Mit Baby ins Büro!

Ein Gastbeitrag von Anicia Kohler*

«Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie!» – dies fordern alle. Durch ewiges Wiederkäuen ohne wirkliche Veränderung ist die Aussage heute etwa so bedeutungsvoll wie der Wunsch nach Weltfrieden bei der Miss-World-Wahl. Eine müde, leere Worthülse, nützlich für Politiker. Allen ist klar, dass etwas unternommen werden muss, dass es so nicht weitergeht. Eine solche Herkulesaufgabe, dass es sich die grosse Mehrheit mit einer Mischung aus milder Empörung und Resignation gemütlich einrichten, Cüpli trinken und ins Leere starren kann.

Yahoo-Chefin Marissa Mayer (Reuters/ Ruben Sprich)

Babyzimmer im Büro: Yahoo-Chefin Marissa Mayer. (Reuters/Ruben Sprich)

Vereinbarkeit von Beruf und Familie heisst heute ja, dass nach einem mehr oder weniger langen Aufenthalt zu Hause idealerweise Teilzeit gearbeitet wird, während das Kind von einem Elternteil, Grosseltern, Nanny oder Krippe betreut wird. Vielleicht würde es sich aber lohnen weiterzudenken, dem Problem ein Rebranding zu verpassen, damit es an Dringlichkeit und Schärfe gewinnt. Yahoo-Chefin Marissa Mayer richtete sich nach ihrem Mutterschaftsurlaub neben ihrem Büro ein Babyzimmer mit Nanny ein, damit sie arbeiten, aber gleichzeitig für ihr Kind da sein konnte, wenn Not am Mann war (natürlich gab sie Anlass für verschiedenste Diskussionen, um die es hier aber nicht geht).

Ganz so Silicon Valley muss es ja nicht sein, aber wie wäre es mit Homeoffice-Gemeinschaften – Büroräumen mit integrierter Kinderbetreuung? Der betreuende Elternteil könnte einen Tag dort verbringen, davon ein paar Stunden für den Arbeitgeber aufschreiben, zwischendurch spazieren gehen, spielen und gemeinsam Znüni und Zmittag essen. Ideale Lösung für Eltern, die ihr Kind nicht fürs Arbeiten 8 oder 10 Stunden abgeben möchten.

In aller Munde sind die Urvölker, die sich Babys auf den Rücken binden, während sie arbeiten. Wir leiten daraus ab, dass wir unsere Kinder auch viel tragen sollten, weil sie so erwiesenermassen weniger schreien. Das mit der Arbeit übergehen wir aber geflissentlich – warum? Ebenfalls viel besungen ist die Weisheit, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen. Wir aber sitzen (mutter-)seelenallein zu Hause in unserer Wohnung und dürfen nur im Flüsterton zugeben, dass uns manchmal die Decke auf den Kopf fällt. Warum nicht stundenweise von zu Hause aus arbeiten oder das Baby für eine kurze Arbeitssequenz mitnehmen?

Es muss gekämpft werden für mehr Möglichkeiten – für alle, die mit Familie arbeiten müssen oder wollen. Das bedingt Veränderungen auf hoher politischer und wirtschaftlicher Ebene, ermöglicht und fordert aber auch Eigeninitiative. Also, nicht mehr resigniert ins Leere starren – aber bitte trotzdem Cüpli trinken…

Mamablog Anica Kohler*Anicia Kohler ist Teilzeitangestellte und Teilzeitselbstständige und lebt mit Mann und Kind in Bern.

95 Kommentare zu «Mit Baby ins Büro!»

  • Jürg. sagt:

    Wir Väter könnten als Beispiel vorangehen und die Babys mit ins Militär nehmen.

  • alam sagt:

    Kind im Büro? Nein, nicht mal im Home Office geht das. Vielleicht gibt es ja wirklich solch anspruchslose Home Office Jobs, bei meinem jedenfalls musste das Kind ausquartiert werden. Immer.

  • alam sagt:

    Wenn ich keine gesicherte Kinderbetreuung habe, sage ich auch keinen Sitzungstermin mehr zu. Bemerkungen wie „Das Kind kann ja ruhig ein Büchlein anschauen“ ignoriere ich inzwischen. Sorry, wer konzentriert arbeiten muss, kann nicht nebenbei ein Kind betreuen. Nie.

