Wenn das Kind «nur» Durchschnitt ist

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Kein Bock auf Schule? Da werden die Eltern aber keine Freude haben. Foto: Pink Sherbet Photography, Flickr.com

Überengagiert, ehrgeizig und mit einer immens hohen Erwartungshaltung gegenüber den eigenen Kindern. Ist von heutigen Eltern die Rede, beschreiben Lehrer und Psychologen Mütter und Väter oft als extrem fordernd; Eltern als forsche Optimierer. Von Druck wird gesprochen, von fixen Vorstellungen, was aus dem Zweitklässler mal werden soll, und von Förderstunden ohne Ende. «Das Problem sind die Eltern» titelte in diesem Zusammenhang die «SonntagsZeitung» vergangenes Jahr. Und im «Spiegel» konnte man im Report «Du bist Mozart!» lesen: «Ein penetranter Typus Eltern breitet sich aus. Mütter und Väter, die ihre Kinder für kleine Genies halten und deren Schwächen mithilfe von Anwälten, Ärzten und Psychologen bekämpfen.»

Es finden sich darin weitere schauderhafte Sätze wie «Wenn Kindheit zur Krankheit wird» oder: «Es gibt Eltern, die Ärzte drängen, ihren Kindern Therapien zu verordnen, um sie von schlechten Schulnoten zu heilen.» Sätze wie diese bleiben haften. Was ist davon zu halten? Stimmt es, was Lehrer und Psychologen erzählen? Falls ja, welche Folgen haben die übermotivierten Eltern für die Kinder?

Der Zürcher Psychologe Roland Käser arbeitet seit Jahrzehnten im schulpsychologischen Dienst. Er bestätigt die oben beschriebene Tendenz. Der erfahrene Psychologe klärt Schulkinder ab und berät Familien. Er muss «den Eltern oft die Realität aufzeigen und ihnen Mut machen, das Unabdingbare zu akzeptieren.» Sprich: Roland Käser macht den Eltern häufig klar, dass ihr Sohn, ihre Tochter, kognitiv gar nicht in der Lage ist, die von ihnen erwarteten Ziele zu erreichen, wie etwa einen Übertritt ins Gymnasium. Viele Mütter und Väter könnten das kaum akzeptieren, sagt Käser, «denn sie gehen davon aus, dass alles irgendwie optimierbar ist. Sie glauben, sie brauchen für das Kind nur den richtigen Kurs zu buchen und fähige Experten beizuziehen. Doch Fakt ist: Die intellektuelle Leistungsfähigkeit der Kinder ist oft begrenzt.»

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Roland Käser. Foto: PD

Um die kognitiven Grenzen eines Kindes zu erkennen, macht Roland Käser in der schulpsychologischen Praxis häufig Intelligenztests mit ihnen. Das habe sich bewährt, er arbeite gerne mit dieser Methode – auch wenn gewisse Kollegen sie kritisieren würden. Die Resultate eines IQ-Tests zeigten das kognitive Potenzial auf und die Familie könne sich damit auseinandersetzen. Es erlaube den Eltern, ihr Kind besser wahrzunehmen und realistischer einzuschätzen. Sehe man beispielsweise, dass ein Schüler oder eine Schülerin einen Intelligenzquotienten von nur 70 habe, sei die Ausgangslage klar. Die Eltern müssten sich in einem solchen Fall von ihren hochgesteckten Zielen verabschieden und sich realistische Ziele setzen. «Das kann wehtun», sagt Käser. «Für viele Eltern ist dies verständlicherweise eine sehr belastende Diagnose.»

Der Schulpsychologe sagt, er habe Verständnis, wenn Eltern wollten, dass es ihrem Kind «gut» gehe. Doch was heisst das? Wohlstand, eine Karriere, Prestige, Zufriedenheit? Roland Käser wünscht, dass Eltern entspannt genug sind, gegenüber dem Kind offen zu bleiben, «damit es seinen Möglichkeiten entsprechend das Bestmögliche erreicht.» Er verweist auf die vielfältigen Bildungswege und deren zahlreiche Möglichkeiten; auch dies ein wichtiger Punkt in Elterngesprächen.

Neu ist das Phänomen des Optimierungswahns bei Kindern nicht: Roland Käser schrieb schon vor dreissig Jahren in Artikeln darüber, dass «durch die Machbarkeitseuphorie der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten bei Eltern auf ein unrealistisches Mass heranwachsen» könne. Kinder sollen etwas Besonderes sein oder werden, aber auf keinen Fall «nur» Durchschnitt.

