Wenn Papa Papa liebt

Caitlin Childs 640

Auch mit zwei Vätern kann ein Kind glücklich aufwachsen: Schwules Paar an einem Gay-Pride-Umzug in San Francisco. Foto: Caitlin Childs/Flickr

Meine Tochter hat ihren Mann schon in der Kita kennen gelernt. Die Hochzeit wurde im kleinen Rahmen der Kita-Gruppe gefeiert, Eltern waren keine eingeladen. Obwohl alles nur ein Spiel war, hält die Verbindung: Mittlerweile sind beide im Kindergarten und sehen sich nur noch selten, trotzdem reden sie immer noch als «mein Mann» und «meine Frau» voneinander.

Sich verlieben, heiraten – das hat meine Kinder von klein auf fasziniert. Vielleicht, weil sie vor ein paar Jahren eine Hochzeit im Freundeskreis miterleben durften. Und so tauchten auch immer wieder Fragen zu diesen Themen auf: Ab welchem Alter darf man richtig heiraten? Was heisst es eigentlich, verliebt zu sein? Und dürfen Frauen auch Frauen und Männer Männer heiraten?

Vor zwei Tagen kam meine Tochter wieder einmal mit letzterer Frage an, und ich erklärte ihr, dass einige Frauen sich nun mal in Frauen verlieben würden, genauso wie ein Mann sich in einen Mann verlieben könne. Und dass das alles völlig normal sei. «Das isch doch komisch!», rief sie aus, und ich war erstaunt, wie empört sie reagierte. Bis mir klar wurde, dass sie in ihrem Alltag immer nur heterosexuellen Paaren begegnet. Kein Wunder, wirkte die Idee eines lesbischen oder schwulen Paares auf sie da seltsam.

Um Kindern zu zeigen, dass es verschiedene Liebeskonstellationen und auch ganz unterschiedliche Familienformen gibt, hat die italienische Autorin Francesca Pardi ihr Bilderbuch «Piccolo uovo» geschrieben. Es handelt von einem kleinen Ei, das durch die Welt spaziert und auf verschiedenste Familien trifft: eine Hetero-Hasenfamilie mit drei Kindern, ein alleinerziehendes Nilpferd mit Baby, ein schwules Pinguin-Paar mit zwei Kleinen. So unterschiedlich diese Familien sind, haben sie doch eines gemein: Alle Eltern kümmern sich liebevoll um ihren Nachwuchs, und das kleine Ei kann sich vorstellen, in jede dieser wunderbaren Gemeinschaften hineingeboren zu werden.

Pardis Buch wurde zu Beginn sehr gut aufgenommen. Es fand sogar den Weg in viele Schulen, weil es das erste Kinderbuch war, das alle Familienformen ansprach. Bis eines Tages die rechtspopulistische Partei Forza Italia das Bilderbuch ins Visier nahm und zu Bücherverbrennungen aufrief, weil «Piccolo uovo» angeblich versuche, das homosexuelle Familienmodell als das einzig Richtige darzustellen. Ein Vorwurf, der viel Gehör fand, ist die italienische Regierung doch gerade dabei, trotz grosser Proteste die eingetragene Partnerschaft im Gesetz zu verankern.


«Wenn Schwule Kinder kriegen»: SRF-Dok zum Thema. Video: SRF DOK/Youtube

Pardi findet die Kritik an ihrem Werk lächerlich. Schliesslich kämen in «Piccolo uovo» alle Familienmodelle völlig gleichberechtigt vor, sagt sie in einem Filmbeitrag. Tatsächlich findet man im Buch heterosexuelle, schwule und lesbische Elternpaare genauso wie eine Ein-Eltern-Familie, ein Elternpaar bestehend aus einer hellhäutigen Mama und einem dunkelhäutigen Papa und ein Paar mit Adoptivkindern. «Das Ende ist zudem völlig offen, man weiss nicht, in welche Familie das Ei hineingeboren wird», sagt Pardi.

