Die ausgebrannten Kinder

A boy is carried at the Los Angeles County Fair in Pomona

Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Einschlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen: Immer mehr Kinder leiden an Burn-out-Symptomen. Foto: Keystone

Erst litten bloss die umtriebigsten Manager an Burn-out, danach immer häufiger auch normale Mitarbeiter. Und nun soll die Krankheit sogar Kinder befallen. «Burnout-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert», so der Titel des neuen Buches von Michael Schulte-Markwort, einem Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater. Seit fünf Jahren begegnen Schulte-Markwort laut eigenen Aussagen immer häufiger Kinder mit Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Einschlafstörungen oder Kopf- und Bauchschmerzen. «Erst habe ich mich innerlich gewehrt gegen das, was sich mir da aufdrängte», sagt er gegenüber der «NZZ am Sonntag», «aber dann entschloss ich mich, die Sache beim Namen zu nennen: Die Kinder leiden an Burn-out

Dass die Modebezeichnung Burn-out nun auch bei Kindern angewendet wird, davon sind andere Experten nicht begeistert, wie die «NZZ am Sonntag» aufzeigt. Kinder- und Jugendpsychiater Klaus Schmeck von der Universität Basel etwa ist der Meinung, dass es nicht ständig neue Diagnosen brauche, sondern man lieber diejenigen richtig anwenden sollte, die bereits existierten. Er selber spricht deshalb lieber von einer Depression als von Burn-out beziehungsweise von einer «mangelnden Passung zwischen den Fähigkeiten eines Kindes und den Anforderungen an es». Doch auch Schmeck bestätigt, dass Kinder aus Überforderung in einen Erschöpfungszustand fallen können. Eine Diskussion über das Problem sei deshalb wünschenswert. Denn wie eine Befragung der WHO zeigt, sind es nicht nur vereinzelte Kinder, die unter zu hohen Anforderungen leiden: Jeder dritte Schweizer Schüler erklärte der Untersuchung zufolge, Stresssymptome wie Bauchschmerzen oder Schlafstörungen zu kennen.

Ob man nun von Burn-out, Erschöpfungsdepression oder schlicht Depression spricht: Das Problem existiert. Weshalb wir Eltern genauso wie die Lehrer, ja die Gesellschaft generell darüber nachdenken sollten, ob und wie es sich lösen oder zumindest mindern liesse.

Wobei sich als Erstes zwangsläufig die Frage nach der Ursache stellt: Weshalb sind unsere Kinder so oft überfordert? Und ist das Problem tatsächlich neu, oder sind wir einfach hellhöriger als frühere Generationen, nehmen seelische Probleme stärker wahr und vor allem auch ernster?

Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem. Erschöpfungszustände bei Schulkindern gab es auch früher schon. Wie Stefan Kupferschmid, leitender Arzt an der Berner Uniklinik, in der SRF-Radiosendung «Treffpunkt» sagt, wurde bereits im 19. Jahrhundert von ähnlichen Krankheiten berichtet. Anders als früher hört man heute jedoch tatsächlich immer häufiger von komplett überforderten Kindern. Warum? Und: Wer ist schuld?

Schauen wir uns die Schule an. Die beginnt heutzutage bereits mit vier oder fünf Jahren, mit dem Kindergarteneintritt nämlich. Zwar steht im Chindsgi das Spielerische noch im Vordergrund, doch es gibt bereits Lernziele, Elterngespräche und Beurteilungen durch die Lehrer. Solche Einschätzungen von Lehrerseite sind durchaus spannend für die Eltern, und im besten Fall bekommen die Kinder davon nicht viel mit. Dennoch bin ich überzeugt, dass manch einem Kind schon im Kindergarten bewusst wird, dass es die Rechenaufgaben oder das schwierige Puzzle weniger schnell lösen kann als seine Gspänli – und sich deshalb bereits ein erstes Mal unter Druck oder gar ungenügend fühlt. Oder dann sind da die Hochdeutsch-Lektionen. Per se keine schlechte Sache, gerade in Multikulti-Kindergärten. Doch auch sie können Kinder unter Druck setzen. Zumindest habe ich schon Kindergärtler frustriert sagen hören, dass sie «überhaupt nicht gut Deutsch können», bloss weil sie nicht jedes Wort der für sie fremden Sprache verstanden haben.

