Schwanger ist doof

«Die Schwangerschaft ist die bisher schlimmste Erfahrung meines Lebens»: Kim Kardashian an der New Yor Fashion Week 2015. (Peter Foley, Keystone)

«Die Schwangerschaft ist die bisher schlimmste Erfahrung meines Lebens»: Kim Kardashian an der New York Fashion Week 2015. (Peter Foley/Keystone)

Ich darf das sagen. Bei mir ist die letzte Schwangerschaft schon so lange her, dass ich nicht in Generalverdacht gerate, eine Kinder fressende Hexe zu sein, nur weil ich Schwangersein nicht mag.

Ich weiss, dass nicht alle Frauen diese Abneigung teilen, aber viele. Und natürlich dürfen wir Frauen heute sagen, dass es nicht so toll ist. Theoretisch. Aber wenn eine akut Schwangere es so unverblümt ausdrückt wie unlängst Kim Kardashian, dann hat sie den Stempel «Rabenmutter» schneller, als ein Spermium ein Ei entern kann. Kardashian kann das egal sein, auf diesem Sektor hat sie eh nichts mehr zu verlieren. Aber das sollte es eben auch uns sein.

Doch man hört es lieber, wenn normalsterbliche Schwangere da und dort mal ein Einzelsymptom auswählen, zum Beispiel Hämorrhoiden, und sich dann über dieses beschweren. Über das Brutgeschäft als solches sollten sie aber lieber nicht lästern. Das ist dann doch zu heikel. Zu grundsätzlich. Zu blasphemisch.

Eine Schwangerschaft hat ja etwas Heiliges, Faszinierendes, aber eben auch Beängstigendes. Da wohnt plötzlich so ein fremdes Ding in einem, eigentlich eine Art Parasit, ein Alien. Frau freut sich trotzdem in der Regel darauf. Zumindest wenn es gewollt war, und ernsthaft ungewollte Kinder sollte man heute wirklich nicht mehr auf die Welt stellen.

Dennoch ist und bleibt es auch unheimlich, und die Frage plagt, ob das Wesen da drin gesund ist. Ob es sympathisch ist, hübsch ist, man es gern haben wird, man sich gut um es kümmern kann, man nicht in eine Depression verfällt und überhaupt… Nichts auf der ganzen Welt ist so irreversibel wie der Tod und die Geburt eines neuen Menschen. Da ist da. Wer einmal Mutter ist, bleibt es für immer. Und zwar egal, was kommt.

Trotzdem soll die Frau dabei am besten nur rosa Gefühle haben, keine Angst und Zweifel und Ablehnung verspüren dürfen, wenn sie auf der Einbahnstrasse in die Endgültigkeit ist? Das ist doch absurd. Und es ist noch lange nicht alles. Zu den psychischen Faktoren kommt ja noch alles Körperliche hinzu: Sich selbst dabei zuzusehen, wie man sich überdehnt, aus der Form geht, an den absurdesten Stellen Wasser einlagert, sich immer plumper bewegt, so sexy fühlt wie ein Stück Brot, nicht schläft und sich überhaupt selbst fremd ist, macht nun wahrlich nicht jede Frau froh.

Vor allem nicht in der zweiten Schwangerschaft. Da ist alles schon mal erlebt worden, der Bauch stülpt sich willig aus wie ein schon mal aufgeblasener Ballon, und man geht optisch von null auf Monat fünf. Zudem weiss man dieses Mal schon, was alles noch kommen wird. Denn mit der Geburt ist die Sache ja noch nicht ausgestanden. Das Wissen um den Wochenbettfluss, den Milcheinschuss und die anderen Säfte, die dem eigenen und dem kindlichen Körper bald entströmen werden, macht es nicht gerade besser. Der Gedanke an den schaumig-weichen Hautlappen, der fortan das Bikinirändchen bedecken wird, auch nicht. Und weit und breit kein Schnaps. Kim, ich versteh dich.

Drum: Falls es die Medizin je möglich machen wird, dass auch Männer schwanger werden, werde ich einen Dreck tun, mich dagegen zu wehren und meine Rechte als Babygenerator zu verteidigen. Männer willkommen.

Jetzt wollen Sie bestimmt von mir hören, dass es sich dennoch lohnt, all das mitzumachen. Das kann ich hier selbstverständlich liefern. Sogar mit gutem Gewissen. Aber ist das wirklich nötig? Das wussten Sie doch schon, und es ist auch nicht immer wichtig. Manchmal muss man auch einfach sagen können, was nervt, ohne sich immer gleich in vorauseilendem Gehorsam dafür zu rechtfertigen.

Wenn Ärger und Frust auch mal pur und unverdünnt sein dürfen, kann es das Glück ebenfalls sein.

 


«Bin doch nur schwanger» von Knallerfrauen. (Quelle: Youtube)

80 Kommentare zu «Schwanger ist doof»

  • Maettu sagt:

