Der Teufel liegt im Familienbett

Ein Papablog von Markus Tschannen*

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Wenn es um das gemeinsame Schlafen geht, kann das liebste Baby zum Sadisten werden. Foto: J Franklin, Flickr.com

Schon lange vor der Geburt hatte ich in einschlägigen Foren über die Unsitte «Familienbett» gelesen. Aha, das Baby schläft nicht in seinem eigenen SNIGLAR, SUNDVIK oder HENSVIK, sondern im MALM der Eltern? «So ein esoterischer Furz, das Kind braucht sein eigenes Bett», dachte ich und strich stolz über die schweissgetränkten Buchenstäbe des eben zusammengezimmerten Babybettchens. Um es gleich vorwegzunehmen: Unser Brecht schläft seit seiner Geburt vor 15 Monaten mit uns im «Familienbett».

Nein, ich glaube auch heute nicht, dass Rudelschlafen wichtig für die familiäre Bindung ist. Der Brecht hat sich ganz einfach genommen, was ihm nicht zusteht. Er verhielt sich beim Einschlafen und Stillen so renitent, dass er unseren Willen innert Kürze gebrochen hatte. Müde liessen wir ihn in unserem Bett einschlafen: «Wir können ihn ja nach dem Abstillen wieder an sein eigenes Bett gewöhnen.» HA! HA! HA!

Der Brecht liess seine Privilegien natürlich nicht mehr los. Einschläfern in seinem eigenen Bett? Funktioniert nicht. Rüberhieven nach dem Einschlafen? Merkt der Brecht nach exakt fünf Minuten. Wir sind ratlos, haben unsere Hoffnungen begraben und das Babybett im Cheminée verbrannt.

Hier könnten die Klagen enden, doch nein: Unsere Resignation ist dem Brecht nicht genug. Er demütigt uns auch noch jede Nacht:
• Beim Einschlafen tritt er einen Elternteil seiner Wahl mit Füssen. Dieses Prozedere dauert etwa eine Dreiviertelstunde und darf unter keinen Umständen unterbrochen werden.
• Unmittelbar danach – inzwischen eingeschlafen – drängt er den anderen Elternteil durch geschicktes Anrollen aus dem Bett. Zurückrollen geht nicht. Das würde des Brechtes unbändigen Zorn heraufbeschwören.
• In seinen besonders sadistischen Phasen (zwei bis dreimal pro Nacht, bei Vollmond öfter) dreht er sich rechtwinklig zu uns und rudert mit allen Extremitäten.

Entsprechend verbringen wir Eltern die Nächte, indem wir unsere Körper möglichst platzsparend auf der Bettkante balancieren. Stets in Furcht vor dem brüsken Heranrollen eines fuchtelnden Babykörpers.

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Und schon haben die Eltern kapituliert. Foto: Flickr.com

Das Familienbett kommt uns inzwischen vor wie eine Machtdemonstration unseres Babys: «Ich will das so und ihr könnt nichts dagegen tun. LOL!» Vermutlich ist dieses Verhalten der erste Vorgeschmack auf ein Kleinkind, das zu viele Gene von seinem dickköpfigen Vater geerbt hat. Vielleicht ist es auch nur die gerechte Strafe, weil wir nach der zweiten Nacht damit angegeben haben, wie gut unser Baby durchschläft. Wir Narren. Mit einem hysterisch lachenden und einem hysterisch weinenden Auge denke ich an diese wunderschöne Zeit nach der Geburt zurück.

Der Vollständigkeit halber will ich aber auch die Vorteile des Familienbettes kurz erwähnen:
• Man muss nachts nicht aufstehen. Alle notwendigen Manipulationen am Baby lassen sich liegend im Halbschlaf ausführen. Wir sind inzwischen so gut, dass wir sogar zum Wechseln des Fixleintuchs liegen bleiben.
• Wenn man die Nase voll hat, dreht man sich fluchend weg, um den Partner darauf hinzuweisen, dass er sich um das Problem kümmern soll. Nachts im Familienbett gibt es keine Freunde, nur Feinde (und nach dem Wegdrehen ein paar Tritte in den Rücken).
• Ab und zu (alle paar Wochen während maximal zwei Minuten) kann man das friedlich schlafende Baby beobachten, und sich aus nächster Nähe an seinem glücklichen Gesichtlein erfreuen.

