Der Sommer nervt

Sommer, Sonne, Sch...: Überfüllte Badis und Sehnsücht esind niht jedermanns Sache. (Keystone/Laurent Gillieron)

Sommer, Sonne, Sch…: Überfüllte Badis sind nicht jedermanns Sache. (Keystone/Laurent Gillieron)

Lange hatte ich geglaubt, ich sei ganz allein damit. Und fühlte mich entsprechend gestört. Wie ein Kind, das heimlich keine Schokolade mag und auch keine Teddybären, dabei ist doch beides soooo toll. Aber inzwischen weiss ich: Es gibt noch andere, die so ticken wie ich.

Ich mag nämlich den Sommer nicht. Und zwar nicht nur so ein bisschen. Ich finde ihn im besten Fall mühsam, im schlimmsten entsetzlich, das steht in linearem Verhältnis zur Anzahl der ununterbrochenen Sonnentage.

Früher war es einfach mein eigenes Problem, dass mir zu dieser Jahreszeit alles zu heiss, zu aufdringlich fidel und zu nackig und zu fiderallala war. There ain’t no cure for the summertime blues, eben. Genauso, wie ich nur mit mir allein ausmachen musste, dass die Ur-Sehnsucht, die der Sommer in mir weckt, hundertmal umfassender ist als alles, was ich ihr real hätte entgegenstellen können. Keine Verliebtheit, kein Ausbüchsen per Autostopp und auch keine sangriagetränkte Nacht am Strand konnte sie auch nur annähernd stillen. Sie wurde davon nur grösser, zu fast körperlichem Schmerz. Das war und ist mir zu anstrengend.

Aber was hat das mit Kindern zu tun? Sehr viel, glauben Sie mir. Denn seit ich Kinder habe, bin ich zwar grundsätzlich zufriedener, aber dafür wurde meine Abneigung gegenüber dem Sommer noch ärger. Vor allem, als sie noch klein waren.

Hier ein paar Gründe, warum so manchen von uns Müttern der Sommer gestohlen bleiben darf (jawohl, ich bin nicht allein, hab ich längst herausgefunden):

  • Die Sehnsucht nach dem gossen Irgendwas ist noch unstillbarer geworden. Denn die Tatsache, dass es dieses eine Leben ist, das wir führen, ist jetzt amtlich. Egal wie schön es ist, es ist einzig. Punkt.
  • Den ganzen Winter über freuen sich unsere Kinder darauf, wenn sie endlich einfach so aus dem Haus rennen können, ohne sich zuerst in Daunen, Kappe und Handschuhe zu zwängen, natürlich mit Reflektoren wegen der Winterdämmerung im Smog. Aber kaum kommt der Sommer, ist der Traum vorbei. Sonnencreme, Käppis, Trinkfläschli und Mückenschutz lösen die Winterausrüstung nahtlos ab. Nur leuchtet das den Kids sehr viel weniger ein, da das unmittelbar Nachvollziehbare fehlt (nix Handschuhe = kalte Hände). Kurz: Sie sind noch genervter über unsere mütterlichen Auflagen als im Winter.
  • Kinder wollen in die Badi. Ja, sie haben sogar das Recht darauf. Selbst an Sonntagen, wenn die ganze Welt nur noch ein einziges riesiges sonnencreme- und glaceverschmiertes Geschrei im grellen Licht ist. Und man null Chancen hat, seine beiden Kinder auch nur fünf Minuten am Stück im Auge zu behalten – geschweige denn, sie rufen zu hören. Unter der Woche kann man zwar schon ganz früh in die Badi pressieren und sich einen der raren Plätze unter dem Baum neben dem Planschbecken und fern der Wespen am Abfalleimer sichern und ihn mit Tüchern zu seinem Territorium erklären. Kaum ist all das geschafft, darf man sich dann gepflegt langweilen mit dem Schüfeli oder dem Schprützchänndli, den Bauch eingezogen, die Füsse im lauen Pipiwasser.
  • Teenies wollen immer noch in die Badi. Allein. Jetzt kommt die Phase des mütterlichen Bangens im abgedunkelten Daheim dicht am Ventilator. Was, wenn sie saufen? Oder ihnen so ein rücksichtsloser Koloss vom Sprungturm auf den Kopf springt und man in der Brühe von See ja nicht mal einen Elefanten wiederfände.
  • Mücken.

