«Man müsste ihnen das Kind wegnehmen!»

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Das Kind vergessen, seis in einem Auto, seis in einem Einkaufswagen: Das kann uns allen passieren. (Bild: Flickr/Bluebrightly)

Bestimmt haben Sie die Headline gesehen: «Eltern liessen Kind im Auto und gingen an Konzert». Vielleicht haben Sie die News hier in der Zeitung gelesen. Womöglich aber auch auf den sozialen Medien. Dort verbreiten sich solche Meldungen jeweils in Windeseile – das war bei diesem Fall so, aber auch bei der kleinen Chayenne, die im Tessin im Auto den Hitzetod sterben musste, weil ihre Mutter sie vergessen hatte. Oder beim Baby, das von der Polizei aus dem versehentlich verriegelten Auto befreit werden musste.

Im besten Fall sind solche Posts begleitet von Aussagen wie «Zum Glück ist mir das noch nie passiert.» Meist ist der Ton aber um einiges negativer, gehässiger, gar anklagend. «Man müsste solchen Eltern das Kind sofort wegnehmen!», liest man da, oder «Schlimm, dass Hundehalter einen Kurs besuchen müssen, aber jeder Idiot einfach so ein Baby bekommen kann!». Und dies oft von Leuten, die im normalen Leben so gar nichts mit dem klassischen Stammtischpolterer gemein haben.

So oft ich solchen Posts auch begegne, sie irritieren mich immer wieder von neuem. Natürlich frage ich mich bei solchen Newsmeldungen im ersten Moment, wie man sich nur so verhalten, wie so etwas geschehen kann. Gleichzeitig will ich mir kein Urteil erlauben, solange ich die Umstände nicht genauer kenne. Denn, seien wir ehrlich, was wissen wir schon über den Fall des Konzertgänger-Elternpaares? Waren sie vielleicht nervlich komplett am Ende, weil das Kind den ganzen Tag geschrien hat, und das Ganze war eine Kurzschlusshandlung, die sie nachher grässlich bereut haben? Immerhin hiess es in der Meldung, das Kind sei «nach längerer Zeit endlich eingeschlafen».

Positiv überrascht war ich hingegen in Chayennes Fall. Da schlossen sich mehr als 300 Tessiner Mütter zusammen, um sich öffentlich mit der Mutter des verstorbenen Mädchens zu solidarisieren. Man habe ihr eine virtuelle Umarmung in dieser schwierigen Zeit schicken wollen, sagten die Initiantinnen. Und betonten, dass so etwas «uns allen passieren könnte».
 
Öffentlich hinzustehen und zuzugeben, dass man selber auch nicht perfekt und keineswegs vor selbst verschuldeten Unglücken gefeit ist, braucht Mut. Auch wenn man es  in der Gruppe tut. Vielleicht war Chayennes Fall aber einfach zu tragisch, sodass er nicht nur Vorwürfe und Hass provozierte, sondern eben auch Mitgefühl. Denn was gibt es Schlimmeres, als sein eigenes Kind auf solch grausame Weise zu verlieren und dabei zu wissen, dass man selber durch eine einzige Unachtsamkeit dessen Tod verschuldet hat?

mb_facebook_kindEinen Post gab es übrigens bei der Konzert-Geschichte, den ich nicht nur unangebracht, sondern richtig abscheulich fand: Der Indoor-Spielplatz Formel Fun nutzte die Geschichte, um auf Facebook Werbung für seine Kinderspielhalle zu machen, «in der sich die Eltern entspannen und in Ruhe treffen und die Kinder ihrem Bedürfnis nach Bewegung und Spass ebenso nachkommen können» (siehe Screenshot rechts). Als Reaktion auf diese Art von PR wären ein paar vorwurfsvolle Kommentare mehr als berechtigt gewesen. Doch es gab keine. Stattdessen 12 Likes.

 

 

 

 

 

95 Kommentare zu ««Man müsste ihnen das Kind wegnehmen!»»

  • Anna sagt:

    Soweit ich weiss, war das Kind ja zwischen den Sitzen. Es wurde also nicht etwa im Kindersitz vergessen. Die Mutter hat es wohl nicht gesehen und dachte vielleicht, es sei schon ausgestiegen. Und dann haben die älteren Kinder auch noch gesagt, dass das Kind am spielen sei. Es ist eine Abfolge von dummen Zufällen die manchmal zur Katastrophe führen kann. Kommt dazu, dass die Eltern frisch getrennt waren. Die Mutter war es nicht gewohnt, auf einem Campingplatz alleine auf 4 Kinder aufzupassen. Das stelle auch mir alles andere als einfach vor. Mir tut die Frau wahnsinnig leid.