Unter dem Strich aber bleibt das Familienbett eine unbequeme Tortur. Da hilft die beste Tempur-Superflex-Federkern-17-Zonen-Matratze nichts, wenn das Baby einem nur die Reisverschlüsse des abnehmbaren Allergikerbezuges als Liegefläche lässt. Wie man das Familienbett freiwillig wählen kann, ist mir schleierhaft (lesen Sie dazu auch das Mamablog-Posting «Familienbett: Sex, lass nach!»).

Die Probleme lösen sich ja nicht irgendwann von selbst. Im Gegenteil: Der Brecht wird immer kräftiger (Fusstritte), schwerer (Bodycheck) und länger (Querliegen). Meine Grössenberechnungen ergaben, dass er mit 12 Jahren selbst im regungslosen Zustand die ganze Matratze und mit 14 Jahren das ganze Schlafzimmer einnehmen wird. (Da muss ich allerdings noch einmal nachrechnen.) So wie bisher geht es auf jeden Fall nicht weiter. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zum Äussersten zu greifen, so brutal es klingt. Da müssen wir als Eltern konsequent sein: Meine Frau schläft seit einer Woche auf dem Sofa und ich zusammengerollt am Boden auf VYSSA SNOSA 120 x 60.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

366 Kommentare zu «Der Teufel liegt im Familienbett»

  • isabella sagt:

    Ja, das klingt sehr anstrengend!!!!
    Ich hoffe für sie das sie eine Lösung finden (falls es wirklich ein Problem für sie ist?!?) bevor ihre Beziehung zu ihrer Partnerin/ ihrem Kind einen Schaden davon trägt… Jeder sollte für sich entscheiden dürfen welche Lösung dann passt…
    und einwenig Entwicklungspsychologie hilft da und dort vielleicht auch zu verstehen…
    PS: und wenn ich an die Schüttelproblematik denke, Schlimm!!! wäre ich nicht so hart zu Eltern die mit der „Ferbertechnick“ ne Lösung gefunden haben!!
    Finde es tragisch wie heute im allgem. alles Bewertet wird ohne Hintergrundwissen!

  • Sweet sagt:

    Herr Tschannen wagen Sie sich in einen Baumarkt? 🙂

    Hier können sie das Einzelheft Februar 2014 „Schlafmützen und Nachteulen“ bestellen http://www.elternzeitschrift.org/wirbelwind/ausgaben/409-2014-02-schlafmuetzen-und-nachteulen.html

    Darin finden Sie viele Fotos von diversen riesengrossen Familienbetten. Und man kann das ganze auch trendy gestalten. Nur Mut! Und dann werden sie wieder und DANK FAMILIENBETT HIMMLISCH SCHLAFEN.
    Ich kenn lauter übernächtgte Eltern, die zu früh abgestillt und ausquartiert haben, nachts aufstehen müssen, weil das Kind im Kinderzimmer weint (Hunger/Zahnen/krank)

    • Sweet sagt:

      Und noch ein Buchtip von mir für Sie Herr Tschannen

      „Ich will bei euch schlafen“ von Sibylle Lüpold. Das Buch ist jeden Rappen wert!
      Gute Lektüre

      • Sweet sagt:

        P.S. auch noch lesenswert und humorvoll geschrieben,

        „Besucherritze“ von Eva Solmaz
        http://www.amazon.de/Besucherritze-ungew%C3%B6hnliches-Schlaf-Lern-Buch-Eva-Solmaz/dp/3844807713

        wenn Sie dann dank grossem Familienbett und ruhigen Nächten sich langweilen, haben sie ja dann viel Zeit zum Lesen 🙂

      • Vielen Dank. Wobei wir bei der nächsten Frage wären: Wann liest man als Vater eigentlich Bücher?

