Lieber hochbegabt oder normal?

Ein Papablog von Markus Tschannen*

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Was tun, wenn das Kind «viel mehr intelligent» ist als die anderen? Foto: Monica H., Flickr.com

Die einjährige Charlotte sei ebenfalls hochbegabt – wie ihre älteren Geschwister. Das erzählte mir kürzlich eine Mutter von vier Kindern. Ich schaltete mein Hirn auf Umluft, dachte über Mütterklischees nach und nickte periodisch, während das vor mir stehende Anschauungsexemplar in blumigen Worten über seine Intelligenzbestien berichtete.

Nach meiner Erfahrung gibt es zwei Gruppen von Eltern, die ihren Kindern in Selbstdiagnose eine Hochbegabung unterjubeln.

  1. Solche, die selber nicht besonders begabt sind und auch anderweitig beachtlichen Mist von sich geben. Hier muss der Nachwuchs mit überdurchschnittlichem Hirn den Familien-IQ retten. Vor allem die Mütter geben mit ihren Kindern an, den Vätern ist es entweder peinlich oder ziemlich egal. Fragt man nach, wo denn die Begabung des Kindes liege, antwortet die Mutter sinngemäss: «Er ist einfach allgemein viel mehr intelligent als die anderen.»
  2. Ehrgeiziges Bildungsbürgertum. Hier mischt auch der Vater bei Diagnose und Bekanntgabe kräftig mit. Die Kinder weisen eher spezifische Begabungen auf, gerne im Bereich der hohen Künste oder in den Naturwissenschaften. Mit dieser Differenzierung grenzt man sich von Gruppe 1 ab.

Natürlich gibt es echte hochbegabte Kinder, und es ist bestimmt sinnvoll, sie zu fördern. Vermutlich sind es aber nur selten gleich alle drei Goofen des ehrgeizigen Lehrerpärchens Gerber-Lapierre von nebenan, das seinen Nicolàs, Etienne und die kleine Anna Karenina mit der Stradivari Richtung Konservatorium prügelt. Verstehen kann ich die Gerber-Lapierres ja schon.

Das Gefühl trügt halt beim eigenen Kind. Ich merke das auch bei unserem Brecht. Im Prinzip halte ich ihn immer noch für ein kleines hilfloses Baby, das auf dem Rücken liegt und mit den Armen rudert. Inzwischen überrascht er mich aber täglich mit neuen Fertigkeiten. So fischt er sich seine Nachmittagsbanane plötzlich selber aus der Einkaufstüte, reisst nur die anspruchsvollsten Bücher aus dem Regal, und er kann gefühlt 500 Spielsachen auseinanderhalten: «Brecht, wo ist der rote Duplostein?» – Zeigt auf den gelben Bauklotz. – «Seeehr gut Brecht, fast richtig!»

Mein Kind ist ja sooo begabt, denke ich dann. Dieser Eindruck vermischt sich rasch mit Stolz und bringt eine gefährliche Gedankenspirale in Gang: «Moment… der Jamie auf dem Spielplatz ist gemäss seiner Mutter auch hochbegabt. Dabei sitzt er immer nur da, isst Sand und heult. Wenn der hochbegabt ist, dann muss mein Kind ja ultrahochbegabt sein… oder hyperbegabt.» In Gedanken sehe ich, wie der Brecht mit fünf Jahren Kafka auf dem Cello neu interpretieren wird und… *KLONK* werde ich jäh aus meinen Träumen gerissen, weil sich das Kind heute zum fünften Mal den Kopf an derselben Schublade angetätscht hat… «Jä, dann halt nicht», denke ich erleichtert.

