Die «Pschschscht»-Eltern

Ein Papablog von Beat Camenzind*

(Flickr/Alexandre Normand) Sometimes we adore the little angels. Sometimes we wish they would have play the devil a little bit and do what their hearths scream for.  … Fine, the latter is of rarer occurence. Still, sometimes it's good to let the angels put on their horns and shake things up. It can't always be easy. ..says the guy who would like quiet and obedient kids.

Wenn «Erlaubt ist, was nicht stört» schon für die Kleinsten gilt. (Flickr/Alexandre Normand)

«Pscht!» klingts in der S-Bahn. Mama versucht ihre Kleinen vom lauten Schäre-Schtei-Papier-Spiel abzuhalten. «Pscht!» zischts quer durchs Café Richtung Spielecke. Papi findet, sein Sohn traktiert die Lego-Duplo zu unsanft. «Pscht!» tönts sogar auf dem Spielplatz. Darth Vaders Kampfgeräusche sind für Mama jetzt etwas zu laut. Und das alles, obwohl niemand reklamiert hat.

In der Schweiz ist es gang und gäbe, die Kinder präventiv ruhigzustellen. «Pschschscht!», wenn immer die Kinder ein wenig laut werden. Und andere Menschen da sind, die sich gestört fühlen könnten. Nun, etwas Rücksicht auf die Mitmenschen ist ok, finde ich. Aber, das sind doch Kinder! Kinder sind spontan, impulsiv, aus ihnen platzt raus, was raus muss. Wie kann man nur schon auf die Idee kommen, Kindern das Lachen, Reden, Spielen zu verbieten? Und das, bevor überhaupt jemand reklamiert?

Und es funktioniert ja auch praktisch nie. Die gemassregelten Kinder sind ja dann kaum wirklich ruhig. Sie halten sich allerhöchstens 20 Sekunden zurück. Sobald sie wieder in ihrem Spiel versunken sind, maulen, lachen, schreien sie weiter. Was sie aber spätestens nach dem dritten «Pscht» wissen: Sie haben Papa und Mama nicht auf ihrer Seite. Denn mit dem «Pschschscht!» drücken die Eltern nicht nur ihr Unwohlsein über die Lautstärke aus. Nein, sie machen den Kleinen klar, dass sie stören und sich gefälligst dem Flüsterton der Erwachsenen anpassen sollen. «Erlaubt ist, was nicht stört», schon für die Kleinsten.

Obwohl: Als meine Frau mit der ersten Tochter schwanger war, glaubte ich noch, ich werde es lieben, das Kindergeschrei. Ich verklärte jegliche Laute von Kleinkindern zu meiner Lieblingsmusik. Wann immer ich damals ein Baby hörte, fragte ich mich, was wohl mit ihm ist. Ich überlegte, ob meine Tochter dann auch so hoch, tief, lang, laut brüllen wird. Verzückt sah ich mich mit der Kleinen auf dem Arm, ihr leise zuredend und sie wiegend. Ich sah mich mit Dreijährigen glücklich Ringelreihe tanzen und lauthals alle Kinderlieder mitsingen.

Doch das war nur eine kurze Phase. Bald war die Tochter da – und ich verdammte laute Kinder trotzdem. Auch ich wechsle ab und an das Zugabteil, wenn ich keine Lust habe, von Kleinkindern zugetextet oder angeschrien zu werden. Ich musste mir eingestehen, dass ich allerhöchstens das Geschrei meiner eigenen Tochter ertrage. Und – bei aller Gelassenheit – manchmal nicht mal das.

Trotzdem ist aus mir kein «Pscht»-Mensch geworden, der in vorauseilendem Gehorsam seine Kinder ruhigstellt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals dachte, jemand anderes könnte meine Kinder als zu laut empfinden. Lautsein gehört zur Kindheit wie zerrissene Hosen, wild verstrubbelte Haare und ab und zu eine Platzwunde.

Ich würde sogar sagen, wer seine Kinder voreilig zum Stillsein anhält, erzieht sie zu angepassten Duckmäusern. Oder was denken sie über das «Pschschscht?»

BEat_Camenzind_150*Beat Camenzind ist freischaffender Journalist, Musiker und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie im Grossraum Zürich.

