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Kind und Garten – kleine Gebrauchsanweisung

Balz Rigendinger am Freitag den 3. Juni 2016

Als ich gestern im Dunkeln nach Hause kam, trat ich vor der Haustüre fast auf ein unaufgeräumt daliegendes Etwas. Heute Morgen zeigte es sich bei Licht: ein Werk der Kinder, und nicht das schlechteste, selbst angemalte Schneckenhäuser, garniert mit Tannzapfen, Blättern und Blumen. Die Poesie der Komposition rührt auch aus dem Staunen, dass Kinder völlig Unspektakuläres zum Spektakel machen können. So gesehen sind Kinder auch Pflänzchen, was ohnehin zutrifft. Anlass für ein paar Gedanken über Kinder und Garten.

Mit Wasserfarbe angemalte Schneckenhäuser, Tannzapfen, diverses Blattgrün, Blümchen.

Mit Wasserfarbe angemalte Schneckenhäuser, Tannzapfen, diverses Blattgrün, Blümchen.

Meine Erfahrung ist: Man muss die Kleinen nicht für den Garten begeistern, es kommt von selbst, oder auch nicht, was auch in Ordnung ist. Wenn Eltern das Bedürfnis verspüren, ihre Begeisterung fürs Gärtnern mit den Kindern zu teilen, gilt also wie bei allem:

  1. Einfach sein Ding machen
  2. die Kinder sein lassen
  3. sie imitieren es ohnehin.

Wir waren bei Freunden zu Besuch, den Garten teilen sie mit dem Nachbar, und der ist ein begeisterter Gärtner. Das zeigt sich an seinem Sohn. Der 10-Jährige hantierte die ganze Zeit in den Beetchen, jätete da, hätschelte dort, in ruhiger Zufriedenheit, das Normalste auf der Welt. Später zeigte der Bub meiner Tochter, was er noch so macht. Das war echt hübsch, eine kleine Pflanzenzucht.

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Der Nachbarsbub zeigt, was er so macht.

Bubenwerk: Genau geplant und gewissenhaft umgesetzt.

Bubenwerk: Minutiös geplant, gewissenhaft umgesetzt.

Und es funktioniert sogar.

Und es funktioniert sogar.

Es ist davon auszugehen, dass dieser Bub in ein paar Jahren mit seiner Begeisterung auch das andere Geschlecht für sich begeistern wird können. Hier hat Papa seine Zeit mit dem Jungen also nicht vergeudet.

Schauen wir mal, was Papa macht:

Irgendwoher muss es der Bub ja haben.

Irgendwoher muss es der Bub ja haben.

 

Normalerweise wird ein Kind, vor allem wenn es kleiner ist, aber eher noch spielen wollen. Also sind Schnecken, Würmer und Käfer im Verein mit Gebüsch, Bäumen und Dreck nahezu perfekt.  (Übrigens haben wir diese Woche in meinem Frühbeet – siehe hier – ein Ameisennest ausgehoben, das war ein Riesenabenteuer für die Mädchen.)

Spiel mit mir, sagt dieser Baum.

Spiel mit mir, sagt dieser Baum.

Ich habe vor einiger Zeit meinen Mädchen Kinderwerkzeug gekauft: Eine Harke, eine Schaufel und einen Rechen. Das war nicht die beste Idee, es gibt immer Streit. Wenn ich reche, streiten alle drei um den Rechen. Wenn ich schaufle, streiten sie um die Schaufel. Dasselbe gilt für die Kinder-Gartenhandschuhe, davon gibt es dummerweise auch nur ein Paar, und sie brauchen dieses auch nicht zum Gärtnern, es sind Käferhandschuhe geworden.

Als Klassiker, um Kinder für das Gärtnern zu begeistern, gelten:

  • schnelle Pflanzen wie Kresse und Radieschen, oder eindrückliche Pflanzen wie die Sonnenblume.
  • man gibt dem Kind sein eigenes Beetchen, wo es nach Herzenslust gärtnern darf.

Ich halte wenig von beidem. Aus diesen Gründen:

  • eine schnelle Pflanze wächst für ein Kind noch immer praktisch gar nicht. Sie nehmen Zeit anders wahr, das kann im Garten ein Problem sein.
  • Wenn der Spass mit dem Abstecken des Territoriums vorbei ist, taucht genau dieses Problem auf, oft in Form von Löwenzahn, denn Kinder funktionieren nicht territorial, sondern grenzüberschreitend. Das Beetchendenken kommt dann später.
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Eigenes Beetchen, liebevoll abgesteckt. Aber kennen Sie ein Kind, das Grenzen mag?