Und hier verlassen wir den ausgetretenen Pfad des Begabtenmuttibashings für die heutige Kernfrage: Ist es erstrebenswert, ein hochbegabtes Kind zu haben? Naturgemäss kann man sich das ja nicht aussuchen, und selbstverständlich nehmen wir unsere Kinder, wie sie fallen. Aber mal angenommen, man könnte es sich aussuchen:

Zwei Monate vor der Geburt klingelt das Telefon. Ein Sachbearbeiter der Natur («Sie haben bestimmt von uns gehört») stellt sich vor, informiert kurz über den Stand der Schwangerschaft und stellt ein paar administrative Fragen. Darunter folgende:
Möchten Sie …

a) … ein normales Kind? Durchaus klug, etwas schwach in Mathematik, aber street-smart; emotional kompetent, witzig, fröhlich, ungeschickt («Da können wir leider nichts machen, Herr Tschannen, die Gene lassen uns keinen Spielraum»).

b) … ein hochbegabtes Kind? Schulisch überragend, künstlerisch ausserordentlich talentiert. Kaum Schwächen in anderen Bereichen.

Ich wäre wie immer unvorbereitet, obwohl im Largo steht, dass dieser Anruf in der 32. Schwangerschaftswoche kommt. Entsprechend spontan fiele meine Wahl auf Kind a). Sie möchten jetzt bestimmt, dass ich das philosophisch herleite. Schwierig. Mit Philosophie befasse ich mich eigentlich nur, wenn ich schon auf dem Klo sitze und feststelle, dass ich das Handy vergessen habe. Dann würde mir vermutlich folgende Begründung für obige Wahl einfallen: Ein normales Leben bis hin zum milden Spiessertum (ja, der Brecht soll einmal meinen Volvo Kombi erben) kann durchaus erstrebenswert sein. Wahres Glück bedingt weder finanziellen Reichtum noch eine übernatürliche Intelligenz.

Wie würden Sie entscheiden?

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

229 Kommentare zu «Lieber hochbegabt oder normal?»

  • P.S. sagt:

    a) Ein bisschen begabt zu sein ist super. Zu viel des Guten, und schon sieht es zappenduster aus. Ich bin in der (unteren) Mittelschicht aufgewachsen und bin mehr und mehr nach oben gewandert. Ich stelle fest, dass wirklich Hochbegabte Kollegen und Kolleginnen (Also die, die nicht nur auf dem Papier gut sind, sondern effektiv was auf dem Kasten haben), als jene welche die grossen Zusammenhänge begreifen öfters unglücklicher sind, als ihre Pendants die einfach „normal“ sind. Viel zu wissen und zu verstehen, macht nicht glücklich, wenn man weiss das man eine drohende Gefahr nicht abwenden kann.

  • Meret sagt:

    Was für ein Glück ich doch im Leben hatte. Obwohl mit IQ von 141 im kontrollierten Test klar als hochbegabt einzustufen, hatten meine Eltern nie das Gefühl, sie müssten mir meine Kindheit für ihr eigenes Ego zertrampeln. So konnte ich auch erstmal Scheitern um dann mit etwas mehr Reife im Alter von 37 doch noch einen guten ETH Abschluss abzuliefern. Ich wusste immer, dass ich das drauf hab, aber die Zeit war mit 20 einfach noch nicht da. Damals musste ich mich erstmal im Leben zurechtfinden, denn das ist für Hochbegabte nicht einfacher oder schwieriger wie für alle andern auch.

  • AltesKind sagt:

    Als Kind war ich einseitig begabt: sehr gut in Mathematik, eine Leseratte die alles verschlang, aber motorisch ungeschickt und als Linkshänder schwach im Schreiben. Vor allem aber gab es diese drängenden philosophischen Fragen, welche die anderen Kinder für absurd hielten und bei denen mir meine Eltern nicht weiter helfen konnten. Da ich heute meine Fähigkeiten und mein Wissen ausleben kann ist das im Nachhinein gut so.
    Aber als Kind war ich oft traurig und wünschte mir dümmer zu sein.

  • Alpöhi sagt:

    Hohbegabte Kinder bedeuten Stress für alle, weil das Kind nicht in das 08/15 Schema passt. Das äussert sich dann so: Am Elterngespräch am Ende der ersten Klasse teilt die Lehrerin mit, dass das Kind den ganzen Stoff der zweiten Klasse schon könne. Da fällt dir plötzlich auf, dass das Kind abends im Bett unerklärlich Bauchweh hat und an den Nägeln kaut. Du versucht das Beste draus zu machen: Du bemühst dich, den individuellen Spagat zu finden zwischen „intellektuell weit fortgeschritten“ und „Sozialkompetenz altersgemäss entwickelt“.

