Wenn Kinder den Kontakt abbrechen

Mature woman looking anxious

Ein Kontaktabbruch hat meist eine lange Vorgeschichte. Foto: Getty Images.

Wenn Leute sie nach ihrer Mutter fragen, sagt sie jeweils, die sei schon lange gestorben. Was allerdings nicht stimmt. Meine gute Freundin, von der hier die Rede ist, hat noch eine Mutter, doch sie hatte eine enorm schwierige Beziehung zu ihr, ja eigentlich gar keine. Die letzten zehn Jahre haben sich die beiden weder gesehen noch gehört, und keine von beiden scheint das Bedürfnis danach zu haben. Aber das sei etwas, was man den Leuten nicht erklären könne, ohne dass sie schockiert seien oder über Gebühr Mitleid hegten, erzählte mir meine Freundin unlängst. Deshalb habe sie ihre Mutter für tot erklärt. Das sei einfacher, und meistens kämen dann auch keine weiteren Fragen mehr.

Eine so drastische Entfremdung zwischen Mutter und Tochter ist zwar eher selten, aber doch häufiger, als man meint. Die Psychotherapeutin und ehemalige Journalistin Claudia Haarmann hat ein Buch darüber geschrieben: «Kontaktabbruch, Kinder und Eltern, die verstummen».

Im Zentrum des Buches steht die Mutter-Tochter-Beziehung, eine oft äusserst delikate Angelegenheit, aber auch Väter und Söhne sind mitgemeint. Es richtet sich vor allem an Eltern und Grosseltern, die nicht verstehen, warum ihre Kinder sich von ihnen abgewandt haben oder den Kontakt zu den Enkeln vorenthalten, und zeigt auf, dass solche Entwicklungen immer eine sehr lange Vorgeschichte haben – oft sogar über Generationen hinweg.

Es ist kein einfaches Buch. Zwar ist es leserlich, anschaulich und berührend geschrieben, aber eben auch schonungslos ehrlich. Schliesslich geht die Autorin davon aus, dass Menschen, die ein solches Buch lesen, bereit sind, etwas an ihrer Situation zu ändern. Sehr klar schält sie heraus, dass ein Kontraktbruch in einer Familie seine Wurzeln in der Regel im elterlichen Verhalten hat, und zwar schon während der sehr frühen Jahre der Kindheit. Aber sie ist sich aufgrund ihrer jahrelangen Arbeit auch bewusst, wie schmal der Grat ist zwischen der Einsicht, dass man Ursache ist für ein Problem, und lähmenden Schuldgefühlen und Scham.

Denn eigentlich wollen praktisch alle Eltern ihren Job wirklich und aufrichtig gut machen. Aber je nach eigener Geschichte fällt es schwer, einem Kind die Aufmerksamkeit und Bestätigung zu geben, die es braucht. Auch Stabilität ist ein ganz zentrales Thema. Eltern, die selbst instabil sind, aus welchen Gründen auch immer, geben ihren Kindern nicht die Geborgenheit, die diese zum Leben brauchen. In vielen der erwähnten Fallbeispiele ist von Kälte die Rede, von unaufrichtiger oder fehlender Kommunikation oder von zu niedrigen bzw. zu hohen Erwartungen an die Kinder. Deren Reaktion auf all diese Missstände ist stets grosser emotionaler Stress. Wie sich der auswirkt, ist allerdings stark abhängig vom Kind. Das Spektrum reicht von Rebellion über Rückzug und Überangepasstheit bis hin zu einer verblüffenden Stärke und Selbstständigkeit.

Vor allem bei den sogenannt braven Kindern fallen Eltern aus allen Wolken, wenn diese sich als Erwachsene scheinbar plötzlich von ihnen abwenden. («Er oder sie war doch immer so lieb und hat nie Probleme gemacht.»)

Auf differenzierte Weise führt Claudia Haarmann die Leser über Fallprotokolle und Erkenntnisse aus der Psychologie daran heran, sich selbst Dinge einzugestehen, die man so bislang nicht gesehen hat, sehen wollte. Dem zugrunde liegt ihre Überzeugung, dass es möglich ist, wieder in Kontakt zu treten – aber nur, wenn Offenheit und wahrer Wille zur Einsicht und Veränderung da sind. Ohne Wenn und Aber.

