Durch ein Loch im Zaun reichen die Freiwilligen Essen

Andrea Fischer Schulthess berichtete während zweier Wochen von ihrem Flüchtlingseinsatz auf Lesbos. Dies ist ihr dritter und letzter Beitrag dazu. Ihre Postings finden Sie hier im Mamablog unter #Flüchtlingshilfe. Die Redaktion.

Grosser Zusammenhalt : EIn Junge trägt ein Kleinkind im Flüchtlingslager von Lesbos. (Keystone/Mstyslav Chernov)

Hoffnungsvoll dank vieler freiwilliger Helfer: Ein Junge trägt ein Kleinkind im Flüchtlingslager von Lesbos. (Keystone/Mstyslav Chernov)

Kurz vor meiner Rückreise konnte ich noch eine Nacht im Camp «Better Days for Moria» verbringen. Es ist ein von Freiwilligenorganisationen geführtes Lager gleich neben dem offiziellen Camp Moria, das von der Polizei betrieben wird. Hier müssen sich alle Flüchtlinge registrieren lassen, die es auf die Insel geschafft haben — und hier werden die Syrer untergebracht. Mittlerweile hat die Polizei einen Stacheldraht um das Gelände gezogen, Hilfe kann daher kaum mehr geleistet werden.

Familien dürfen wenigstens in Baracken übernachten, bevor sie am folgenden Morgen weiter zur Fähre müssen. Solche mit einem kranken Kind oder Elternteil werden mit viel Glück für ein Weilchen von einem kleinen privaten Lager aufgenommen: Pikpa.

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Vor einem Zelt wartet das beliebte Plastikauto auf weitere Schlamm-Rallyes. (Fotos: Andrea Fischer Schulthess)

Draussen vor einem Zelt wartet das beliebte Plastikauto darauf, dass sich die Kinder am Morgen wieder halsbrecherische Schlamm-Rallyes liefern.

Wegen der neuen polizeilichen Restriktionen konnte ich nur «Better Days for Moria» von innen sehen. Kaum je habe ich auf eindrücklichere Weise erlebt, wozu Menschen imstande sind, wenn sie an das Menschliche glauben. Aus einem schlammigen, verdreckten Olivenhain mit einigen Zelten haben sie innert Monaten ein Dorf mit stabilen Schlafzelten erschaffen.

Zudem gibt es ein Versorgungszelt, wo jeder trockene Kleider für die Weiterreise abholen darf. Alles ist knapp in dem liebevoll sortierten Lager, in dem ständig wieder das Chaos ausbricht, sobald Aberhunderte Neuankömmlinge mit trockenen Kleidern und zumindest halbwegs ganzen Schuhen versorgt werden müssen. Da und dort döst in einer Ecke ein Hund oder auch ein Freiwilliger, der die Ruhe vor dem Sturm nutzt. Denn sobald neue Boote kommen, sind alle Kräfte gefragt. (Hier ein eindrücklicher Bericht dazu).

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Im Infozelt erfahren die Flüchtlinge, wann die nächsten Fähren fahren, wo es auf der Balkanroute Busse gibt und was wie viel kostet.

Auch im Essenszelt ist die Mannschaft von Skipchen vierundzwanzig Stunden verfügbar. Hier gibt es nicht nur Essen und heisse Schokolade, es ist auch der einzige beheizte Raum, in dem sich die durchnässten Menschen nach der Überfahrt aufwärmen und umziehen können. Nebst dem Infozelt gibt es noch ein Teezelt und eine Ecke für Mütter und Kinder mit einem Spielzelt. Ein Team von holländischen Messebauern hat von seinen Lieferanten so viel Material gesammelt, dass sie alle Zelte nun auf Roste stellen  und sogar ein Medizinzelt aufstellen konnten.

