Trotz Downsyndrom ein Facebook-Profil?

Ein Gastbeitrag von Ingrid Eva Liedtke*

(iStock/Leonardo Patrizi)

Vernetzungsmöglichkeit oder Risiko? Eltern wollen ihre Kinder vor den Gefahren von Facebook schützen. (iStock/Leonardo Patrizi)

Wir wissen, dass man sich mit Facebook in einem offenen Raum bewegt. Was da veröffentlicht wird, ist vielen zugänglich, nicht nur den sogenannten Freunden, sondern auch deren Freunden – und so weiter.

Meine Tochter hat das Downsyndrom und versteht nicht, in welchem Ausmass sie sich auf Facebook Spott und Häme preisgeben kann. Ich hoffe, dass ihre «Freunde» um ihre Kommunikationsmöglichkeiten wissen.

Gerade kürzlich hat sich die Frage wieder gestellt, wie weit ich als Mutter kontrollierend einwirken kann, als jemand mich wegen eines abwertenden Kommentars darauf angesprochen hat.

Natürlich will ich mein Kind schützen vor allem Unbill. Doch mein Rat ist nicht gefragt. Selber machen, wie alle anderen, ausprobieren und dazugehören ist angesagt. Das kann für einen speziellen Menschen wie meine Tochter bedeuten, dass sie Aufmerksamkeit erregt, sich der Lächerlichkeit preisgibt – ohne dass ihr das bewusst ist – und dass sie möglicherweise verhöhnt und ausgegrenzt wird. Glücklicherweise ist das bisher kaum passiert. Vielleicht auch, weil ich in kniffligen Situationen da war, um sie zu beschützen – indem ich meine ganze Akzeptanz und mein Wohlgefallen in den Raum strömen liess. Das ist nicht immer möglich.

Wir Normalo-Angehörigen meinen, dass es peinlich sein könnte, wenn sie bei jeder Party ein Ständchen darbringen will und aus vollem Hals, manchmal auch falsch, singt, wenn sie im Facebook Statements abgibt, die jeder Rechtschreibgrundlage entbehren, und zum hundertsten Mal behauptet, der von ihr bewunderte Star sei ihr Freund, nur weil sie in seinem Facebook-Fanclub ist.

Wir selber sind penibel darauf bedacht, uns ja nicht lächerlich zu machen. Wir bemühen uns, unantastbar zu bleiben und uns nicht in Situationen zu manövrieren, denen wir nicht gewachsen sind. Wir haben es im Griff! Wir versuchen, uns im öffentlichen Raum und vor allem im Umgang mit sozialen Medien so zu äussern, dass wir nicht plötzlich den Spott einer ganzen Meute auf uns ziehen, die sich dann einen Spass daraus macht, gegen uns vom Leder zu ziehen. Solches hat schliesslich schon Teenager in den Selbstmord getrieben. Wir wissen, wie es läuft.

Annina mit ihrem Handy.

Annina mit ihrem Handy.

Darum ist es meine Pflicht, meine Tochter zu schützen. Das stimmt natürlich, und das Thema hat mir einmal mehr eine schlaflose Nacht beschert. Was kann ich tun?

Wenn wir von einer gewissen Akzeptanz Menschen mit einer Behinderung gegenüber ausgehen und von den, wenn auch zäh, doch fortschreitenden Integrations- bzw. Inklusionsbestrebungen, dann muss es möglich sein, dass ein Mensch mit Downsyndrom einen Facebook-Account unterhalten kann – auf seine Art und Weise, mit seinen sprachlichen Möglichkeiten –, ohne sich der Lächerlichkeit und dem Spott preiszugeben. Oder?

Wenn wir darauf vertrauen, dass auch Menschen, die anders sind als wir und nicht in allem dieselben Möglichkeiten und Fähigkeiten vorzuweisen haben, trotzdem ein möglichst selbstständiges und würdevolles Leben führen können, dann müssen wir ihnen zugestehen, dass sie sich in diesem Leben und dieser Gesellschaft bewegen dürfen; ohne dass wir sie auslachen und erwarten, dass sie sich so wie wir benehmen, und eben ohne, dass wir für sie Ghettos schaffen, wo sie nur unter sich sind und möglichst nichts passieren kann, was uns tangieren und stören könnte. Das heisst doch, dass wir als Eltern unsere Kinder, auch erwachsene Kinder, dabei begleiten, ihren Platz zu finden, und ihnen dabei zugestehen, sich derselben Mittel zu bedienen wie alle anderen in ihrem Alter.

