Wenn Eltern für ihr Kind schummeln

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Für manche Eltern ist das Scheitern ihres Kindes keine Option. Foto: @wewon31 #365, Flickr.com

Neulich im Hallenbad. Meine und andere Kinder strampelten sich im Wasser ab, denn es war die letzte Lektion des Schwimmkurses – also quasi Prüfungstag. Wobei die Schwimmlehrerin es eben nicht so macht, dass bloss eine Momentaufnahme zählt. Sondern: Sobald die Kinder alle Übungen korrekt ausführen können, bekommen sie eins der begehrten Grundlagentestabzeichen zum Aufnähen. Das kann in der drittletzten Lektion sein oder in der letzten. Oder eben gar nicht.

Die Kinder, die das Abzeichen noch nicht erhalten hatten, legten sich am letzten Tag natürlich besonders ins Zeug. Sie zeigten je nach Niveau das Motorboot, den Superman oder den Haifisch – so gut es eben ging. Die Mütter und auch einige Väter schauten zu, winkten aufmunternd und streckten bei Blickkontakt mit dem Kind sofort beide Daumen nach oben.

Die Schwimmlehrerin machte Notizen, nickte und sagte öfters «Komm, versuch es noch mal». So auch bei einem Jungen, nennen wir ihn Fritz, der die Seerose übte. Fünf Sekunden lang bewegungslos auf dem Rücken im Wasser liegen, ohne unterzugehen – ganz schön schwierig. Fritz sah nicht aus wie eine Seerose, sondern wie eine kleine Titanic, die havariert zur Seite kippt und leise untergeht. Nach fünf missglückten Versuchen sagte die Schwimmlehrerin: «Komm Fritz, zeigt mir noch mal den Froschsprung, den kannst du so gut.» Fritz sprang, und dann war die Stunde um. Ein Abzeichen bekam Fritz auch. Zwar nicht das angepeilte Seepferd, sondern den Biber – ein sogenanntes Motivationsabzeichen. Damit trottete er schniefend zur Mutter, die neben mir auf der beheizten Bank sass.

Die Mutter schimpfte nicht. Sie wühlte in ihrer Badetasche und präsentierte lächelnd – nein, kein Taschentuch – ein Seepferd-Schwimmabzeichen. Hä? Ich schaute sie irritiert an und fragte, ob sie Schwimmlehrerin sei. «Nei, nei», lachte sie, das Seepferd habe sie im Internet ersteigert. Der Fritz hätte sich ja solche Mühe gegeben, und da habe sie gut vorbereitet sein wollen für den Fall, dass die strenge Schwimmlehrerin ihn durchfallen lasse. Sie streichelte Fritz über die Badekappe. Der Junge strahlte, in der linken Hand den Biber, in der rechten das Seepferd.

Fritz hat fürwahr viel gelernt an diesem Tag. Zwar nicht die Seerose. Dafür aber, dass er alles kriegen kann – nicht durch eigene Leistung, aber dank dem Mami, das die Realität zu Fritz‘ Gunsten zurechtbiegt. Ausserdem hat er gelernt, dass es schlimm ist, wenn man versagt. Und dass es beim Schwimmkurs in erster Linie um die Abzeichen geht, nicht ums Schwimmenlernen.

Die Mutter von Fritz hat ihn erfolgreich vor dem Scheitern bewahrt. Und ihm damit eine zweifelhafte Lektion erteilt. Sie hat ihren Sohn um die wichtige Erfahrung betrogen, enttäuscht und traurig zu sein. Fritz hätte lernen können, dass es gar nicht sooo schlimm ist, wenn man den Schwimmtest nicht auf Anhieb besteht. Dass das Leben weitergeht, auch wenn man eine wirklich miese Seerose ist. Und dass man eine ganz passable Seerose werden kann, wenn man eine Weile oder noch ein bisschen länger übt.

All das hat Fritz aber nicht gelernt. Aber schwimmen soll er lernen. Deshalb wird ihn seine ehrgeizige Mutter für den nächsten Schwimmkurs anmelden, «bei einer anderen Schwimmschule natürlich». Dort wird Fritz das Froschabzeichen holen. Wenn nötig mithilfe des Internets.

174 Kommentare zu «Wenn Eltern für ihr Kind schummeln»

  • tina sagt:

    hallo brunhild steiner 🙂 ich möchte nochmals auf das handy zurückkommen (hier, damits nicht untergeht): nach reiflichem nachdenken kam ich zum schluss, dass ich auch froh wäre, wenn meine jungs ein handy dabei hätten, wenn sie in brenzligen situationen sind oder zum beispiel mit dem zug nachts unterwegs sind. bis jetzt war das aber noch nicht so bei uns, darum hatte ich bis jetzt auch eine relativ entspannte haltung. kann ja aber ändern.
    aber dass sie immer ein handy dabei haben sollen finde ich immer noch nicht. gerade bei jüngeren finde ich wirklich wichtig, dass sie gar nicht immer ein handy dabei haben, damit sie nämlich nicht als erste reaktion das mami fragen, was sie tun sollen, wenn mal etwas krumm läuft, sondern sich selber überlegen was zu tun ist.

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