Die unbeschwerte Schwangerschaft

Ein Gastbeitrag von Claudia Schmid*

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Ihre Schwangerschaft verlief zwar nicht sorgenfrei, doch das Positive überwog: Ellen Page im Film «Juno». (Bild: 20th Century Fox)

In etwa zwei Wochen ist meine Schwangerschaft zu Ende, dann ist der prognostizierte Geburtstermin meines ersten Babys. Und doch würde ich am liebsten morgen in den Flieger nach New York steigen. Ich habe zwar ab und zu Senkwehen und schnaufe wie ein Pferdchen. Aber sonst: Courant normal. Sport, Velo fahren, Ausgang, Freunde treffen, schreiben – alles bestens. Und nachts schlafe ich wie ein Bär.

So ging es mir die ganze Zeit: Manchmal las ich in Büchern oder Blogs nach, was jetzt mit meinem Körper geschieht. Doch nie fühlte ich mich angesprochen. Ich habe deshalb schnell damit aufgehört, solche Sachen zu lesen. Kapitel namens «häufige Beschwerden während der Schwangerschaft» haben mich genauso genervt wie «Tipps, was Sie jetzt tun können»: «Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um einen Babywagen zu kaufen.» «Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um die Küchenschränke nochmals zu putzen.» Die Küchenschränke putzen?! Nochmals? Ich habe noch nie freiwillig Küchenschränke geputzt. Und was hat das mit der Schwangerschaft zu tun?

Fakt ist: Mir ging es von Beginn weg gut. Ich hatte keine Schlafstörungen, keine Rückenschmerzen, keine Gelüste, keine Fressattacken. Ich sagte mir: Solange ich keine Blutungen und Schmerzen habe, wird alles in Ordnung sein. Bis dahin mache ich mir keine Sorgen und beschäftige mich nicht damit, was sein könnte.

Den Anfang bekam ich nicht einmal mit. Ich glaubte ja immer, da sei einem schlecht, da schmerzten die Brüste oder man sei den ganzen Tag am Weinen («emotionale Achterbahn»). Ich spürte nichts, war fröhlich am Bierchentrinken, reiste nach Thailand und Italien – bis mir das Unterbewusstsein half: Ich träumte in Mailand, ich sei schwanger – und rannte am nächsten Tag in die Apotheke, wo mir ein Test den Traum bestätigte.

Bis heute habe ich ständig gute Laune und keine wirklichen Gebrechen. Das Problem dabei: Ich bin damit alleine. Die wenigen Freundinnen, die derzeit auch schwanger sind, leiden unter Komplikationen oder müssen gar liegen. Das tut mir weh und macht mir fast ein schlechtes Gewissen. Und viele, die mir zuerst sagten, sie hätten eine gute Schwangerschaft gehabt, gestanden mir jetzt während meiner letzten Wochen, dass sie am Schluss doch noch eine Komplikation gehabt hätten.

Natürlich ist das in vielen Fällen gerechtfertigt. Fakt ist trotzdem: Schwangerschaften werden heute pathologisiert und zelebriert – als Krankheit, als «spezieller Zustand». Und wenn man nicht wie ich eine pragmatische Ärztin hat und seinen eigenen Verstand einsetzt, kann man sich schon ziemlich reinreiten: Es gibt im Internet so viele Tipps und Infos zum Verlauf, dass einem schlecht wird. Zudem gilt man ja, wenn man wie ich mit 35 schwanger wird, auch bereits als Risikopatientin.

Wenn man also nichts hat und man die Schwangerschaft auch nicht gross sieht, scheint das fast verwirrender zu sein. Good news is no news. «Was, du bist schwanger?!», fragten mich bis vorletzte Woche noch Leute. «Man sieht ja gar nichts! Du bist ja gar nicht aufgequollen!» Wer sagt denn, dass man etwas sehen muss? Jede Schwangerschaft verläuft so individuell wie die Menschen, die ein Kind erwarten.

Ausser, dass ich einen Bauch bekommen habe, erinnere ich mich nicht an grosse Veränderungen. Ich hatte deshalb auch nichts zu erzählen (und möchte betonen, dass ich für diesen Bericht angefragt wurde). Immer wieder sehe ich in der Stadt eine Frau in anderen Umständen, die sich durch die Stadt schleppt, und denke: Die Arme ist schwanger. Dabei bin ich es ja selbst! Kann es denn sein, dass ein entspanntes Verhältnis zur Schwangerschaft einen direkten Einfluss auf diese hat? Für mich jedenfalls ist alles eine positive Überraschung.

Ich weiss, ich habe Glück gehabt. Eine Schwangerschaft ist eine Katze im Sack – wie auch ein Kind: Man weiss nicht, was man kriegt und wie es sich entwickelt. Ich habe auch einen riesigen Respekt vor der Geburt. Und nur weil es mir gut ging, heisst das nicht, dass diese ideal über die Bühne gehen wird. Ich weiss aber, dass ich dank meinem Zustand so viele gute Glückshormone zum Baby schicken konnte wie nur möglich. Weil ich mir nie Sorgen machte.

