Fieber? Egal, das Kind geht zur Schule


Martina Hill tut in ihrem Sketch als Mutter alles, um ihr krankes Kind loszuwerden…(Youtube).

«Der Nächste, der mir ein hoch fieberndes Kind in die Schule schickt, schreibt mir hundertmal den Satz ‹Kranke Kinder gehören ins Bett›.» Die Diskussion auf Twitter kurz vor den Herbstferien war lanciert. Auf den Tweet von fraichedax antwortete harassli postwendend: «Noch schlimmer sind die kotzenden …» Fraichedax ergänzte, er rufe in solchen Fällen die Eltern an, damit diese das kranke Kind in der Schule abholen, und er rate jeweils auch gleich zu einem Arztbesuch. MissDeWorde darauf: «Hab mehr die ‹Ja, aber ich hab ein wirklich wichtiges Meeting!›-Eltern. Und vor allem für die Kinder ist das echt Mist.»


Auf meine Rückfrage bei fraichedax und harassli hin, ob Eltern tatsächlich oft kranke Kinder in den Kindergarten und die Schule schickten, statt sie zu Hause zu behalten, antworten sie: Ja, das würden sie tun – doch selbstredend beträfe dies nicht alle Eltern. «Die meisten sind toll.»

Ich gebe zu, ein Anflug von schlechtem Gewissen breitete sich in mir aus. Hatte ich nicht auch schon meinen Sohn in den Kindergarten geschickt, obwohl er gesundheitlich angeschlagen war? Er hatte zwar kein Fieber, doch es war offensichtlich, dass sich eine starke Erkältung anbahnte – oder mehr. Ich flösste ihm damals während des Frühstücks einen extragrossen Löffel Hustensirup ein, gab ihm homöopathische Kügelchen und redete ihm gut zu, in der Hoffnung, er würde erst am nächsten Tag richtig krank. Dann würde ich mehrere Tage freihaben, und danach könnten die Grosseltern für ihn sorgen. Aber bitte, bitte nicht heute, dachte ich verzweifelt – am Tag der wichtigen Sitzung und des Interviewtermins …

Der Vater des Kindes kam für dessen Betreuung nicht infrage, er war damals selbst schwer krank. Und auf die Idee, meinen neuen Lebenspartner darum zu bitten, nicht zur Arbeit zu fahren und stattdessen für meinen Sohn zu sorgen, kam ich gar nicht – obwohl er eine wichtige Bezugsperson für ihn geworden war und wir schon seit einiger Zeit zusammen lebten.

Ich begleitete jedenfalls den halbkranken Kleinen zum Kindergarten und weiss nicht, was schlimmer war: Das schlechte Gewissen, in diesem Moment nicht für das Kind da zu sein, der vorwurfsvolle Unterton der Lehrerin – oder die besorgten Blicke zweier Mütter, als ich ihm bei der Tür des Kindergartens zum Abschied ein Küsschen auf die Backe drückte.

Wobei ich sie alle gut verstehen kann. Wer findet es schon berauschend, zu wissen, dass ein halbkrankes Kind einen Morgen lang mit den anderen Kindern spielt, den Znüni teilt und die ganze Zeit schnieft und hustet? Ich selbst hasse es auch, wenn Kollegen krank bei der Arbeit auftauchen. Nebst dem, dass für einen kranken Menschen die Schule, der Kindergarten oder der Arbeitsort ungeeignete Orte sind, um sich auszukurieren, ist es gegenüber den anderen schlicht daneben und asozial.

Was aber sollen arbeitstätige Eltern tun, wenn das Kind krank ist und sowohl die Mutter als auch der Vater glauben, nicht bei der Arbeit fehlen zu können? Um Familien in solchen Situationen zu helfen, gibt es mehrere Stellen mit Notfalldiensten: Der Hüte- oder Rotkäppchendienst des Schweizerischen 
Roten Kreuzes etwa. Er richtet sich an Allein­erziehende und berufstätige Eltern, 
die tagsüber auf eine Fremdbetreuung 
ihres Kindes angewiesen sind. Vermehrt bieten auch private Organisationen einen solchen Dienst an.