      • Sweet sagt:

        z.B. Wenn die Mutter gerade das Kind in den Schlaf stillt? Anstatt TV – da kommt ja eh selten was Neues/Schlaues
        Als stillende Mutter mit einem Baby, das noch heute meist erst nach 40min die Brust loslässt, lese ich viel mehr Bücher als früher und lese oft abends beim Einschlafstillen-wenn ich denn nicht grad auch einschlafe,weil die Entspannungshormone mal wieder stärker waren.
        Falls Sie mit ÖV unterwegs sin- Buch mitnehmen und das 20Minuten ignorieren 😉
        Wenn ihr Kind beim Spazieren in der Trage/Kinderwagen eingeschlafen ist- Parkbank suchen und Buch geniessen.
        Notfalls 1 Monat Handyfrei:-)

  • Carina Obi sagt:

    Super Artikel, obwohl ich selbst nicht fürs Familienbett bin, trotzdem verstehe ich alle, die früher oder später das Baby ins Bett hohlen:-) Wir haben das Glück, dass unsere Kleine von Anfang an in Ihrem Bett geschlafen hat.Wenn sie aufwacht hohl ich sie zum Stillen ins grosse Bett und „zelebriere“ dann auch noch das Familienbett im kleinen Stil! Schade, dass es immernoch Menschen gibt, die denken, dass jedes Baby alleine schlafen muss! Jeder Mensch, egal ob gross oder klein ist anders und braucht mehr oder weniger Nähe!! Schreien lassen lehrnt nicht Selbstständigkeit sondern Einsamkeit!

  • Veronica sagt:

    Es ist Kindermisshandlung sie nicht vom Anfang an zu erziehen. Ihr den Sklaven zu sein, ist nur einer der Folgen.

  • Mama M sagt:

    Mal eine ganz praktische Frage, liebe Familienbettler: Geht ihr denn jeden Abend zur selben Zeit wie eure Kids ins Bett? Unser Dreimonatiger ist so um 19-20 Uhr bettreif aber wir zwei sind ausgesprochene Nachteulen. Oder legt ihr euer Baby alleine ins Elternbett? Das ist ja dann auch nicht Sinn der Sache, oder?

    • 13 sagt:

      Ich kann nur für uns sprechen: nein, gehen wir nicht. unsere Kinder sind von 20/21 Uhr alleine bzw. Zur Zeit zu zweit im Familienbett und dann ab 23/24 Uhr bis 7 mit uns.

      • Sweet sagt:

        Unterschiedlich. Lege mich mit dem Kind ins Bett sobald es müde ist , und es stillt sich in den Schlaf. Phasenweise schlief ich auch grad ein. Allein deshalb find ich Familienbett toll für die Mütter. man kommt zu genügend Schlaf, weil man dank Prolaktin eh fast einschläft und dank grossem Bett nicht nochmals aufstehen muss, sondern zu dem nötigen Schlaf kommt.
        und phasenweise stehe ich nachher wieder auf und gehe ins Wohnzimmer.

  • wir haben unser ‚familienbett‘ im jahre 1982 eingerichtet, von der ersten nacht an haben die kinder friedlich durchgeschlafen (die eltern auch). wir haben dann das bett mit zusatzbetten zu einer riesenfläche erweitert,so dass alle 5 gut platz hatten. die kinder sind dann jeweils mit ca. 6-7 jahren auf eigenen wunsch ins eigene bett/zimmer ausgezogen. schön war das. ein richtiges friedliches warmes nest. das machen übrigens millionen familien auf der welt so. sind wir so unflexibel und lassen uns beherrschen von simplen zimmer- und möbelgrössen, oder gesellschaftlichen Zwängen?

    • Peter sagt:

      Genau so geht das. Warum haben eigentlich Möbelhersteller noch nicht reagiert und bieten 3 bis 4 Meter breite Familienbetten mit entsprechenden Matratzen an? Hier wäre eine echte Marktlücke. Und Sex muss ja nicht unbedingt in der Nacht stattfinden, es gibt sicher genug Gelegenheit dazu, wenn die Kinder nicht schlafen.

  • Rebecca sagt:

    Danke! Lustig!

  • dominik sagt:

    dieser Artikel ist schnell zusammengefasst: Erziehung wird nicht einfacher, wenn man es aufschiebt. In den ersten 6 Monaten mag das Baby im Bett ja ok sein, aber dann….

    • Sweet sagt:

      Ja stimmt, all diese Teenager, die immer noch bei ihren Eltern im Bett schlafen wollen! ts ts ts 😉

      Kann euch beruhigen: viele familiengebetteten Kinder ziehen ungefähr mit 3 freiwillig in ihr eigenes Bett. Die haben eben bekommen was sie brauchen, zu der Zeit als sie es brauchten.

