Kinder, zieht doch endlich aus!

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Eltern sind nicht verpflichtet, ihre erwachsenen Kinder zu beherbergen: Jill Clayburgh und Kristen Wiig im Film «Brautalarm». Foto: PD

«Mit 23 müsst ihr ausziehen, das könnt ihr euch schon mal merken.» An diesen Satz meiner Mutter erinnere ich mich bestens. Spätestens dann sollten meine Schwester und ich auf eigenen Beinen stehen, gab uns unsere Mutter als Teenager zu verstehen, was wir dann auch taten. Der Einzug mit Anfang zwanzig in eine WG war der letzte wichtige Schritt in die Selbstständigkeit. Es fühlte sich ziemlich cool an, plötzlich in einer eigenen Bude zu wohnen. Es war aufregend, und ich machte viele neue Erfahrungen, auch weniger angenehme.

Doch ich lernte auch, dass man durchaus jeden Abend unterwegs sein kann (also damals), man eine leckere Tomatensauce locker selbst hinkriegt und die neue Eroberung über Nacht bei sich haben kann, ohne dass jemand (die Mutter) nachfragt.

An das und einiges mehr erinnerte ich mich, als ich vor wenigen Tagen ein Büchlein mit dem Titel «Die Nesthocker» in Händen hielt. Es geht um jene erwachsenen Kinder, die noch daheim bei den Eltern wohnen und keinen Drang verspüren auszuziehen.

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«Die Nesthocker. Spielregeln für das Zusammenleben mit erwachsenen Söhnen und Töchtern». Von Marianne Siegenthaler und Jürgen Feigel. Knapp-Verlag. 19.80 Fr.

Das Büchlein ist primär für deren Eltern gedacht. Marianne Siegenthaler und Jürgen Feigel beschreiben, weshalb die jungen Frauen und Männer heute immer später aus dem Elternhaus ausziehen. Als mögliche Gründe für diese Entwicklung nennen sie: Kinder, die nicht erwachsen werden wollen, länger dauernde Ausbildungen, hohe Mieten, aber auch die Eltern – vor allem die Mütter. Sie sollen gar nicht sonderlich daran interessiert sein, dass der Nachwuchs auszieht, «denn dieser ist ein wesentlicher Teils ihres Lebensinhalts – und lenkt zudem von allfälligen Paarproblemen ab». Das sollte uns zu denken geben, liebe Mit-Mütter. Um 1980 lebte gerade mal ein Fünftel der 25-Jährigen noch im Elternhaus. Heute bleiben vier von fünf Erwachsenen bis Mitte zwanzig bei ihren Eltern.

«Die Nesthocker» ist aber auch ein Ratgeber, der die Eltern informiert, wie sie mit ihren erwachsenen Kindern im selben Haushalt leben und umgehen sollen: Das Berechnen des Kostgeldes ist ein Thema; so sollten berufstätige Kinder, die noch bei den Eltern wohnen, einen angemessenen Beitrag an die Haushaltskosten leisten. Allerdings haben gemäss den Autoren Eltern oftmals Hemmungen, ein solches Kostgeld einzufordern. «Dabei steht ihnen das nach dem Gesetz nicht nur zu – sie tun ihren Kindern langfristig auch keinen Gefallen, wenn sie darauf verzichten.» Irgendwann komme der Zeitpunkt, an dem sie ausziehen, und dann hätten die jungen Leute keine Ahnung, wie sie ihr Geld richtig einteilen sollten.