In dieser Nacht liegt über allem eine gespenstische Ruhe. Zwischen den Zelten hängen Lichterketten, die Gemeinschaftszelte sind bemalt und mit bunten Stofffetzen verziert. In drei grossen Fässern brennen Feuer. Immer wieder trifft man hier Schlaflose, die sich die Hände wärmen oder eine Zigarette rauchen. Irgendwann gegen Morgen kommt ein Bus mit Bootsflüchtlingen, der jedoch direkt nach Moria gebracht wird. Durch ein Loch im Zaun können die Freiwilligen wenigstens warme Mahlzeiten hineinreichen. Derweil sitzen wir im eiskalten Versorgungszelt und stellen kleine Säcklein mit Damenbinden, Shampoo, einem Kamm, einer Zahnbürste und Zahnpasta zusammen. Eine schöne Arbeit. Die Vorstellung, dass wir in jedes Säcklein ein Stück Würde miteinpacken, gefällt mir.

Die Stimmung ist heiter. Überhaupt habe ich trotz allem Leid in den vergangenen elf Tagen so viel gute Laune erlebt wie selten. Sie hält uns wach und macht uns Mut. Uns und den Flüchtlingen.

Fast die ganze Hilfe auf Lesbos existiert und funktioniert nur dank privater Organisationen, Freiwilligen aus aller Welt und Spenden. Wer eines dieser Hilfswerke unterstützen will, finanziell oder als Freiwilliger, findet hier detaillierte Infos. Oder direkt bei der Organisation Ceriba. Danke fürs Mitlesen!

16 Kommentare zu «Durch ein Loch im Zaun reichen die Freiwilligen Essen»

  • mami12 sagt:

    ganz ganz herzlichen Dank.
    Für die Arbeit und für das Berichten.

  • Mascha sagt:

    Liebe Frau Fischer, so sehr ich menschlich das Engagement bewundere (auch wenn sich in diesem Konext das Wort Elendstourismus etwas aufdrängt), fände ich doch eine etwas reflektiertere Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig: Wovon sollen diese Hunderttausende von Menschen in Europa leben?

    Sind Sie persönlich bereit, mehr Steuern für die Unterbringung / Ausbildung / Gesundheit etc zu bezahlen? Können Sie diese Frage ehrlich mit Ja beantworten? Dass die Mehrheit der Menschen eine berufliche Perspektive hat, ist eine Illusion, es gibt die Arbeitsplätze nicht mehr.

    Um möglichst vielen wirklich helfen zu können, müssen die Zahlen begrenzt werden, ansonsten darben die Menschen in Auffanglagern ohne Perspektiven am Rande der Gesellschaft.

    • Sportpapi sagt:

      Ja dann reflektieren wir mal: „Wovon sollen diese Hunderttausende von Menschen in Europa leben?“ Wovon leben diese in ihren Lagern denn heute?
      „Sind Sie persönlich bereit, mehr Steuern für die Unterbringung / Ausbildung / Gesundheit etc zu bezahlen?“ Ja. Und eine Bemerkung am Rand: Würden wir die Flüchtlingscamps vor Ort besser unterstützen, wäre es vermutlich billiger. Machen wir aber nicht.
      „Dass die Mehrheit der Menschen eine berufliche Perspektive hat, ist eine Illusion, es gibt die Arbeitsplätze nicht mehr. “ Wohin sind sie denn entschwunden? Meinen Sie, diese Flüchtlinge wären nicht bereit, genau diese Jobs zu machen, die verschwunden sind, weil kein Schweizer für dieses Geld arbeitet?

      • Mascha sagt:

        Nicht machen wollen ist nicht das Problem, es gibt die Arbeitsplätze nicht mehr.

        Schauen Sie doch mal um sich: Produktionsverlagerungen, Automatisierung (den „Fliessbandarbeiter“ gibt es immer weniger, die Migrokassiererin dank Selfscanning ebenfalls, usw, um zwei Beispiele zu nennen). Auf eine Stelle wie meine (sog. „Hochqualifiziert“) gibt es 80-100 Bewerbungen, als ich eine Haushaltshilfe gesucht habe, meldeten sich innerhalb eines halben Tages 40 (!) Interessentinnen.

        Das ist die ökonomische Realität, und diese zu verleugnen ist einfach gefährlich oder naiv (oder beides).

