – «Nein, aber die ist ja echt süss.» – «Nein.» – «Ich frage gleich Samantha.» – «Ja, finde ich auch, steht ihm total gut.» – «Die hat er von seiner Oma geschenkt gekriegt.» – … –); auch wenn jemand den Stundenplan («Hallo, zur wievielten Stunde ist morgen Schule?») nach über einem halben Jahr noch immer nicht im Griff hat, ist mir das irgendwie egal (oder er soll mich direkt anschreiben).
Spätestens da könnte man ja aus der Gruppe «Katzenklasse» aussteigen, klar.

Geht aber nicht, denn manchmal gibt es ja wirkliche Informationen wie: «Morgen Ausflug in die Bücherei. Bitte Ausweis mitbringen.» Super, gut zu wissen. Als ich kurz darauf wieder auf mein Handy schaue: 13 neue Nachrichten. Ich scrolle runter, keine einzige Nachricht wäre nötig gewesen.

Jetzt spiele ich mit dem Gedanken, mich beim nächsten Elternabend für die Einführung eines Rundtelefons starkzumachen. Das gute, alte Rundtelefon. Die Frage ist dann halt, ob es mir nach solch einem Vorstoss noch möglich sein wird, mich vor der Wahl zur Klassenvertreterin zu drücken. Bleibt zu hoffen, dass ich danach sowieso nicht mehr gewählt würde.

Portrait Regula Portillo*Regula Portillo studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Freiburg. Vor, während und nach dem Studium verbrachte sie mehrere Jahre in Norwegen, Nicaragua und Mexiko. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Frankfurt am Main und arbeitet als freie Texterin und Autorin.

82 Kommentare zu «Statt Whatsapp bitte wieder den Telefonalarm»

  • Sanda sagt:

    Für kurzfristige Mitteilungen wie: wir gehen Schlitteln etc. gründe ich als Kindergartenlehrperson eine Whatsapp Gruppe, die danach wieder gelöscht wird. Für geplante Aktivitäten ist der Brief mit Anmeldetalon ( auf Wunsch auch per Mail) erste Wahl. Aber die Informationen per Whatsapp erreichen blitzschnell alle Eltern, während ich nie alle Talons als Rückmeldung erhalte!!!

  • Bruno Juchli sagt:

    Haben sie schon mal versucht die anderen Chatteilnehmer darauf hinzuweisen, dass so die wichtigen Informationen untergehen? Lassen sie einen 2. Chat für Kommentare / Schwatzereien machen – bei dem Chat ist die Teilnahme dann optional respektive man kann auch dabei sein und die Gruppe bei Whatsapp auf „Stumm“ schalten – so wird man wenigstens nicht jedesmal notifiziert.

    In Internet-Foren hat sich dieses System mit 2 getrennten „Threads“ relativ erfolgreich durchgesetzt.

    Und sonst: Bringen sie doch nächstes Jahr eine Statistik mit wer am meisten Whatsapp-Nachrichten im Chat geschickt hat. Der ist dann für das nächste Jahr Elternvertretung da diese Person offensichtlich mehr als genug Zeit hat!

  • Ruben sagt:

    Wie wärs mit einer zweiten Gruppe?
    Die Eine soll dem ursprünglich angedachtem Zweck dienen, dem Wesentlichen.
    Die Andere ist dann für den Rest, wie Michis Mütze, gedacht. Bei der zweiten Gruppe kann man dann einfach die Benachrichtungen deaktivieren und nur reinschauen wenn man ‚bock drauf hat‘.

  • Andrea sagt:

    Ich frage mich, inwiefern sich die Beziehung der Verfasserin dieses Mama-Blog-Beitrages zu den anderen Eltern nun verändert hat, nachdem sie diese Eltern über das Internet der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

    • Funzt sagt:

      Liebe Andrea.
      Hast du echt keine anderen Sorgen. Genau solche Kommentare blasen alles auf und erdrücken das Wichtige.

  • Miguel de Antoni y Maura sagt:

    Whatsapp Opfer? Wieso nicht Snapchat oder Twitter? Auf Facebook im Gruppenchat einen Post publizieren? Doch besser iMessage? Nein, grad eine Skype-Gruppenkonferenz starten. Was, du hast kein Smartphone? Suspekt, wer heute keine iPhone-Sucht hat. Es sind dann genau die Eltern (aus meiner Erfahrung meistens Mütter), die schockiert sind, wenn wieder zu lesen ist, dass diese Apps Daten ihrer Kinder gesammelt haben oder dass die Nachbarin dann mit dem Vater des Schulgspähnli munter Sexting betreibt. Telefonalarm. Niemand erreichbar? Den/die NächsteN auf der Liste kontaktieren, um die Kette nicht aufzubrechen. Trotzdem weiter versuchen, notfalls auch eine SM senden (SM = short message).
    „Technology is like a mirror. If an idiot looks in, you can’t expect an apostle to look out“ – Stephen Fry

Kommentar

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