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Leben und leben lassen

Balz Rigendinger am Freitag den 23. September 2016

Ende September, der Herbst ist da, wie war der Sommer? Der Bauer, der jede Woche vorbeikommt, beklagt schlechte Zwetschgen. Bei mir kamen die Bohnen nicht, die Kartoffeln blieben klein. Klagen kann man immer.

Aber der Sommer war gut.

Ich hatte weniger Zeit als auch schon. Mehr als das Nötigste an Rasenmähen und Jäten war meist nicht. Ein Grund für den Zeitmangel bestand darin, dass ich dem alten Schopf ein neues Dach gab, er ist jetzt viel heller, vor allem aber: trocken und untenrum immer noch hübsch alt.

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Neues Dach auf altem Schopf: Solche Projekte fressen immer mehr Zeit, als die zwei Tage, die man dafür kalkuliert hat.

So liess ich vieles im Garten leben. Das tat den Pflanzen gut. Man kann diese auch zu Tode hätscheln.

Ich fürchte, das passiert gerade mit der Avocado, deren Kern ich im Frühling ins Frühbeet gepflanzt habe. Sie ist gut gediehen, bis ich sie in den Topf nahm und zu hätscheln begann. Armes Tröpfchen im Töpfchen, hat jemand Tipps?

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Zu sehr gehätschelt: Diese Avocado wäre sicher viel lieber nicht täglich gegossen worden.

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Vermehrung im Verzug: Wer täglich einmal für zehn Minuten durch den Garten streift, wird auch solche Zeitbomben locker entschärfen.

 

Ohne mein Zutun entwickelten sich die Reben bombastisch. Das Bild links habe ich heute aufgenommen, das rechte im Mai 2015. Bei den Reben steht also ein Schnitt an.

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Rebe im  September 2016: Bald folgt hier ein Schnitt.

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Rebe Mai 2015: Erste Gartensaison nach unserem Einzug hier.

Zehn Minuten, aber jeden Tag

Anfang August war mein Schwiegervater zu Besuch, ein grundgütiger, mittlerweile furchiger Mann, der sich schon lange mit Erde und Pflanzen herumtreibt. Es war sehr angetan von unserem Garten und fragte, wie ich das so hinkriege. Okay, es war August, da herrscht schnell mal Fülle und Farbenpracht, aber das war natürlich ein schönes Kompliment. Erstaunlich schnell hatte ich eine Antwort: “Einmal im Tag zehn Minuten ums Haus, und dabei immer nur ein Ding machen.”

  • gestern da gejätet
  • heute Tomaten gebunden
  • morgen Gurken binden
  • übermorgen dort jäten

Bei einem kleinen Garten wie dem meinen reicht das. Wichtig ist die Konstanz. Die erfahrenen Füchse unter euch Lesern werden nun raunen: Klar, das weiss man doch. Schön! Für mich ist es dennoch die Lehre dieses Sommers: Leben und leben lassen. Die Pflanzen sagen dir immer, was sie heute brauchen.

Die Klassiker des Seinlassens sind ja Lauch und Fenchel. Wer die Ernte verpasst, wird mit hübschen Blumen belohnt.

Lauchblüte

Lauchblüte

Fenchelblüte

Fenchelblüte

 

Die Philosophie des Lebenlassens

Hinter dem Leben und leben lassen steckt übrigens eine ausgewachsene Gartenphilosophie. Googeln Sie mal “Lazy Gardener” (“Fauler Gärtner”), da kommt sehr viel zusammen. Und wir kennen ja alle das Bild, dass Pflanzen nicht schneller wachsen, wenn man an ihnen zieht. Es gibt übers faule Gärtnern sogar ein Schweizer Buch, geschrieben von Garten-Philosoph Thomas Vetter aus Teufen AR. Er sagt, dass er mit 15 Minuten pro Tag einen 1000-Quadratmeter-Garten betreuen kann, und ich will ihm dies glauben. Seine Haltung ist in diesem Video schön zusammengefasst:

 

Was Vetter beschreibt, funktioniert auch im Kleinsten: Konstant dran bleiben, kleine Interventionen und leben lassen – es funktioniert gar in einem einzigen kleinen Blumentopf.

Mediation Bern Mediator Biel Konfliktmanagement Streit Stockwerkeigentum Nachbarschaftskonflikte

Schlecht war diese Rose im Sommer stets gegossen. Aber kaum hats geregnet, will sie es nochmals wissen.

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Kürbis, den ich aus Platzgründen über die Buchenhecke ranken liess. Auch das hat funktioniert.