    Für eine Frau, die sich ein Kind wünscht, aber keines haben kann, sind etliche dieser Lamenti stossend. Eine Frau, die es sich überlegt, selbst schwanger zu werden, fühlt sich dadurch wohl kaum beruhigt, geschweige denn informiert. „Den Tatsachen ins Auge blicken“ ist wichtig. Doch das kann man auch mit positiver Attitüde erreichen.
    Das Kind im Bauch hört 24/7 mit und bekommt jedes Gefühl seiner Mama mit, als wäre es sein eigenes. Das ist so, weil die Botenstoffe beide Körper durchströmen. Die Mama überspielt also dem Kind während der Schwangerschaft quasi ihr eigenes Betriebssystem, und das Kind kann darauf keinen Einfluss nehmen. Die Mama trägt also nicht nur einen Menschen in sich, sondern damit auch eine grosse Verantwortung. Umso wichtiger ist die positive Unterstützung der Nächsten. Darum kommt dem Vater eine schützende und unterstützende Aufgabe zu.
    Ein Mann, der sich an den äusserlichen Veränderung des Körpers seiner schwangeren Frau stört, ist kein Mann, sondern ein unreifer Kindskopf. Doch die Frau muss verstehen, dass es auch für den Mann ein Erwachen ist, wenn er zum ersten Mal mitbekommt, beobachtet und erlebt, was da alles passiert.
    Männer sind dazu erzogen, immer cool und stark zu wirken. Da passt so eine tiefe Verunsicherung nicht ins Bild. Starke Männer wagen es auch zu ihrer Verunsicherung zu stehen. Denn mit ihrer Aufrichtigkeit unterstützen sie ihre Frauen mehr als mit unbedachten, unangebrachten oder gar herablassenden Kommentaren.

  • Albert Baer sagt:

    Dieser Text zeigt schön warum die Männer immer geschaut haben, dass sie die Frauen und damit die Reproduktion unter ihrer Knute hatten: Damit sich die Frauen über ihr Weibchensein keinen eigenen Kopf machen können. 😉

  • Richard Schweizer sagt:

    Liebe Frau Fischer

    Sie sind jetzt 46 Jahre alt. Wahrscheinlich haben Sie das Thema Schwangerschaft für sich selber hinter sich gelassen. Weshalb konzentrieren Sie sich nicht auf die lustigen und lustvollen Dinge, die noch kommen, statt mit aufgeplusterten und nicht sehr echt wirkenden Aufgüssen der Vergangenheit gescheiteren Dingen den Platz zu rauben? Wenn sich Männer über Männerthemen derart auslassen würden, denke ich, wären Sie die erste, die herübergifteln würde.

  • AnneInside sagt:

    Ich habe 3 Kinder über 20 und bereue es nicht.
    Aber die Schwangerschaften und die Stillzeiten waren nicht immer nur einfach, mir war in allen Schwangerschaften monatelang speiübel etc. Und der Rücken rebellierte von Kind zu Kind mehr.
    Zum Glück wurde ich einfach schwanger, hatte nie eine Fehlgeburt. Denn schon Qual und Kummer vor der Schwangerschaft hätte ich nicht auch noch gebraucht. Davon gab es nach der Zeugung genug.

  • Dilek Demirel sagt:

    Ich finde es ok, dass man sich über seine Beschwerden beklagt. Was allerdings die heutige Frau mehr leiden lässt als die früheren, grösstenteils selbstverschuldet:
    – Das strenge Figurideal während und nach der Schwangerschaft >> sich darum foutieren schafft nicht nur seelisch sondern auch körperliche Entspannung!
    – Das Unvermögen, sich zurückzunehmen zugunstem jemand anderem, hier dem Kleinen >>> als Landwalfisch vielleicht doch lieber auf dem Sofa hängen statt mit den Freundinnen beim Prosecco oder Wandern
    – Mühe, die (vorübergehende) vermeintliche körperliche Schwäche zu akzeptieren. Da sind die Männer übrigens gleich mies drin, wenn der 2. Schnupfen kurz nach dem 1. kommt wird man gleich subaggressiv, weil es im Fitnessstudio/ beim Joggen nicht so rund läuft. Auch da gilt: Lieber ne Runde Sofa.
    – Narzisstische Selbstoptimierungszwänge: Karriere, Haushalt, Aussehen, Kinder, alles muss toll sein.
    – Ständiges Vergleichen mit den anderen, bei welchen es vielleicht besser läuft.
    Man hat also viele Ansatzpunkte, wie es einem besser gehen könnte während einer Schwangerschaft.

  • Schwaschnu2015 sagt:

    Ich war bis im Mai schwanger. Die Schwangerschaft war eine der schönsten Erfahrungen in meinem Leben! Nur die Geburt und die bisherige Zeit nun mit unserem Baby ist noch schöner!

  • Jean-Jacques sagt:

    „Schwanger ist doof“; Doof ist vor allem dieser Titel. Schwanger werden ist im Normalfall – eine individuelle Entscheidung.

  • Pia sagt:

    Liebe Frau Fischer

    Herzlichen Dank für diesen Text, Sie schreiben mir da aus der Seele!
    Es darf ja auch mal gesagt werden, dass nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist mit/während den Schwangerschaften.

  • Kein Tabu sagt:

    – Probleme mit dem Stuhlgang
    – Blutende Nasenschleimhaut
    – Blutendes Zahnfleisch
    – Schalfstörungen
    – Übelkeit
    – Magenbrennen
    – Geschwollene Füsse
    – Wassereinlagen
    – Ungewohnte Gewichtszunahme
    – Brustspannen
    – Schmerzende Brustwarzen
    – Restless legs syndrome
    – Vorwehen

    bin im 8. Monat, kann also noch was dazu kommen. Meine Schwangerschaft ist gut, trotz der Aufzählung oben, aber ICH finde Schwangersein nicht das Grösste. Ich finde Schwangersein doof!
    Wenn es mich aber zu meinem Kind bringt, nehme ich die o.g. Punkte in Kauf. Aber ich finde, dass man sich ruhig über seine Beschwerden beschweren können sollte, denn jede Schwangerschaft ist – wie die Frau auch – individuell. Gewisse mögen es, keinen normalen Stuhlgang mehr zu haben und gewisse nicht. Ich nicht und teile das auch mit. Aber niemand sollte sich das Recht nehmen, anderen zu sagen wie sie sich zu fühlen haben oder noch besser, seine Gefühlswelt nicht mitteilen zu dürfen. Punkt.

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