Seelennahrung für 2017

Für unser Besseresser-Spezial 2017 suchten wir nach Seelennahrung und präsentieren hier eine Auswahl davon. Punkte für die Küche oder Sterne für den Koch waren dabei völlig wurscht. Ein Teller Suppe wie früher bei der Grossmutter macht manchmal einfach glücklicher als Sellerie-Tonkabohnen-Espuma im Weckglas. Wir wünschen auch im neuen Jahr «e Guete» und viele gemütliche Stunden in Lokalen in und um Bern.

Die Politik, die mundet

Es gibt ein Bundesparlament, ein Kantonsparlament und ein Stadtparlament. Und dann gibts da noch ein viertes Parlament. Dort können auch Nichtgewählte jederzeit eintreten und sitzen, wo es ihnen beliebt, denn dieses Parlament in der Berner Altstadt ist ein Restaurant. Auch hier treffen sich zwar Politikerinnen und Politiker aller Couleur. Aber es wird nicht nur über Politik diskutiert, denn hier verkehren auch Künstlerinnen, Sanitärinstallateure, Filmemacher, Archäologen, Arbeitslose und Rechtsanwälte. Ob am frühen Samstagmorgen nach dem Besuch des Berner Märit, ob zur Apérozeit, zum Nachtessen oder zum Schlummertrunk: Für den Präsidenten dieses Parlaments – sprich Wirt – ist jedermann und jedefrau immer herzlich willkommen. Aber nicht nur deshalb gehe ich gerne dorthin. Wer Gesprächsstoff mit Gästen sucht, der findet ihn. Wer Ruhe will, der wird in Ruhe gelassen. Und für diejenigen, die ­essen wollen, ist das Hohrückensteak mit hausgemachter Kräuterbutter und Pommes zu empfehlen.

Das Lachen der Wirtin

Das Warteck in der Berner Länggasse könnte eine ganz gewöhnliche Quartierbeiz sein. Ist es aber nicht. Es ist ein Ort, an dem man mit einer schlechten Laune zur Tür hereinkommen kann und zufrieden wieder geht. Das ist einerseits so, weil man im Warteck wirklich gut italienisch essen kann, aber vor allem wegen Chefin Rathi Mohan. Sie schmeisst den Service, während ihr Mann Ramanathan in der Küche steht oder am Holzofen. Mit einem «Ciao, bella!» begrüsst einen die Wirtin auch an einem Bad-Hair-Day. Ein Glas Rotwein an einem hundskommunen Dienstag? «Warum nicht?», fragt die Chefin. Um 21 Uhr schon heim, weil man am nächsten Tag arbeiten muss. «Sicher nid!», sagt die Chefin. Und wenn ihr ansteckendes Lachen durchs meist volle Lokal schallt, dann ist die Welt einfach in Ordnung. Und es ist doch schön, dass man das ab und zu sagen kann.

Der Nonno war gern hier

Mein Grossvater, Nonno Angelo, war ein Italiener durch und durch. Nicht nur was die Sprache betrifft – nach über dreissig Jahren in der Schweiz tat er sich nicht nur mit dem Berndeutsch noch schwer, sondern auch mit dem hiesigen Essen. Viele Male traf man ihn früher in der Casa d’Italia in der Berner Länggasse an, wo er sich die Zeit mit Karten spielen um die Ohren schlug und anschliessend eine Holzofenpizza bestellte. Auch mit der ganzen Familie verbrachten wir einige Sonntagabende in der Casa, einfach weil es dort so richtig italienisch zu- und herging. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Pizzas sind immer noch super, und die Mitarbeiter sprechen alle Gäste auf Italienisch an, als würde jeder in Bern diese Sprache beherrschen, und sofort wecken sie damit bei mir die Erinnerung an meinen Nonno.

Unkonventionell, aber gut

Wenn ich die mit Kreide beschriftete Menütafel im Löscher in der alten Feuerwehrkaserne Viktoria in Bern (oben im Bild) studiere, muss ich mir zuweilen etwas Mut zureden. Die drei Essenskreationen, aus denen man wählen kann, kommen in der Regel recht unkonventionell daher (Stichwort: Schweinebauch). Aber der Mut hat sich bisher jedes Mal ausbezahlt. Wen die kreativen Menüs dennoch misstrauisch machen, der kann den Köchen in der mobilen Küche des Lokals zuerst probeweise über die Schulter schauen. Oder auf Nummer sicher gehen: Das Plättli mit Brot, Käse, Wurst, Konfi und Butter ist die klare Nummer eins auf meiner Plättli-Weltrangliste (und diese Liste ist lang).