Auch wenn wir uns gern in Sicherheit wähnen: Das Buch ist durchaus auch für Eltern mit Kindern lesenswert, die noch jünger sind. Es führt eindringlich vor Augen, wie essenziell es ist, mit ihnen in Kontakt zu stehen, sich aufrichtig für sie zu interessieren, ihnen nicht unsere Ängste und Sorgen aufzubürden oder unsere übersteigerten Erwartungen. Lieben, zuhören. Reden. Eigentlich ganz einfach. Aber je nach eigener Geschichte oft schwerer, als wir es wahrhaben möchten.

Am eindringlichsten illustriert dies für mich die Beziehung von Alice Miller und ihrem Sohn, die Haarmann ausführlich bespricht. Miller war eine Schweizer Psychologin und Kindheitsforscherin, verstand sich in den 70er- und 80er-Jahren als Advokatin der Kinder und wurde damit sehr berühmt. Nur ihrem eigenen Sohn gegenüber war sie offenbar ausserstande, die Wärme und Empathie aufzubringen, für die sie so vehement plädierte. Allein schon ihre Briefe an ihn, in denen sie sich und ihm eingesteht, dass die Härte und das Schweigen in ihrer eigenen Kindheit so prägend waren, dass sie alles verdrängte – und gerade deshalb unbewusst weitergab –, macht das Buch zu einem Lesestoff, der unter die Haut geht und dort auch noch lange schwelen wird.

PS: Die Mutter meiner eingangs erwähnten Freundin stammt übrigens aus Ungarn und hat eine harte und oft sehr entbehrungsreiche Kindheit hinter sich. Die einzige Art, wie sie so etwas wie Zuneigung ausdrücken konnte, ging über das Essen. Davon besorgte sie ihrer Tochter immer und reichlich.

86 Kommentare zu «Wenn Kinder den Kontakt abbrechen»

  • Christine sagt:

    Ich gehöre auch zu denjenigen, die zu einem Elternteil den Kontakt abgebrochen hat. Im Moment des Abbruchs war ich davon überzeugt, dass die ganze Schuld und Verantwortung beim Elternteil lag. Mittlerweile aber bin ich davon überzeugt, dass wir in unseren charakterlichen Eigenschaften inkompatibel waren. Der Stress war dauernd und wohl gegenseitig. Der Elternteil hat sich ausgelebt in Erniedrigungen und Aggressionen, war aber wohl auch ziemlich hilflos im Umgang mit dieser Unverträglichkeit. Wäre es „normal“ gewesen, dass es auch innerhalb der Familie Persönlichkeiten gibt, die nicht miteinander klar kommen und auch nicht klarkommen müssen, dann hätten wir uns wohl vor zig Jahren „im Frieden“ getrennt und uns in Ruhe gelassen, das wäre beiden wohl besser bekommen. Da aber für die Menschen um uns herum eine innerfamiliäre Trennung nicht in Frage kam und moralisch aufgeladen wurde, haben wir diesen wahrscheinlich wohltuenden Schritt verpasst, auf Familienbande gemacht und Schaden genommen, zumindest ich.

  • andreas lamers sagt:

    eine erfahrung die geschiedene vaeter sehr haeufig haben, ich habe zu meiner aeltersten tochter keinen kontakt mehr, obwohl ich zu hause geblieben bin und immer fuer sie da war, nach der scheidung noch kurz aber nach dem das besuchsrecht eingestellt worden ist kaum mehr, und das wenige waren eben geld forderungen weil einen neune vater hat sie ja. zu meinen stiefkindern die alter sind habe ich gute kontakte, zu meiner juengsten nicht da die bei kontaktversuchen zufaellgierweise nie da ist. denke nicht das das wieder gut wird in 10-20 jahren wenn sie selber kontakt aufnehmen koennte.

    • Charles sagt:

      Vielleicht möchten Ihre Kinder gerne Kontakt zu Ihnen, schaffen es aber nicht, Ihre Mitteilung zu lesen. Könnten Sie sich bitte mal einen verständlicheren Ausdruck beibringen lassen? Danke!

  • Alpöhi sagt:

    Schwieriges Thema. Zwar stimmt es, dass man Vergebung nicht einfordern kann, und doch denke ich, dass sie der Schlüssel zur Heilung ist. Eltern tun gut daran, ihren Kindern zu vergeben, und umgekehrt. Wenn ich der Person x nicht vergebe, dann trage ich der Person x etwas nach. Dabei trage ICH; die deutsche Sprache ist hier sehr genau.

