Die Schmach, ein dickes Kind zu haben

In this photo taken on Tuesday July 19, 2011, Anghella Torres, 4, plays at a park near her home in Mexico City. Anghella, who at 66 pounds (30 kilos), weighs twice what she should, is following a modest diet and exercise program established for her by a nurse at a local public hospital earlier this year. Mexico, which claims to have the fattest kids in the world, is encouraging others to lose weight. Schools are banning junk food and requiring more physical education. (AP Photo/Alexandre Meneghini)

Ein vierjähriges Kind spielt in Mexiko-Stadt mit einem Ball, um Gewicht zu verlieren. Foto: Alexandre Meneghini (Keystone)

Sind Kinder dick, haben die Eltern versagt. So der Tenor. Und zwar egal, ob die Eltern selbst dünn sind oder ebenfalls übergewichtig.

Das klingt alles simpel und sehr selbstgerecht obendrein. Die Realität ist wesentlich komplexer. Darum so viel vorweg: Eltern mit dicken Kindern sind keine Versager. Denn sicher: Es gibt sie, die sorglosen Kindermäster und Couch-Potatos. Aber die meisten Eltern wollen ihren Job wirklich gut machen, auch in Sachen Ernährung. Nur ist das eben nicht immer so einfach, wie man glauben könnte, wenn man entsprechenden Kampagnen glaubt.

Klar, es ist Fakt, dass, wer viel isst und sich wenig bewegt, dick wird. Das weiss heute buchstäblich jedes Kind. Aber warum sind dann trotzdem so viele dick? Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass viele Eltern es unsäglich peinlich finden, wenn das Teuerste, das sie sich je angeschafft haben, sichtbare Mängel hat? Denn längst nicht alle übergewichtigen Kinder lassen sich den bildungsfernen Schichten zuschreiben, ergo kann ihnen nicht Unwissenheit in die Schuhe geschoben werden.

Es gibt nun mal Kinder, die von Natur aus extrem gern und viel essen. Auch in Familien, die sich gesund und bewusst ernähren. Die heutige Zeit macht ihnen das unsäglich leicht. Ihnen Essen mit Ermahnungen zu vergällen, ist kein gangbarer Weg. Nicht weil die Kinder toben würden, sondern weil unsere Eltern das schon bei uns erfolglos probiert haben. Mit der Folge, dass wir fortan ständig ein schlechtes Gewissen und Körpergefühl hatten, Ahornsirupkuren machten und ansonsten einfach heimlich weiterassen und später auch noch kotzten oder joggten, bis wir leer geschwitzt waren.

Denn wer der Generation der daueressgestörten 80er angehört, wie sehr viele von uns Teeniemüttern, weiss: Das Thema Essen und Gewicht ist so unsäglich heikel, dass alles, was dazu gesagt wird, lebenslange Folgen haben kann. Mütter, die selbst Essstörungen haben oder hatten, können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, sein Kind schlank zu halten, ohne ihm eine Essstörung anzureden.

Was also tun, wenn das eigene Kind anfängt, einen Speckgürtel anzusetzen? Wegschauen? Nein! Es ihm sagen? Nein! Zumindest nicht unüberlegt und ohne umfassende Vorbereitung.

Denn sonst können Sie Gift darauf nehmen, dass Ihr Kind ernsthaft anfängt, sich in seinem Körper unwohl zu fühlen. Falls es das nicht ohnehin schon längst tut – und die Chance dafür ist heute sehr gross, selbst bei schlanken Primarschülern. Je nach Charakter wird das Kind versuchen, diesen Frust wegzumampfen, wegzuhungern oder sich sonst ein Verhalten aneignen, das wenig bringt ausser jahrelangem Schaden.

Anders ist es, wenn Ihr Kind auf Sie zukommt und um Rat fragt. Dann können Sie ein vernünftiges Gespräch über gesundes Essen führen und mit ihm gemeinsam das Verhalten ändern. Sagt das Kind jedoch von sich aus nichts, sollten Sie weder wegschauen noch sich Vorwürfe machen, sondern dringend Ruhe bewahren und sich gut von einer entsprechenden Fachstelle oder dem Kinderarzt beraten lassen – bevor Sie auch nur ein Wort sagen, das sich wie ein Pfeil für immer in die Seele ihres Kindes bohren kann, während Sie es vielleicht schon längst wieder vergessen haben. Zurücknehmen geht in diesem Fall nämlich nicht. Worte lassen sich nicht wie Speck wieder abnehmen.

