Liebe Leserinnen und Leser
Heute ist Auffahrt. Damit Sie nicht auf dem Trockenen sitzen, gibt es eine Bildstrecke, die zum Feiertag passt. Viel Vergnügen!
Morgen Freitag geht es im Mamablog wieder weiter. Bis gleich. Die Redaktion.
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Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

Wie reagieren wir richtig auf Beleidigungen unserer Kinder? Zwei Mädchen tun ihre Meinung kund. (Bild: Flickr/edenpictures)
Von all den Versli, mit denen man als kleines Kind so aufwächst, ist mir eines bis heute gelieben. Ein verbotenes. Es stammt aus dem grünen Buch, das in Vaters Bibliothek neben den Fotoalben lag. Heimlich habe ich es rezitiert: «De Pfarrer vo Genf, de badet im Senf. Do chunnt es Krokodil und bisst en is Ventil.»
Ja, damals gab es noch keine Ventilklausel und auch noch nicht die Sendung von Läster-Frank Baumann. Für uns waren die Fakten genauso explosiv: ein Krokodil, ein Pfarrer und sein Pimmel – eine Bestie, Religion und Sex. Es war mein Einstieg in ein verborgenes Vokabular, das ich noch ausbauen sollte. In der Primarschule gaben wir die neu entdeckte Poesie im Versteckten an die Kameraden weiter: «In der Nacht, in der Nacht, wenn der Busenhalter kracht und der Seckel explodiert.»
U huere geil war das. Fluchwörter haben etwas Befreiendes. Und eine ungemein positive Kraft. Dampf ablassen tut verdammt gut. Auch der heutigen Jugend (welch grosse Schublade). Selbst wenn sich die Tonalität in den Augen mancher Eltern dramatisch verschärft haben mag. Der «dumme Sürmu» hat sich auch in Bern zu einem «verfiggten Wixer» gemogelt. Wohlwollende Sonntagsväter kaufen ihren Söhnen in der Badi das falsche Glacé: «Bisch es Arschloch». Lena (häufigster Vorname 2010) im rosa Kleidchen verflucht im Tram 14 das Schwesterherz, das ihre Maltesers nicht teilen mag: «Gib mer etz au eis, du verdammti Sau!»
Genau, wir verziehen möglichst keine Miene. Das motiviert die Kleinen ja bloss, einen Gang höher zu schalten. Stattdessen geben wir die Losung der Kleinkindpsychologen zum Besten: «Das ist kein nettes Wort, das sagt man nicht.» Oder: «So kannst du mit deinen Freunden reden, aber nicht zu Hause.» Oder wir kontern mit einem anderen aufregenden Wort? Gemäss Babycenter.ch sollen «Abrakadabra» und «Diedeldumdei» gut funktionieren. Bullenscheisse! Oder bewahren Sie wirklich ruhig Blut, wenn Ihr Kind den Nachbarsjungen mit «Jugo» oder «Möngi» betitelt und nach dem weihnächtlichen Flötensolo kichert: «Grosami, du bisch e blödi Fotze!»
Wohl kaum. Wie reagieren wir richtig auf Beleidigungen unserer Kinder und diskriminierende Kraftwörter? Wie viele Emotionen zeigen wir? Und wenn die Vorbildfunktion versagt? Was, wenn uns selbst ein «Tami» oder «Fuck» herausrutscht?
Richten wir dann daheim eine Schublade ein, in die wir alle bösen Wörter versorgen? Oder definieren wir täglich einen Slot von fünf Minuten, in denen alle fluchen dürfen? Was für ein verschissenes Rezept haben Sie?
Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

Lust auf Sex, nur nicht mit dem eigenen Ehemann: Jack Nicholson und Jessica Lange in «The Postman Always Rings Twice» (1981). (Bild: MGM)
Laut einer schön pünktlich zu Muttertag veröffentlichten Erhebung eines Fremdgehportals, sollen sich 70 Prozent der Mütter Sex zum Muttertag gewünscht haben, allerdings nicht mit dem eigenen Mann. Solche Umfragen und Studien zum Thema Sex und Ehe gibt’s zwar mittlerweile wie Sand am Meer. Aber Paare mit Sexfrust ja schliesslich auch. Passt also prima. Und verleitet zu einer kleinen Visualisierungsübung.
