Sechs Punkte, die für Patchworkfamilien sprechen

Ein Gastbeitrag von Claudia Starke und Thomas Hess*

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Ein komplexes Beziehungsgefüge: Die Patchworkfamilie. (Bild: Evil Erin/Flickr)

Das Leben in einer Patchworkfamilie formt die Beteiligten. Insbesondere die Auswirkungen auf die Kinder sind offensichtlich. Es gibt Kinder, die unter der erzwungenen Wohngemeinschaft mit fast Fremden leiden und psychisch auffällig werden, vor allem wenn sie bereits in der zweiten oder dritten Patchworkkonstellation leben und mehrere Verlusterfahrungen hinter sich haben.

Es gibt aber auch Patchworkkinder, die durch ausgeprägtes Mitgefühl, Konfliktfähigkeit und Selbstsicherheit auffallen. In der Regel leben diese in einer Patchworkfamilie, die bereits seit langer Zeit gut funktioniert. Eine Patchworkfamilie ist ein komplexeres Beziehungsgefüge als eine durchschnittliche Kernfamilie und bietet daher deutlich mehr Gelegenheiten für soziales Lernen:

• Patchworkkinder sind gezwungen, in einer Familienstruktur zu leben, die sie nicht selber gewählt haben. Sie müssen lernen, mit Unveränderbarkeiten zu leben und daraus das Beste zu machen. Werden ihre Gefühle und Bedürfnisse von den Erwachsenen wahrgenommen, suchen diese immer wieder gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen, damit der Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil gewährleistet bleibt, dann lernen die Kinder, dass Trennung nicht bedeutet, für immer Abschied nehmen zu müssen. Das nimmt die Angst vor Verlust.

• Durch das Zusammenleben mit den vorerst fremden Stiefeltern und Stiefgeschwistern lernen Kinder, sich auf neue Beziehungen einzulassen. Sie lernen aber auch, sich abzugrenzen, wenn etwa der Stiefvater oder die Stiefschwester zu rasch auf sie zukommen. Falls die Erwachsenen ihnen Zeit lassen und mit Wertschätzung und Toleranz auf sie eingehen, lernen die Kinder, dass Fremdartiges oder Ungewohntes nicht schlecht ist, sondern eben nur anders.

• Im Alltag prallen nicht nur unterschiedliche Erziehungsstile aufeinander, sondern auch Traditionen und Rituale, die jede Familie vor dem Zusammenziehen gepflegt hat. Die Erwachsenen müssen sich auseinandersetzen: Welche Regeln sollen nun gelten, und welche Rituale und Traditionen werden weiter gepflegt? Die Kinder lernen dabei, was Konfliktfähigkeit bedeutet – nämlich sich mit anderen Menschen auseinandersetzen zu können und so lange zu verhandeln, bis man Lösungen gefunden hat. Sie erfahren ausserdem, dass Toleranz und Respekt gegenüber Andersartigkeit mehr bringt als Sturheit.

• Die Planung in Patchworkfamilien ist anspruchsvoll, weil unterschiedliche Zeitpläne und Kontaktbedürfnisse unter einen Hut gebracht werden müssen. Die Kinder lernen, eigene Bedürfnisse zu formulieren, sie gegen jene der anderen abzuwägen und Kompromisse auszuhandeln. Sie erfahren auch, dass nicht immer alle Bedürfnisse befriedigt werden können.

• Der Umgang mit den ausserhalb lebenden Elternteilen fordert sowohl Erwachsene als auch Kinder oft am meisten. In welche Entscheidung sollen sie einbezogen werden? Was, wenn sie kein gutes Haar an der neuen Familie lassen? Für die Kinder sind solche Situationen besonders lehrreich: Oft müssen sie für ihre Beziehung zum ausserhalb der Familie lebenden Elternteil kämpfen, oder sie müssen sich abgrenzen lernen – je nachdem vom Stiefelternteil oder vom Elternteil. Beides bedeutet für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.

• Wenn die Patchworkeltern vorleben, dass sie im Alltag zwischen den Kindern aus verschiedenen Verbindungen, der Arbeit, der neuen Partnerschaft und der erweiterten Verwandtschaft nicht allen gerecht werden können, sondern immer wieder zu neuen Entscheidungen und Lösungen kommen, werden die Kinder ermutigt, ihren eigenen Weg zu finden.

Denn das genau macht eine gut funktionierende Patchworkfamilie aus: ihre Einzigartigkeit.

mb_hess_starke*Claudia Starke und Thomas Hess sind Autoren des Ratgebers: «Das PatchworkBuch, Wie zwei Familien zusammenwachsen». 2015 (Beltz).

