Mein Baby schmust nicht mit mir

Ein Papablog von Markus Tschannen*

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Ach, wie schön wärs, mit dem eigenen Baby zu schmusen, wie das andere Väter tun. Foto: Flickr/Family O’Abé

Wie geklont lagen sie nebeneinander auf dem Wickeltisch. Gleich alt, gleich gross und aus demselben Grund im Vorzimmer des Kinderarztes:

• Philipp (1), Windelgrösse 4, ein fremdes Baby, das mit seiner Mutter auf den Impftermin wartete.

• Mein Baby (1), Spitzname «Brecht», Windelgrösse 4, mit seinem Vater ebenfalls zur Impfung angereist.

Die Stimmung war betont locker, Babys und anwesende Eltern erfreuten sich guter Laune. Philipp grinste einen Plüschteddy an. Seine Mutter reichte ihm das Stofftier und Philipp begann es zu beschmusen. Auch die Mutter schmuste sofort mit. Leise erklangen Engelsgesänge, während güldenes Licht den Raum füllte. Ein Schmetterling flog tänzelnd um den Wickeltisch.

Der Brecht und ich starrten uns derweil schweigend an. Doch während sein Blick als Warnung zu verstehen war, strahlte meiner eine gewisse Sehnsucht aus: Wie gern hätte ich in dem Moment auch mit meinem Baby geschmust. Aber der Brecht will nicht schmusen. Nie.

Er ist ein zufriedenes Kind, lacht oft und spielt gerne. Auch den Körperkontakt sucht er, aber schmusen kann man das nicht nennen. Der Brecht kneift, beisst und rammt mit dem Kopf jede empfindliche Körperstelle seiner Eltern. Das wirkt selten bösartig, sondern wie von einer inneren Unruhe getrieben. Um zu schmusen, müsste sich das Baby auch mal entspannen. Doch das ist ihm nicht gegeben.

Selbstverständlich akzeptieren wir seinen Charakter und machen uns auch keine grossen Sorgen. Und dennoch schlich sich in einer bedächtigen Minute dieser typische Elternzweifel ein: «Habe ich etwas falsch gemacht?»

Aber was könnte ich denn falsch gemacht haben? Mir fielen spontan ein paar heikle Momente ein:

• In Eile und bereits sehr gestresst, zerriss ich einmal eine Windel, als ich sie unter dem Kindsfüdli zurechtrücken wollte. Das brachte mich derart in Rage, dass ich dem Windeleimer einen kräftigen Tritt verpasste. Immerhin: Geistesgegenwärtig hatte ich die aufgestaute Aggression vom Baby weggelenkt.

• Ein andermal wollte ich dem Baby beim Rumblödeln ins Gesicht pusten. Dabei spuckte ich ihm versehentlich meinen Kaugummi in den Rachen. Den Titel «Vater des Jahres» konnte ich so natürlich vergessen. Zum Glück konnte ich den Kaugummi sicher aus dem Kind entfernen.

Einmal biss ich dem Baby sogar ins Bein. Wir balgten uns auf dem Wickeltisch, während wir auf ein Bisi warteten. Spielerisch schnappte ich dabei nach Babys nacktem Oberschenkel, als plötzlich das Bisi einschoss. Vor Schreck klappte mein Gebiss zu und hinterliess einen leichten Abdruck. Das schlechte Gewissen verfolgte mich über Wochen, aber das Baby nahm vermutlich keinen emotionalen Schaden. Zumindest liess es sich rasch trösten.

Während ich diese wenig ruhmreichen Momente noch einmal vor meinem inneren Auge passieren liess, dämmerte mir. Vielleicht balge ich mich etwas gar oft mit dem Brecht. Will ich dann einmal schmusen, erkennt er meinen Stimmungswechsel nicht und bleibt im Balgmodus. So lautete meine Theorie, und natürlich brauchte ich auch eine passende Massnahme. Zusammen mit der Frau entschied ich mich für eine Charmeoffensive, denn als gute Eltern wissen wir: Kinder sind Nachahmer.

Also schmusten Mama und Papa wieder mehr miteinander, und zwar demonstrativ vor dem Kind. Interessierte Blicke und erste sanftere Annäherungen liessen hoffen. Doch die Charmeoffensive schoss rasch übers Ziel hinaus. Als ich das Baby kürzlich durch eine belebte Fussgängerzone trug, guckte es mich plötzlich eindringlich an. Dann schloss es seine Augen und kam näher. Und als ich fragen wollte: «Äh Brecht, was mach…», klebte sein offener Mund schon in meinem Gesicht. Ich kann mich täuschen, aber ich meinte, ich hätte sogar ein Zünglein gespürt.

