Haben es Eltern in Zürich besonders schwer?

TA 26.01.2006 : Schaufester im Januar IV, Tram Linie 13, Bildtext: Tram 13: Schwieriger Einstieg mit Kinderwagen

Trameinstieg mit Kinderwagen – nichts für schwache Nerven. Archivfoto: Sabina Bobst

Glaubt man einem Artikel im «Tagblatt der Stadt Zürich» von letzter Woche, ist die Stadt Zürich für Frauen mit kleinen Kindern ein Unort. «Eiszeit für junge Zürcher Mütter» lautete die Überschrift. Im Bericht ist von Gleichgültigkeit gegenüber Müttern die Rede und wie wenig hilfsbereit die Menschen seien. Der Verfasser des Textes glaubt, das habe mit der Mentalität der Zürcher zu tun: Vor allem im Tram manifestiere sich diese, «und das ist vor allem für junge Mütter kein erbauliches Erlebnis».

Zwei Frauen erzählen von den alltäglichen Hürden, die sie erleben. Etwa von den Schwierigkeiten, mit Kindern und Kinderwagen in Tram und Bus zu steigen: Ab und zu schauten Erwachsene lieber weg oder wechselten gar den Eingang, um ihr ja nicht helfen zu müssen, sagt die eine Mutter. Die andere erzählt vom kalten Wind, der ihr in Zürich entgegenwehe, von der allgemein abweisenden Haltung gegenüber Kindern, vom Konkurrenzkampf unter Müttern, aber auch vom Alleinsein.

Zürich, ein toller Ort für Financiers, aber nichts für Frauen mit Kindern? Stimmt das Klischee des cool-distanzierten Städters?

Ich kann dieses Bild nicht bestätigen, obwohl ich während der ersten vier Lebensjahre meines Kindes mitten in Zürich wohnte und immer mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs war. Klar nervte es mich hin und wieder, dass es schwierig war, mit dem Kinderwagen in gewisse Trams zu steigen: zu schmal der Türeingang, zu hoch die Treppen. Meist holte ich mir bei anderen Menschen Hilfe, indem ich sie direkt ansprach und charmant darum bat. Sie halfen bereitwillig, den Wagen mit Kind in Tram oder Bus zu bugsieren. Waren wir drin, erkundigten sich viele sogleich, bei welcher Haltestelle wir aussteigen müssten, so könnten sie mir abermals zur Hand gehen.

Zürich, ein gegenüber Müttern eiskalter Ort? Keineswegs.

Tatsache ist allerdings, dass man an stark frequentierten Orten die Menschen häufig ansprechen muss, um sie um einen kleinen Gefallen zu bitten. Die anderen sehen es einem nicht an, dass man womöglich Hilfe benötigt. Die meisten Pendler oder Reisenden sind mit sich selbst beschäftigt, befinden sich in ihrem eigenen Film. Sie starren aufs Handy, hängen ihren Gedanken nach und bewegen sich im Trott des Alltags. Je grösser eine Stadt, desto mehr verschwindet man in der Masse und desto anonymer ist der Einzelne. Eine Mutter mit Kinderwagen in der Stadt ist wohl eher auf sich alleine gestellt als eine, die sich in der Kleinstadt oder einem Dorf bewegt, wo sich die Menschen – wenn auch nur flüchtig – kennen.

Die Behauptung, dass in der Stadt Zürich Menschen gegenüber jungen Müttern weniger hilfsbereit sein sollen als an anderen Orten, ist aber Unsinn. Interessant sind in diesem Zusammenhang die vielen Reaktionen, die der «Tagblatt»-Artikel auf Facebook auslöste. Der Verein «Single mit Kind» hatte auf seiner Facebook-Seite die Community gefragt, ob es Müttern an anderen Orten ähnlich ergehe wie den zitierten Frauen im Bericht. Die mehreren Dutzend Kommentarschreiber teilten sich in zwei Lager: Die eine Hälfte kommentierte: Ja, in Bern, Biel oder Basel machten sie ähnliche Erfahrungen – und auch in Neuenburg, Genf und diversen Kleinstädten seien die Menschen wenig hilfsbereit und kalt. «Das ist doch überall so», schreibt eine Frau. Die anderen Mütter und Väter schrieben dagegen: Nein, sie hätten bislang wohl Glück gehabt, ihnen werde immer geholfen, auch in Zürich.

