Worauf es beim Elternsein wirklich ankommt

Ein Papablog von Beat Camenzind*

Mamablog

Meistens ist das gar nicht so eine Sache mit den Kleinen. Foto: Richard Leeming/Flickr

«Ich muss dich was fragen.» Ein Freund zog mich in der Bar zur Seite. Er eröffnete mir, dass er bald Vater werde. «Und deshalb möchte ich bald mit dir mal reden. Du hast da zehn Jahre Vorsprung an Erfahrung.» Ich gratulierte ihm, spendierte ein Bier und stiess mit ihm an. «Wir können auch jetzt reden», schlug ich vor. Er verlangte: «So ein paar Tipps, worauf es beim Elternsein ankommt

«Gelassenheit», platzte es aus mir heraus. «Gelassenheit ist das Wichtigste.» Er staunte über die schnelle und einfache Antwort. «Ja, Gelassenheit ist wohl das Wichtigste. Bist du gelassen, werden es auch die Kinder sein. Denn die Stimmung der Eltern färbt eins zu eins auf die Kinder ab. Schreist du dauernd rum, werden auch die Kinder laut. Rennst du hektisch von einem Termin zum nächsten, werden auch die Kinder rastlos. Kinder sind die Meister im Nachahmen. Sie saugen alles auf, was du vormachst. Dein Verhalten prägt die Kinder mit.»

Zum Thema Gelassenheit hatte ich gleich noch ein paar Beispiele für den Freund parat, wie einen gut meinende Bekannte in den Wahnsinn treiben können: Schon im Geburtsvorbereitungskurs fing das an (ja, ich weiss, aber da geht man halt hin, der Frau zuliebe, liegt dann mit anderen Männern und Frauen auf dem Boden, lauscht sphärischen Klängen und versucht, den Schmerz einer Geburt nachzuempfinden. Ich hatte grösste Mühe, nicht laut loszuprusten).

Die Kursleiterin erzählte mehrmals von der ersten Zeit zu Hause: «Das ist die komplette Überforderung. Ihr müsst alles neu lernen. Und man will ja nur das Beste für den kleinen Erdenbürger.» Sie riet den versammelten Bald-Papis und -Mamis, schon mal die Eltern oder Schwiegereltern für die ersten Wochen einzuspannen. Und: «Kocht Bouillon vor und friert die ein. Denn Zeit für tolle Menüs habt ihr dann auf keinen Fall.» Es ging dann bestens ohne eingefrorene Suppe.

Oder als ich an einem Fest Windeln wechseln ging: Ich verschwand mit der Kleinen im Kinderzimmer. Eine Bekannte verfolgte mich, schaute mir skeptisch zu, riss mir die Tochter aus der Hand und fand: «Guck mal, so geht das.» Sie tat exakt dasselbe wie ich. Ich stand daneben und redete mir ein, dass das für die gute Frau einen therapeutischen Effekt haben muss, wenn sie einem jungen Vater zeigen kann, wie sie Windeln wechselt.

Eine andere Bekannte verstieg sich regelmässig in dunkelste Prophezeiungen, wenn ich ihr mit den Kindern begegnete. Das fing harmlos an, mit einem Spruch zu meinem Fahrstil mit dem Kinderwagen. Als sie sah, dass meine Frau nur ein Jahr nach der Geburt der ersten Tochter wieder schwanger war, sagte sie: «Mit zweien wirds dann nicht mehr so einfach.» Ich traf sie mit beiden Töchtern im und auf dem Kinderwagen, sie fand: «Warts ab, bis beide laufen können, dann rennst du ihnen die ganze Zeit hinterher.» Ich blieb unbeeindruckt und lächelte.

«Du siehst», sagte ich zu meinem Freund, «es gibt genug Leute, die dir weismachen wollen, dass Elternsein ein heavy Job ist. Aber lass dich davon nicht beirren und hör auf die Leute, für die Kinder eine Freude und nicht eine Last sind.»

Wie erleben Sie es: Ist Elternsein für Sie Schwerstarbeit oder eine einfach zu meisternde Aufgabe?

BEat_Camenzind_150*Beat Camenzind ist freischaffender Journalist, Musiker und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie im Grossraum Zürich.