Dass ich jetzt zu guter Letzt wegen meiner Gesundheit bestraft werde, nehme ich knirschend hin: In der Schweiz wird man ja im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht 6 bis 8 Wochen vorab in den Mutterschaftsurlaub geschickt, sondern hat bis zum letzten Tag zu arbeiten – es sei denn, man wird wie die meisten Schwangeren irgendwann krankgeschrieben.

Ansonsten hat man im Büro zu sitzen, bis die Fruchtblase platzt. Das mag eine pragmatische Haltung sein, weil von der Annahme ausgegangen wird, dass Schwangersein kein Krankheitszustand ist. Allerdings ist der Bauch so gross, dass man kaum Sitzen kann. Ich habe mich also nach langem Ringen dazu entschieden, noch ein paar übrige Ferientage einzugeben. Ich rechne es meinen Büro-Gspäändli aber hoch an, dass sie mir im Notfall im Sitzungszimmer eine «Entbindungsstation» mit Tüchern eingerichtet hätten.

Denn auch wenn man fit ist, gibt es doch das Bedürfnis, mal ein paar Tage innezuhalten, um zu realisieren, was da auf einen zukommt. Und vielleicht wäre es auch mal an der Zeit, endlich einen Namen zu finden und noch den Stubenwagen zusammenzubauen. Dazu kam ich nämlich nicht. Um ein Kinderzimmer einzurichten, reicht es sowieso nicht mehr. Aber da hatte ich auch nie Lust darauf. Vielleicht buche ich doch noch einen Flug nach New York.

claudiaschmid* Claudia Schmid ist Redaktorin bei der «SonntagsZeitung» und schreibt regelmässig für den «Tages-Anzeiger» und den Kunst-Blog Private View.

97 Kommentare zu «Die unbeschwerte Schwangerschaft»

  • Melody sagt:

    Wow. Heutzutage gönnt man einer schwangeren Frau, die sowieso voller komischer Hormone im Körper ist und Stimmungsschwankungen hat, und sogar vielleicht noch andere Probleme, nicht einmal mehr, darüber zu reden. Muss also eine Schwangere still sitzen und darf nichts sagen? WENN es eine Zeit im Leben einer Frau gibt, die ihr das Recht gibt, zu jammern wie viel sie möchte, dann ist es die Schwangerschaftszeit! Seid locker und kommt mal von eurem hohen Ross runter. Habt ein wenig Mitgefühl und Verständnis. Man muss nicht immer so ernst durchs Leben gehen und alles und jeden kritisieren. Ich war eine ganz typische Schwangere (aufgebläht, konnte kaum laufen und schlafen) und habe auch darüber gemotzt, was ein wenig geholfen hat.

  • Sepp Schmutzli sagt:

    Ich wollte schon unzählige Male – auch einmal schwanger werden. Leider gelang es mir nie; wie ich mich auch immer anstrengte. Das muss wohl an gewissen Animositäten oder eben an der Anatomie liegen. Nur, in Genderzeiten wurden die Geschlechter ja quasi abgeschafft. Ich finde das ungerecht.

  • Dieter Neth sagt:

    Nur so zum Vergleich! Im in vielen Bereichen rückständigen Mexiko bekommen Schwangere 7 Wochen bezahlten Urlaub vor und 7 Wochen nach der Geburt, also insgesamt 14 Wochen. Alles aufs Mal ausbezahlt, übrigens. Väter gehen leer aus – und hatten zumindest in den Neunzigern auf der Geburtsabteilung nichts zu suchen! Gefragt war ich dann aber beim Bezahlen der Rechnung. Ferien gibt es dort ganze 8 Tage. Pro Jahr. Zum Glück war ich bei den Geburten meiner 3 Töchtern gerade ohne Job! Meiner Frau ging es übrigens wie der Autorin, Null Beschwerden ausser seltsamen Gelüsten. Auf Glace! Ihre Einstellung war immer, dass Frauen für sowas eingerichtet sind. Die erste Schwangerschaft war über den Hochsommer, kann man sich in Nordmexiko etwa wie Dubai vorstellen, nur dass die Luft trockener ist.

  • Mario sagt:

    Jede Frau muss das Recht haben über ihre eigene Lebensgestaltung und über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Daran habe ich keinen Zweifel. Entscheidet sie Mutter zu werden , ist das ihr gutes Recht und ich wünsche ihr eine beschwerdenfreie Schwangerschaft und eine möglist unkomplizierte Entbindung und viel Freude an ihrem Kind. Ich habe auch durchaus Verständnis für ihre Emotionalität wahrend und nach der Schwangerschaft.
    Warum aber muss die Erfüllung ihres ureigensten Wunsches ein Kind zu haben von allen andern mitgetragen werden ? Ist es denn so wichtig dass wir den 7 Milliarden Menschen auf der Welt noch einen mehr zufügen ? Verdient die kinderlose Marathonläuferin nicht das gleiche Verständnis für ihre Beschwerden und die gleiche Unterstützung bei der Erfüllung ihres eigenen Ziels

  • Eduardo sagt:

    Eine pfeiferauchende Frau ist das Maximum an Unattraktivität und Unappetitlichkeit (ein Mann natürlich ebenso, aber um Männer geht es hier ja nicht). Die große Freiheit in der Schwangerschaft soll sich also auch auf das Rauchen und womöglich auf das Trinken von Alkohol erstrecken, oder wie ist das Bild zu verstehen?