Und noch viele andere solche Sachen.

Nein, ich sags Ihnen, nichts schlägt das Gefühl, wenn der Herbst der Caliente-Hektik ein Ende setzt. Wenn die Tage kürzer werden und die Abende länger. Wenn ich wieder in Ruhe und ohne schiefe Seitenblicke sein kann, was ich bin: ein zufriedener Stubenhocker, der am liebsten auf dem Sofa liest oder was vor sich hin werkelt und sich ganz auf die schönste Zeit des Jahres freut: den Advent. Danke Schweizer Klima, dass du auch an Mütter wie mich denkst.

123 Kommentare zu «Der Sommer nervt»

  • tobias gruber sagt:

    da hilft nur eines: Fernreisen, zum Besipel nach Argentinien. Für das kommende Wochenende sind hier in Buenos Aires drei Grad angesagt, dazu ein garstiger Wind aus Süden, vom Pol, einfach herrlich!

  • Martin sagt:

    Sie und Ihre „Mit-Sommer-Hasser“ haben ein ernsthaftes Problem! Ich bin auch nicht sooo Fan vom Sommer, echt nicht! Vor allem dann nicht, wenn man arbeiten muss, in Anzug und Krawatte! Wenn mir in meiner „Zivilkleidung“ oder Arbeitskleidung der Schweiss nur so runter läuft und ich kaum einer hübschen Frau die Hand geben kann, ohne dass ihre danach nicht nass ist. Aber wegen der Badi? Es gibt doch nichts schöneres, als im Sommer in’s Schwimmbad zu gehen und zu plantschen! Glace essen, vom Sprungbrett eine Ars…Bombe zu machen. Oder an einem See zu schwimmen oder zu schnorcheln.

  • Dominik Holenstein sagt:

    Sie schreiben mir aus dem Herzen! Ja, es gibt sie, die anderen, die Badis nicht mögen und den Sommer eine Zumutung finden. Es ist auch anstrengend wenn man bei diesem Wetter ieber zu hause bleibt und sich dafür noch rechtferigen muss. Ich freue mich immer auf den September mit den längeren Nächten, kühleren Temperaturen und Nebelstimmungen am Morgen.

    • tom ksslig sagt:

      uhh ja, herbst und frühling.
      sommer und winter könnte man weg lassen, sind beide viel zu extrem 🙂

  • Jacques sagt:

    Ja, es gab auch schon Zeiten, wo mich alle Jahreszeiten irgendwie nervten, Winterdepression, Sommerhitze, falsches, antizyklisches Frühlingserwachen, trüber Herbst. Seltsam im Nebel zu wandern – und so… Meistens hat es wenig mit dem Wetter – zu tun.

    • Flo sagt:

      wenn’s allzu lang zu heiss ist bin ich froh das ich alleine über meinen Tagesablauf bestimmen kann und keine „Rücksichtä“ auf die berechtigten Ansprüche anderer nehmen muss. Mir hilft dann das Schlafen auf dem Balkon bis in die frühen Morgenstunden, habe ich in Italien gelernt wo wir im Sommer immer auf dem Dach geschlafen haben) und so gegen 4 IUhr ab in’s Bett und noch eine runde Schlaf im abgekühlt4n Schlafzimmer.
      Meine allerliebste Jahreszeit inst der Herbst, die Farben und Grüche intensiver als sont. die tage warm aber nicht heiss und die Nächte erholsam kühl.

  • Hugo sagt:

    Schlimm am Sommer ist eigentlich nur, dass die unförmigen Menschen nicht erkennen können oder wollen, dass sie als Presswurst verkleidet eher zum K… anregen denn zu erfreulicher Bewunderung. Und wenn neben allen Speckringen unter und über den zu knappen und kurzen Shirts und Pants auch noch die Leichenblässe zur Schau getragen wird, wünsche ich mir die frische Brise zurück, die wieder ordentliche Verhüllung der Unappetitlichkeit ruft.