Als Notfalllösungen können solche Angebote für Familien wertvoll sein – aber ich finde, wirklich nur dann. Denn gerade wenn ein Kind krank ist, braucht es keine fremden, sondern vertraute Menschen um sich. Solche, die es lieb hat und bei denen es sich geborgen fühlt. Eltern, nahe Verwandte oder Freunde. Im Ernst: Was um Himmelswillen kann in diesem Moment wirklich wichtiger sein, als für das kranke Kind da zu sein und für es zu sorgen? Der Abgabetermin eines geschäftlichen Projektes des Vaters? Der Sitzungstermin, an den die Mutter so dringend muss? Nicht wirklich, oder? Irgendwo las ich kürzlich ein Zitat des deutschen Familienforschers Hans Bertram, es ging dabei um dauergestresste Eltern. Er sagte: «Zeit ist immer ein Indikator dafür, wie sehr einem etwas bedeutet.»

Das merkte ich zum Glück vor ein paar Jahren auch. Mein Kind schickte ich bloss einmal bewusst halbkrank zur Schule – und nie mehr wieder.

116 Kommentare zu «Fieber? Egal, das Kind geht zur Schule»

  • Katharina sagt:

    Also was noch fehlt neben den Kügeli sind Impfgegner.

    Ich bin nämlich überzeugt dass Aluminiumhüte die Verbreitung der Grippen verhüten.

    Homöopathie hilft wiederum auch nicht gegen Filter. Diejenigen betreffend Wörtern und den Orkus hier.

    • Brunhild Steiner sagt:

      wenn die Aluhüte wenigstens die Kommentare welche am letzten waren, zurückbringen könnten, hätte ich nur noch halb so viel gegen sie 😉

  • Mody Bühler sagt:

    Klar geht das plötzlich kranke Kind in die Schule! Schliesslich hat Mami abgemacht (mit wem auch immer..) und auf ihre Freizeit möchte sie keinesfalls verzichten.

  • Alexander Skwar sagt:

    Tja. Schwere Frage. Was kann wichtiger sein? Natürlich eigentlich nichts.

    Aber wenn man Urlaub zu nehmen hat und keine Tage mehr übrig sind – was danndann?

    Und sich krank melden für Betreuung des eigenen Kindes? Geht der überhaupt? Und selbst wenn – kommt auf Dauer eher nicht gut an beim Arbeitgeber. Mag doof sein, ist aber Realität 🙁

    • arbeitende Mutti sagt:

      gemäss Arbeitsgesetzt kann Mutter oder Vater pro Krankheitsfall des Kindes 3 Tage der Arbeit fern bleiben für die Betreuung des kranken Kindes: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19640049/index.html#a36
      Spannend ist, dass diese Aufgabe meistens der ebenfalls arbeitstätigen Mutter zukommt, obwohl der Vater gemäss Gesetz dieselben Rechte hat. Im Glücksfall hat man ein Job, wo man die dringendsten Dinge im HomeOffice erledigen kann und einen verständnisvollen Chef.

  • Bianca Neumann sagt:

    Also ich versuche immer abzuwerten ,, Wie schlimm ist es wirklich ?
    Allerdings bei Fieber bleib ich definitiv Zuhause und setze mich auch meistens mit dem Kinderarzt in Verbindung um Klarheit zu bekommen.
    Das Kind zählt genau so als wäre man selbst krank im AG ( Arbeitsgesetzt) und kein Arbeitgeber kann einem deshalb einen Vorwurf machen.
    Zudem verletzt das die Aufsichtspflicht des Kindes (Mutter).
    Gesundheit und Kind gehen vor Ende Aus!

  • Joerg Hanspeter sagt:

    Irgendwie läuft die Diskussion hier falsch. Es geht doch nicht darum, ob die Firma stillsteht, wenn man mal fehlt. Es geht darum ob ich das Gefühl habe, dass man es mir übelnimmt, wenn ich mal wegen Krankheit meines Kindes fehle. Allerdings weiss ich vermutlich nie, ob das so ist, nicht einmal wenn ich tatsächlich meinen Job verliere. Wenn ich also auf den Job angewiesen bin, werde ich einfach alles tun um ihn zu behalten, besonders wenn ich nicht mehr 20 bin.