Zum Beispiel beim Spaziergang am See an einem sonnigen Sonntag, wie es dieser Muttertag einer war. Über sieben von zehn Müttern, die da vorbei spazieren und nett plaudern oder ihren Kindern die Glace-Resten aus den Mundwinkeln reiben, schwebt laut dem Fremdgehportal eine Denkblase mit eindeutigem Inhalt. Über Kinderwagen, Like-a-Bikes und Picknicks treibt eine gigantische Wolke aus Ballons voller anzüglicher Fantasien und verdunkelt den Familienhimmel. Unter dieser Decke trotten nichtsahnend liebe Kerle, lustige, langweilige und auch ein paar blöde. (Ihre Gedankenblasen lassen wir für heute mal weg.) Und sie sehen weder die Blase über dem Kopf ihrer Frauen, noch kommen sie darin vor.
Was so drastisch und übertrieben klingt, ist nicht sonderlich seltsam. Vorausgesetzt, man kann mit biologistischen Theorien etwas anfangen. Eine davon ist die Sexy-Son-Hypothese und ist mit achtzig Jahren relativ alt und logischerweise nicht unumstritten – aber auch nicht widerlegt. Sie will erklären, warum es strunznormal oder sogar sinnvoll ist, dass die Blasen und der Typ neben der Frau nicht immer deckungsgleich sind. Sie geht davon aus, dass wir alle nur eines im Kopf haben: Nämlich unsere Gene möglichst breit in der Weltgeschichte zu streuen (seid fruchtbar und mehret euch), um einen richtig fetten genetischen Fussabdruck zu hinterlassen, bevor wir zu Kompost werden.
Für Frauen ist das Weitergeben ihres Erbgutes jedes Mal mit neun mühseligen Monaten der Schwangerschaft verbunden, bei Männern im Prinzip nur mit einer kleinen Nummer. Blöd für die Frau. Zumindest genetisch. Aber es gibt Abhilfe: Sie kann sich einen Sohn zulegen, der das Genverteilen für sie übernimmt. Nun sind aber nicht alle Männer gleich, auch wenn die armen das von uns ständig zu hören kriegen: Es gibt gnadenlos vereinfacht gesagt das testosterongesteuerte Modell «plug-her-and-leave-her» und den treusorgenden Beziehungsmann. Beide dieser Extreme haben ihre Vorteile für die Frau: Der ruchlose Lover eignet sich als Spender für Ruchlose-Lover-Gene und damit als Vater für einen Sohn, der seine Mutter genetisch verewigt. Der Ehe-Typ wiederum empfiehlt sich als Partner, um gezeugte Kinder überhaupt bis ins Erwachsenenalter durchzubringen – Voraussetzung dafür, dass sie dereinst überhaupt Gene weitergeben können.
Das Fazit dieser Hypothese: Um langfristig biologisch erfolgreich zu sein, sollte sich eine Frau von einem Testosteron-Gorilla schwängern lassen. Im Idealfall jubelt sie das Kind dann als Kuckuckskind ihrem treuen und verantwortungsvollen Ehemann unter. Solches findet ja tatsächlich immer wieder statt. Laut dem Evolutionsbiologen Axel Meyer liegen die Häufigkeiten zwischen einem halben bis zu zwölf Prozent. Das alles klingt hart und wenn man es zu Ende denkt, versteht man, warum Männer stets in Sorge waren, was die Untreue ihrer Frauen anbelangt. Schliesslich ist Vaterschaft letztlich immer etwas Ungewisses.
Klar, ist die Sexy-Son-Hypothese nur eine Theorie von vielen, ein spannendes Modell. Für den Alltag als Paar ist sie kaum von Nutzen, egal ob sie stimmt oder nicht. Zum einen sind wir nicht nur biologische Wesen, zum anderen haben wir zumindest zu weiten Teilen einen freien Willen. Aber als anregende Brille, sich die Welt ab und zu aus einer anderen Perspektive zu betrachten und die Dinge mal in einem anderen Licht zu sehen, taugt sie alleweil. Und um einmal mehr Mani Matter zu bemühen: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, haben die sich selber zuzuschreiben.