 

Viel Mühe umsonst

Es ist Herbst, nicht alles hat funktioniert. Es gibt Dinge, die ich nächstes Jahr nicht mehr machen würde, die Honigmelone zum Beispiel. Ihr gab ich fast ein ganzes meiner fünf Beete. Und nur eine einzige Frucht war am Ende geniessbar, der Rest blieb Ausschuss. Schade um das schöne Beet. Klar, der Sommer war jetzt nicht der Wärmste. Aber ich weiss jetzt auch, warum mich die Gärtnerin im Frühling so misstrauisch anschaute, als ich sie nach Melonen-Setzlingen fragte. So freundlich wie möglich sagte sie: “Das haben wir nicht, das wird auch nie was.” Gelernt: Wir leben hier nicht im Melonenland.

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Fast alle meine Melonen landeten im Kompostkorb.

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Die einzige geniessbare Honigmelone 2016 (die orange, die grüne warf ich weg).

 

Vernachlässigt habe ich auch den Abrikosenbaum, den ich am Spalier an der Westwand ziehe. Er ist weit übers Ziel geschossen, braucht dringend einen Rückschnitt. Ich weiss nicht, wo ich den Haupttrieb kappen werde. Haben Sie Tipps?

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Wie soll ich diese Aprikose zurückschneiden?

 

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2 Kommentare zu “Leben und leben lassen”

  1. Hanspeter Müller sagt:

    Aprikosen (Steinfrüchte im Allgemeinen) sollte man im frühen Frühling (März, Formschnitte) und im Sommer (Juli/August nach der Ernte) schneiden nicht im Herbst/Winter weil sonst ein hohes Risiko für Pilzkrankheiten entsteht (zB Silberblattkrankheit). Wo Sie den Leittrieb kürzen hängt davon ab wie hoch das Spalier werden soll. Eigentlich hats 2 Leittriebe. Beide gleich lang einkürzen (zB links vor Verzweigung, rechts gleiche Höhe), je auf 45° festbinden und die dann entstehenden Seitentriebe fächerförmig fixieren. Löst auch das Problem mit dem Loch links.

  2. Balz Rigendinger sagt:

    Danke Herr Müller! Das scheint mir eine sehr überzeugende Lösung zu sein.

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  • Sibylle Hartmann

    Sybille Hartmann Sibylle Hartmann (33) arbeitet als Redaktorin bei Bernerzeitung.ch. Aufgewachsen in einem Dorf im Gürbental, empfand sie als Teenager die Gartenarbeit ihrer Eltern als furchtbar spiessig. Als sie vor zwei Jahren in die Matte zog, liess sie sich von ihrem Freund trotz vermeintlich fehlendem grünen Daumen zum Tomatenpflanzen im Hinterhof hinreissen. Und plötzlich fieberte sie täglich mit dem Gemüse mit und wagt nun jährlich mehr punkto Urban Gardening.
  • Laura Fehlmann

    Laura Fehlmann Laura Fehlmann (60) ist seit 20 Jahren Redaktorin im Team Region Bern der Berner Zeitung. Trotz Vollzeitjob und anderen Leidenschaften kann sie das Gärtnern nicht lassen. Sie pflegt ihre Staudenbeete, den Rasen, die Hecke, den Kräuter- und Gemüsegarten, obschon ihr oft alles über den Kopf wächst. Angetrieben wird sie von der Liebe zu den Pflanzen und dem Fernziel, einen englischen Park hinzukriegen.
  • Claudia Salzmann

    Claudia Salzmann Claudia Salzmann (32) arbeitet als stellvertretende Onlineleiterin bei Bernerzeitung.ch. Den grünen Daumen entdeckte sie im mütterlichen Garten im Emmental. Seit 1999 wohnt sie in der Stadt Bern und hat einige Kilo Erde auf Berns Balkone geschleppt. Nun ist sie in die hintere Lorraine umgezogen und kultiviert dort das urbane Gärtnern an der nahen Aare.
  • Natalie Escher

    Natalie Escher Natalie Escher (47) ist Biologin, Familienfrau, leidenschaftliche Gärtnerin und lebt mit ihrer Familie im Emmental. Etwas konzeptlos versucht sie seit Jahren, einen Cottage-Garden zu gestalten, ist aber leider noch Lichtjahre von ihrem Ziel entfernt. Sie gibt aber nicht auf und nimmt jedes Jahr erneut die Chance wahr zur Verwirklichung ihres Traumes.
  • Balz Rigendinger

    Balz Rigendinger (44) ist Redaktor bei der Bernerzeitung und freier Autor. Er hat im Frühjahr 2015 in Biel mit seiner Familie ein Einfamilienhaus bezogen und fand abgesehen von ein paar alten Hecken den ganzen Umschwung als kahle Erde vor. Es gab also viel zu tun, denn er wollte Nutz-, Zier- und Spielgarten anlegen. Zuvor lebte er in Bern und Zürich, wo er einen Schrebergarten zu bewirtschaften versuchte.
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