Auf die Frage, was Eltern tun können, um ihre Kinder zu unterstützen, sagt der Psychologe: Strukturen und Vorgaben im Alltag schaffenund diese auch einhalten. «Das ist sehr wichtig.» Das betreffe zum Beispiel den Umgang mit Hausaufgaben, Bildschirmzeiten, Abwechslung von Zeiten der Ruhe und Aktivität, Sozialkontakte in Jugendgruppen und Sportvereinen. «Denn die Hirnentwicklung der Kinder wird stark durch die Umwelt mit geprägt.»

163 Kommentare zu «Wenn das Kind «nur» Durchschnitt ist»

  • Susanne Reich sagt:

    Kein Wunder! Schliesslich sind Kinder quasi „Produkte“ ihrer Eltern und widerspiegeln deren Eigenschaften. Man sonnt sich – jedenfalls manche Eltern – doch darin, welch tollen Sohn / welch tolle Tochter man doch auf die Welt stellen konnte. Schade, wenn ein Kind nicht mehr sich selbst sein darf und seine Persönlichkeit entwickeln, denn nur so wird es glücklich und gesund selbstbewusst.

  • Widerspenstige sagt:

    Da kommt ja dann die Abstimmung dieses Jahr über das gesicherte Grundeinkommen (BGE) wie gerufen. Sollen die Wirtschaftsverbände doch Roboter in ihre Hallen stellen und das am WEF in Davos auch noch hochjubeln. Dann dürfte das mit der Finanzierung u.a. von AHV-Renten geklärt sein und auch gestresste Familien könnten etwas aufatmen. Genau hinsehen bei dieser Initiative und sich nicht mehr länger Gängeln lassen durch fragwürdige Systeme. Versagensängste müssen ernst genommen werden und das BGE ist ein Lichtblick im Systemtunnel. Nur Mut zu diesem Systemwechsel – es lohnt sich für alle.

  • Hannes Müller sagt:

    IQ 70 ist allerdings=debil

  • Hermann Meier sagt:

    IQ Tests sind Schwachsinn. Mein Kind machte je nach testender Person, überdurschschnittliche, dann unterdurchschnittliche und dann wieder überdurchschnittliche Resultate. Mir tun die Eltern leid, die diesen Mist ebenfalls durchmachen. Eigentlich ist es eine dumme Anmassung von einem fragwürdigen Berufsstand, welcher sich zutraut, Kinder anhand von ein paar erlernten Parametern schubladisieren zu können. Ps. Edison und Einstein waren zur Schulzeiten ziemlich miese Schüler. Es würde mich nicht überraschen wenn die Beiden beim IQ Test schlecht abgeschnitten hätten. Einfach weil da keine Lust da war, getestet zu werden.

    • Paul Korelis sagt:

      Nö Herr Meier. IQ Tests sind mit Abstand das am plausbilesten und effizientesten arbeitende Werkzeug. Da gibt es sehr viel Literatur dazu. Klar, wenn am Tag an dem der IQ gemacht wird das Kind blockiert ist, eingeschüchtert, abgelenkt, krank, was auch immer, kann es falsch sein. Aber einen guten IQ Test unter guter Betreuung toppt nichts. Wenn Sie dazu etwas gutes Lesen wollen, Lesetipp: Dieter E. Zimmer – Ist Intelligenz erblich. Super Buch.

      PS: Habe selbst zwei Kinder. Falls die unterdurchschnittlich Intelligent sein sollten, naja. Hauptsache gesund, und machen was im Leben was ihnen Spass macht und etwas bringt.

      PPS: Das mit dem in der Schule schlechten Einstein ist eine urban legend.

      • Hermann Meier sagt:

        Mit Einstein mag ich mich getäuscht haben.. Edison wurde jedenfalls zu Schulzeiten als „Hohlkopf“ bezeichnet, bevor er aus der Schule flog. Jedenfalls hat bereits der Erfinder vom IQ Test erklärt, dass Intelligenz nicht wirklich messbar ist. Des weiteren sind die Tests tranierbar und führen so zu besseren Resultaten. Es bleibt für mich darum fragwürdig, Eltern miese IQ Test-Resultate unter die Nase zu halten und damit die schulische Zukunft ihrer Sprösslinge negativ zu beeinflussen.