Fragen zu Schulden, Steuern und Versicherungen kommen ebenso zur Sprache wie die gegenseitige Privatsphäre und der Umgang mit konfliktbehafteten Themen wie Drogenkonsum. Oder die Mitarbeit daheim – etwa beim Putzen. Gerade hier steckt einiges an Zündstoff: Die Vorstellungen, wie oft geputzt werden muss oder wie viel Ordnung es braucht, liegen oft weit auseinander. Der Experte rät, mit den erwachsenen Kindern genaue Vereinbarungen zu treffen – und darauf zu beharren. «Sonst werden sie es erst machen, wenn es ihnen passt – oder eben gar nicht. Es ist nicht anders als bei einem achtjährigen Kind!» Beteiligt sich der junge Erwachsene nicht am Haushalt, muss er zahlen. Die Budgetberatungsstelle empfiehlt 20 bis 25 Franken die Stunde.

Last, but not least ist vom Auszug und – wenn nicht mehr anders möglich – einem Rausschmiss die Rede. Wenn die Eltern finden, 24 Jahre seien genug, und sie endlich die Kinder draussen haben wollen, was können sie tun? Die Kinder vor die Tür stellen? Ist nicht gerade die feine Art, aber offenbar durchaus rechtens. Es besteht keine Verpflichtung, volljährige Kinder zu beherbergen. Und wenn vereinbart war, dass für die Benutzung der Räume in der elterlichen Wohnung bezahlt wird, gilt das Mietrecht: Kündigen kann man gegenseitig mit einer Frist von 30 Tagen auf ein Monatsende.

Was ist Ihre Meinung? Wann sollen Kinder spätestens ausziehen?

98 Kommentare zu «Kinder, zieht doch endlich aus!»

  • Jacques sagt:

    Was soll dieser Disput über ein „ideales“ Auszie-Alter? Es kommt doch auf die Verhältnisse an. Und die sind in der Regel privat, individuell. Ich zog mit 20 aus. Beengende Wohnverhältnisse – Beziehung Vater-Mutter gespannt. Ich fühlte mich selbstständig genug – und das war auch so, mit einigem Dazulernen; aber das ist normal.

    • Jacques sagt:

      Trotzdem fühle ich mich nicht gemüssigt – anderen Ratschläge zu erteilen. Ratschläge könnten auch „Schläge“ sein. Wie gesagt, das ist individuell, je nach Konstellation.

      • Muttis Liebling sagt:

        Wer gibt hier im Blog Ratschläge?

      • ri kauf sagt:

        Ach, hört doch mal auf mit diesem komischen Wortspiel Ratschläge können auch Schläge sein! Ist ungültig. Funktioniert nur im Deutschen in allen anderen Sprachen nicht.

    • Jacques sagt:

      Das können Sie ja selbst nachlesen, bei den vielen Kommentaren, über ein eigentl. priv. Thema. Und „Muttis Liebling“ war ich nie. Ich machte meinen Haushalt immer – nach meiner Art. Also, subjektiv – viel besser, als Mutti…

  • Grohe sagt:

    Natürlich bleibt das jedem Elternpaar selbst überlassen und es kommt auch auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kind an. Aber ich glaube, unsere Kinder sind mit ca. 20 (einer zum Studieren, einer nach Abschluss der Lehrzeit) von zuhause ausgezogen. Ich denke, dass das zum „Erwachsenwerden“ dazugehört. Lernen, allein zu sein, seinen Haushalt selbst zu bewältigen, für Essen und Wäsche selbst zu sorgen, und zu merken, dass das Leben nicht bloss aus Arbeitszeit und Ausgang besteht. Ich habe bereits einen Partner, der davon ausgeht, dass den „Rest“ der Heinzelmann erledigt.

  • Anna Meier sagt:

    Da ist auch noch die finanzielle Frage…. ich wollte ausziehen… konnte aber nicht da ich ein Studium machen wollte und meine Eltern mir nichts dazu bezahlen wollten/konnten. Für Stipendien verdienten meine Eltern zuviel. Da habe ich es trotz 40% Job nicht geschafft auszuziehen… das war auch meinem Studium nicht sehr dienlich… eine sehr sehr unangenehme Situation.