96 Kommentare zu «Worauf es beim Elternsein wirklich ankommt»

  • Sandra sagt:

    Meine Erfahrung mit drei kleinen Kids ist auch so: es gibt riesige Unterschiede in Sachen Temerament! Es ist einfach, gelassen zu sein, wenn das Kind nicht Schönheit 18 mit partout nur neben dem einkaufswägeli mitlaufen will u ansonsten zum Wagen aussteigt oder nicht dauernd eins das nächstbeste Gestell ausräumt…. Natürlich könnte das an der mangelhaften Erziehung liegen. – aber auch hier ist es eine Temperamentsfrage des Kindes, wie akkurat um die eigenen Wünsche gekämpft wird oder wie lange der Trotzanfall dauern kann…. Bei uns problemlos eine Std Dauergebrüll!

  • Sandra sagt:

    Ich finde solche Artikel auch einen Affront gegen Eltern, die vielleicht nicht ganz so pflegeleichte Kids haben, die nicht im Kinderwagen brav sitzen bleiben oder der Kampf schönem kleinen beginnt, wo hingegen bei andern so Finessen wie Kleider auf den Haufen legen möglich sind. Ich denke, gerade Eltern von aktiven u Kindern mit starkem eigenen Willen, sollten nicht vergessen, dass sie tagtäglich einen wichtigen aber auch anstrengenden Job machen- Gelassenheit hin oder her! Wenn alles glatt läuft, ist Gelassenheit ja soooo einfach!

    • mila sagt:

      Gelassenheit ist nicht immer einfach, nein. Und ja, es gibt pflegeleichtere und weniger pflegeleichte Kinder, wobei nicht selten diejenigen, die als Kleinkinder ‚brav‘ waren, dafür als Teenager ’schwierig‘ sind. Vielleicht gibt es ja tatsächlich so etwas wie ‚ausgleichende‘ Gerechtigkeit. 😉

      Dennoch: als angehende Mutter versuche ich bewusst, meine Schwangerschaftsmonate so gelassen wie möglich zuzubringen. Trotz teils hektischem Büroalltag, Umzugsplänen, Büffeln für die Theorieprüfung… Da muss ich mich auch ab und an an die Nase packen, weil ich sonst eher zur zackigen Sorte gehöre.

      • Susi sagt:

        mila: „wobei nicht selten diejenigen, die als Kleinkinder ‘brav’ waren, dafür als Teenager ‘schwierig’ sind. “
        Ich war genau so ein Fall. Das absolute Vorzeigekind, für das meine Mutter manchmal gelobt wurde, weil mein musterhaftes Verhalten natürlich an der Erziehung festgemacht wurde. Und als Teenager durchlebte ich die ganze Palette, das war ziemlich jenseits von Gut und Böse. (Standardspruch meiner Mutter: „Mir bliibt au nüt erspart.“)
        Immerhin habe ich heute viel Verständnis für schwierige Teenager. 🙂

      • mila sagt:

        @Susi: Dreimal dürfen Sie raten, zu welcher Kategorie ich gehörte… 😉

    • mila sagt:

      Ich sehe solche Texte insofern auch nicht als Affront, obwohl sie mir durchaus einen Spiegel vorhalten, sondern als Ermunterung. Denn ich weiss ja unter anderem, dass ich meinem Kind nicht schon im Bauch zusätzlichen (und unnötigen) Stress zumuten will. Und womöglich ist dies eine ganz gute Übung für später, falls es denn wirklich herausfordernd werden sollte – wobei mich die willensstarken Kinder im Familien- und Freundeskreis als Nicht-Mutter immer weitaus mehr fasziniert haben als die von der eher ruhigeren Sorte. Wenn ich also wählen könnte…

    • Franz Vontobel sagt:

      Mein Sohn ist absolut nicht pflegeleicht, ganz im Gegenteil. Trotzdem ist es mir unerklärlich, wie man das Aufsätzchen als „Affront“ empfinden kann – sind wir etwas gar mimosenhaft?

    • 13 sagt:

      Ich habe öfters das Gefühl, dass dieses „meine Kinder sind nicht so pflegeleicht“ eine Ausrede ist, wenn man nicht dazu stehen will, dass man selber nicht gelassen sein kann oder will. Ein Kind will nicht im Kinderwagen sitzen bleiben (gibt es Kinder die das immer bleiben?)? Da gibt es diverse Möglichkeiten: es laufen lassen und für einen 10 min Weg 1 Stunde haben, es tragen, es immmer wieder einfangen oder halt es erzwingen. Ist doch alles legitim. Wieso also nicht dazu stehen und zugeben, dass man halt einfach will, dass das Kind im Kinderwagen bleibt? Es gibt keinen Zwang zur Gelassenheit.