Das Baby in seiner Entwicklung zu beobachten, ist spannend. Man lernt täglich hinzu. Was ich in diesem Fall unter den Augen verstörter Passanten gelernt habe: Kinder sind sehr exakte Nachahmer, und wir Eltern müssen künftig etwas züchtiger miteinander schmusen.

Dieses Baby küsst wenigstens einen Fisch. Quelle: Youtube

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

44 Kommentare zu «Mein Baby schmust nicht mit mir»

  • Anja Mayer sagt:

    Haha, ach, herrlich. Die meisten Eltern kennen doch solche „hups!“-Momente, aber vielen sind sie zu peinlich um sie weiter zu erzaehlen. Jeder will perfekt scheinen, statt menschlich zu sein… Danke fuer den Anstoss! Ich hoffe, in den Kommentaren weitere witzige „hups!“-Momente zu lesen 😀

  • Susi sagt:

    Herr Tschannen, das mit dem Kaugummi ist schon ziemlich dicke Post. Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich wollte als Baby/Kleinkind auch nie schmusen und heute ist mein Schmusverhalten recht normal. Glaub.
    😀

  • Lisa sagt:

    😀 Bei meinem 2.5jährigen Sohn muss ich manchmal richtiggehend um einen Kuss betteln. „Itz längt’s aber“, war dann auch schon mal sein Kommentar.

  • Andrea sagt:

    Meine Zwillinge wollten auch immer lieber auf mir runturnen, als zu schmusen. Dabei hat man sich das doch so herzig vorgestellt, Baby kuschelt sich an Mama, nickt völlig zufrieden mit sich und der Welt ein… Nun ja. Der Nachzügler ist dafür verschmuster.
    Bin froh um das Beispiel mit dem Tritt an den Windeleimer. Solche Reaktionen kenne ich. Im Rückblick schwierig nachvollziehbar, aber in der Situation, mein Gott, wie kann man da genervt sein! Ich schmiss ein paar Mal eine Windelpackung durch die Wohnung, um mich abzureagieren. Es ging nichts kaputt, und die Kinder kriegten es nicht mit.

    • maggie1944 sagt:

      omg. kinder dürfen mitkriegen, wenn papa ode mami ein bisschen die nerven verliert. wir sind doch keine heiligen. wutausbrüche sind erlaubt und allemal besser als stundenlanges schweigen.

  • RatzFatz sagt:

    Was ist das eigentlich fuer ein Fisch?

    • tina sagt:

      ich würde sagen, das ist ein karpfen. warum?

      • Hannah sagt:

        Ich halte den Fisch für einen Barsch.

      • tina sagt:

        ich bitte dich, barsche sind raubfische und haben zähne. karpfen hingegen sind ähm friedfische und fressen nur am boden lebende kleinlebewesen (was allerdings auf ein baby irgendwie zutrifft, zugegeben)

      • Ueli Moser sagt:

        ich halte den fisch für forsch, im gegensatz zu einem frosch. wäre es ein karpfen, hielte brecht ihn für einen krapfen, dann würde brecht beissen.

  • M. Mueller sagt:

    Unrasierte Bärte und Babyhaut vertragen sich s e h r schlecht!!

  • Caro sagt:

    You made my day! Danke für den Lacher!

  • carole sagt:

    Ich hab Tränen gelacht. Wer sein Kind „Brecht“ nennt, kann kein Schmuser erwarten.. Versuch es mal mit Würmil oder Chäferli. Spass beiseite, das ist wahrscheinlich eine Wesensart der Kinder ob sie schmusen wollen oder nicht. Meine Grosse verschmilzt beim Gutenacht-Sagen, die Kleine tätschelt ganz kollegial meinen Rücken…

  • Anton Keller sagt:

    So kleine Kinder sind grundehrlich.

    • Das stimmt. Mein Baby hat noch nie die Familienkasse geplündert, betreibt prinzipiell kein Front Running und gibt kaum Wahlkampfversprechen ab, die es nicht auch einhalten könnte.