Die beste Rösti

Nein. Daniel Bumann, Frank Rosin und wie die TV-Restaurantretter sonst noch alle heissen, hätten an der Deko im Restaurant Linde in Uettligen keine Freude. Viele der Puppen, Figuren, Fenstersimsarrangements, Wandteller und saisonalen Sonderstücke müssten wohl raus. Aber Bumann und Co. haben gar keinen Grund, die Linde aufzusuchen. Zumindest nicht, um sie zu retten. Denn der Linde, die seit 19 Jahren vom Wirtepaar Erika und Jürg Bütschi geführt wird, geht es gut. Die Gaststube des gepflegten Landrestaurants ist trotz oder gerade wegen des angejahrten Mobiliars und der Deko gemütlich, das Servicepersonal freundlich, und der Wirt macht verlässlich mit seinem obligaten «Ischs rächt gsi?» die Runde. Und ja, es ist immer «rächt», mehr als «rächt». Vor allem wenn man aus der Karte, die voll auf gutbürgerliche Küche setzt, eine Rösti wählt. Egal, ob mit Geschnetzeltem, mit Schinken, Käse und Spiegelei, mit Rindfleischwürfeln und Kräuterbuttersauce oder mit Gemüse: Die goldbraunknusprige Rösti der Linde ist die beste in der Region. Behaupte ich jetzt mal. Mehr gibts dazu nicht zu sagen. Ausser: Die Portionen sind riesig, etwas weniger wäre vielleicht mehr. Wie bei der Deko.

Fest der Fisch-Aromen

Die Bouillabaisse à la mode du chef kocht Küchenchef Werner Rätz in der Auberge des Clefs in ­Lugnorre (Vully) nur im Winter. Umso mehr freue ich mich jeweils darauf. An einem kalten Abend diese Suppe zu geniessen, ist ein besonders sinnliches Erlebnis. Herrlich, die verschiedenen Fischsorten auf der Zunge zu spüren, ihr Aroma zu erleben, das sich zusammen mit Safran und Dill wunderbar entfaltet. Lauwarmes Knoblauchbaguette ergänzt das kulinarische Erlebnis raffiniert. Die Mahlzeit sättigt, doch es bleibt Platz für ein Dessert. Zusätzliche Pluspunkte sind die freundliche Bedienung und die zahlbaren Preise. Gegessen wird in der Gaststube, wo Kägi­fret und Chips auf dem Fenstersims stehen und die Winzer am Stammtisch Französisch par­lieren.

Der Tea wie in England

Die silberfarbene Etagere ist jedes Mal wieder beeindruckend. Und was drauf ist, einfach sehr fein: Vom Cheese­cake über den Grünteekuchen, die Scones mit Konfitüre und Clotted Cream bis hin zu pikantem Gebäck, Knäckebrot und Kichererbsenpüree. Die Entdeckung beim letzten Besuch: ein Blätterteiggebäck inklusive gebackenem Rauchtee obendrauf. Und nicht zu vergessen natürlich: der Tee. Die Idee, uns mal wieder ein Hightea im Teestübli des Länggass-Tee-Ladens in Bern zu gönnen, taucht jeweils schnell in unseren Köpfen auf, wenn wir einen Nachmittag vor uns sehen, an dem unsere Tochter in der Kita ist und wir gemeinsam etwas unternehmen können. Beim Hightea lässt es sich herrlich dem Alltag entfliehen. Man fühlt sich kurzfristig nach England versetzt. Und hat erst noch viel Zeit, sich mal wieder über all das auszutauschen, das sonst gerne zu kurz kommt. Das Abendessen kann man sich danach ersparen. Hungrig geht vom Hightea niemand heim. Nur die Kleine: Die braucht dann halt noch was fürs Znacht auf den Tisch.

Moules – mal anders

Das Restaurant Ringgenberg im Herzen der Berner Altstadt passt immer: Für ein Tête-à-Tête ebenso wie für eine gesellige Runde, mit Tapas für den kleinen Hunger oder mit sorgfältig zu­bereiteten, saison­gerechten Mehrgängern für den grossen. Serviert werden die kreativen Speisen und die erlesenen Tropfen vom aufmerksamen, freundlichen Personal. In der warmen Jahreszeit lässt es sich zusätzlich auf der Terrasse am Rand des pulsierenden Kornhausplatzes sitzen – oder im Ringgenpärkli über der Strasse, das im Sommer längst fix zu Berns Gastroangebot gehört. Im Winter ist das «Ringgi» eine der ersten Berner Adressen für Muscheln. Wer diese nicht immer klassisch als Moules marinières geniessen will, dem seien sie in der Variante «exotiques» an gelber Thaicurry-Kokossauce mit Koriander ans Herz gelegt. Der Hammer!

Die Pizza als Erinnerung

Meine Familie ist schon seit Jahren Stammgast in der Pizzeria Strada im Osten der Stadt Bern, oben im Zentrum Freudenberg. Früher wohnte meine Grossmutter direkt neben dem Restaurant – da war es naheliegend, dass wir sie dorthin zum Essen ausführten. Der Inhaber kennt mein Grosi so gut, dass er sofort ein Bierli für sie warm stellt, wenn sie das Restaurant betritt – sie mag es eben lauwarm. Mittlerweile wohnt meine Grossmutter im Alterszentrum Siloah und ist körperlich kaum noch in der Verfassung, das Wohnheim zu verlassen. Trotzdem trifft sich meine Familie weiterhin immer im Strada – auch ohne das Grosi. Das liegt nicht nur daran, dass mein Bruder seit zwei Jahren im selben Haus wohnt wie meine Grossmutter früher, sondern auch, weil es dort super Pizza aus dem Holzofen gibt.