Meine Tochter hat ein iPhone, ein iPad, einen PC. Sie schreibt gerne SMS an ihre Kollegen und Freunde und postet auf Facebook. Meine Kontrollmöglichkeiten sind begrenzt, und trotzdem sorge ich mich, dass sie irgendeinem Grüsel auf den Leim geht oder gemobbt wird. Ich weiss nicht, ob ich sie, gesetzt den Fall, schützen könnte. Wir reden immer wieder mit ihr darüber, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie versteht, worum es geht. Vielleicht will sie es einfach nicht von mir hören. Darum delegiere ich solches auch an ihre Wohngruppenbetreuerin. Freiwillig gewährt sie mir auch keinen Einblick in ihre SMS oder ihren Messenger. Das sei schliesslich privat. Sie hat recht und offensichtlich schon einen Sinn für ihr eigenes Leben entwickelt, ein Leben, das uns nicht jederzeit etwas angeht.

Das Risiko bleibt, dass sie sich mit ihren öffentlichen Äusserungen lächerlich macht. Sie zeigt sich, wie sie ist, und kann hohen Standards nicht genügen. Doch wer setzt diese?

Ich hoffe, dass wer mit meiner Tochter auf Facebook befreundet ist und sie kommentiert, schon weiss, mit wem er es zu tun hat, und somit auch die nötige Akzeptanz aufbringt. Darauf kann man sich nicht verlassen? Stimmt. Trotzdem baue ich auf das Gute im Menschen. Der abfällige Kommentar, der diese ganzen Überlegungen überhaupt ausgelöst hat, ist nämlich sehr schnell wieder gelöscht worden. Da hat es jemand doch noch gecheckt.

Wenn ich das Vertrauen aufbringe, meine Tochter loszulassen, damit sie ein eigenständiges Leben führen kann, dann kann ich sie nicht vor allem beschützen. Das Risiko bleibt.

MB_porträt_150*Ingrid Eva Liedtke, Autorin, psychologische Beraterin und Coach. Sie schreibt den Blog Herzenblühen.

131 Kommentare zu «Trotz Downsyndrom ein Facebook-Profil?»

  • HMH sagt:

    So schwer es ist – Die Angehörigen mancher Behinderten müssen akzeptieren, dass deren Verhalten nicht immer der gesellschaftlichen Konvention entspricht, da sie die Welt anders erleben. Ja, meine Schwester tut Dinge, die andere für lächerlich halten werden. Zum Glück ist sie mit einer guten Portion Selbstbewusstsein ausgestattet. Ich denke nicht, dass man Menschen mit spezieller Begabung davor schützen muss sich lächerlich zu machen, wenn diese es nicht so empfinden. In solchen Fällen geht es dann eher um das eigene Ego.
    Natürlich möchte man sie vor Verletzungen schützen, nicht nur im WWW.

    • HMH sagt:

      …Wichtig ist daher darauf zu achten, wie sie auf gehässige Kommentare reagiert, und ihr gegebenenfalls zu helfen, diese zu verstehen, damit sie sich nicht verletzt fühlt.
      Ich frage mich aber, wie man in solchen Fällen verhindert, dass z.B. per www Bestellungen oder Verträge abgeschlossen werden etc, ähnlich zu der Situation mit nicht volljährigen Kindern?

  • Tamara Pabst sagt:

    Genau. Das Risiko bleibt. Auch Mama eines Kindes mit Trisomie21 verstehe ich den inneren Auftrag, unsere Kinder vor Verletzungen schützen zu wollen – es können deren so viele sein! Ich verstehe das Ringen um Vertrauen in das Gute im Menschen.
    Wichtig scheint mir jedoch auch, dass verschiedene Stimmen von Menschen im öffentlichen Raum gehört werden. Von Menschen, die mit anderen Bedingungen leben. Vieilleicht verhallen sie ungehört. Vielleicht werden sie lächerlich gemacht. Vielleicht aber auch tragen sie zu einer offenen, liebevollen Gemeinschaft voller Respekt fürs Anders-Sein bei.

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