      • Sandra sagt:

        Interessante Theorie! Ist ja soschnell, dass du wohl die Grlassenheit in Person bist. Aber nur mit Gelassenheit werden die etwas willensstärkeren Kids halt doch nicht erzogen! U eine Std statt zehn Min geht schon, wenn da nur eins ist, das einen Anspruch an dich hat. Ich weiss ja nicht, wieviele du hast, aber bei dreien klapptdas schlicht nicht mehr!

      • Susi sagt:

        13: „gibt es Kinder die das immer bleiben?)? “
        Ja, gibt’s, kenne solche. (Mein herziges Gottimeitli). Und es gibt auch Kinder, die einfach konstant so anstrengend sind, dass man nach einer halben Stunde Betreuung auf dem Zahnfleisch geht. (Mein herziger Gottibueb). Vergleicht man die Eltern der Kinder, kann man ganz sicher nicht sagen, die einen seien gelassener als die anderen. Der anstrengende Bub hat noch einen Bruder des selben Kalibers und die Mutter hat meine grösste Bewunderung, mich hätte man wahrscheinlich schon längst mit dem gelben Wägeli abholen können bei dieser Überbeanspruchung.

      • Gia sagt:

        Man kann auch gelassen konsequent sein. Im Fall! Auch mit drei kleinen Jungs. Und die gleiche Haltung funktioniert auch jetzt noch bei drei Teenagern!

  • Lobbyismus sagt:

    Sich nicht beeindrucken lassen und seinem Bauchgefühl folgen¨!

  • 13 sagt:

    Gelassenheit ist gut. Mein erster Tipp an werdende Eltern ist aber eher: keine Erwartungen. Die Elternschaft wird vielleicht anstrengender oder einfacher, schöner oder halt nicht immer rosa Wölkchen, chaotischer oder doch plötzlich spiessiger als man es sich ausgedacht hat. Aber genauso wie man es sich vorstellt, wird es kaum. Das gilt für die Elternzeit an sich wie auch für jeden einzelnen Tag mit Kindern. Pläne schmieden und auch so umsetzen, halte ich als Elternteil für ein unmögliches Vorhaben!

    • tina sagt:

      ich finde pläne schmieden extrem wichtig, aber man muss sich immer den entwicklungen neu anpassen, um allen gerecht zu werden.
      keine erwartungen ist doch unmöglich. es wäre der halbe spass, wenn man sich nicht ausmalen würde, wie es werden wird, und dabei kann man schlecht vermeiden dass sich auch erwartungen einschleichen. aber man darf sich nicht versteifen

  • Johannes Holder sagt:

    Man kann Eltern nicht einfach Gelassenheit predigen, denn dann stülpen sie sich womöglich einfach etwas über, das sie gar nicht haben, noch sind. Gelassenheit kommt als Ergebnis, als Geschenk, aber erst dann, wenn die Hausaufgaben gemacht wurden, wenn also die eigene, grundsätzliche Haltung gegenüber einem Kind (also dem Leben und der Lebendigkeit gegenüber!) überprüft wird und man mutig genug ist, sich zu erlauben, zu merken, was einem selbst in der Kindheit angetan wurde durch eine Erziehung voller pädagogischer Absichten.

    • tina sagt:

      „angetan wurde“: die meisten leute machen es so gut sie können und versuchen es besser zu machen als ihre eltern. wollen wir, dass unsere kinder auch so über uns sprechen? dass wir ihnen erziehung „angetan“ haben? ich wäre schon dankbar, wenn sie das bewusstsein haben, dass ichs versuchte, und es eben nicht immer gelang und meist auch nicht 100%. übersteigerte erwartungen kann man auch rückwirkend abschminken.
      aber sonst gefällt mir was du schreibst

      • Johannes Holder sagt:

        Neugeborene Menschen benötigen keine Erziehung, sondern eine Beziehung! Eine Beziehung, aufgebaut auf Vertrauen und Liebe (Achtung), in welcher die einzelnen, spontanen Entwicklungsschritte begrüsst werden und der kleine Mensch stets so angenommen wird, wie er ist, damit sein Eigenes, sein Eigentliches, sein Leben, seine Identität, nicht untergeht, nicht verloren geht, nicht zerstört wird!