    • Alpöhi sagt:

      /2 Ein hochbegabtes Kind braucht genauso eine „Sonderbehandlung“ wie ein sog. Minderbegabtes. Beide fallen aus der Reihe, brauchen Spezialbehandlung von Eltern und Lehrkräften – nicht mal wegen „Förderung“, sondern einfach damit es dem Kind wohl ist und es fröhlich und unbeschwert aufwachsen kann. All diesen Extra-Stress hast du mit einem „normalen“ Kind nicht. Fazit: Ein „normales“ Kind ist wesentlich pflegeleichter.

    • Alpöhi sagt:

      /3 Dazu kommt dss Sprichwort: „Genie und Wahnsinn liegen nahe beieinander.“ Will heissen: Es ist gut möglich, dass ein hochbegabtes Kind in manchen Bereichen Verhaltensauffälligkeiten / Merkwürdigkeiten zeigt, die durchaus nicht immer einfach oder angenehm sind. Auch das muss man als Eltern irgendwie auf die Reihe kriegen und in gute Bahnen lenken.

      • Jana Türlich sagt:

        @Alpöhi:
        Meist ist es doch umgekehrt im wirklichen Leben. Verhaltensauffällig wird in hochbegabt umgedeutet und schon können sich alle besser fühlen. Alle, ausser dem Kund, dem man damit definitiv keinen Gefallen tut.

      • Stranger sagt:

        Weltbekannte Dummköpfe sind einst von ihren Eltern wohl als hochbegabt taxiert worden und kriegten damit das Sendungsbewusstsein, das sie weit, weit hinauf spülte. Ich denke an GW. Bush etwa.

    • Alpöhi sagt:

      /4 Zum Glück sucht man sich das alles nicht aus. Sondern es ist dann einfach so. Und es bleibt dir nur, dein Bestes zu geben, damit dein Kind unbeschwert und möglichst glücklich aufwachsen kann.

  • Marius sagt:

    Und um das Thema gebührend abzuschliessen, kann jeder hier noch den Test machen, ob das Kind denn hochbegabt ist: https://www.titanic-magazin.de/news/titanic-schnelltest-fuer-eltern-7310/

    Bringts irgendwie auf den Punkt.

  • neo Daddy sagt:

    einfach köstlich dieser Artikel! Danke
    und übrigens…. ich würde mich für Kind a) entscheiden!

  • MEFFI sagt:

    Was ist schon normal? Nur schon diese Definition ist schwierig. Ist es normal das mein Sohn sich jedes Ding ans Ohr hält und damit spricht? Ist er ein hochbegabter Kommunikator? Was ist mit Kindern, die nicht 100 verschiedene Spielsachen zur Verfügung haben? Wären dann diese die normalsten? Folgt Normalität der gausschen Verteilung? Ist vielleicht die Gesellschaft nicht mehr „normal“, da sie durch Dauerwerbung so stark beeinflusst wird, dass NORMALITÄT von Werbemachern produziert wird und wir dies unbewusst aufnehmen? Werbung verbieten um herauszufinden was normal ist? HaHa BEBA rechts am Rand

  • Sarah123 sagt:

    Anna Karenina lol 😉

  • Conny sagt:

    Die Frage „lieber hochbegabt oder normal“ ist genauso unsinnig wie die:“ lieber ein Mann oder eine Frau. groß oder klein, blond- oder schwarzhaarig?“ Viele Werte werden durch Erziehung u. Umfeld geprägt, was ja nicht heißt, dass diese immer richtig sind! Pauschal und in der Form einfach falsch ist, dass Hochbegabte kaum Schwächen in anderen Bereichen haben.. Es gibt verschiedene Formen von Hochbegabung, siehe Gardner, sehr selten sind homogene Profile mit HB in jedem getesteten Bereich. Hochbegabte Menschen sind keine Supermenschen, sondern können besonders schnell und logisch denken.