    • fabian sagt:

      wenn die frau nicht gewohnt ist, auf 4 kinder aufzupassen, stellt sich die frage, weshalb es soweit kommen konnte, dass die frau dem mann das sorgerecht verweigern durfte. oder hab ich da was verpasst?

  • Lia sagt:

    egal, wie lange das Kind geschrieen hat, das ist KEINE Rechtfertigung, es im Auto zurück zu lassen und an ein Konzert zu gehen!! Dann bringt man es mit dem Auto nach Hause, trägt es im Maxicosi ins Bett und man hat seine Ruhe. Hier stand aber ganz einfach das Privatvergnügen im Vordergrund, weil die Eltern sich nicht durch ihr Kind vom Konzertbesuch abhalten lassen wollten, und das ist und bleibt verwerflich.

  • Paul Moser sagt:

    Wie hat man das eigentlich früher gemacht, als es noch kein Internet gab – wohl in der Käserei oder im Laden, vielleicht noch auf der Post. So ein Blog ist ja elend praktisch, über ander herzuziehen, ohne dass man nur ein winziges Detail kennt. Es geht nicht um Entschuldigung oder darum die Tragik zu relativeren – aber diese Besserwisserei in den Kommentaren ist so ziemlich daneben.

  • Eisenbahner sagt:

    Liebe Fr. Küster

    Es gibt zur Grobfahrlässigkeit ein Urteil: „Das Verhalten muss, um – durch Verletzung elementarster Vorsichtsgebote – Rechtsnachteile zu gewärtigen, Unverständnis, Kopfschütteln und Tadel auslösen, eine moralische Verurteilung nach sich ziehen und die Grenze des Tolerierbaren überschreiten (SVR 2003 UV Nr. 3 S. 7, U 195/01 E. 1).“

    Die Reaktionen, die diesen Eltern gegenüber geäussert werden, haben also eine wichtige gesellschaftl. Funktion. Auch wenn sie sicherlich nicht schön sind für sie sind.

    In einem Auto dem Hitzetod zu erliegen ist allerdings auch nicht schön.

  • Michael Senn sagt:

    es passieren dinge die eigentlich nicht passieren dürften. das ist nun mal so. der mensch macht fehler. für mich ist viel eher die frage welche faktoren zu solch einem unglück führen konnten bzw. warum kann man überhaupt ein kind vergessen im auto? fehlende aufmerksamkeit? ablenkung? gedankenlosigkeit? vielleicht müssen wir eltern und fragen ob wir mit leib und seele dabei sind? könnte es auch schleichende gleichgültigkeit sein? zuviel sorglosigkeit und routine? kann man sich durch den kopf gehen lassen. 😉

  • so ist es sagt:

    erstens: ich glaube jeder mutter ist schon mal ein Unglück geschehen auf Grund von „zu wenig aufpassen“, zum Glück wahrscheinlich glimpflich ausgegangen und man hatte den Schock des Lebens…mir ist der Kinderwagen mit meiner 3 mt alten Tochter (zum Glück gut angebunden und nicht in der Schale!) davon gefahren weil Bremse nicht richtig drin und ich nach hinten schaute nach meinem Sohn und dem Hund, einen kleinen Hang runter und in eine Wand – nichts passiert, ausser der Schock des Lebens und jedes mal dieses ohmachts-Gefühl im Hals wenn ich nur an die Situation denke oder an der Stelle vor dem Haus vorbeigehe….es war mir eine Lektion für viele zukünftige Situationen!

    zweitens: der post von diesem Formel Fun fand ich so daneben, dass ich die de-abonniert habe auf FB und mir geschworen habe, niemals dort hin zu gehen….

  • bure44 sagt:

    Egal ob es sich um einen Neuwagen oder gar einen Vorführwagen von dem Autohaus Wil oder der Autowerkstatt St. Gallen handelt, ein Kind darf man nicht im heissen Auto vergessen. Leider passiert das viel zu Oft, auch bei Tieren.

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