      • Christoph Bögli sagt:

        Dafür gibt es im Dienstleistungs- und Gesundheitsbereich einen stetig steigenden Bedarf für Arbeitskräfte, der schon seit langem nicht mehr mit Schweizern gedeckt werden kann. Ausserdem, nicht jeder ist ein Analphabet oder gar „dumm“. Zu suggerieren, die wären alle nur für einfachste manuelle Arbeit zu gebrauchen ist darum ziemlich lächerlich. Gerade Syrer haben durchaus ein mittleres bis ordentliches Bildungsniveau.
        So oder so verfehlen Sie den entscheidenden Punkt: Diese Leute werden nicht aufgenommen, weil man sie als Arbeitskräfte will, sondern weil sie Flüchtlinge sind. Es ist paradox, dass man einerseits immer fordert, nur politische Flüchtlinge zu akzeptieren, aber dann gleichzeitig ständig wirtschaftliche Gründe gegen politische Flüchtlinge bringt.

      • Christoph Bögli sagt:

        Bevor man kritisieren will, sollte man vielleicht erst mal entscheiden, was man genau will. Denn wenn Menschen vor Krieg und Terror flüchten, wird gejammert, dass dies keine optimalen Arbeitskräfte sind, wenn aber qualifizierte Arbeitskräfte kommen wollen, wird gejammert dass man keine wirtschaftliche Immigration will, die eine Konkurrenz um Arbeitsplätze sein könnte. Das wirkt ziemlich schizophren und heuchlerisch. Vielleicht wärs sinnvoller, einfach ehrlich zu sein und zu sagen, dass man generell keine Ausländer im Land haben will..

  • Mascha sagt:

    PS: Leben in Lagern ist eine Sache, Sie geben mir wohl recht, dass das keine nachhaltige Lösung ist. Die Menschen brauchen anständige Wohnungen, Arbeit, Kinder Schulen und eine Gesundheitsversorgung – das sind strukturell andere Kosten als in Auffanglagern. Nicht zu Ende gedacht, dafür gut gemeint, und das zählt auch etwas.

    • Muttis Liebling sagt:

      Alles was in 2015 rund um die sog. Flüchtlinge passiert ist, war sinnlos, unüberlegt und wird in Zukunft nichts als eine Kaskade ungelöster Probleme erzeugen. Wenn, wie derzeit Fakt, 90% der Europäer nicht gewillt sind, den Flüchtlingen ein Leben in Würde zu gewähren, kann man sie auch gleich im Mittelmeer ertrinken lassen. Die Hilfskette ist so stark, wie ihr schwächstes Glied und Empathiebesoffene waren noch nie zu etwas nutzte.

      Die Schweiz schafft es doch nicht mal, die eigenen Bedürftigen ein Leben in Würde zu gewähren. Man schaue sich nur die menschenverachtenden, politisch verordneten Praktiken der IV an.

      D schaufelt 1 Millionen Menschen planlos ein, zahlt aber nicht mal die zusagten Mittel an das UNHCR. Die gesamte Flüchtlingshilfe ist eine morsche Fassade.

    • Muttis Liebling sagt:

      Es ist eben keine Flüchtlingswelle, sondern der Beginn einer Völkerwanderung bisher nie gekannten Ausmasses. Die kann man sich wünschen und dann gezielt unterstützen, oder aber verdammen und dann verhindern.

      Aber ein dazwischen gibt es nicht und private Akteure stören dabei grundsätzlich, weil sie selbst bei besten Willen gar nicht die politische Durchsetzungskraft für eine mindestens europäische, besser aber weltweite Lösung haben.

      Die ziehen die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer, damit die dann, in Europa angekommen, vom rechten Mob gelyncht werden. Und genau das wird 2016 passieren, wenn niemand die Macht für eine globale Lösung aufbringt.

      Kleine Lösungen sind immer schlecht und keine Lösung ist alle male besser, als eine halbgare.

    • Sportpapi sagt:

      @Mascha: Dann denken Sie das doch mal zu Ende. Wie kommen denn die Flüchtlinge zu Wohnungen, Arbeit, Schulen und Gesundheitsversorgung?
      Indem die reichen Europäer melden, sie könnten leider nicht helfen, weil sie ja eigene Probleme hätten?