90 Kommentare zu «Die «Pschschscht»-Eltern»

  • achjajajajaja sagt:

    Laute Kinder im Zug können sehr stöhren. Am meisten, wenn sie laut heulen, weil ihnen irgendwas nicht passt, aber auch, wenn sie einfach das Volumen ihrer Stimme falsch einschätzen. In beiden Fällen finde ich es angebracht, wenn die Eltern sie beruhigen bzw. darauf aufmerksam machen, dass sie leiser sein sollen. Das heisst nicht, dass man ihnen verbietet, Kinder zu sein. Es geht eher darum, dass sie lernen, sich in verschiedenen Situation angemessen zu verhalten. Man kann als Eltern präventiv ruhige spiele, (& alle Lebensmittel, die man braucht) etc. mitnehmen, um die Kinder im Zug beschäftig aber doch auf einem angemessenen Lärmpegel zu halten…
    Ich finde auch, dass man Kinder nur in Restaurants & Cafés nehmen soll, wenn man damit rechnen kann, dass sie sich dort anständig benehmen werden….
    erziehung ist für Kinder nicht unzumutbar, aber oft sind die Eltern zu bequem dazu…

    • Tom Meier sagt:

      Sie haben keine Kinder, gell? Wissen Sie, das Problem sind die Erwachsenen, die so gestresst sind, dass sie sich ab jedem Muks nerven. In anderen Kulturen hat niemand ein Problem mit lauten Kindern. Scheint ein Schweizer Problem zu sein.
      PS: Ich habe auch keine Kinder. Verteidige / Entschuldige also niemanden.

  • Dieter Neth sagt:

    Solange hierzulande die Zweitaktmotoren mehr Rechte haben als Kinder brauchen wir doch über die heutige Bünzligesellschaft kein weiteres Wort mehr zu verlieren. Aber auch die Schweiz wurde von freien Menschen aufgebaut, welche als Kinder rumtoben durften. Meine 3 (Mädchen!) verbrachten ganze Nachmittage draussen, mit zwei Würfen Hunden, Mäusen und anderem Getier, Schlamm, Sand und alles mögliche Unkraut. Mir liegt das fröhliche oder auch erschrockene Gekreische noch jetzt im Ohr, ebenso das stundenlange falsche Singen auf unseren Sonntagsausflügen. Hat mich nie gestört, obwohl, ein paarmal brauchte es auch den Arzt. Stören tun mich hier Töffli, Motorräder, Autos, Lastwagen und die sinnlosen motorisierten Gartengeräte unserer Weichei-Gärtner. Aber man muss als Nation schliesslich Prioritäten setzen, damit die Wirtschaft nicht geschädigt wird. Kinder sollen ruhig sein, damit der Sklave ausgeruht an sein Tagewerk gehen kann

  • Nüssli sagt:

    Eine Welt in der Kinder nicht mehr Kinder sein können ist eine kranke Welt. Nein, weder die Eltern noch die Kinder sind krank sondern die Menschen die so schwache Nerven haben, dass es für sie nur auf dem Friedhof still und gesittet genug ist.

  • Cheroma sagt:

    Eine Betrachtungsweise, die etwas zu kurz greift. Kinder sollen als Kinder aufwachsen können, mit allem was dazu gehört: lachen, schreien, herumtollen, dreckeln etc. Dazu gehört aber auch zu lernen, dass jede Situation ein adäquates Verhalten kennt, das nicht immer dem ureigenen kindlichen Bedürfnis entsprechen muss – zum Beispiel im Verkehr. Dies seinen Kindern altersentsprechend von früh an beizubringen, ist die wichtige – und oft lästige – Aufgabe der Eltern. Aus eigener Erfahrung mit drei mittlerweile erwachsenen Kindern weiss ich, dass sich der Aufwand lohnt – und dir Kinder keinesfalls zu Duckmäusern, sondern zu respektvollen und vollwertigen Mitgliedern unserer Gesellschaft heranwachsen…!

  • kiki sagt:

    Sehr gut beobachtet und formuliert, Herr Camenzind! Als Ausslandschweizerin falle ich auch regelmaessig ins Psst-Muster zurueck, wenn ich mit meinen Kindern auf „Heimurlaub“ bin. Es sind nicht die Reklamationen, sodern die stillen, boesen Blicke, die den Psst-Reflex aktivieren, mit dem auch ich aufgewachsen bin.
    Eine Psst-Kindheit produziert Psst-Erwachsene: ja nicht stoeren, daher lieber nicht kommunizieren (koennte ja als Stoerung empfunden werden), lieber seine Meinung nicht kund tun – man koennte damit ja anecken! Im Zweifelsfalle besser wegschauen, als einen Mitmenschen zu fragen, ob er Hilfe braucht. Es koennte ja stoeren, gefragt zu werden… Also besser Psst!

  • fabian sagt:

    Wenn Kinder im Zug oder im öffentlichen Raum lärmen dürfen, stellt sich die Frage, ab welchem Alter Menschen dann ruhig sein müssten?

  • sonja sagt:

    @dieter: bin fan von deinem post.

    sonja mit 2 lauten kindern. 😉

  • Alexandra sagt:

    Vor einer Woche traf ich eine Freundin auf dem Zug und habe fröhlich mit ihr geplaudert. Eine ältere Dame meinte: „Pssst!“ und als wir etwas leiser weiterplauderten fühgte sie genervt hinzu: „Es ist 7 Uhr morgens“. Ich werde bald vierzig und fand den Kommentar der Dame ziemlich daneben. Wer sich gestört fühlt soll doch bitte den Platz wechseln. In vielen Zügen gibt es Ruhewagons.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.