107 Kommentare zu «Sechs Punkte, die für Patchworkfamilien sprechen»

  • Gabi sagt:

    Konnte den Artikel kaum lesen, so sehr ist er mir aufgestossen. Kam mir vor wie ein Plädoyer für einen besseren Lebensentwurf. Schlussendlich ist er nur doch nur Werbung für ein Buch.
    Glaube Kinder würden sich in den allermeisten Fällen für ihre Kernfamilie entscheiden und ich denke sie sind es wert, dass man sich als Eltern für sie entscheidet, wenn immer möglich.

    • Silvia M. sagt:

      Kinder würden sich zu 100% immer und in erster Linie für die Kernfamilie entscheiden.
      Vater und Mutter kann niemand „ersetzen“.
      Fremde bringen immer Unruhe, oft Eifersucht, Hass, völlig andere Weltanschauungen und Erziehungsstile.
      Die Patchworkfamilie bringt IMMER Probleme.
      Auch wenn am Anfang alles vernünftig anläuft. Fremde Partner sind immer Fremdkörper zur Kernfamilie, auch
      wenn die Scheidung nötig und kein Rosenkrieg war.
      Spätestens, wenn es Ernst wird, kommen bei den meisten Gefühle hoch, die vorher unvorstellbar waren.
      Das ist die Realität. Alles andere ist Schönfärberei.

      • Regula Schwab sagt:

        Ich weiss nicht, ob sie persönliche Erfahrungen als Mitglied einer Patchworkfamilie haben.
        Ich schon. Ja, es ist manchmal schwierig, ja es ist manchmal anspruchsvoll. Ich muss mich immer wieder erneut damit auseinandersetzen, wofür ich einstehen will. Offen und Grosszügig gegenüber der ‚anderen Familie‘ ( die Kinder leben zur hälfte bei uns zur Hälfte bei der ‚anderen Familie‘) zu sein und deren anderen Wertvorstellungen. Auch wenn es Konflikte gibt, bis jetzt haben wir alle Beteiligten es immer wieder geschafft, zueinander zu finden ud so an der Situation zu wachsen. Vater und Mutter kann

      • Regula Schwab sagt:

        ……
        und soll man nicht ersetzen. Der neu dazukommente Bonus- Elternteil ist eine zusätzliche Bezugsperson, die dem Kind Liebe und Respekt schenken kann.
        Von solchen kann man nicht genug haben 🙂

        Zum Originalartikel: Kein Kind wählt die Familienstruktur in der es lebt selbst. Egal ob Kernfamilie oder nicht.
        Es ist allen Kindern zu wünschen, dass sie von Erwachsenen umgeben sind, die sie von Herzen Respektieren und Lieben.

  • Andreas Kaufmann sagt:

    Dieser Artikel verklärt die Patchworkfamilie geradezu. Alles was darin steht, trifft übrigens auch auf normale Familien zu und hätten sich die Erwachsenen schon früher einige Gedanken zu Herzen genommen, dann könnten sie immer noch mit der ersten Familie glücklich zusammen sein.
    Übrigens, wenn man in einer Beziehung gerade gescheitert ist, ist es etwas vom Dümmsten, sich direkt in eine neue Beziehung stürzen! Wenn man sich nicht die Zeit nimmt die Trennung aufzuarbeiten und sich auch an der eigenen Nase zu nehmen, dann wird auch die nächste und die 10. Beziehung scheitern…

  • Joerg Hanspeter sagt:

    Was um HImmels Willen soll dieser Artikel aussagen? Eine Patchworkfamilie ist kein Lebensentwurf, sie ist das Resulat einer bzw. zweier gescheiterter Beziehungen. Eine Patchworkfamilie ist eine Notlösung, weil der ursprüngliche Plan nicht funktioniert hat bzw. gescheitert ist. Uebrigens, jedes Kind wächst in einer Umgebung auf, die es nicht selber gewählt hat, nicht nur das Patchwork-Kind.

  • Brunhild Steiner sagt:

    @Cla udia St arke
    @Tho mas He ss

    Wenn ich Ihren Text richtig verstehen beziehen sich die von Ihnen festgestellten Vorteile zumeist auf Kinder/Jugendliche welche: „In der Regel leben diese in einer Patchworkfamilie, die bereits seit langer Zeit gut funktioniert.“

    Kinder/Jugendliche welche in für lange Zeit in gut funktionierenden Herkunftsfamilien leben,
    profitieren möglicherweise noch von ein paar Zusatzvorzügen.
    Mir ist klar dass Patchwork nicht Weltuntergang bedeuten muss, und nicht alle Beziehungsbeendigungen auf Nachlässigkeit zurückzuführen sind. Aber es kostet die Beteiligten viel.

    • Brunhild Steiner sagt:

      2/
      Sie promoten Sozialkompetenzen und Fähigkeiten, welche, wenn man sich das gründlicher durchdenkt, eigentlich ein Scheitern der ersten Familie erschwert haben sollte; wenn man diese Fähigkeiten als Patchworker plötzlich lernen kann, weshalb nicht früher ansetzen, mit einer gründlicheren Vorbereitung auf den Status zusammenleben-mit-Kindern?

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