Stillen ist plötzlich nicht mehr das Nonplusultra gegen Allergien: Ein Baby erhält die Brust. (Bild: Hamish Darby)
Jetzt mal ehrlich: Bin ich als Allergikerin nicht schon genug geplagt, wenn ich jährlich monatelang juckende Augen, Schnupfen, Husten und Kurzatmigkeit ertrage? In der Schwangerschaft ist dann auch noch fertig Cortison-Nasenspray und Anti-Histaminika. Chinesische Kräuter und Akupunktur bringen das werdende Mami grad so über die Runden. Kaum ist das Baby da, gehts aber auch schon wieder los.
Sechs Monate stillen ist mindestens angesagt bei allergiegefährdeten Kindern. Sechs Monate! Mehrmals Aufstehen in der Nacht, jederzeit verfügbar sein, der Partner «würde ja gerne helfen, aber ich kann ja nicht stillen». Nach Arbeitsstart Abpumpen wie beim Bauern, Milch einfrieren, Fläschli in die Krippe liefern… und weiterhin im Dunkeln den Junior andocken, während der Papa genüsslich seinen Schlaf einholt. Dabei arbeiten jetzt ja beide wieder… Ja hört das denn niemals auf? Der Sohnemann zieht dann selber die Bremse. Nach fünfeinhalb Monaten findet er, er habe jetzt genug lange mit der Brust gekämpft, die Versorgung mit der Flasche ist angesagt. Lieber effizient Trinken und dann auch noch grad in grossen Mengen (natürlich, ha!). Passt. Und nun, wo Papa die nächtliche Versorgung übernehmen könnte, wird natürlich durchgeschlafen.
Dann beginnt der Kampf mit dem Brei. Junior sitzt im Tripp Trapp und meckert, weil er mitessen will. Brei verschmäht er, er will richtiges Essen. Doch weil er ein Mami mit Heuschnupfen hat, darf er halt nicht alles. Und wählerisch ist er grad auch noch, als er dann endlich mit Verachtung doch noch den Brei nimmt. Rande und Fenchel, anderes kommt ihm nicht ins inzwischen mit zwei Zähnchen geschmückte Maul. Lieber hätte er schon etwas vom Zopf gekostet, das Frühstücksei verspiesen, an der Orange gesuckelt. Aber nein, ich will mir ja nicht den Vorwurf machen lassen, dass ich mit Laisser-faire meinem Sohn die Allergie eingebrockt habe. Bisher gibts keine Anzeichen, dass er auch Allergiker ist, die trockenen Hautstellen «lassen wir jetzt mal als trockene Haut durch», meint der Kinderarzt.
Und jetzt das: Kinderärzte und Ernährungswissenschafter empfehlen, die Kleinen möglichst früh mit praktisch allen Allergenen zu konfrontieren. Und vier Monate Stillen sind neuerdings ebenfalls genug. Habe diese Hinweise allerdings nur auf deutschen Internetseiten gefunden, deshalb gleich mal die Mütterberaterin darauf angesprochen. Und siehe da, auch hier scheinen jahrzehntelang weiter gegebene Ernährungstipps plötzlich nicht mehr gültig zu sein. Ausser Milch und Kiwi darf der kleine Mann nun alles essen. Natürlich nicht gesalzen und gezuckert und so, aber die «ellenlange» Liste mit Speisen, die ein allergiegefährdetes Kind nicht zu sich nehmen kann, wurde laut der Beraterin entsorgt.
Hab ich jetzt etwa mit all meinen Vorkehrungen genau das Falsche gemacht? Wir werdens in ein paar Jahren sehen. Ich persönlich bin übrigens gestillt worden. Mit 12 hat denn der Heuschnupfen dennoch zugeschlagen.
Susanne Taverna ist Dienstchefin beim «Bündner Tagblatt» und Mutter eines acht Monate alten Sohnes. Sie lebt mit ihrer Familie in Chur.
Eine Carte Blanche von Ines Vogel*.