Kommen ab der ersten Klasse noch die Noten dazu, steigt der Leistungsdruck weiter. «Heute fehlt uns die Freiheit in der Bildung», sagt Stefan Kupferschmid, «Kinder können sich nirgends mehr frei entfalten, ohne sofort evaluiert zu werden.» Unsere Bildung sei immer mehr Outcome-orientiert, was gewissen Kindern enorm zusetze.

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Nicht nur ein europäisches Phänomen: Erschöpfte Kinder in Taiwan. Foto: Wally Santana (Keystone)

Man kann sich fragen, weshalb die Kinder sich denn überhaupt so stressen lassen. Warum kümmert es sie, wenn der Kollege die Aufgabe schneller löst? Wieso fühlen sie sich schlecht, wenn sie einmal etwas nicht sofort verstehen? Laut Autor Schulte-Markwort setzen sich die Kinder selber unter Druck. «Die heutigen Jugendlichen wollen gut sein, ganz ohne Antrieb von aussen. Da haben in den vergangenen Jahren unglaubliche Selbstdisziplinierungsprozesse stattgefunden.» Sie würden es schlicht nicht anders kennen: «Wer nichts leistet, hat verloren, das lernen Kinder heute von klein auf.» Und sie lernen es in der Schule genauso wie von ihren Eltern.

Schulte-Markwort rät Müttern und Vätern deshalb, im eigenen Leben Anpassungen vorzunehmen. Nicht mehr dauergestresst durch die Gegend zu hetzen, sondern auch mal Erholungspausen einzulegen. Nur so könne man dem eigenen Kind glaubwürdig Entspannung verordnen. Und Stefan Kupferschmid empfiehlt, sich selber immer wieder zu hinterfragen: Habe ich womöglich Leistungsansprüche, die überhaupt nicht zu meinem Kind passen? Spüre ich überhaupt noch, wie es meinem Kind angesichts all dieser Anforderungen geht?

Auch Schulte-Markwort geht in eine ähnliche Richtung, wenn er uns alle auffordert, uns wieder bewusst zu machen, wie Glück entsteht. Und unseren Kindern aufzuzeigen, dass eine glückliche Zukunft nicht zwingend an beruflichen Erfolg geknüpft, sondern sehr individuell geprägt ist. Auf die schulische Laufbahn übertragen heisst das etwa, dass man sich als Eltern fragen sollte, warum der Sohn nicht Gärtner werden darf, wenn er es doch will? Muss es unbedingt ein Botanik-Studium sein, nur weil das angeblich ein besseres Leben verspricht? In jedem stecke eine bestimmte Entwicklung, und wir Eltern müssten sie mittragen und passende Wege aufzeigen. «Wir müssen aber auch offen dafür sein, dass ein Kind eine für uns unerwartete Abzweigung braucht.»

199 Kommentare zu «Die ausgebrannten Kinder»

  • tststs sagt:

    Ich glaube, das eigentliche Problem hier nennt sich Pathologisierung! Natürlich sind Kinder überfordert, natürlich sind sie oft todtraurig. Dies gehört, wie auch all die guten Seiten, zur Natur der Sache (Kindheit). Jeder Tag bringt Neues mit sich und vieles davon ist schwierig in das bereits Bekannte einzuordnen, aber das ist nun mal „aufwachsen“.
    Ausserdem bringen Kinder die Eigenschaft mit, im Hier und Jetzt zu Leben; die Trauer und Frustration kann dann genauso inbrünstig ausfallen wie unbändige Freude.
    Aber das gehört doch dazu! Warum wird dieser Umstand zum Problem hochstilisiert?

