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Kind, Karriere und alles andere auch

Mamablog-Redaktion am Freitag den 8. November 2013

Eine Carte Blanche von Nora Zukker*.

Mamablog

Ich mache mir die Welt, so wie sie mir gefällt. Pippi-Langstrumpf-Darstellerin Inger Nilsson im Film von 1969. (Allstar/Cinetext/Beta)

«Dann sind Kinder also kein Thema für dich?», fragte mich mein männliches Gegenüber bei einem Fest letzte Woche, als ich ihm von meinen Zukunftsplänen erzählte. Dass ich gerne eine Zeit im Ausland leben und arbeiten möchte, vielleicht ein weiteres Studium anhänge und dann gerne eine Firma gründen würde, um mich erfolgreich auf dem Markt zu etablieren. Er schaute mich mit grossen Augen an. Ich begann, meine Pläne zu verteidigen, aber rechtfertigte eigentlich mich selbst.

Als Mädchen habe ich von Pippi Langstrumpf gelernt, dass Freiheit, Individualität und Eigenständigkeit wichtige Werte seien, was von der 68er-Generation vorgelebt wurde. Das ändert sich schnell, wenn man eine gesunde Endzwanzigerin ist, mit Eltern, die frisch im Ruhestand sind und nun Zeit hätten, den kleinen Emil oder die süsse Emma zu babysitten. Es gibt Frauen, denen ist die Familie das Wichtigste. Trotz Aussicht auf eine erfolgreiche Karriere stellen sie sich gerne für Jahre an zweite Stelle. Es lässt sich nicht wegreden, dass Mutterschaft zwar bis zu einem gewissen Grad einschränkt, ist aber keine Ausrede dafür, seine eigenen Ziele nicht zu verfolgen.

Männer kurz vor dreissig setzen sich mit der Kind-oder-Karriere-Frage weniger auseinander. Für das Maskulinum ist sie Mitte dreissig ein ernsthaftes Thema, welches aber auch noch vertagt werden kann, wenn die Freundin beispielsweise jünger ist oder ihre biologische Uhr nicht ganz so ohrenbetäubend tickt. Als Single höre ich aber immer wieder, dass ich mich vielleicht noch austoben wolle oder mir noch die Hörner abstossen müsse, bis ich dann auch für ein Stereoleben bereit sei. Das Leben in der Wir-Form, was in einer Familie angeblich seine Vollkommenheit findet, ist nach wie vor ein gesellschaftliches Paradigma, welches man auch 2013 nicht ohne Weiteres umgehen kann.

Ein Nullachtfünfzehn-Paradigma? Nicht zwingend, aber sicherlich elastischer zu betrachten, als es gegenwärtig getan wird: Vor dem Hintergrund heutiger Beziehungsmuster, wo Beziehungen kurzlebiger sind als früher oder in Patchwork-Familien gelebt werden und jüngere Menschen auch gerne seriell monogame Beziehungsstrukturen verfolgen, wird auch der Karrierebegriff neu interpretiert. Selbstverwirklichung lautet die bereits abgegriffene Parole. Selbstverwirklichung, die mit dem höchsten Mass an Glück und Zufriedenheit und nicht zwingend mit einem hohen Salär einhergeht. Ich würde lügen, wenn ich nicht die Sehnsucht nach einer langjährigen und aufregenden Partnerschaft hätte, worin sich wohl mein Wunsch, eine Heimat zu haben, widerspiegelt.

Aber nicht nur Mann und Kind, sondern auch Selbstverwirklichung kann Heimat sein und soll gelebt werden. Wenn ich mich fürs Muttersein entscheide, binde ich mich ein Leben lang an mein Kind. Wenn ich mich aber dagegen und für meine individuellen Bedürfnisse entscheide, dann möchte ich gerne aus der für mich vorgesehenen Rolle ausbrechen dürfen. Eine Frau verliert nicht ihre Identität, wenn sie Mutter wird. Ich will meiner Individualisierung nachgehen können und mich weder von überholten Vorstellungen der Idealmutter oder meiner Fruchtbarkeit unter Druck setzen lassen.

Die Frage nach Kind oder Karriere lässt sich in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr mit einem Entweder-oder beantworten. Wir wollen das Sowohl-als-auch.

Nora Zukker

(Foto: Daniel Theiler)

Nora Zukker ist Autorin und lebt in Zürich. Sie gibt ihren Pflanzen Namen statt Wasser und ist Mitglied des Autorenkollektivs Index – Wort und Wirkung. www.norazukker.ch

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107 Kommentare zu „Kind, Karriere und alles andere auch“

  1. tina sagt:

    gerade als autorin ist man in einer beneidenswerten lage, hinsichtlich vereinbarkeit von beruf und familie.

  2. Pete sagt:

    ich verstehe einfach nicht wie man meinen kann das man sich selbst verwirklicht wenn man karriere macht und von morgens bis abends arbeitet?? ich arbeite um zu leben und nicht umgekehrt..ich habe schon so viele tolle und gut bezahlte jobs gehabt, aber trotzdem jedesmal kaum erwarten können wenn feierabend war und ich weg von der arbeit konnte. arbeiten ist für mich die grösste verschwendung von unserer knappen lebenszeit..schade bin ich nicht als frau geboren..denn familie ist das wichtigste.wie kann man familie gegen arbeit tauschen? versteh ich nicht??

    • Roland sagt:

      Geht mir auch so. Karriere ist da für mch eher ein Schimpfwort, obwohl man das, was ich mache und gemacht habe, auch Karriere nennt. Für die wirklich wichtigen Dinge im Leben bekommt man kein Geld: Familie, Liebe, Kunst, Kultur, Körper, Sport etc. Wenn ich finanziell einigermassen abgesichert wäre, würde ich sofort auf jede Art von Karriere verzichten… Karriere als Lebensziel – so ein Unsinn.

    • babuschka miro sagt:

      genau!auch wenn nicht alle tage “friede,freude,eierkuchen”herrscht:ich bin froh,dass ich mich zu hause verwirklichen darf!deswegen bin ich noch lange kein “müetti”.habe 3 aus-/&weiterbildungen gemacht und bin dennoch sehr gerne mit meinen kindern,im und ums haus aktiv…

    • Reinhold Kuder sagt:

      Bravo!! Dieser Glaube an Selbstverwirklichung durch Karriere ist für mich Zeit meines Lebens unbegreiflich gewesen und spiegelt nur die gestörte Abhängigkeit vieler von gesellschaftlicher “Anerkennung”. Liebe und erfüllte Beziehung zu unseren Mitmenschen sind so viel wertvoller. Und – haben all die unentwegt arbeitenden Menschen auf der Karriereleiter schon einmal über den Wert der eigenen Lebenszeit nachgedacht?

  3. Katrin sagt:

    Pippi Langstrupf als Vorbild – das Spielerische daran gefällt mir gut.

  4. Rudi Buchmann sagt:

    Ich bin spät Vater geworden. Manchmal vermisse ich die Zeit schon, wo ich herumgereist bin und irgendwo anders gewohnt und gearbeitet habe. Und trotzdem denke ich, ich habe aus all den Chancen viel zuwenig gemacht. Heute habe ich eine Familie mit Kinder, Häuschen, Auto etc. Nur Haustiere gibt es noch keine. Und doch, es gibt kaum etwas schöneres, als jeden Morgen zu Fuss oder mit dem Velo lachend und singend meinen Sohn in den Kindsgi zu bringen. Diese Entwicklung habe ich nicht geplant, sie ist so gekommen. Kinder können auch in New York oder Paris zur Welt kommen.

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