  • Lisa sagt:

    Ich könnte mich nicht damit anfreunden, 1- 6 Jahre nicht mehr in unserem geliebten Bett romantische Stunden zu Zweit zu verbringen. Sex ausserhalb des heimischen Bettes ist „sowieso spannender“? Ich mag Sex immer noch am liebsten in meinem Bett, privat, auch Lesen und über Dinge sprechen…aber jeder hat wohl einen anderen Bezug zum Schlafgemach und gibt diesem Raum andere Bedeutungen.
    1 -3 mal pro Nacht aufstehen und in das Babyzimmer gehen war für mich noch ok, aber wenn das Baby öfters in der Nacht schreit, würde ich mir temporär vielleicht was anderes überlegen.

    • Lisa sagt:

      manchmal versuchen wir es trotzdem, meine Tochter (5) und ich…wenn Papa nicht da ist, wollen wir zusammen im Bett übernachten. Spätestens nach 15 Minuten sagt die Tochter: ähm, Mami, chasch du nöd im Mamibett schlafe, ich cha ebe besser iischlafe wenn ich elei bin.“ Dann kuscheln wir noch kurz und heftig, und ich gehe wieder nach drüben.

  • Lisa sagt:

    ui, und ich habe da noch eine kleine, sehr tendenziöse und vorurteilsbehaftete Hypothese: ich glaube, dass es vor allem die Mamis sind, die Familienbett wollen. Die Papis scheisst es vielleicht ein kleines bisschen an. Aber nur so ein kleines bisschen. Wie gesagt: Sex ist ja überall viiiiel spannender und lustvoller als im öden Ehebett, gell!

    • Simone sagt:

      Wirklich sehr vorurteilsbehaftet und absolut falsch! Unsere Kinder haben die ersten Monate auch bei uns geschlafen, allein schon wegen stillen…steh ja nicht zigmal die Nacht auf….aber dann wollte ich mein Bett für mich. Mein Mann dagegen findet es schön, dass unsere Große jetzt mit 6 immer noch oft kuscheln kommt!
      Und anerziehen, wie es oben geschrieben wurde, ist auch totaler Quatsch….bei uns schläft das Kind (von bisher insgesamt 3), welches aus Platzgründen fast ein Jahr bei uns schlief, am besten in seinem Zimmer! Ist einfach Charaktersache würde ich sagen….

  • Andi sagt:

    Wir haben ein ziemlich grosses Doppelbett und direkt angrenzend ein offenes Babybett (eine Längsseite fehlt). Die beiden Matratzen sind exakt gleich hoch und die Betten können auch nicht auseinanderrutschen. Das ist mein Geheimtipp an alle, die sich nicht entscheiden können, denn schliesslich hat es von allem ein bisschen: das Kind schläft im eigenen Bett, hat trotzdem Zugang zu „Körperkontakt“, man kann (solange nötig) das Wickeln/Stillen/Schöppeln im Liegen durchführen und es ist immer noch platzsparender als das ganze Schlafzimmer in einen Liegebereich umzumodellieren 🙂

  • petra sagt:

    Liebe Leute, wir haben auch so einen „Brecht“. Urteilt doch nicht darüber wo wer wie schlafen soll. Das muss doch jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe mit viel Lachen diesen Blog gelesen und meinen Jüngsten(von drei Kindern) und uns Eltern wieder erkannt. Unsere Älteste hat sich auch jede Nacht im elterlichen Bett rumgetrieben. Das war mit 3 Jahren dann plötzlich vorbei.Ok, ich geb ja zu, bei dem Jüngsten sind wir schon 1,5 Jahre drüber, aber was soll’s. Wir halten durch und sind tapfer. Vielleicht tauschen wir ja mit 14 die Zimmer. 🙂

  • Franziska Martini sagt:

    Schoen, Ich habe vier und habe den Artikel mit viel schmunzeln gelesen. Heute sind sie gross und haben dasselbe Problem mit Ihren Kindern.Schoeeen !!!!!!!

  • Bella sagt:

    Genauso sieht es bei uns nachts auch aus. Es wird gepupst, öde Füße liegen mir im Gesicht, hin und her gerollt, dann liegt einer wieder mit der Pampers auf mir drauf. Aber wir genießen es solange es nur geht! Haben unser Bett auch extra vergrößert. Hier ist die Bauanleitung dazu http://familienbetten.net/bauanleitung-familienbett-otto/

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