    • tststs sagt:

      Meine Güte, was habe ich in meiner Kindheit geweint… weil ich Streit mit anderen Kindern hatte, weil ich beim Wettrennen keine Medaille gewonnen habe, weil mein Mami das gemeinste der Welt ist… 🙂

    • Stranger sagt:

      Fachleute untersuchen es genau. Trauer ist keine Depression, Depression ist viel mehr als einfach tiefe Trauer. Das ist nicht einfach so Wischiwaschi, das kann genau diagnostiziert werden. Hier ist etwa wichtig, wie lange das andauert und wie es sich im Alltag auswirkt. Du bist keine Psychologin, das macht an sich nichts, aber glaub mir: Psychologe ist ein richtiger Beruf, Psychologen wissen Dinge, die der Alltagsverstand nicht weiss.

  • Lucie Benjamin sagt:

    Warum ist denn intelligent oder weniger intelligent zu sein so zentral und wichtig? Vielleicht ist es ja schon so, dass man das Leben reicher empfindet wenn man „intelligenter“ ist, aber es kann auch bedeuten, dass man einen „sensory overflow“ hat und manchmal zuviel empfindet, was eine Belastung sein kann.

  • Xaquaira sagt:

    „Psychologen wissen Dinge, die der Alltagsverstand nicht weiss.“ – Gesunder Menschenverstand ist entscheidend und ob man den hat, liegt nicht am Beruf. Ich halte solche Artikel für kontraproduktiv, weil die Kinder nicht überfordert sind, ganz im Gegenteil, meiner Meinung nach sind sie heute unterfordert und neigen deshalb zu launischem und depressivem Verhalten. Genauso wie mangelnde Erziehung heute allzuoft gleich als ADS eingestuft wird. Die Schule war für Kinder vor über 50 Jahren weitaus anstrengender als heute, da hatte der Lehrer noch einen Rohrstock und die Schüler wirklich Angst…

  • kuhnhäuser sagt:

    Ich bin der Meinung, man sollte die schulischen Leistungen der Schüler nicht überbewerten. Zu meiner Schulzeit war Rechtschreiben, also Deutsch, mein schlechtestes Schulfach. So 30-40 Fehler in einem Diktat, war keine Seltenheit. Ich hatte absolut keinerlei Interesse am Schreiben. Das hat sich jedoch geändert. Mit 20-25 Jahren fand ich Gefallen an Lieder, bzw. Liedertexte zu schreiben, heute sitze ich täglich mehrere Stunden hier am PC und schreibe den halben Tag und das meistens fehlerfrei. Die Kinder sollten Zeit haben Kind zu sein, dabei entwickeln, entdecken sie ihre Interessen von selbst.

  • Alex Werker sagt:

    Einerseits sind die beschriebenen Symptome klassische Nebenwirkungen von Ritalinbehandlungen. Im Weiteren geht die Schere hinsichtlich Sprachkompetenz, welche die Basis für den Erwerb sämtlicher schulischer Fähigkeiten ist, in öffentlichen Schulen derart weit auseinander, dass Kinder grundsätzlich nicht angemessen unterrichtet werden können. Entweder sind betreffende Kinder hoffnungslos über- oder aber unterfordert, mit verheerenden Folgen hinsichtlich ihrer Motivation.

  • Helga sagt:

    gebt den Kindern erst einmal ein richtiges zu Hause, mit einer festen Bezugsperson… Zeit zum Spielen, Zeit zum Reden, Zeit zum Kuscheln, Zeit zum Kind sein… nicht burn out … lLieblosigkeit, Vernachlässigung der Gefühle und Fehlen der Grundbedürfnisse nach Geborgenheit und Sicherheit… das macht die Kinder krank

  • Tom Meier sagt:

    Aus meiner Sicht liegt das Problem oftmals schlicht und einfach an den übertriebenen Erwartungen der Eltern. Viele Eltern haben geradezu utopische Vorstellungen, wie intelligent ihr Kind angeblich sei. Aber mal ganz ehrlich: Wenn Vater und Mutter beide einen Sek-Abschluss mit anschliessender Lehre haben, warum sollte das Kind dann das Gymnasium schaffen? Warum sollte es cleverer sein als die Eltern? Die Gene geben das gar nicht her!

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