  • Anja sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich habe mich herrlich amüsiert 🙂 Mein Sohn war auch absolut kein Schmusebaby und es hat mich auch verunsichert. Dann hat er aber angefangen, in der Nacht in mein Bett zu krabbeln und sich an mich zu schmiegen. Vielleicht ist er durch den Tag zu beschäftigt gewesen, um sein Liebesbedürfnis zu bemerken. Ich habe ihn gewähren lassen. Er ist jetzt 4 1/2 Jahre alt und viel verschmuster. Zuerst waren es kleine Berührungen oder er blieb ein paar Minuten auf meinem Schoss sitzen. Ich glaube, mit der Zeit gibt sich alles und Kinder wissen wann sie was brauchen 🙂

  • Hannah sagt:

    Babys wissen was übergriffig ist, was sie nicht wollen. Babys sind schließlich fertige (erwachsene) Seelen in einem Minikörper. Wir glauben, nur weil was klein und süss ist, muss es ständig geknuddelt, abgebusselt und angetatscht werden. Spielzeug?

    • Dänu sagt:

      Minikörper finde ich jetzt etwas despektierlich! Können wir uns auf äh…“sich im Wachstum befindende Jungmenschen“ einigen? Ok Mike?

    • Ebi sagt:

      Hossa! Das Wort „übergriffig“ finde ich jetzt bei weitem zu heftig, immerhin hat es eine sexuelle Konnotation.
      Mit dem Rest ihres Kommentars haben Sie jedoch recht. Klein und niedlich hat es meist schwer, sein Recht durchzusetzen, nicht als süß angesehen und dementsprechend großzügig knuddelig behandelt zu werden,
      Allerdings, und auch das muss gesagt werden, ist so eine Handlungsweise Instinkt-gesteuert bei Erwachsenen, und das gegenteilige Extrem, eine eher unterkühlte Behandlung, in Summe schädlicher. Und das Ideal bekommt ja meist niemand, auch ein Erwachsener nicht.

  • Mel sagt:

    Mein Mann und ich haben uns köstlich amüsiert beim Lesen dieses Blogeintrages. 😀 Haha! Unser Baby (9 Monate) ist ganz ähnlich. Sind wir mal ehrlich: Besser ein Baby mit Charakter als eines, das nur still vor sich hinstarrt. Wir lieben unsere kleine wilde Maus wie sie ist! 😀 PS: Bitte noch mehr schreiben!

  • beat sagt:

    Das Baby lernt wie alle anderen Lebewesen auch, durch seine Sinnesorgane oder wie hier, durch sehen. Dass das, was es sieht schmusen ist, weiss es nicht. Sie können ihrer Frau einen Aepfel an den Kopf werfen und sagen, dass ist schmusen und es glaubt es.Abgesehen davon, würde es dem Baby vielleicht sogar spass machen, mind. einen kleinen Apfel zu werfen. Deshalb, Kinder sind nicht nur Nachahmer sondern sie glauben es auch, was sie tun. Und Nachahmen untersteht einer gewissen koordinativen Fähigkeit. Zudem liebt das Baby das, was wir eigentlich auch gerne haben/hätten, Körperkontakt.

  • Ziemlich neue Mutter sagt:

    Köstlich! Danke für den schönen Text. Zwei Fragen:
    – Echt, Windeln zerreissen beim Zurechtrücken? Krass!
    – Warum warten Sie auf dem Wickeltisch, bis das Bisi einschiesst? Ich versuche jeweils, das Kind möglichst schnell in eine neue Windel zu stecken, damit genau das nicht geschieht. Was ist die Überlegung hinter Ihrem Vorgehen? Da kann ich vielleicht etwas lernen.
    Und eine kleine These: Brecht heisst Brecht, weil Babys ständig brechen. Stimmts?

    • Danke für die Fragen:
      1. Ich war auch überrascht, als ich die Windel zerriss. Bestimmt ein Materialfehler, ich habe es zumindest nachher nie wieder geschafft.
      2. Eine Optimierungsmassnahme: Ich vermutete eine volle Blase und wollte nicht kurz darauf schon wieder wickeln. Deshalb haben wir das Bisi abgewartet. Manchmal klappt das.
      3. Der Brecht heisst Brecht weil er manchmal so aussieht, wie man sich jemanden mit dem Namen Brecht vorstellt.

      • Ziemlich neue Mutter sagt:

        Danke für die Antwort! Diese Optimierungsmassnahme werde ich auch mal versuchen.

  • Das kenn ich auch sagt:

    unser „Knödel“ ist auch so ein Kopfnuss-Tret-Kratz-mit-Kopf-gegen-Kinn-Hüpfer. Jetzt mit bald 6 dürfen wir ihn beim ins Bett gehen sogar manchmal drücken. Und gestern MUSSTE ich einen Gutenachtkuss geben. Der Tag wird im Kalender markiert.
    Daneben dann unsere „Terroristin“ welche Weltmeisterin im Anschmiegen und Weichsein ist. Gleiche Gene, gleiche Erziehung, zweimal komplett was anderes 😉

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