    • Stranger sagt:

      Hochbegabte könnten an sich viele wichtige Probleme lösen, sie könnten zumindest herausfinden, wie das ginge, aber die das Mittelmass bevorzugende Gesellschaft lässt sie nicht. Und darum gehen wir wohl bald unter, weil uns, als Menschheit, die 30 oder 40 IQ-Punkte fehlen, die Zukunft zu flicken. Ich glaube nicht, dass wir einem Untergang entgehen werden.

  • Denise sagt:

    Kinder sind etwas Positives!!!, auch hochbegabte Kinder sind etwas Positives!!!. Warum tut sich Deutschland mit Hochbegabten so schwer? In anderen Ländern wird man beneidet, wenn man ein besonders intelligentes Kind hat…

  • e-milka sagt:

    Man kann es sich nicht aussuchen. Ich bin eine „HB-Mutter“, der mit 14 „sehr hohe Intelligenz, an der Grenze zur Genialität“ bezeugt wurde, was lediglich zu familiären Insider-Jokes geführt hat. Gefördert habe ich mich selbst: durch Lesewut, Wettbewerbe, AGs. Wissen über Alles angesammelt. Jede Sportsstunde – ein Graus. Niemand wollte das „Superhirn“ daten. Bei meiner Tochter dachte ich nicht an HB. Ein anstrengendes Schreibaby, schnell in ihrer Entwicklung. Und ich verzweifelte an der Mutterrolle. Die Diagnose brachte den inneren Frieden. Ich wusste damals nicht, dass es mehr „von uns“ gibt.

  • fabian sagt:

    Amüsant, wie jede zweite Kommentierende hier überzeugt ist, sie selbst oder das eigene Kind sei hochbegabt…

    • lux sagt:

      An Fabian: Ich bin auf immer wieder aufs Neue erstaunt, dass in einem Ameisenhaufen so viele Ameisen herumkrabbeln =)

  • miscellaneous sagt:

    Danke. Wir kaufen nichts.

  • Tom Meier sagt:

    Also ganz ehrlich: Die aller, aller wenigsten Kinder sind wirklich hochbegabt. Die meisten sind einfach ungefähr gleich clever wie die Eltern, was ja auch logisch ist, sie haben ja deren Gene. Allerdings leiden viele Kinder unter dem immensen Leistungsdruck, den die Eltern auf die Kinder ausüben. Lasst die Kinder einfach Kinder sein und denkt daran: Es gibt super Erwachsenenbildungsangebote, die Ihr Kind nutzen kann, sobald es weiss was es dann wirklich will!

  • Mia sagt:

    Unser Bildungssystem muss noch flexibler werden um den Hochbegabten wirklich gerecht zu werden. Es ist in den letzten Jahren schon viel besser geworden und es werden flexiblere Lösungen angeboten. Z.B. bereits Uni-Vorlesungen besuchen, während man noch am Gymer ist oder spezielle Klassen und Förderangebote für jüngere Kinder. Dann werden hochbegabte Kinder ihren Platz in der Gesellschaft finden. Sie werden wie Kinder spielen können und wie „Erwachsene“ lernen und denken dürfen.

  • schoggitiger sagt:

    so dachte ich auch lange:
    Arme Kinder, welche das eigene Verpasste nachholen müssen. Oder lässt die Kinder doch einfach Kinder sein & lasst ihnen im Kindergarten Zeit! Und bitte die Kinder nicht mit zu viel Freizeitangeboten vollstopfen.

    Bis ich dann selbst auf die Welt kam! 😮 Weil die Kindergärtnerin merkte, wie weit, (über das altersentsprechende hinaus) unser Kind in Selbst-, Sozial-, und Sachkompetenz bereits mit 4 Jahren, am Anfang des Schuljahres entwickelt sei. Sie finde, man – wir oder die Schule- sollte etwas machen.

    Und tatsächlich gibt es dies, dass Eltern gleich mehrere hochbegabte Kinder haben. Ich weiss nicht, ob dies ein Vor- oder ein Nachteil ist. So gibt es vielleicht unter den Geschwistern weniger Eifersuchtsszenen, was die Intelligenz betrifft.

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