Dass das Buch trotzdem so heftige Kritik provoziert, liegt laut der Autorin womöglich auch daran, dass sich viele homosexuelle Paare verstecken, wie sie in einem Interview mit der Zeitschrift «Nido» sagt: «In den Grossstädten hast du deine Leute um dich herum, die Bescheid wissen, aber nur in diesem Kreis lebt man wirklich offen.» Bekomme man jedoch Kinder, werde alles anders. Plötzlich werde man mitten in die Gesellschaft katapultiert, in Kindergärten und Schulen. So gesehen habe «die Tatsache, dass schwule und lesbische Paare Kinder bekommen können, wahnsinnig viel Kraft».

Denn die Realität kommt dadurch unweigerlich auf den Tisch. Und das kann offenbar vielen Mitmenschen die Angst vor diesen nicht der Hetero-Norm entsprechenden Paaren und Familien nehmen. «Ich denke, es verändert sich gerade etwas in der Denkweise der  Menschen», so Pardi, «wir befinden uns in einer historischen Umbruchphase, in der die Homosexuellen ihre gesellschaftliche Ausgrenzung überwinden.»

Wie gehen Sie in Ihrer Familie mit dem Thema um? Und wünschen Sie sich, dass in Kinderbüchern und Lehrmitteln vermehrt unterschiedliche Familienformen zur Sprache kommen?

207 Kommentare zu «Wenn Papa Papa liebt»

  • Katharina sagt:

    Ich finde solche Bücher enorm wichtig. Warum? Ich hoffe, dass irgendwann die sexuelle Identität und Orientierung kein Anlass für Fragen und Rechtfertigungen sein wird. Bis dann helfen sie aber einem Kind, das nicht heteronormative Neigungen hat, diese als Variation der eigenen Natur willkommen zu heissen, keine Angst haben zu müssen und sie nicht verstecken zu müssen.

    Irgendwann wird, so hoffe ich, ein Coming-Out kein Thema mehr sein.

  • Eisenbahner sagt:

    Abgesehen davon, dass ich nicht viel davon halte, normatives Verhalten aus Büchern zu lehren, stört mich an dem Buch vor allem eines: Warum muss das mit Tieren sein? Kann man da nicht Menschen zur Illustrierung nehmen?

  • Madeleine sagt:

    Ich bin dafür, dass man die Adoptionsklausel (endlich!) lockert und somit homosexuellen wie auch heterosexuellen Paaren ermöglicht, Kindern die keine Eltern mehr haben ein gutes zu Hause bieten zu können. Solche Paare nämlich, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können. Alle anderen Wege finde ich mehr als bedenklich!

    • Ansada Assananda sagt:

      Mit welcher Leichtigkeit sie das Natürliche und die Regeln der Natur über den Haufen werfen, nur weil das medizinisch möglich ist.
      Jahrzehntelang hat uns die Schwulenbewegung mit genau diesem Argument von der Natürlichkeit des Homosexuellen überzeugen versucht: Schwulengen, Homosexualität bei Tieren, Hormone, Biologie… Nun schieben sie dieses Argument beiseite und sage: Macht, was machbar ist. Und das Wohl des Kindes scheint ihnen egal zu sein.

      • Madeleine sagt:

        Entweder haben Sie mich komplett falsch verstanden, oder dann hab ich keinen Deut, was Sie mir sagen wollen. Ich sagte: „Alle anderen Wege als die Adoption, kommen für mich nicht in frage…“ Klären Sie mich auf?

  • Ansada Assananda sagt:

    Wenn man die bestätigten Statistiken (Zahlen aus „Kleiner Anfrage“, Deutscher Bundestag) anschaut, dann verpartnern sich gerade 0.084% der Bevölkerung . Zum Vergleich: Auf 1 Meter entspricht 1 cm einem Prozent, somit muss ich auf ca. 12 Meter hochrechnen, damit ich dies mit 1 cm darstellen kann. Bei den Kindern ist es deutlich über doppelt soviel. Finden Sie einen Raum von ca. 27 Metern. Dann enspricht das Vorkommen der Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften im Vergleich gerade mal 1 cm.
    Denn, nur 0.035% haben in solchen Partnerschaften auch Kinder.
    Wenn wir uns um alle Minderheiten solche Gedanken machen würden!

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