    • Martin sagt:

      Eduardo, schreiben Sie doch nicht so was! Ich habe das selbe auf Seite 1 geschrieben und wurde sofort von Ann und Franka Ebi darüber belehrt, dass ein Mann nicht ständig die Frauen bevormunden soll!
      Wir Männer müssen danach einfach bloss für das geistig oder körperlich behinderte Kind bezahlen, aber so was ist ja „sozial“…

      • Feli sagt:

        Das ist ein FILM!!! (Juno) würde auch in der Bildunterschrift stehen!
        Die Frau im Bild raucht nicht wirklich sie hat Pfeife nur in der Hand, weil sie die gefunden hat!
        Es geht im Film darum dass sie ungewollt schwanger wird und trotzdem während der Schwangerschaft und auch danach glücklich. Und ich denke das ist die aussage des Films!
        Und wenn Sie Martin ein geistig/körperliches Kind gezeugt haben zahlen sie dafür und wenn Sie ein gesundes Kind gezeugt haben auch! Das gehört dazu!

  • leila sagt:

    Einige Betriebe ziehen die letzten beiden Wochen Krankschreibung vor Geburt am Mutterschaftsurlaub ab. Ich bekam während des Mutterschaftsurlaubes den entsprechenden Brief, dass mein Mutterschaftsurlaub deswegen früher aufhört.
    Seien Sie dankbar für Ihre komplikationslose Schwangerschaft – und gehen Sie davon aus, dass ganze viele andere Frauen ebenso positiv und unbeschwert eingestellt sind wie Sie und trotzdem mit einigen Zimperchen, Übelkeiten bis richtig taffen Beschwerden ihre Schwangerschaft verbringen. Eine gute Einstellung ist immer hilfreich, aber sie kann nicht alles verhindern.

    • Hans Dampf sagt:

      Wenn ich Sie wäre würde ich schnur stracks zu ihrem Rechtsschutz oder der Beratungsstelle ihres Berufsverbands oder Gewerkschaft gehen. Das ist nämlich nicht zulässig. Krank geschrieben mit Arztzeugnis ist gleich zu behandeln wie bei Krankheit oder Unfall und hat mit den 14 Wochen Mutterschaftsurlaub nichts zu tun. Dieser beginnt zu laufen zum Zeitpunkt der Geburt. Die ersten 8 Wochen nach der Geburt dürfen Sie zudem gar nicht arbeiten. Informativ ist diesbezüglich auch die Broschüre des SECO (zum Herunterladen auf dessen Webseite).

      • Andrea sagt:

        Hans Dampf, das stimmt so nur halbwegs. Wenn der AG z.B. 16 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub gewährt darf er bei Krankheit die letzten 2 Wochen an den Mutterschaftsurlaub anrechnen, wenn es so in den Arbeitsbestimmungen steht. Er unterschreitet die oblig. 14 Wochen dann nicht.

      • Hans Dampf sagt:

        @ Andrea: Stimmt. Aber nur wenn die Krankschreibung vor der Geburt wegen Schwangerschaftsbeschwerden erfolgt. Ist es zB wegen einer Grippe gilt das schon wieder nicht mehr unbedingt so (zB bei den Kantonsangestellten in ZH). Und es gilt auch nur für die Wochen, die der Arbeitgeber über das Gesetzliche Minimum von 14 Wochen heraus gibt. Dann kommts nämlich auf dasselbe heraus (AN abwesend, Betrieb bezahlt). Vorsicht gilt zudem mit solchen Regelungen, wenn der Geburtstermin dann später als errechnet ist. Dann fällt man in ein unbezahltes Loch. Alles komplexer als 500 Zeichen. Darum habe ich geschrieben, sie solle sich von Profis beraten lassen, die auf ihrer Seite stehen (Was auf ein HR ja nie zutrifft).

  • Nadine sagt:

    Liebe Frau Schmid, sie schreiben mir aus der Seele. Erlebe aktuell meine zweite Schwangerschaft so ziemlich ähnlich wie sie das beschreiben. Besonders allergisch bin ich auf den Kommentar: „komm ich helfe dir, du darfst doch nichts Schweres heben…“ (und das wenn ich mit der Laptoptasche rumgehängt ins Office laufe…) Weiterhin alles Gute und ein schönes Geburtserlebnis. (BTW: meines war beim ersten Kind nach super Schwangerschaft ganz toll und ohne Komplikationen)

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