Kinder brauchen Führung

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Etwas orientierungslos? Hier kommen die Eltern ins Spiel. Foto: Flickr.com

Hätte man vor 20 Jahren fünf Elternpaare gefragt, was gute Erziehung bedeutet, hätte man vermutlich fünf weitgehend identische Antworten erhalten. «Früher war die Sache klar: Der Patriarch führte die Familie an», schreibt Jesper Juul in seinem neuen Buch «Leitwölfe sein». Heute sieht das anders aus: Die Meinungen, wie eine moderne Erziehung auszusehen hat, gehen meilenweit auseinander. Einziger Konsens: Wie damals sollen die Kinder auch heute noch nett und wohlerzogen herauskommen. Erreichen will man das aber auf einem anderen Weg, als ihn die eigenen Eltern gegangen sind: ohne Drohungen, stets friedlich und auf Augenhöhe mit dem Kind.

Damit stehen die Mütter und Väter laut Juul vor einer Herausforderung, für die sie ihre eigene Erziehung nicht ausreichend qualifiziert hat. Entsprechend verloren fühlen sie sich in Erziehungsfragen. «Wir sehen heute viele Familien, in denen die Eltern so grosse Angst haben, ihren Kindern zu schaden oder sie zu verletzen, dass die Kinder zu Leitwölfen werden. Und die Eltern streifen orientierungslos durch den Wald.» Dabei wären eigentlich Mutter und Vater diejenigen, die die Rolle des Leitwolfs einnehmen müssten. Denn Erziehungswissenschaftler mögen zwar über vieles streiten, sagt Juul, aber über eine Tatsache nicht: Kinder brauchen Führung durch Erwachsene.

Bloss: Wie soll diese neue, «liebevolle Führung» aussehen? Zuerst einmal ist es laut Juul essenziell, sich kein fixes Bild seines Kindes zu machen, sondern ihm offen und neugierig zu begegnen. Ganz genau so, wie wir es zu Beginn unserer Elternschaft völlig selbstverständlich machen. «Von dem Moment an, in dem ein Baby auf die Welt kommt, sind wir fokussiert, interessiert und neugierig: Was braucht die Kleine jetzt? Was bedeutet ihr Weinen?», sagt Juul. Wenn das Kind ungefähr ein Jahr alt sei, werde man als Mutter oder Vater plötzlich voreingenommen. «Und wenn es zwei Jahre alt ist, verlieren viele Eltern die Neugier.» Das Interesse am Erforschen des kindlichen Charakters wird ersetzt durch ein festes Bild, wie das Kind ist und werden soll. Und die Eltern wechseln in dem Moment vom Dialog zum Monolog, von Lernprozessen zu Machtkämpfen.

Diese Machtkämpfe entstehen fortan überall: beim Schlafengehen, beim Anziehen, beim Füttern, bei den Hausaufgaben. Eine grosse Energie- und Zeitverschwendung, die sich laut Juul verhindern liesse, wenn man sich seiner eigenen Werte bewusst würde – und ganz strikt bei ihnen bleiben würde. Viele Kinder seien nämlich komplett verwirrt, weil die Eltern ihre Verhaltensweisen oft urplötzlich änderten. «Wenn sie morgens aufstehen, sind sie fest entschlossen, gute, moderne Mamas und Papas zu sein», so Juul, «aber wenn ihr Zweijähriges sich plötzlich weigert, mit dem Rest der Familie das Haus zu verlassen, fühlen sie sich hilflos und greifen auf die alten Werte von Zucht und Ordnung zurück und geben ihm einen Klaps oder dergleichen.»

Als Eltern sollte man sich also überlegen, welche Werte einem wirklich wichtig sind, diese in alltagstaugliche Regeln umwandeln und sie dann überzeugt und authentisch vertreten. Dazu gehört auch, dem Kind deutlich zu sagen, dass man etwas will und nicht auf das schwächere «Ich möchte» oder gar «Mami möchte» auszuweichen. Sonst müsse man sich nicht wundern, wenn man keinen Kontakt zum Kind herstellen könne, sagt Juul.

Genauso wie es auch zur Erziehung gehört, manchmal ganz klar Nein zu sagen. Wenn das Kind jeden Abend wieder aus dem Bett komme und bei den Eltern sein wolle, man als Mutter oder Vater aber seine Ruhe haben wolle, dürfe man das ruhig deutlich sagen – obwohl das Kind sich durch eine solch klare Ansage selbstverständlich abgelehnt fühle. «Man muss als Eltern nicht immer beliebt sein bei seinem Kind», sagt Juul. Viel wichtiger sei es, auch auf die eigenen Bedürfnisse zu hören und sich nicht aufzuopfern aus lauter Liebe. Eine Tendenz, die Juul besonders bei den Frauen erkennt. Gerade ihnen legt er deshalb folgende Überlegung ans Herz: «Ich nehme an, dass Sie sich für Ihre Tochter wünschen, dass sie später mit gutem Gewissen Nein sagen kann – auch dann, wenn jemand da steht und sagt, er liebe sie und deshalb müsse sie doch Ja sagen.» Auch den Söhnen wolle man als Mutter bestimmt mitgeben, dass Frauen Nein sagen dürfen und das zu respektieren sei. Und am besten lehre man die Kinder das, indem man es selber vorlebe.

Brauchen Kinder mehr Führung? Das antworteten Passanten in Zürich auf die Frage:

121 Kommentare zu «Kinder brauchen Führung»

  • Vivianne Gerber sagt:

    Die Lösung ist ganz simpel. Lesen Sie „Kinder brauchen Ordnung“ von Jane Nelsen. Die 7-fache Mutter weiss, wovon sie spricht. Dieses Buch hat unser Leben, unseren Alltag verändert und vereinfacht – jenseits von hochtrabenden Pädagogik-Kniffen aus zahlreichen Ratgebern, die schliesslich doch nicht langfristigen Erfolg zeitigen.

  • Blanche Wu sagt:

    und auch die besten Eltern werden evt. irgendwann, wenn die Pupertät ihrer Kinder zuschlägt folgenden Satz hören: „ich hasse euch, ich hasse euch so…“ und dann wird eine Türe geschletzt und der Teenie schmolt eine Weile im Zimmer vor sich hin…im Nachhinein war diese Reaktion nicht der Weltuntergang..

  • Matthias sagt:

    Kinder brauchen Führung, stimmt! Und wenn Sie diese haben geht es ihnen besser. Kinder brauchen aber auch Bewegung. Und Sie müssen artgerecht gehalten werden.
    Dazu zwei Links:
    http://www.randomhouse.de/Paperback/Artgerechte-Haltung/Birgit-Gegier-Steiner/e485237.rhd

    http://www.zdf.de/volle-kanne/jungen-in-der-schule-benachteiligt-42382252.html

    Hilft einem viel zu verstehen und zu meistern.

    • Flo sagt:

      ja klar brauchen Kinder Führung, Das kann nämlich im späteren Leben sehr hilfreich sein. Wie oft stossen da z.B. Lehrmeister an ihre Grenzen weil Lehrlinge nicht in der Lage sind Führung zu akzeptieren und sobald sie sich irgendwie ein- oder unterordnen müssen in einem Betrieb völlig ausser Rand und Band geraten, alles hinschmeissen und davonlaufen.
      Kindern immer nachgeben, ihnen ständig ihren Willen zu lassen, damit tut man keinem Kind etwas Gutes.
      Kinder sehnen sich nach Grenzen!

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