        Eine Erziehung, die ja stets viele Absichten verfolgt, ist Gift für eine natürliche, gesunde Entwicklung eines Menschen, die in kleinen, spontanen Schritten erfolgt, die immer vom Kinde ausgehen.

      • Juliana sagt:

        Und welcher Sekte gehören Sie an, Herr Holder?

      • Johannes Holder sagt:

        @Juliana: Wieso sollte ich einer Sekte angehören? Bloss weil Ihnen die Argumente fehlen gegen das, was ich geschrieben habe und weil Sie sich davon bedroht fühlen, da Sie offenbar eine vehemente Befürworterin der Erziehung sind?
        Die Menschheit braucht eine neue Haltung gegenüber den Menschen, die neu geboren werden und aufwachsen und zwar aus ganz vielen wichtigen Gründen, wobei jedem Leser sicher einige davon einfallen, wenn er darüber nachdenkt. Stichworte sind z.B. Boden-, Luft- und Wasserverschmutzung, Geldwesen, Prostitution, destruktive Technik, Kriege, Tierversuche, Schulpflicht usw.

      • Franz Vontobel sagt:

        In die Reihe der übelsten Geiseln der Menschheit gehören, neben Kriegen, Prostitution, Tierversuchen und Schulpflicht, unbedingt auch noch nicht-al-dente gekochte Teigwaren und diese Kunststoffverpackungen, die fast nicht zu öffnen sind!

        Oooommmmmmmmmm!

      • Susi sagt:

        Franz! Sie haben das Wichtigste vergessen:
        Die Beschränkung auf 10 GB High Speed Datenvolumen pro Monat in gewissen Mobile-Abos.

      • Juliana sagt:

        Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Herr Holder.

      • Franz Vontobel sagt:

        Susi, handelt es sich dabei um den oft vergessenen 5. Apokalyptischen Reiter?

        http://polpix.sueddeutsche.com/polopoly_fs/1.458288.1357545963!/httpImage/image.jpg_gen/derivatives/900×600/image.jpg

      • Susi sagt:

        Franz: Haha, der ist genial!!

      • Franz Vontobel sagt:

        Der Cartoon ist von Hans Traxler – immer gut.

        Falls sie ihn noch nicht kennen, empfehle ich als Einstieg „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ oder „Aus dem Leben der Gummibärchen“…

      • Susi sagt:

        Hab jetzt grad Hans Traxler gegoogelt, der ist wirklich genial, danke vielmal für den Tipp. Davon kann ich sogar etwas im Unterricht einsetzen, diese Cartoons sind ideal als Diskussionsmaterial.

      • Franz Vontobel sagt:

        Hier noch ein Link zur „Spiegel“ Rezension von „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“.

        http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46174168.html

        Die Kritik ist von 1964! Das Spiegelarchiv – seit 1947! – ist online und kostenlos durchstöberbar! How cool is that?!

      • Johannes Holder sagt:

        @Juliana: Sie mimen zwar die Staatsanwältin, aber da Sie offenbar nicht lesen können, zweifle ich an Ihren Fähigkeiten.

      • Susi sagt:

        Franz, extremely cool!!

  • Giulio sagt:

    Herr Holder ist sicher kein Sektierer sondern wahrscheinlich ein Anhänger von Jesper Juul und dafür und seine Einstellung kann ich ihm nur gratulieren. Auch wenn das kein einfacher Weg ist, ist er zweifellos der Richtige!

    • Brunhild Steiner sagt:

      .. dennoch dürfte man bei Gelegenheit damit aufhören, dem Wort „Erziehung“ gleich alles destruktive unterzuschieben, und zu übersehen, dass doch Einige zwar am Wort erziehen festhalten, weil sie die Schnau ze von all den neu-Begriffeserfindungen gestrichen voll haben, und dennoch mit nicht-destruktiven Inhalten zu füllen im stande sind… Diese ewigen Vorträge über das verwerfliche erziehen gehen mir jedenfalls ziemlich auf den Keks.

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