      • Muttis Liebling sagt:

        Die reichen Europäer haben da eigentlich kaum Handlungsbedarf. Blendet man mal auf die Zeit 1970 – 1985 zurück, waren Afghanistan, Irak und Syrien blühende Staaten mit guten Wirtschafts- und Sozialsystemen. Da ist niemand nach Europa geflohen.

        Es ist doch allgemein bekannt, wer und warum ausgerechnet diese Staaten, welche ein Vorbild für die 3. Welt sein könnten, in die Steinzeit zurück gebombt wurden. Wer hat denn das Copyright auf den IS?

        Aber ausgerechnet die Staaten, die damals die Koalition der Willigen bildeten, nehmen keine Flüchtlinge.

      • Christoph Bögli sagt:

        @ML: Afghanistan wurde von der Sowjetunion nachhaltig destabilisiert und anschliessend bis heute durch den subversiven Imperialismus Pakistans von einer Erholung abgehalten. Die US-Aktivitäten und die NATO-Mission haben unterm Strich auch kaum geholfen, sind in diesem Fall aber nicht wirklich der Hauptschurke. Im Irak schon eher, wobei auch dort, wie in Syrien, auch die fatale Rolle zahlreicher anderer Staaten nicht vergessen werden sollte. Irak wie Syrien sind insbesondere die Opfer des schiitisch-sunnitischen Stellvertreterkrieges zwischen dem (saudi-)arabischen Koalition und Irans. Dazu kommen noch spezifische Interessen der Russen und Türken.
        Blöderweise ändert das aber nichts, denn die Flüchtlinge wollen möglichst nicht nach Russland, Pakistan, etc. und in die USA können sie kaum..

  • Sisifee sagt:

    Man muss sich halt einfach bewusst sein, dass ein grosser Teil unseres Wohlstandes auf der wirtschaftlichen Ausbeutung von Kriegs-, Krisen- und Randregionen beruht. Solange unsere Banken an schmutzigen Geldern verdienen und unsere Industrie an Waffenlieferungen, ist die Völkerwanderung – übrigens eine Konstante in der Menschheitsgeschichte – die Kehrseite einer wunderbar glänzenden Medaille, deren dunkle Rückseite wir offenbar nicht betrachten wollen.
    Oh ja, ich bin sehr gerne bereit, mehr Steuern zu bezahlen für eine menschlichere Schweiz.

  • Sally Tomato sagt:

    Die Lösung wäre einfach keine Kriege mehr erlauben. Oder haben Sie das Gefühl, dass die Flüchtlinge einen Mittelmeer Überqueerung aus Abenteurlust gemacht haben. Wie würde es den uns ergehen wenn wir am Leib und Leben bedroht sind. Klar ist die Situation nicht einfach. Mich störn es, dass Flüchtlinge als Menschen zweiter Klasse abgestempelt werden. Es wird nur über Produktion und Jobs geredet… Es ist doch zum Weinen.

    • gabi sagt:

      Erstaunlich, dass da noch keiner drauf gekommen ist… Wo s doch so einfach wäre.

      Und wer genau setzt den Frieden durch?
      Mit welchen – hoffentlich fredlichen – Mitteln?

      Legitimiert durch wen?

      UN-Sicherheitsrat vielleicht? Wär praktisch: die Russen – welche jede frühere, und somit einfachere, Intervention zu Gunsten der Zivilgesellschaft seit Jahren verhindert haben – sind schon vor Ort.

  • gabi sagt:

    Wer den Rechtskipp in Europa verhindern will, kann sich nicht vor der Verantwortung drücken, sich darüber Gedanken zu machen, wie viel Zuwanderung unsere Gesellschaft – und unsere in Jahrhunderten erstrittenen individuellen Freiheiten und Rechte – verträgt.

    Ich grusle mich vor einem unreflektierten Willkommenheissen des Islam kein Bisschen weniger als vor der Vision all der europäischen LePens im Siegesrausch, welche Putin – dessen Protege Assad der Hauptverantwortliche für das Gemetzel in Syrien ist! – so grosszügig mit „Krediten“ (fka Spenden) ausstattet.

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