    Es geht also darum, die Fehler unserer Nächsten nicht mehr herumzutragen. Abzulegen. Loszulassen. Das ist etwas ganz Anderes als Verdrängen.

    Als Chri st darf ich mir vorstellen, dass G.tt auch in allen schlechten Momenten da war und mitgelitten hat. Das hilft mir. So fand ich Frieden. Your mileage may vary, andere dürfen das anders sehen.

    • Anne Baynor sagt:

      Ja, danke. So sehe ich das auch und wünschte es mir.

    • bruno menzi sagt:

      Finde ich immer besonders einleuchtend, wenn solche Superchristen wie sie dem Rest der Menschheit erklären wollen, wie sie zu funktionieren hätten, damit es untereinander klappen würde…

      • Alpöhi sagt:

        Menzi, zum einen dürfen Sie meinen letzten Absatz wegdenken, wenn Sie wollen. Mein Beitrag ist dann immer noch vollständig. Zum anderen habe ich nichts dagegen, wenn Sie Ihre Last weiter (nach-) tragen wollen.

      • Charles sagt:

        Herr Menzi, wenn man ohne jeden religiösen Gedanken Ihre Worte liest und die des Herrn „Alpöhi“, findet man in Ihren Zeilen nicht den geringsten Lösungsansatz oder -versuch, in den Worten des „Alpöhi“ jedoch findet man eine Möglichkeit einer Lösung.

      • Hagen sagt:

        Guten Tag,
        Meine persönliche Meinung ist, man kann Probleme nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen die zu seiner Entstehung beigetragen haben.
        Und genau da wird’s komplex ! sich am Ursprung zu orientieren, ihn gar zu kennen ist, sein wir mal ehrlich nicht leicht.
        Ein wichtiger Punkt ist wie ich annehme zu denken was der andere eventuell
        von „mir“ denkt, was aber nur zu Kompromissen oder „angepassten“ verhalten führt, und das auch noch grundlos – so können sich mit der Zeit der eigene Standpunkt, vorstellungen , freundschaften negativ entwickeln .
        Sagen was zu sagen ist, nicht auf den „passenden“ Moment warten, und der eigenen Empathie mehr Raum lassen .

  • Beat Bannier sagt:

    In unseren Klein und Kleinst Familien ist auch der Horizont (Einstellungen, Meinungen dem Leben gegenüber) sehr klein, die Beeinflussung durch die Eltern umso grösser, und häufig auch länger als Früher.
    Schuldzuweisungen, weshalb die Eltern-Kind Beziehungen nicht Lebenslänglich attraktiv bleibt, sind kontraproduktiv u. entspringen einer Zwangsvorstellung.
    „Unsere Kinder sind nicht unsere Kinder…denn ihre Seelen wohnen im Haus von Morgen, dass ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen“. Khalil Gibran.

  • Dr. Cox sagt:

    Irgendwann habe ich gemerkt, dass er mich niemals etwas gefragt hat, da war er so um die 15. Das Verhältnis zu ihm schien mir eigentlich recht normal – soweit man von „normal“ sprechen kann, wenn man sich in den 12 Jahren seit der Scheidung von seiner Mutter nur etwa alle zwei Wochen sehen kann und nur noch sporadisch am Leben und Großwerden seines Kindes teilnehmen kann. Dann igelte er sich zunehmend ein an den wenigen Besuchswochenenden, alle Kommunikationsversuche blockierend. Das zog sich so über Jahre hin und wurde dann für alle Beteiligten immer mehr zur Farce bis ich vor zwei Jahren die Reißleine gezogen habe. Kein Taxidienst mehr über 500 KM pro Besuchswochenende. Das Ergebnis: Kein Anruf mehr. Keine E-Mails. Nicht ein einziger Besuch. Kein Interesse. Nada. Stattdessen Post von Anwälten und Gerichtsvollziehern. Und das 15 Jahre nach der Scheidung, über 100 TEUR gezahltem Unterhalt, unzähligen Wochenenden auf der Autobahn und ungezählten Wochenenden, deren Planung mit der „Zweit“-Familie mal wieder kurzfristigst über den Haufen geworfen wurde mit all dem dazugehörigen Stress.

    Ich hab keine Ahnung, welcher Igel da gebürstet wurde. Aber wenn ich mir heute seine Posts auf Instagram so anschaue, dann weiß ich, dass es so besser ist. Mein Sohn ist einfach eine Flachzange, nicht unbedingt intellektuell, aber zumindest emotional – hart aber wahr. Wie gut dass da kein Kontakt mehr ist.

