Stopp dem Bastelzwang!

Ehrgeizige Mutterliebe: Denn Mama macht das schönste Lichtdings der Welt. (Keystone/Gaetan Bally)

Ehrgeizige Mutterliebe: Mama macht das schönste Lichtdings der Welt. (Keystone)

Neulich ging ich mit meiner Laterne «und meine Laterne mit mir». Also eigentlich war es gar nicht meine, sondern die der Tochter. Aber weil sie die Laterne ihres Freundes trug, der kalte Hände hatte, trug ich eben ihre. Wir liefen und sangen und machten im Wald ein grosses Feuer. Ich liebe solche Veranstaltungen. Gerne erinnere ich mich auch an die Räbeliechtli-Umzüge im Dorf meiner Kindheit zurück. Hach, wie war das wunderbar! Die Lichter im Dunkeln, der heisse Tee, die magische Stimmung.

Weniger zauberhaft finde ich als Mutter, wie diese Laternen und Räbeliechtli heutzutage entstehen. Nämlich: Wir Eltern werden vorgeladen zum abendlichen Zwangsbasteln im Kindergarten oder in der Kita. «Da oben leuchten die Sterne.» Und unten da basteln wir. Oder: Wir Eltern müssen/dürfen tagsüber in den Kindergarten, um gemeinsam mit dem Sohn oder der Tochter zu basteln. Ich finde beides doof.

Wenn am Abend gewerkelt wird, sind die Eltern unter sich. Meist ist der Raum voller Mütter – irgendwo drückt noch ein Quotenmann seinen halben Hintern auf ein Kindergartenstühlchen. Nun gehen die übermotivierten Mamis ans Werk. Man kann ja nicht einfach ein Räbeliechtli schnitzen oder eine Laterne basteln, nein, es muss das hübscheste Lichtdings der Welt sein. Weil man quasi an der Laterne ablesen kann, wie sehr eine Mutter ihr Kind liebt. Also legt man sich ins Zeug. Die einen Mamis fahren die Ellbogen aus und grapschen sich das beste Bastelmaterial, andere schneiden vor lauter Eifer statt ins Räbeliechtli in den eigenen Daumen. Wenn die Kindergärtnerin um 21.30 Uhr demonstrativ gähnt, sind einige Perfektionistinnen noch immer nicht fertig. Sie nehmen die Laterne oder das Räbeliechtli zur weiteren Bearbeitung nach Hause. «Mein Licht ist schön, könnt ihr es sehn? Rabimmel, rabammel, rabumm.»

Ähnlich schlimm ist es, wenn die Eltern gemeinsam mit dem Nachwuchs im Kindergarten basteln. Einige haben extra freigenommen, um am Dienstagmorgen bei der staatlich verordneten Lichterproduktion mitmachen zu können. Männer trifft man hier selten. Unter den Müttern lassen sich grob drei Kategorien ausmachen:

Die Selberbastlerinnen

Machen von A wie aushöhlen bis Z wie zuschneiden alles selber. Es soll ja schliesslich schön werden! Das Kind sitzt nutzlos daneben, kratzt angetrockneten Leim von der Bastelunterlage oder isst heimlich Räbenabfälle.

Die Helferinnen

Diese Mütter lassen das Kind selber basteln. Vordergründig jedenfalls. Aber weil es ja schön werden soll, tönt es dann oft so:
Mutter: «Luca-Gian, willst du nicht nochli blaue Sterne auf die Laterne machen?
Luca-Gian: «Nein.»
Mutter: «Aber es ist nochli leer, komm, wir machen doch noch blaue Sterne.»
Luca-Gian: «Nein.»
Mutter: «Schau, der Maël hat auch blaue Sterne gemacht. So schön!»
Luca-Gian: «Na gut.»

Die Faulen

Zu dieser Kategorie gehöre ich. Ich helfe zwar meiner Tochter, bleibe aber als Assistentin im Hintergrund. Zu meinen Jobs gehören Ärmel hochkrempeln, Kindernasen putzen und in regelmässigen Abständen «Hey, das kommt gut!» sagen. Ich mache das nicht nur deshalb, weil ich denke, dass meine Tochter ihre Laterne möglichst selber basteln soll. Die ganze Wahrheit ist: Basteln gehört einfach nicht zu meinen mütterlichen Kernkompetenzen. Und die Laterne soll ja schön werden. «Mein Licht ist aus, ich geh nach Haus. Rabimmel, rabammel, rabumm.»

SONY DSC*Nadia Meier ist Texterin und Hörspielautorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Bern.

150 Kommentare zu «Stopp dem Bastelzwang!»

  • MalenaX sagt:

    Okay, auch mir war das Räbeliechtili schnitzen ein Graus, einerseits weil ich ziemlich ungeschickt bin darin und mich der Small-Talk mit gewissen Mamis nervte. TROTZDEM: Den Brauch an sich finde ich total herzig und den Kindern bedeutet der Spaziergang mit dem gemeinsam gemachten Laternli im dunklen Wald – romantisch, gfürchig, traumwandlerisch – sehr viel und weil mir meine Kinder sehr viel bedeuten und nicht nur mein Ego, bin ich bereit auch mal über meinen Schatten zu springen…

  • MalenaX sagt:

    Ach ja, und wenn man einigermassen vernünftig ist, muss man sich ja nicht auf dieses Mami-Konkurrenz-Ding einlassen, wer das schönste Liechtli hat. Die Kids sind ja meist so loyal und finden eh das vom eigenen Mami am besten – ist doch schön, so einen Liebesbeweis zu bekommen (nur schon deswegen lohnt es sich doch 😉 )

  • Monotto sagt:

    Diese Situation kennen ich auch!
    Als Grossvater gab ich mir Mühe, behilflich zu sein, nur wenn unbedingt Männerkraft nötig war. Wir wurden knapp fertig, obwohl wir nur einen Stern, einen Mond und ein Schweizerkreuz eingeritzt hatten.
    Beim Umzug lief das Enkelkind voller Stolz mit, überzeugt, eines der schönsten Liechtli zu tragen.

  • Marti sagt:

    Es ist an uns selber, wenn wir den Zirkus mitmachen. Es wäre wichtig zu deponieren, dass die Hausfrauenteiten mit Morgenbasteln vorbei sind und wir sicher nicht frei nehmen dafür.

  • mutter von 4 sagt:

    ich hab das schnitzen immer gern gemacht. da ich 3 kinder habe die räbeliechtli schnitzen müssen/dürfen bin ich als helfende hand bei meinen drei kids dabei und schnitze nebenbei mein eigenes licht. beim auskratzen brauchen sie immer hilfe, ist ja auch etwas hart und braucht mehr kraft als so ein kinderkörper aufbringen kann jedoch das schnitzen machen sie danach mit freude alleine und da lasse ich sie auch. das laufen im dunkel mit heissem tee und lagerfreuer und das liedersingen fand ich immer total lässig und die kinder hatten immer viel spass dabei.

  • heinz Gadient sagt:

    Ich habe lange Werken am Lehrer- und Kindergartenseminar unterrichtet. Was dann in der Praxis gesehen habe bestärkte mich immer wieder in der Meinung – Das Fach abschaffen und spazieren gehen!

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