Was uns dies zeigt? Egal wo, Menschen sind sich überall ähnlich. Gewisse machen einen Schritt auf ihr Gegenüber zu, andere lassen es bleiben. Es hat zufriedene Menschen und es hat Nörgler. Menschen, die sich selbst zu helfen wissen, und solche, die sich lieber in der Opferrolle sehen. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, ist schlicht Ansichtssache.

Was ist Ihre Meinung? Zeigen Bewohner grosser Städte zu wenig Herz für Eltern mit kleinen Kindern?

124 Kommentare zu «Haben es Eltern in Zürich besonders schwer?»

  • Sandra sagt:

    Ich helfe gern, aber ich erwarte auch ein Mindestmass an Anstand sprich Erziehungsarbeit der Eltern. Wenn Kinder sich im öffentlichen Raum wie Saugofen benehmen und dafür nicht gemassregelt werden, vergeht mir jegliche Hilfsbereitschaft.

  • fabian sagt:

    fällt mir auf, wie viele Teilnehmer fast ‚zleid‘ immer die ausIändischen Bürger als Vorbilder preisen, gegenüber den normalen Einheimischen. Die Propaganda gut-böse scheint hüben wie drüben zu verfangen. Und im Fall: Ich schaue nicht fremdländisch aus. Von mir also bitte in Zukunft keine Hilfe erwarten mit dem Kinderwagen…

  • Alpöhi sagt:

    Ich helfe sicher nicht ungefragt. Es könnte nämlich durchaus sein, dass die emanzipierte Frau ihr Kinderwagen-SUV mit den 20-Zoll-Rädern selber ins Tram oder hinauswuchten will: Und hopp! Und hopp! Wenn ich so einer zu nahe trete, schlägt sie mir noch das Handtäschli um die Ohren, was fällt mir auch ein, frau kann das selber!

    Wenn eine Kinderwagenfahrerin fragt: „chönd Sie mir hälfe?“ – das ist etwas ganz Anderes.

  • susi sagt:

    Ich war auch oft mit einem KiWa in Zürich unterwegs, mal wurde mir Hilfe angeboten, mal habe ich darum gebeten… Ich verstehe alle Helfer, die lieber die Stossstange halten als das Vorderrad, trotzdem gebe ich die Stossstange nie aus der Hand und zwar aus Sicherheitsgründen: Leider ist mir anfangs (als ich noch den Helfern die Stossstange angeboten habe) öfters passiert, dass der Helfer den Kinderwagen nur einhändig hielt und ich beim Vorderrad mit aller Kraft gerade knapp verhindern konnte, dass der Wagen umkippte. Bei der Stossstange habe ich viel mehr Kontrolle über den Kinderwagen!!!

  • daniela sagt:

    Wieso muss man sich mit einem dieser riesengrossen Kinderwagen in ein ÖV quetschen? Ich hatte das Baby im Wickeltuch und als das Kind grösser wurde, eines dieser zusammenklappbaren Sportwägeli, in dem das Kind aber ungern sass, es ging lieber an der Hand oder wurde getragen. Es gibt Länder, in denen Kinderwagen eine Seltenheit sind und man trotz der vielen Kinder überall zurecht kommt. Die Anspruchshaltung mancher Schweizer Eltern kann manchmal nerven! Wer Hilfe braucht, soll sich melden und nicht erwarten, dass alle bei Fuss stehen – die beiden Wörter „Bitte“ und „Danke“ nicht vergessen.

    • Sportpapi sagt:

      @Daniela: Wir hatten den grossen Kinderwagen, weil wir kein Auto haben, und wir damit den ganzen Alltag bewältigten. Und natürlich waren die Kinder so schnell wie möglich und so weit wie möglich zu fuss, mit Trotti oder Velo aus eigener Kraft unterwegs.
      Ja, man kommt auch ohne Kinderwagen aus. Allerdings heisst die Alternative meist nicht zu fuss gehen und tragen, sondern auch noch auf kürzesten Strecken das Auto verwenden. Denn das sind die Kinder so wunderbar versorgt…

  • gwunderfizz sagt:

    Wer von all jenen Personen, die sich hier über mangelnde Hilfsbereitschaft beklagen, hat von sich aus Eltern beim Ein- und Aussteigen geholfen als er / sie noch kinderlos waren?

Kommentar

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