170 Kommentare zu «Die Schmach, ein dickes Kind zu haben»

  • Hanspeter Müller sagt:

    @ Marco Gallati: Was Sie über den Stoffwechsel schreiben mag heutzutage für das Gymi reichen, das Fachwissen ist aber inzwischen viel komplexer. Die Darmflora spielt wie von ML geschrieben tatsächlich eine grosse Rolle. Wenn man Dicken die Darmflora von Dünnen verabreicht nehmen sie ab. Allerdings nur vorübergehend, dann kehrt die Zusammensetzung wieder zum urspünglichen Zustand zurück. Wie das funktioniert ist noch nicht bekannt. Auch findet die Fettsynthese nicht nur in der Leber statt. Ihre These mit den „faulen Dicken“ ist längst überholt, diese Zusammenhänge sind längst wiederlegt. Leicht Uebergewichtige leben zudem gleich lang wie Normalgewichtige und haben die besseren Ueberlebenschancen zB bei Herzinfarkt als Normalgewichtige. Untergewichtige verkürzen sich ihre Lebenserwartung ähnlich lang wie stark Uebergewichtige. Und wenn wir schon bei der Wissenschaft sind: es gibt eindeutige Zusammenhänge zwischen zu frühen Diäten, dem ganzen Modelwahnsinn in den Medien und der Zunahme von Essstörungen. Und diese wiederum führen zu ziemlich kostspieligen Folgeschäden bis hin zum vorzeitigen Tod des Erkrankten.

  • Fred Wieser sagt:

    Der sog. BMI bildet nicht die Normalität ab, sondern eher ein sog. Ideal. Ursprünglich entwickelt für die Einteilung junger Rekruten. Aber die Mode- oder Stylindustrie u.a. verdienen sehr gut damit. Den Leuten ein ’schlechtes Gewissen‘ machen. Es gab schon immer Dünnere, Mittlere, Dickere. Das entspricht der weiten Normalität. Ich lehne ‚Norm-Menschentum‘ entschieden ab.

    • Brürrk sagt:

      der bmi hat den vorteil, dass er eine grosse Bandbreite von „Normalität“ angibt. Bei einer grösse von 180cm ist die bandbreite 20 kg oder sogar mehr. Das ist viel bessser, als das „Idealgewicht“, auf 2-3kg genau, das früher propagiert wurde.
      Ausserdem ist es eine messgrösse, die langfristige statistische vergleiche ermöglicht… (so dass wir sehen können, dass wir mit zunehmendem alter immer fetter werden)

  • Leila sagt:

    Ich habe eine Tochter (6), die liebend gerne den ganzen Tag ungesundes essen würde – und sie ist eine gute Futterverwerterin. Ich thematisiere am Familientisch schon mal, was gesundes Essen ist – wir besprechen v.a., wie viel Schoggi, Chips etc. im Verhältnis zu Gemüse und Obst gesund ist, was die Zähne brauchen, was es braucht, um gesund und fit zu sein. Also kein Schwarz-Weiss, sondern dass man halt von der Schoggi ein begrenztes Stück etc. nimmt. Es gibt keine Diät – aber wer nach 1 -2 Portionen noch Hunger hat, stillt diesen erst mal mit Wasser, Gemüse oder Obst. Gesunde Ernährung und eine gesunde Einstellung zum Essen, zum Genießen…. zu thematisieren sehe ich insbesondere bei Kindern, die zu Molligkeit neigen, als wichtig an. Eben auch gerade deshalb, weil sie auswärts oft die Möglichkeit haben, ungesünder als zu Hause zu essen. Unsere Tochter berichtet nun hin und wieder, dass sie auswärts extra Wasser statt Sirup nahm..

  • Martin sagt:

    Oder wie wär’s mal mit einem Blog: „Von der Schmach, der korrupten und inkompetenten Schweizer Behörden.“ Vor allem im Justizsystem! Man, was man da alles ertragen muss! Sind diese Richter/Innen alle so doof? Sind die korrupt? Geistig unterbelichtet? Oder Polizisten, die sich plötzlich selber Kompetenzen geben, von denen sie eigentlich meilenweit entfernt sind? Oder „via sicura“, welche eigentlich illegal ist? Aber ein „dickes Kind“. Na, dann soll es halt Fussball spielen gehen, rennen, Fahrradfahren?

    • Michael sagt:

      Sie können wirklich selbst entscheiden, welche Blogs Sie anklicken um zu lesen. Es gibt auch Google, da können Sie die von Ihnen genannten Schlagwörter eingeben und finden dann Ihren Interessen entsprechende Artikel und Blogs..
      Das funktioniert wirklich.
      Freundliche Grüsse

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