    • Achim sagt:

      Mit dieser Einstellung sollte man vielleicht nochmal prüfen, ob man überhaupt Kinder möchte, oder dafür geeignet ist. Auf Kosten der Allgemeinheit sollte man jedoch seine elterlichen Pflichten nicht abwälzen dürfen.

      Komisch, dass wir alle wissen was wir von Menschen zu halten haben, die ihre Hunde am Strassenrand absetzen, wenn diese gerade nicht zum Lebensstil passen, jedoch offensichtlich Schwierigkeiten haben, das gleichartige Verhalten von Eltern einzuordnen.

  • Valeria sagt:

    Bei Fieber gehört ein Kind weder in die Schule, noch in die Kita. Manchmal fragt man sich schon: Da wird das komplette Leben der Kinder durchgeplant, aber für den Fall einer Krankheit hat man keinen Notfallplan?

    Bei uns ist folgende Situation viel häufiger: Man steht morgens auf und das Kind ist halt irgendwie komisch, zwar kein Fieber, aber halt nicht wie sonst. Wird aus dem hüsteln nun eine Lungenentzündung? Ist die laufende Nase der Vorbote für eine fette Erkältung? Ist das linke Auge nicht etwas röter als das rechte? Wir machen das jeweils so, dass wir zwar in die Kita gehen, aber schon einmal vorwarnen. Dann wissen die Betreuer, woran sie sind und auch, dass sie sich frühzeitig melden können und sollen. Derweil kann ich das wichtigste organisieren und mal vorsichtig bei unseren Notfallplan-Personen nachfragen, just in case. In 95% kommt es in der Kita zur Spontanheilung, die restlichen 5% haben wir bis jetzt immer hinbekommen.

  • Sakölabo sagt:

    Ja. „Was könnte wichtiger sein“ habe ich mir auch mal gedacht. Als meine Frau krank wurde und sich nicht um die Kids (damals 2 und 6) kümmern konnte, was ich dann übernahm und auf Minusstundenbasis halbtags arbeitete. Und spät abends wegschlich, um im Büro noch Mails zu beantworten. Und Arbeit mit nach Hause nahm. Oder das Kleinkind mit ins Büro.

    Dann wurden auch noch die Kinder krank. Und mit einem mal weigerte sich der Arbeitgeber, den Elternkrankenschein anzuerkennen. Da will man dann natürlich nicht „die Welle machen“, weil einem das Ganze eh schon unangenehm ist und man den Job ja noch braucht. Also unbezahlter Urlaub.

    Und nach drei Wochen lag dann die Kündigung auf dem Tisch.

    Soviel zum Thema Verständnis. Und grau ist alle Theorie. Pöh.

    • Achim sagt:

      Sehr schlimm, dürfte aber ein Einzelfall sind. Eine Krankheit eines Kindes, die einige Wochen Betreuung in Anspruch nimmt, halte ich ebenfalls für nicht alltäglich.

      Es kann jedoch nicht sein, dass gerade bei ansteckenden Krankheiten, die so dramatische Folgen haben einfach der Kindergarten kontaminiert wird!?

      Wenn ein Elternteil eine diagnostizierte Behinderung in Form einer schweren Krankheit hat, die ihn für Monate ans Bett fesselt oder ähnliches, gibt es staatliche Hilfs- und Betreuungsangebote.

      Ich halte das für keine glaubwürdige Begründung, um kranke Kinder im Kindergarten abzuladen.

  • Achim sagt:

    Raben-Eltern sind der Alltag.

    Das sind Eltern, die zehntausende Franken ausgeben, schmerzhafte Injektionen im Unterleib ertragen, alles tun, um ein Kind zu bekommen und wenn sie es dann haben, kommt es mit 16 Woche in die Krippe und ist ab dann Wochenendgast im Elternhaus.

    Die bringen Kinder in jedem Zustand in den Kindergarten. Wir retteten uns in den Waldkindergarten, denn niemand würde ein krankes Kind am Waldrand abliefern, wissend, dass es den Tag bei jedem Wetter im Freien und am Wandern verbringt.

    Jetzt in der Schule erkennen wir, dass es vor allem an couragierten Eltern fehlt, die den Missetätern eine ordentliche Szene machen. Ich bin Papa von zwei Jungs, habe das ausprobiert und die betroffene Mami hat ihr Kind nie wieder krank in der Schule abgesetzt.

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