    • Mann Weinenicht sagt:

      @Dr. Cox: Willkommen im Club der verstossenen Viel-Fahrer-Väter. Mich erstaunt ein wenig, dass kein einziges Kommentar auf das Thema PAS verweist. Die 99 Studien des US-Experten Gardner müssten doch Alarm auslösen.

    • Charles sagt:

      Wenn ich Geschichten wie die Ihre mitbekomme, frage ich mich immer, wieso ein Mann so lange einen solchen Mist mitmacht. Weil er „sein Kind liebt“? Unsinn! Dem hätte er einen grösseren Dienst mit einem klaren Tarif erwiesen.

  • BZ sagt:

    Ich habe den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen, weil mein Vater unter einer chronischen (unbehandelten) Schizophrenie litt und während akuten Phasen extrem gewalttätig war. Ich habe unzählige Prügel-, Messer- und Würgattacken (üb)erlebt und meine Eltern trotzdem geliebt. Der Kontaktabbruch erfolgte erst 12 Jahre nach meinem Auszug aus dem Elternhaus. Ausschlaggebend für den Kontaktabbruch war (und ist) die Tatsache, dass meine Eltern kategorisch leugnen, dass die oben erwähnten Vorfälle stattgefunden haben.
    Und ja, auch in meinem Umfeld reagieren die Leute meist mit einem spontanen „aber man muss seinen Eltern doch verzeihen, alles andere ist unreif“, wenn sie mitbekommen, dass ich den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen habe. Und nein, diese Reaktion ist nicht wirklich hilfreich…

    • Doia sagt:

      Hallo BZ, das war die absolut richtige Entscheidung! Lassen sie sich auf keinen Fall etwas anderes einreden. Den Kontak zu den Eltern abbrechen ist in unserer „modernen “ Gesellschaft ein no go und somit immer noch ein Tabuthema. Ich habe noch von keinen Eltern gelesen, welche zugeben zu wissen warum ihre Kinder den Kontak abbrechen. Sie stellen immer die Kinder als die Bösen hin und sie die armen Eltern. Warum soll man bei Menschen bleiben die einem quälen, obwohl sie einem lieben sollten? BZ, super gemacht. Schützen sie sich. Viel Glück.

    • Bärbel Schenk sagt:

      Hallo BZ
      Ich finde deine Entscheidung richtig, denn bei solchen Eltern kann und sollte man nicht bleiben.
      Ich gehöre leider zu den Eltern, wo das Kind den Kontakt abgebrochen hat. Bei mir sind es ganz harmlose Sachen. Meine Schwiegertochter kommt mit meiner Art nicht klar und das sehe ich nicht als Grund an, den Kontakt abzubrechen. Ich leide sehr darunter meinen Sohn und die Enkelkinder nicht sehen zu können. Ich liebe sie alle trotzdem.
      Wünsche dir viel Glück im weiterem Lebens. L. G Bärbel

  • Charles sagt:

    Was ist denn das für ein Unsinn, zu behaupten, die Eltern seien tot, obwohl die quicklebendig sind? Man kann doch ganz einfach und klipp und klar sagen, man habe keinen Kontakt zu den Eltern und wünsche auch keinen, und das Thema sei kein Gesprächsthema. Es gehört etwas Reife und Stärke dazu, aber nicht viel. Und wenn jemand dennoch weiterbohrt, ist das eine gute Gelegenheit, auch den Kontakt zu dem abzubrechen…

  • Urs W. Scheu sagt:

    seit elf jahren bin glücklich zum zweiten mal verheiratet. aus meiner ersten ehe, die doch 12 jahre dauerte habe ich zwei kinder. eine tochter, 26 und einen sohn 22 jahre alt. mit meiner ehemaligen frau (ex tönt sö negativ) habe ich nach wie vor einen guten kontakt. meine kinder leben leider nicht in der nähe, aber wissen dass die sie mich jederzeit kontaktieren, bzw. besuchen können. was sie auch rege nutzen.
    alls während der pubertät meines sohnes probleme auftraten bat mich meine ehem. frau mit ihm zu sprechen, quasi von mann zu mann.. es hat gefruchtet! seinen neuen vater konnte er nie akzeptieren, hat offen gegen ihn getrotzt. mir hingegen hat er zugehöhrt.
    gruss urs
    ps. meine kinder und ich sind hochgradig ADHS’ler…

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.