Dünn und zerbrechlich?

Liza Minnelli wird 70, meine Damen und Herren. Und spontan möchte man sagen: erst? Ist Liza nicht bereits so ungefähr 100? Sie ist doch schon ewig dabei. In einer Episode der famosen britischen Sitcom «Absolutely Fabulous» wird über Liza Minnelli gesagt: Sie sieht aus wie ein altes Küken, das sich noch nicht ganz aus der Schale gepickt hat. Da ist was dran. Trotz diversen Wartungsarbeiten an ihrem Antlitz hat sich Frau Minnelli immer etwas von einem Küken bewahrt. Trotz ihrer Höhenflüge und Abstürze. Und mit diesem kükengleichen Rest von Naivität bedient sie zuverlässig den Appetit des Publikums an besagten Höhenflügen – und vor allem Abstürzen.

Eine Neigung zur Selbstzerstörung ist vielen talentierten Menschen eingeschrieben (und übrigens noch viel mehr weniger talentierten, aber dieser Zusammenhang wird seltener erwähnt, weil er weniger faszinierend ist). Doch das wird sehr unterschiedlich bewertet. Dazu fand sich neulich ein interessanter Artikel im britischen «Guardian»: Unsere Popkultur bewertet selbstzerstörerische Künstler gern verklärend als leidende Genies ihres Fachs. Die Einsamkeit des Ruhms und so weiter. Zum Beispiel Johnny Cash, Michael Jackson, Keith Moon. Während selbstzerstörerische Künstlerinnen vorzugsweise als hysterische, emotionale Wracks abgehandelt werden. Zum Beispiel Amy Winehouse, Janis Joplin, Whitney Houston. Oder, kurz: Männer sind heroisch, Frauen tragisch. Oder, noch kürzer: Kurt Cobain vs. Courtney Love.

In diesem Zusammenhang aufschlussreich war ein Beitrag der Journalistin Hadley Freeman, ebenfalls im «Guardian», der sich mit der Fetischisierung von Zerbrechlichkeit als zelebriertem Leitbild der Modewelt befasst, beispielhaft veranschaulicht am Falle einer unlängst verbotenen Reklame für das Label Yves Saint Laurent, die ein auf dem Fussboden liegendes, überaus dünnes Model zur Schau stellte. Es sei gar nicht weibliche Schlankheit bis zur Dürre, schrieb Freeman, die von der Modewelt fetischisiert werde – sondern eben weibliche Zerbrechlichkeit, Schwäche. Frauen würden immer noch von Modeschöpfern in Kleider gesteckt, die sie behinderten. Und weiter: «Rachel Zoe ist vermutlich die einflussreichste Stylistin der letzten 20 Jahre, und bei jenem Look, den sie vor einer Dekade durchsetzte, ging es nur darum, Frauen schwach aussehen zu lassen: riesige Sonnenbrillen, enorme Handtaschen, Kaftane in Übergrössen.» Die aggressive Lüsternheit, mit der die ihrerseits hysterische Mediengesellschaft zerbrechliche Geschöpfe wie Lindsay Lohan verfolgt, wird also begleitet, quasi komplettiert, durch die Idolisierung von weiblicher Zerbrechlichkeit in der Mode.

Am Künstlerschicksal offenbart sich die grundlegende Ambivalenz der Verschwendung: Künstlerische Charaktere mögen zur Selbstverschwendung neigen – aber sie schöpfen ihr zum Trotz. Das Gegenstück zur Verschwendung in aestheticis heisst Sublimierung, und ohne diesen Antrieb kommt kein Künstler zu irgendwas. Die Kunstgeschichte ist reich auch an Beispielen für Persönlichkeiten, bei denen die Sublimierung die Neigung zur Selbstzerstörung ein Leben lang erfolgreich in Schach hielt, ohne dass die Schöpferkraft zu leiden hatte, wie uns etwa Thomas Mann, Billy Wilder, Pablo Picasso oder Helmut Newton zeigen. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist die popkulturelle Verwertung und mediale Ausschlachtung von künstlerischer Selbstzerstörung entweder als pathetische Kapitulation vor dem Leben oder heldenhafte Opfergabe desselben. Apropos: Einst erschien Liza Minnelli mit erheblicher Verspätung zu einem Fernsehinterview mit der amerikanischen Entertainerin Ruby Wax. Liza murmelte irgendwas von Judy Garland, worauf Wax erwiderte: «Ich hatte mir schon gedacht, dass du deine Verspätung damit entschuldigen würdest, dass deine Mutter Judy Garland war.» Darauf Liza erstaunt: «Meine Mutter war Judy Garland?» Happy Birthday!