    • Alexandra sagt:

      Das hört sich tatsächlich nicht einfach an Frau Meier. Ist aber ein Problem, dass immer häufiger der Fall wird. Heute kommt man ohne guten Abschluss, wenn nicht gleich mehreren davon, nicht weit, und solange bleibt man abhängig, das vergessen wohl viele.Ausserdem wünschen sich viele Eltern auch eine erfolgreiche Zukunft für ihre Kinder, und das funktioniert nunmal nur mit gegenseitigen Kompromissen. Mit 24 bin ich schuldenfrei ausgezogen, dank guter Kommunikation und gegenseitigem Respekt!

  • Jannick sagt:

    Schon mal was von Mehr-Generationen-Haus gehört? Ihr Artikel setzt zwei Prioritäten: Ego + Geld. Familie ist aber weit mehr: Zugehörigkeit, Geben und Nehmen, Gefühle und nicht zuletzt Verantwortung. Rausschmiss? Nein, danke! Und WG mit Fremden? Was soll dran besser sein als eine WG mit den Eltern, die ich kenne? Erwachsen werden kann man überall.

  • Linus sagt:

    Sehr, sehr guter Kommentar Jannick !

    Genaus dies hätte ich auch geschrieben. Dem Mehrgenerationenhaus gehört endlich auch in Deutschland die Zukunft, bei der demographischen Entwicklung. Dies wird auch von den Kommunen immer stärker unterstützt wie z.B. In meiner Heimatstadt Worms. In vielen unserer Nachbarländer sind drei oder sogar vier Generationenhäuser völlig normal!
    Nur wir Deutsche tun uns damit noch relativ schwer…

    Weshalb sollen sich verschiedene Generationen nicht gegenseitig helfen ?

    Wie zu Recht festgestellt: Erwachsen werden kann man überall

    • ri kauf sagt:

      …..aber bei den Eltern am wenigsten. Mehrgenerationenhaus i.O. aber ausserhalb der Familie. Das ist für alle so und nichts mit „sich nicht lieben zu tun“. Innerhalb der Familie ist man zu sehr verlismät. Eine räumlich Trennung ist von Nöten. Die Natur macht es auch so . Die schmeissen ihre Kinder auch aus dem Nest, wenn es Zeit ist.

  • Marie sagt:

    Hotel Mama?
    Da habe ich was falsch gemacht. Zwei Wochen nachdem ich im Alter von 17 Jahren von zuhause auszog, hatten meine Eltern eine Putzfrau engagiert (worum ich sie in den Jahren davor immer gebeten habe). Es ist also nicht immer so, dass Wohnen bei den Eltern so gemütlich ist… .
    Damit ich ausziehen konnte habe ich sogar das Gymi geschmissen. Schade.

  • D. sagt:

    kinder sollen ausziehen, wenn sie ihre eltern nicht mehr ertragen. wenn sie motzig sind und ihre eltern beschimpfen. und wenn die eltern sie nicht mehr ertragen. nur noch nörgeln, meckern. nichts gutes mehr sehen, nur noch vernachlässigte pflichten. nur in der eigenen bude lernen sie dann, was leben bedeutet.

  • Gabriela sagt:

    Es gehört meiner Meinung nach zu den Aufgaben verantwortungsbewusster Eltern, ihre Kinder auf dem Weg in deren selbständige Lebensführung zu begleiten und die darin zu bestärken. Welche Rechte und Pflichten hat ein erwachsener Mensch? Ein erwachsenes Kind unterscheidet sich darin kaum von einem erwachsenen Elternteil. Also kann das erwachsene Kind sich auch wie eine erwachsene Person selbständig benehmen. Wer selbst genug verdient, um sein Leben zu finanzieren, sollte erst recht auch sein Leben in die eigene Hand nehmen. Dazu gehört ein eigenverantwortliches Wohnen ohne Behütung durch Mami und Papi. Vielleicht wollen aber die Eltern ihre Kinder gar nicht gehen lassen, weil ihr Lebensinhalt ohne WG mit Kindern nicht mehr klar wäre.

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