Alles im Diesseits?

(Keystone)

Wissen Sie, wer diese Woche 99 Jahre alt wird, meine Damen und Herren? Die Schauspielerin Zsa Zsa Gabor. Frau Gabor, die man nach allem, was über ihr Leben in den letzten 80 Jahren bekannt geworden ist, wohl getrost als diesseitsorientierten Charakter bezeichnen darf, dämmert in ihrem Haus in Bel Air. Sie hält fest am Dasein. Zsa Zsa Gabor hat immer auf ihren Körper Wert gelegt, ist nicht zuletzt über ihren Körper wahrgenommen und definiert worden; ihre physische Präsenz hatte stets auch symbolischen Charakter; regelmässig, das darf man ebenfalls getrost sagen, weitaus stärker als ihre Schauspielkunst, und auch jetzt, willentlich oder unwillentlich, verkörpert sie etwas: das Festhalten.

Am Beginn der Moderne, so schreibt Marianne Gronemeyer in ihrem überaus lesenswerten Buch «Das Leben als letzte Gelegenheit», wird das Leben als biologische Lebensspanne konstituiert: Es wird zur einzigen und letzten Gelegenheit; nicht für die Rettung der Seele, sondern für die Anhäufung von Lebenskapital, von Erfahrung, von Sinn. Das Leben gerät unter das Gesetz der Akkumulation. Bis der Tod aufkreuzt und einen Strich durch jede Rechnung macht. Doch neben den Tod tritt ein anderer, beinahe noch ärgerer Widersacher des Lebens: das Versäumnis.

Jemand, der wenig bis gar nichts versäumt hat, ist David Bowie. Deshalb war es auch befremdlich, nach seinem Tod im Januar in Nachrufen zu lesen, Bowie sei «nur» 69 Jahre alt geworden. Denn das waren Bowie-Jahre. Die Verwechslung von Quantität und Qualität ist nun allerdings ihrerseits ein Zeichen unserer Zeit, der beschleunigten digitalen Spätmoderne, die regelmässig Lebensführungen als ideal und vorbildlich propagiert, bei denen der Hauptwert eines Lebens mindestens implizit in dessen schierer Länge zu bestehen scheint – zu deren Gunsten jedenfalls das Worumwillen unseres Handelns und Daseins oftmals deutlich in den Hintergrund tritt.

Der Chef-Rock-und-Pop-Musik-Kritiker der britischen «Times», Will Hodgkinson, sagte über David Bowie in der BBC: Bowie habe sein Dasein in Kunst verwandelt, ohne dabei sein Leben zu verlieren. In der Tat: Man kannte alle seine Kunstfiguren, aber nicht ihn. Doch man erfuhr durch seine Kunst: Hinter all den Masken wirkte etwas Sentimentales, ein Gefühl für Vergangenheit und Zukunft, etwas Ernstes, das Sein in der Zeit.

David Bowie war eine sehr private Person, und diese Privatheit ist eine mutmasslich aussterbende Qualität, eine Qualität, die Bowie von all jener spätmodernen Prominenz abhebt, deren Wesen und Werk zuallererst die Zurschaustellung ihrerselbst ist. Dirk Helbing, Professor für Soziologie an der ETH Zürich, hat darauf hingewiesen, dass Privatsphäre ein wichtiges Funktionsprinzip der Gesellschaft darstellt. Ohne Privatheit erwartet uns entweder eine schamlose oder eine totalitäre Gesellschaft. Beides ist, so möchte ich anfügen, viel schlimmer als die Angst, etwas zu verpassen.

Im Bild oben: Model mit Bowie-Bemalung an der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin. (Keystone/Kay Nietfeld)