    • Dario Aliotta sagt:

      Maturitätszeugnis von Einstein, Aargau Kantonsschule. Albert Einstein Aarau, den 5. Sept. 1896
      Deutsch 5, Französisch 3, Englisch -, Italienisch 5
      Geschichte 6, Geographie 4,Algebra 6
      Geometrie 6, Darstellende Geometrie 6
      Physik 6, Chemie 5,Naturgeschichte 5
      Kunstzeichnen 4Technisches Zeichnen 4
      Noten: 6 = sehr gut, 5 = gut, 4 = genügend, 3 = schwach, 2 = sehr schwach, 1 = unbrauchbar

  • fritz lingenhag sagt:

    lieber hermann meier

    was sie da sagen entspricht keinerlei wahrheit. haben sie einmal das maturitätszeugnis von albert einstein gesehen? da würde ihnen wahrscheinlich ein dementi ihrer aussage bestens anstehen……

  • Erich Kellerhals sagt:

    Kann es nicht sein, dass Durchschnitt kombiniert mit Fleiss allemal für die meisten Studien ausreichen, wenn wir mal von Studien wie Physik, Mathematik etc. absehen? Wieder andere sagen: Psychologen machen ihre Probleme zum Beruf, und erzielen damit Erwerbseinkommen. Immerhin eine gute Marketing-Strategie die eigenen „Fähigkeiten“ in Geld umzusetzen. Auch eine Leistung. Vor allem: dafür braucht es Abnehmer. Der Tagesanzeiger gewährt offenbar solchen Psychologen gerne Foren, um ihr Business als ratio scripta zu verkaufen. Mit Gratis-Werbung im Text-Teil des Tagesanzeigers.

    • Walter Kühn sagt:

      Na ja. Dann möchte ich doch mal sehen, wie Sie Herr Kellerhals reagieren würden, wenn Ihre Herzoperation von einem zwar fleissigen, aber dämlichen Chirurgen gemacht werden sollte. Und auch der Kardiotechniker, der ihre Herz-Lungen-Maschine in dieser Zeit bedient und überwacht, nur Mittelmass wäre.
      Und wie ist das mit dem Lehrer Ihres Kindes`? Darf der fleissig aber dämlich sein? Im Moment würden Sie ihn ja wahrscheinlich eher umgekehrt beschreiben – was genaus falsch ist.

      • Sportpapi sagt:

        Hm. Dann also lieber kluge, dafür faule Leute? hochintelligente Chirurgen, die halt nicht so flinke Finger haben, weil sie nicht so gerne geübt haben?

    • Muttis Liebling sagt:

      Unter allen Kombinationen von Fleiss und Lernfähigkeit ist die von ‚Dumm‘ und ‚Fleissig‘ die schlimmste. Generell sollte man sich besser vor fleissigen Menschen hüten. Die schaden fast immer.

    • Meier Hansueli sagt:

      Wie sagte einst mein Mathematikprof nach dem ersten Semester: „Stellen sie sich vor ihr Kind ist sehr krank, würden sie es zu einem Arzt bringen der mit ähnlich wenig Leistung sein Studium überstanden hat wie sie das hier vorhaben? Das ist der Grund warum wir hier die Spreu vom Weizen trennen und uns in den kommenden Monaten von der Hälfte der hier anwesenden Studenten trennen müssen.“

  • Lisa Keller sagt:

    Gerne würde ich mein Sek.A- Klasse manchmal mit allen Aufgaben & Verantwortungen für ein paar Wochen solchen Eltern übergeben, die immerzu glauben, besser zu wissen, wie zu beurteilen ist, wie Aufgaben gestellt sein müssen und welche Kompetenzen ihre Kinder erlernen müssen & welche überflüssig sind – ich wäre gespannt, wie das zu- und hergehen würde.
    Meine Klasse liegt mir sehr am Herzen & ich bin überzeugt, die Fähigkeiten & Möglichkeiten dieser Kinder zum aktuellen Zeitpunkt realistisch einschätzen zu können. Das dies später im Leben komplett anders aussehen kann, ist nur menschlich.
    Anmassend finde ich aber die Erwartungshaltungen an Lehrpersonen, welche über das „menschlich sein“ oft weit hinaus gehen.

  • Mina Peter sagt:

    Hauptsache gesund und zufrieden! Geht mal in ein Kinderspital und besucht die schweren Fälle.

  • andreas sagt:

    Wenn diese Kommentare lese, werde ich erst recht aufpassen, dass ich mich mit Problemen dieser Art bestimmt nie herumschlagen muss.

Kommentar

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