Der väterliche Beschützerinstinkt

Liam Neeson rettet im Film «Taken» seine entführte Tochter.

Für seine Tochter geht er über Leichen: Liam Neeson spielt im Film «Taken» (2008) einen frühpensionierten Geheimagenten, der mit Entführern kurzen Prozess macht.

«Ich bin vor wenigen Monaten Papi geworden», schrieb Leser Gino Ramsch vor zwei Wochen in einem Mamablog-Kommentar, «und fühle mich unwohl, weil ich insgeheim hoffe, dass die Kleine eines Tages eine Freundin nach Hause bringt. Ich will einfach nicht daran denken, dass mein Mädchen mit einem Mann Sex haben könnte.» Zugegeben, der Kommentar war ziemlich extrem formuliert. Doch er spricht ein Thema an, das viele Väter umtreibt. Fast alle Mädchen-Papas, wage ich zu behaupten.

Ich war selber noch kinderlos, als ich zum ersten Mal einem Vater begegnete, der offen über solche Ängste redete. Seine Tochter war damals gerade mal vier Jahre alt, ihre erste Liebesbeziehung noch in weiter Ferne. Doch der Papa fürchtete sich schon so sehr vor dem Tag, an dem sie zum ersten Mal einen Mann nach Hause bringen würde, dass er immer und immer wieder darüber redete. Oft zog er das Ganze selber ein bisschen ins Lächerliche, machte Sprüche, dass er sie einfach zu Hause einsperren oder ins Kloster schicken würde. Doch alleine die Tatsache, dass ihm das Thema keine Ruhe liess, zeigte, dass er selber es alles andere als lustig fand.

Letzte Woche kam ich mit einem anderen Freund auf solche Ängste zu sprechen. Er ist Vater einer Tochter und eines Sohnes und sagte, dass sein Beschützerinstinkt der Tochter gegenüber deutlich ausgeprägter sei. Ich war überrascht. Immerhin ist der Sohn drei Jahre jünger, weshalb ich es eher umgekehrt erwartet hätte. Doch sein Sohn sei eben ein Mann, wenn auch noch ein ganz kleiner, und folglich weniger schutzbedürftig.

Mir als Mutter ist diese Denkweise fremd. Ich habe selber auch eine Tochter und einen Sohn, aber das Gefühl, beide Kinder gleich intensiv beschützen und begleiten zu müssen. Und so habe ich mich gefragt, woran es liegen könnte, dass Männer gerade bei ihren Töchtern so häufig extrem Mühe haben, sie frei und auf andere Männer zu zu lassen. Ist es eine Mischung aus Neid und Verlustangst, weil man plötzlich nicht mehr der einzige Mann im Leben der Tochter sein wird? Oder haben die Väter Angst um ihre Mädchen, weil sie selber am besten wissen, wie mies sich Männer gegenüber Frauen verhalten können?

«Es ist tatsächlich so, dass es mich stört, dass irgendwann ein anderer Mann an ihre Seite treten wird», gab mein Freund zu. Ausserdem könne und wolle er sich nicht vorstellen, dass seine Tochter eines Tages ein Sexualleben haben werde. «Wenn sie einen festen Freund hat, bedeutet das aber unweigerlich, dass dem so ist.» Das ganze Thema sei für ihn grundsätzlich sehr verwirrend, «vielleicht deshalb, weil meine Beziehung zu ihr komplett asexuell ist. Womöglich erwarte ich unbewusst, dass alle anderen Männer sich ihr gegenüber auch asexuell verhalten. Und ja, mir ist durchaus klar, wie absurd diese Haltung ist.»

Dass Männer seine Tochter schlecht behandeln könnten, befürchte er hingegen weniger. «Sicher besteht eine gewisse Angst, dass ihr etwas passieren kann», sagte er, «aber ich glaube, dass die Mütter diesbezüglich noch ängstlicher sind.»

Bei seinem kleinen Sohn hingegen fühle sich alles viel natürlicher an. Auch die Vorstellung, dass er eines Tages erwachsen und sexuell aktiv sein werde. Deshalb scheut er sich beim Sohn auch nicht davor, mit ihm über Beziehungsthemen zu reden und ihm Tipps zu geben: «Selbstverständlich werde ich ihm klarmachen, wie man anständig mit Frauen umgeht.»

Erkennen Sie sich wieder? Oder empfinden Sie als Vater Ihrer Tochter gegenüber genau gleich wie gegenüber Ihrem Sohn? Und wie sieht es bei den Müttern aus?

300 Kommentare zu «Der väterliche Beschützerinstinkt»

  • Freddy sagt:

    …so, so …“eine bestimmte Gruppe“…und ihre Tagesstimmung , oder der Juckreiz ihrer Pusteln bestimmen jeweils , wie gross die Problematik ist ?!
    Es ist hier die Rede von einer beschriebenen Beschützerrolle , welche die meisten Eltern erst Mühe haben abzulegen .
    Sie brauchen hier nicht gleich ihre Pädo-Ängste in die „Tele-Linse“ zu nehmen um simple Stimmung zu machen

  • Philipp M. sagt:

    Siebzehn Jahre allein mit Tochter, als Vater, auch Freund, oft als Zuhörer, aber Angst oder Bedenken, ihr könnte was zustossen, nicht eine Sekunde…… wieso auch?

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