Geliebte Tücke des Objekts

New Jersey Governor Chris Christie (R) holds up a giant pair of scissors after taking part in a ribbon-cutting ceremony during a series of Memorial Day weekend stops along the Jersey shore to mark the start of the summer tourism season, in Asbury Park, New Jersey May 23, 2014. REUTERS/Eduardo Munoz (UNITED STATES - Tags: POLITICS ANNIVERSARY TRAVEL) - RTR3QLWP

Kürzlich habe ich eine Schere angeschrien, meine Damen und Herren. Eine altmodische, dicke Haushaltsschere. Und zwar weil ich zwischen ihren dicken Griffen schmerzhaft meinen Handballen einquetschte beim Versuch, eine dieser Verschweissverpackungen zu öffnen, die direkt aus der Hölle kommen. Ich schrie also die Schere an. Ich spreche ohne weiteres auch mit Dingen, besonders wenn es sich um Objekte handelt, die nicht funktionieren. Also nicht gehorchen. Dann kann es schon mal vorkommen, dass ich einem Fahrkartenautomaten drohe.

Kulturanthropologisch wird gerne darauf hingewiesen, dass die Spätmoderne, in der wir leben, ein ganz eigenes Verhältnis zu den Dingen habe: Die uns umgebende Objektwelt ist ambivalent und vielschichtig. Besonders das urbane Leben in der Spätmoderne ist geprägt von Lebensstilen, die sich aus dem Konsum von Dingen, Räumen und Ereignissen zusammensetzen. Soziale Identitäten werden auch durch die Kombination von Marken-Images kreiert, also durch Objekte, die Zugehörigkeit symbolisieren. So verorten wir uns objektsoziologisch vermittels der Dinge, die wir besitzen. Ob wir wollen oder nicht. Andererseits werden die Dinge zunehmend anthropomorph: Während die Menschen oft genug schweigen, sprechen die Dinge, sie mischen sich ein in die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen. Objekte initiieren, vermitteln, pflegen und beenden soziale Bindungen, zum Beispiel.

So weit zum Zusammenhang von Identität und Konsum in einer globalisierten, von Visualität geprägten kulturellen Umwelt. Spricht man nun aber vom Ding als Ding, so sind seine Stofflichkeit, seine materiellen Eigenschaften, seine konkreten Funktionen und sein Nutzen für den Menschen gemeint. Das Ding als Ding bietet dem Menschen einen erprobten taktilen und sinnhaften Zugriff auf die Welt, es sichert ihm Handlungsmöglichkeiten und eine relative Konsistenz und Beständigkeit seiner physischen Umwelt. Die Sache als solche legt ihm durch Beschaffenheit und Geschichte eine bestimmte Form der Handhabung nahe (wie zum Beispiel die erwähnte Schere). Ihre Dinghaftigkeit, ihre Materie und ihre Gestaltung weisen bestimmte Eigenarten auf, die dem menschlichen Körper und seiner Praxis einerseits angepasst sind, diese andererseits aber auch formen: Neue Schuhe können Blasen verursachen, wie der Philosoph Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch «Das verzehrende Leben der Dinge» schreibt.

Jedenfalls aber garantieren die Dinge mit ihrem Dingsein die Berechenbarkeit eines Handlungskontextes. Idealerweise. In der Theorie. In der Praxis existiert allerdings auch der Fall, dass man zum Beispiel eine Schere theoretisch völlig richtig gebraucht – und dann klemmt sie einem den Handballen ein, das Mistding. Das heisst: Das Objekt und seine Eigenschaften fügen sich nicht vollständig dem menschlichen Zugriff. Dem Objekt wohnt vielmehr eine Widerständigkeit inne, an der der Mensch lernen oder scheitern kann. Hier liegt klassischerweise die Tücke des Objekts. Diese Widerständigkeit der Dinge weist über ihren reinen Objektcharakter hinaus. In der Auseinandersetzung mit Dingen, an der Widerständigkeit der Materie, formt sich unser Ich, in Abgrenzung zur Umwelt. An den Dingen wachsen oder scheitern wir. Hierinnen liegt eine gewisse Transzendenz, wenn Sie so wollen, jedenfalls eine Komik oder Tragik, die sich auch künstlerisch nutzbar machen lässt. So ist es irgendwie beruhigend, dass den Objekten ihre Tücke bleibt. Auf diese Weise ist die Spätmoderne doch noch nicht gänzlich entzaubert.

Gut zum Anschreien: New Jerseys Gouverneur Chris Christie mit einer Riesenschere. Foto: Eduardo Munoz (Reuters)