Eine schwarze Nacht

Liebe Leserinnen und Leser, Andrea Fischer Schulthess berichtet während zweier Wochen von ihrem Flüchtlingseinsatz auf Lesbos. Ihre Postings finden Sie hier im Mamablog unter #Flüchtlingshilfe. Die Redaktion.

Diese Nacht werde ich nie mehr vergessen. Statt wie geplant zum ersten Mal im Camp Moria zu arbeiten, wechsle ich um ein Uhr nachts zu unserem Ceriba-Team, das am Strand die Boote entgegennimmt. Eine gute Entscheidung. Viele Nächte lang war es nun relativ ruhig gewesen, zu viel Wind, vielleicht zu viel Grenzkontrolle durch Frontex, niemand weiss Genaueres.

Doch nun, in der Nacht auf Dienstag, kommt plötzlich ein solcher Ansturm von Booten über das Meer geirrt, dass die Nachtteams kaum nachkommen damit, die Menschen sicher an Land zu bringen und zu versorgen. Viele erfahrene Helfer hier vermuten, die Drohung der EU, die Grenzen noch rigoroser abzuschotten oder Griechenland sogar aus dem Schengen-Raum auszuschliessen, sei der Auslöser für die vielen überhasteten Überfahrten — man weiss ja nie, ob es nicht die letzte Chance auf Sicherheit ist. Wenn auch nur auf die vermeintliche.

Im Halbstundentakt kommen per Helfer-Chat die Nachrichten herein, wo das nächste Boot gesichtet worden ist. Kaum wird eine voraussichtliche Landeposition gemeldet, setzt sich ein Konvoi aus Rettungsschwimmern, Médecins sans Frontières und diversen anderen Rettungs- und Helferteams in Bewegung. Immer gefolgt von Pick-ups, welche das Holz aus den Booten holen und die Motoren an sich nehmen. Es gibt Gerüchte, dass daraus wieder neue Boote gebaut würden. Der Schlägerei nach, die wir vorige Nacht zwischen zwei solchen Wagenlenkern beobachtet haben, muss es ein lukratives Geschäft sein, was immer es ist.

Taucht dann eines der Schlauchboote randvoll mit Menschen aus der Nacht auf, wird es mit Pfeifen, Rufen, Winken und Blinken an Land gelotst, und doch passieren noch auf den letzten hundert Metern gefährliche Unfälle. Oft hört man es auch schon schreien auf dem dunklen Wasser, manchmal jubeln, noch bevor man etwas sieht.

Dann geht alles ganz schnell, Lichter werden aufgestellt, die Rettungsschwimmerteams ziehen das Boot möglichst weit ans Ufer. Und dann heisst es rennen. Viele Babys und Kinder sind so heftig unterkühlt, dass sie daran sterben könnten. Sie müssen zum Teil von Sanitätern umgezogen werden. Viele Kinder sind auch apathisch — ob von der Kälte allein oder auch von den Beruhigungsmitteln, welche ihnen einige Eltern gegen die lebensgefährliche Panik auf dem überfüllten Boot geben, ist schwer auszumachen. Beides ist gefährlich.

Auch die Kleider der meisten Erwachsenen sind völlig durchnässt, und das bei Minustemperaturen. Wir verteilen Isolationsdecken, Wolldecken, heissen süssen Tee, Unmengen von Handschuhen und helfen möglichst vielen aus den mit eisigem Meerwasser vollgesogenen Schuhen. Trockene könne wir leider nicht abgeben, dazu reicht die Zeit am Strand nicht, sind es doch zu viele Menschen mit zu unterschiedlichen Füssen. Nur frische Socken können wir ihnen anziehen und ihre Füsse mit Folien einwickeln, damit sie sie wieder in die nassen Schuhe zwängen können. Ihre Haut ist aufgeweicht, klamm, und oft sieht man ihnen den harten Weg an, den die Füsse bereits gegangen sind.

Es ist mir unmöglich, hier die Erlebnisse dieser Nacht, die für so viele andere steht, zusammenhängend wiederzugeben. Darum nur ein paar Schlaglichter aus dem Bilderkarussell in meinem Kopf.