  • j.p. kohler sagt:

    anstatt grundeinkommen für alle, warum ? nicht ein grundeinkommen für mütter. die ja auch arbeiten, bis heute gratis für unser land! (kinder betreuen benötigt mehr als eine bürozeit pro tag !!!) würde vielleicht die ganze diskussion sehr entschärfen. nicht gleichberechtigung sondern GLEICHWERTIGKEIT! von mann und frau . vielleicht würden einige mütter sich entscheiden zuhause zu bleiben. kinder sind das wertvollste das es geben kann, wenn man es erkennt. und ich bin sicher dass unser land nicht mehr mangel hätte an jungen menschen, die nur noch als anhängsel unserer gesellschaft wargenommen werden. ich wünsche allen mut zu einer menschlicheren zukunft

    • maia sagt:

      @j.p.kohler: Ich kenne keine Mutter die „gratis“ arbeitet. In der Regel teilt der Vater des/r Kindes/r seinen Lohn mit der ganzen Familie, oder es gibt sonstige Unterstützung (Alimente, Sozialhilfe, Renten usw. usf.). – Sonst könnten die Mütter ja gar nicht leben – kein Essen, keine Miete, keine Kleider, keine KK nichts !

    • alam sagt:

      Der Grund warum so viele Mütter weiter arbeiten, statt zu Hause zu bleiben ist ja der, dass sie nicht für immer zu Hause bleiben möchten. Das Risiko dafür ist einfach zu hoch. Es geht ja nicht um die paar wenigen Jahre, wenn die Kinder noch klein sind, sondern um die vielen Jahre danach, wenn all die Mütter überhaupt nicht mehr ins Berufsleben einsteigen können.

    • Silvans sagt:

      top Antwort….

      • Antje Solveigh sagt:

        @maia: ich kenne nur Mütter, die die Erziehungsarbeit gratis leisten. Denn sobald sie wegen der Kinder aufgehört haben erwerbstätig zu sein, haben sie kein Einkommen mehr. Ob der Vater sein Geld teilt, ist irrelevant. Die Frage ist doch, wer profitiert davon, dass dieses Land noch leistungsfähige kommende Generationen hervorbringt? Alle! Unser Land! Dann sollten diese auch für die Erziehungsarbeit aufkommen!

  • Anna sagt:

    Ich habe auch schon mein Baby (5mte) mit in interne Sitzungen genommen und es dort „sogar“gestillt,damit es eben still war und nicht störte, das war aber echt schwierig für meine Arbeitskollegen und Kolleginnen. Ich fände aber andere flexible Lösungen à la teilweisem rooming in toll. Ein 9 Stunden Kita Tag ist einfach happig für viele Kinder und Mütter. Aber klar viele Arbeiten sind nicht möglich mit einem Kleinkind auf dem Schoss.

  • Felix Stern sagt:

    Verinbarkeit von Beruf und Familie. Die Authorin sagt es richtig: seit Jahren wird dieses Ziel in der Politik herbeigeredet. Es gehört zum Guten Ton genauso, wie der Weltfrieden. Es werden Jahr für Jahr Milliareden ausgegeben, um dieses Ziel zu erreichen. Was erreichen wir? So gut wie gar nichts. Und warum ist das so? Weil das Ziel eben doch lieber Wunsch als Realität bleibt. Natürlich will jeder auf „modern“ machen. Wenn dann das eigene Lebensmodel nicht dem „modernen“ Lebbensmodel entspricht, das uns die linken Medien andauernd einreden, dann werden allerlei Ausreden bemüht – es fehle halt hier oder da oder sonstwo. Wenn nur Papa Staat noch tiefer in die Taschen greifen würde…In Wirklichkeit ist die Regeluing, wie wir sie heute haben für Frauen optimal: sie brauchen nicht arbeiten. Heiraten und Kinder kriegen garantiert eine fast lebenslange Versorgung – ob verheiratet oder geschieden. Rundumversorgt ist die Mutter in allen Fällen. Würden wir die Anreize im Familienrecht modernisieren, dann würden die Frauen auch einmal mitmachen, um Familie und Beruf zu vereinen.

    • alam sagt:

      Da sie eine solche Mutter sind, müssen Sie es ja wissen. Können Sie erklären, wie Sie die Anreize Familienrecht modernisieren wollen?

Kommentar

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