Benimm und Fortschritt

Grant Kopie

Der Philosoph Robert Pfaller hat unlängst darauf hingewiesen, meine Damen und Herren, dass es sich bei dem Drang, als Individuum erkannt und anerkannt zu werden, um etwas zutiefst Historisches, Postmodernes handelt. Das heisst: Das Bedürfnis nach Selbstfindung und Authentizität, das Bedürfnis, ganz man selbst zu sein, sei, so Pfaller, keineswegs ein unabdingbares Merkmal der neuzeitlichen abendländischen Kultur nach der Aufklärung. Im Gegenteil, bis ungefähr 1970 sei gerade die westliche Moderne von einer Tendenz zu eleganter Uniformität und Unpersönlichkeit gekennzeichnet gewesen, wie man noch an älteren Filmen gut sehen könne. Und Pfaller zitiert den Soziologen Richard Sennett: Die anderen nicht mit dem eigenen Selbst zu belasten, galt als ein Zeichen von Zivilisiertheit.

Dann aber stieg die Individualität zum Glücks- und Grundversprechen der Postmoderne auf, zu ihrer Verheissung. Und heute, in der Spätmoderne, hat jeder die technischen Möglichkeiten, die ganze Welt mit dem eigenen Selbst zu belasten: Der postpostmoderne Mensch ist mobiler, vernetzter und technisierter als je zuvor; die Reichweite für Verlautbarungen aus seinem Leben und Erleben ist, zumindest theoretisch, global, und weil dem postpostmodernen Menschen die Ambivalenz dieses globalen Gequassels und der belastenden Gleichzeitigkeit, die Globalisierung ja nicht zuletzt bedeutet, zunehmend bewusst zu werden scheint, gibt es zum Beispiel kulturelle Widerstände gegen die Zulassung von Mobiltelefonen in Flugzeugkabinen oder die Abschaffung des 140-Zeichen-Limits beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Der technische Fortschritt schafft Benimmprobleme. Weil unmanierliche Leute heutzutage mühelos noch nervtötender auftreten können als früher. Seit jeher, über Zeiten und Kulturen hinweg, hat die menschliche Gesellschaft ihren Anteil an rücksichtslosen, unachtsamen Personen zu ertragen – die einzige historische Besonderheit unserer Tage besteht erstens darin, dass diese ungehobelteren Exemplare nun eben über eine ungleich grössere Reichweite verfügen. Und zweitens darin, dass das Potenzial für schlechtes Benehmen sich nachgerade potenziert hat.

An dieser Stelle scheint es angebracht, exemplarisch eine schlichte Grundregel des guten Tons zu rekapitulieren: Egal wie beschäftigt und wichtig man auch sei oder sein möchte: Man telefoniert nicht, wenn man mit anderen, physisch anwesenden Menschen interagiert. Es ist beispielsweise ausgesprochen unhöflich, in sein Smartphone zu quaken, während man gleichzeitig versucht, am Flughafen einen Check-in-Vorgang zu erledigen – nicht nur gegenüber dem Menschen hinter dem Schalter, sondern auch den Mitreisenden, die länger warten müssen und obendrein gezwungen werden, irgendwelchen Stuss über Annifried aus der Yogaklasse mitanzuhören, die offenbar neulich wieder mal ziemlich ausfallend geworden ist. Ich muss sagen, ich kann sie verstehen! Hurrrg! Der treue Leser weiss, dass ich dazu jetzt wieder abschliessend Herrn Lagerfeld zitieren werde, weil es einfach immer aufs Neue so schön passt: «Mobiltelefone sind was für Assistenten.»

Bild oben: Elegant, ohne die anderen mit seinem Selbst zu belasten: Cary Grant in «North by Northwest». Foto: diaryofascreenwriter.blogspot.com