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Radieschen gilt als Kinderpflanze, weil es schnell wächst. Aber kennen Sie ein Kind, das Radieschen mag?

Zwei Dinge funktionieren hingegen perfekt:

  1. Das Kind erhält eine eigene Pflanze.
  2. Imitation

Zur Imitation habe ich Ausführungen gemacht, hier noch ein Bild dazu:

Gartenblog-Rigendinger (14 von 15)

Perfekte Nachahme: Mama hat aus dem Garten ein Sträusschen geholt (links). Tochter hat aus dem Garten auch ein Sträusschen geholt (rechts).

Dem Kind eine eigene Pflanze zu geben – möglichst eine langjährige und pflegeleichte – funktioniert, weil es an den Instinkt des Kindes andockt, sich zu binden (ich bin kein Psychologe und weiss nicht, ob es sowas gibt, aber meine Beobachtung lässt die Vermutung zu).

Wir haben unsern Kindern Rosenbäumchen zugesprochen. Die werden geschätzt, verteidigt, intensiv beobachtet und innerlich geherzt.
Ich überlege mir nun, den drei Mädchen auch Basilikum, Minze und Schnittlauch zuzusprechen. “Hol mir mal vom Schnittlauch”, das klappt bei uns meist nur zufällig. Besser funktionieren wird: “Bringst du mir mal von deinem Schnittlauch?”

 

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Ein Kommentar zu “Kind und Garten – kleine Gebrauchsanweisung”

  1. Franziska Reinhardt-Schmid sagt:

    grosses Kino, dieser Beitrag. und der ganze Gartenblog.

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  • Sibylle Hartmann

    Sybille Hartmann Sibylle Hartmann (33) arbeitet als Redaktorin bei Bernerzeitung.ch. Aufgewachsen in einem Dorf im Gürbental, empfand sie als Teenager die Gartenarbeit ihrer Eltern als furchtbar spiessig. Als sie vor zwei Jahren in die Matte zog, liess sie sich von ihrem Freund trotz vermeintlich fehlendem grünen Daumen zum Tomatenpflanzen im Hinterhof hinreissen. Und plötzlich fieberte sie täglich mit dem Gemüse mit und wagt nun jährlich mehr punkto Urban Gardening.
  • Laura Fehlmann

    Laura Fehlmann Laura Fehlmann (60) ist seit 20 Jahren Redaktorin im Team Region Bern der Berner Zeitung. Trotz Vollzeitjob und anderen Leidenschaften kann sie das Gärtnern nicht lassen. Sie pflegt ihre Staudenbeete, den Rasen, die Hecke, den Kräuter- und Gemüsegarten, obschon ihr oft alles über den Kopf wächst. Angetrieben wird sie von der Liebe zu den Pflanzen und dem Fernziel, einen englischen Park hinzukriegen.
  • Claudia Salzmann

    Claudia Salzmann Claudia Salzmann (32) arbeitet als stellvertretende Onlineleiterin bei Bernerzeitung.ch. Den grünen Daumen entdeckte sie im mütterlichen Garten im Emmental. Seit 1999 wohnt sie in der Stadt Bern und hat einige Kilo Erde auf Berns Balkone geschleppt. Nun ist sie in die hintere Lorraine umgezogen und kultiviert dort das urbane Gärtnern an der nahen Aare.
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    Natalie Escher Natalie Escher (47) ist Biologin, Familienfrau, leidenschaftliche Gärtnerin und lebt mit ihrer Familie im Emmental. Etwas konzeptlos versucht sie seit Jahren, einen Cottage-Garden zu gestalten, ist aber leider noch Lichtjahre von ihrem Ziel entfernt. Sie gibt aber nicht auf und nimmt jedes Jahr erneut die Chance wahr zur Verwirklichung ihres Traumes.
  • Balz Rigendinger

    Balz Rigendinger (44) ist Redaktor bei der Bernerzeitung und freier Autor. Er hat im Frühjahr 2015 in Biel mit seiner Familie ein Einfamilienhaus bezogen und fand abgesehen von ein paar alten Hecken den ganzen Umschwung als kahle Erde vor. Es gab also viel zu tun, denn er wollte Nutz-, Zier- und Spielgarten anlegen. Zuvor lebte er in Bern und Zürich, wo er einen Schrebergarten zu bewirtschaften versuchte.
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