    • Flo sagt:

      <Hallo!!!!
      Auch dicke und Unförmige haben ein Recht sich leicht bekleidet zu zeigen – sie müssen ja nicht ständig hinstarren lieber Hugo!
      Ich zehe es auch vor hübsche, eher schlanke Menschen anzuschauen aber so einen vrächtlichen Kommentar haben sie nicht vrdint.
      Uebrigens es gibt auch schlane, magere Menschen die einen eher unappetitlichen anblick bieten und griesgrämige gehören auch dazu!
      Oder ist ihre Idee abgetrennte Badi's für schlanänke und Hüsche und Abteilngen für die unansehlichen?

  • Sandra sagt:

    Hauptsache sie sind mit Kindern „grundsätzlich zufriedener“, Frau Fischer! Was immer das auch heissen mag..

    • Gabi sagt:

      Das eine schliesst das andere doch nicht aus. Frau Fischer mag offensichtlich den Sommer nicht. Trotzdem ist sie mit ihren Kindern in die Badi.
      Ist doch gut?

  • diva sagt:

    hier ein paar gründe, warum mir viel mütter im sommer gestohlen bleiben können:
    ein baby hat gar nix von der badi. ihm wäre am wohlsten in der möglichst kühlen wohnung mit seiner mutter.
    liebe wochenend-zelebrier-familien: nicht alls möchten die intimsten details aus eurem gespielten(!) glücklichen familienleben mitbekommen «Zoé-Jahel hast du schon kaka gemacht?» interessiert weder rentner noch pubertierende jugos.
    auch mögen nicht alle leute, die ganze woche schuften babygeschrei und kinder die dauernd über die tüechli ander leute rennen.
    darum bleibt zu hause und lasst uns in ruhe!

    • Flo sagt:

      auser der Badi gibt es für heisse Sommertage unendlich viele Aternativen – so z.B. eine Flussuferrung mit einem Picknick und einem kurzen Bad im Fluss, ein Waldspazierganz ganz früh am Morgen, wo man mit Glück nch Rehe beobachten kann.Im oberen Teil der Sihl gibt es Stelen wo sich das Wasse wie in einem Becken staut und zum kühlen Bad einlädt. Und viel Leute habe ich dort noch nie angetroffen.

  • Schauer Anna sagt:

    Selbst Mutter von 3 Kinder, scheint mir offensichtlich eine Überforderung im Ganzen als Mutter heraus zu klingeln.
    Diese Herausforderung ob Winter oder Sommer „Herr“ zu werden ist kaum an klimatische Verhältnisse zu messen. Das ist rein ein pers. Statement !!
    Wenns ein Graus ist … Lass Massendynamik stehen. Gehe nicht in die „Badi“… Suche deine individuellen Orte die dir trotz Widerwillen des Sommers noch gefallen schenken.
    Think positive … Jeden am Abend, kannst du deine Kinder fragen was für 3 schöne Sachen sie erlebten !
    Es wird prompt geliefert und der beste Abschluss den es gibt !

  • Flo sagt:

    zu meinen Lieblkingstätigkeiten gehören Spaziergänge im Nebel. Bekannte Wege erchenen wie ein Zauberwald, Geräusche machen auf sich aufmerksam die man sonst nicht hört und gespenstige Erscheinungen kreuzen unsere Wege – einfach nur zauberhaft.

  • Bella sagt:

    Sommer = Badi. Kenne ich von früher und fand ich auch sehr anstrengend. Für eine Mutter mit 2 Kindern alleine in der Badi ist da gar nichts zum entspannen. Und nicht alle wohnen an einem See und/oder noch besser, haben den Pool vor der „Hütte“. Ich bin ebenfalls trotzdem hingegangen, aber gemocht hab ichs nie! Und das darf auch kommuniziert werden.

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