(Bild: Flickr/sdminor81)
Mein Baby weint. Es liegt in meinen Armen und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Es spannt seinen kleinen heissen Körper an und streckt seinen puterroten Kopf in den Nacken. Auf Nase und Oberlippe glänzen Schweissperlen. Sein Atem stockt, dann schreit es noch lauter. «Hilf mir doch endlich!», scheint es zu brüllen. Doch ich halte es, sehe ihm in die panischen Augen, und tue: nichts.
So soll ich das machen, hat die Kursleiterin gesagt. Ich bin mit meiner elf Wochen alten Tochter in einer PEKiP-Stunde. Das so genannte Prager Eltern-Kind-Programm bietet Bewegungsanregungen für Babys im ersten Lebensjahr. Wir sind zum ersten Mal da.
Normalerweise nehme ich die Kleine an meine Schulter, wenn sie weint. Ich tröste, singe, trage sie herum – das beruhigt sie. Doch die Kursleiterin erklärt mir, das sei ganz, ganz schlecht für ihre Entwicklung. Ich soll mein Baby «ausschreien» lassen. Nicht, um die Lungen zu stärken, sondern die Emotionsfähigkeit. Ich soll es beim Weinen «liebevoll begleiten», jedoch keinesfalls trösten. Sonst blockierte ich das Kind, verböte ihm zu schreien, kappte die Kommunikation. Und mit Herumtragen würde ich gar einen hyperaktiven Zappelphilip kreieren.
Die Leiterin gibt mir ein Infoblatt. Die Idee stammt aus dem Buch «Auch kleine Kinder haben grossen Kummer» von Aletha Solter. Die schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin schreibt: «Säuglinge haben sehr grossen emotionalen Schmerz, der sich aus einer Ansammlung von stressigen Erlebnissen ergibt.» Weinen sei das «Reparaturwerkzeug» dafür. So weit, so einleuchtend. Doch weiter behauptet sie: Wenn man das Baby «liebevoll begleitete», fühle es sich sicher genug, mir seine Gefühle zu zeigen. Beim Schaukeln und Herumtragen nicht. Aha.
Die Kursleiterin fördert in der Gruppe ein exzessives Schreienlassen. Baby quäkt? – Ab in die Wiegehaltung, in die Augen starren und brüllen lassen. Der Lärmpegel ist enorm. Meine Tochter reagiert auf das Weinen der anderen und übertrumpft sie alle mit ihrem Gebrüll.
Mir tun die Ohren weh und das Herz. Was tue ich meiner Tochter an! Mir kommt dieses Schreienlassen rückschrittig und falsch vor. Oder habe ich, wie Aletha Solter schreibt, einfach eine negative Einstellung zum Weinen, weil meine Eltern mich durch Schaukeln vom Weinen abhielten? Verbiete ich meiner Tochter, ihren Kummer auszudrücken und ihren Stress abzubauen?
Meine Freundinnen mit Babys sind gespaltener Meinung. «Wenn man ein weinendes Baby nicht tröstet, lässt man es doch erst recht mit seinem Schmerz alleine,» findet die eine. Eine andere macht bei derselben Leiterin PEKiP und ist überzeugt: «Das Ausweinen tut meinem Sohn gut, er ist anschliessend entspannt.» Ein dritte sieht darin auch eine Entlastung für sich als Mutter.
Remo Largo, der renommierte Schweizer Kinderarzt, widerspricht in seinem Klassiker «Babyjahre» der Theorie von Aletha Solter entschieden. Beim unspezifischen Schreien sollen die Eltern das Baby trösten, und zwar sofort (zumindest bis zum sechsten Lebensmonat). Herumtragen sei die wirksamste Methode. Babys, denen man über ihren Kummer hinweghelfe, weinten im Schnitt weniger.
Als die Leiterin nicht schaut, nehme ich die Kleine doch an meine Schulter und wiege sie. Sie vergräbt das Gesicht an meinem Hals – und entspannt sich.
*Ines Vogel ist freie Journalistin und Mutter einer kleinen Tochter. Bis zu deren Geburt war sie Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp». Sie lebt mit ihrer Familie in Winterthur ZH.