  • Ein älterer Mann, er könnte mein Vater sein, wird umringt von den Frauen seiner Familie. Ich knie vor ihm, und zu zweit versuchen er und ich, die engen klatschnassen Socken von der aufgeweichten Haut seiner Füsse zu ziehen. Immer wieder winkt er ab, es gehe schon. Aber es geht eben nicht. Seine Finger sind so starr, dass er nicht mal die Schuhbänder aufbringt oder in eine trockene Socke schlüpfen kann. Reden können wir nicht miteinander, aber irgendwann ächze ich ungewollt unter der Anstrengung, seinen in Folie gewickelten Fuss wieder in den nassen Schuh zu würgen. Er imitiert das Geräusch, und für einen kurzen Augenblick lachen wir beide.
  • Eine Frau steht am Ufer, zittert am ganzen Körper. Unter Tränen wiederholt sie dauernd dieselben zwei Worte: «Cat Aleppo. Cat Aleppo.» Ich nehme sie in den Arm und verstehe nicht, was sie mir sagen will, nun wiederholt auch ihre Tochter das Mantra. Dann endlich sehe ich es: Auf dem Boden steht ein Bündel. Ein Katzenkistchen ist dick in eine rote Wolldecke eingewickelt. Als ich hineinlinse, schaut mir eine neugierige weisse Katze entgegen. Die Frau weint und weint. Ob aus Erleichterung darüber, dass es auch ihr Tier geschafft hat, oder aus Sorge darum. Wir alle wissen, dass sie es kaum wird mitnehmen können auf dem langen kalten Weg, der noch vor ihr liegt. Aber es wäre grausam, ihr das jetzt mit einem Dolmetscher zu erklären.
  • Eine Mutter findet nicht alle ihre Kinder. Zwei kleinere und ihr Säugling sind ganz starr vor Kälte. Mit einem Rettungsschwimmer zusammen schaffe ich es, sie und die Kleinen in unser Auto zu verfrachten, damit sie das Baby stillen kann und nicht im eisigen Wind auf den Bus des UNHCR warten muss. Ein viertes Kind fehlt noch. Der Rettungsschwimmer zieht los. Die Frau ist völlig aufgelöst. Ich muss sie beruhigen. Endlich findet der Rettungsschwimmer das vierte Kind im Bus von MSF, und sie sind wieder zusammen. Schon müssen alle wieder aus dem Auto aussteigen, um mit dem UNHCR-Bus zur polizeilichen Registrierung zu fahren und dort nochmals in der Kälte zu warten.
  • Eine junge Frau, die mit ihrem Kind allein gereist ist, versucht, in den Irak anzurufen und Entwarnung zu geben. Als sie endlich das Telefon aus dem wasserfesten Täschchen um ihren Hals geklaubt hat, hat sie kein Guthaben mehr. Wir nehmen mein Telefon. Es klappt nicht. Stunden später habe ich einen verzweifelten Anruf aus dem Irak auf meinem Handy und versuche dem Mann am anderen Ende der Leitung mitzuteilen, dass alles gut gegangen sei. Er versteht mich nicht, wird ungehalten. Er weiss nicht, ob ich schlechte Nachrichten bringe oder gute. Gott sei Dank kann Merwane, einer unserer Helfer und selbst auf der Flucht, Arabisch und ruft ihn zurück. Alles gut.
  • Eine ältere Mutter nimmt mich in den Arm und hört nicht mehr auf, mich zu küssen. Immer wieder. Es ist schön und beschämend zugleich. Sie weiss nicht, was noch auf sie wartet. Wir alle erleben so viele Momente flüchtiger, aber zutiefst menschlicher Nähe. Eine Ausnahmesituation für alle.

Den Kindern geben wir nebst einem Gebäck und Tee auch einen Lolli. So sehe ich, wie gut sie noch reagieren. Viele starren nur vor sich hin und bemerken ihn nicht einmal, wenn ich ihn auspacke und ihn ihnen an die Lippen halte.

Und nach jeder neuen Ankunft hört man das Schreien und Pfeifen der UNHCR-Mitarbeiter, welche die Menschen zur grösstmöglichen Eile gemahnen. Es erinnert ein wenig an Viehtreiberei, auch wenn uns einleuchtet, dass die Busse wieder gebraucht werden, um die nächsten Ankömmlinge abzuholen und zur Registrierung zu verfrachten. Aber wir wollen den Ankommenden die Möglichkeit geben, wenigstens einen Becher Tee zu trinken und zu begreifen, dass sie noch leben, bevor sie weitergescheucht werden.

82 Kommentare zu «Eine schwarze Nacht»

  • Vonlanthen sagt:

    Ich kann das Problem in diesen Krisengebieten nicht lösen.
    Ich kann auch politisch nichts verändern.
    Aber ich kann in meinem Umfeld, in meiner Gemeinde einen Beitrag leisten, damit sich die Schutzsuchenden etwas willkommen fühlen. Dass sie, ich bin Deutschlehrerin, deutsch lernen und sich schnell integrieren können.
    Dies mache ich ehrenamtlich und sehr gern.
    Es ist eine Herzensangelegenheit. Ich habe schon viel von diesen wunderbaren Menschen gelernt.
    Ich kann akzeptieren, dass man Bedenken und Ängste hat, und nicht alle müssen sich engagieren.
    Nur : wer keinen Schritt auf diese Menschen zugeht, verpasst eine persönliche Bereicherung und sollte sich zurückhalten mit seiner Meinung. ( Ich diskutiere auch nicht über Autos, weil ich davon nichts verstehe.)

  • Anh Toàn sagt:

    Wenn Sie die zwei Berichte gelesen haben und nicht nachvollziehen können, dass so wie und mi welcher Intention auch immer die ankommen jeder Strand „der richtige“ ist, haben Sie nichts begriffen von unseren abendländischen christlichen oder schweizerischen Kultur und Werten, was wollen Sie verteidigen, indem Sie diese weghalten? Bei uns ist Geiz eine Todsünde!

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.